Hau­en und Ste­chen um Ver­kehrs­plä­ne der Wirtschaft

Grü­ne Loz­zy­is­ten ut­tuckie­ren Ver­zän­de – Ht­wk-pro­fes­sor nimmt sie in Schutz

Leipziger Volkszeitung - - Leipzig - VON ANDRE­AS TAPPERT

Leip­zigs Wirt­schafts­ver­bän­de sind in die Of­fen­si­ve ge­gan­gen: Statt den Ver­kehrs­raum für Au­to­fah­rer im­mer mehr ein­zu­schrän­ken, for­dern sie den Bau neu­er Stra­ßen (die LVZ be­rich­te­te). „Gut or­ga­ni­sier­te Min­der­hei­ten“hät­ten Leip­zigs Ver­kehrs­po­li­tik in den ver­gan­ge­nen Jah­ren in ei­ne Sack­gas­se ge­steu­ert. Im Schul­ter­schluss mit „Ideo­lo­gen“im Rat­haus wür­den sie die In­ter­es­sen we­ni­ger Leip­zi­ger über die der Mehr­heit stel­len, die ihr Au­to für ih­re Exis­tenz­si­che­rung zwin­gend be­nö­ti­gen. Das le­ge die Axt an die Wur­zel des Leip­zi­ger Wohl­stan­des, warnt die Wirtschaft – und wird in­zwi­schen von den „gut or­ga­ni­sier­ten Min­der­hei­ten“at­ta­ckiert.

Die Vor­schlä­ge der Wirtschaft ent­sprä­chen dem „Stil der 1960er-jah­re“, be­fand Chris­toph Waack, Vor­sit­zen­der des All­ge­mei­nen Deut­schen Fahr­ra­dClubs Leipzig. Und Leip­zigs Um­welt­ver­bund Öko­lö­we qua­li­fi­zier­te den Vor­stoß als „An­griff auf Leip­zigs grü­ne Lun­ge“ab. Auch der Car­sha­ring-an­bie­ter Teil­au­to mel­de­te sich zu Wort. Sei­ne Bot­schaft: Die For­de­run­gen der Wirtschaft sei­en „we­der be­zahl­bar noch an­ge­mes­sen“. Und der Lan­des­ver­band El­be-saa­le des Ver­kehrs­clubs Deutsch­land ver­laut­bar­te, die Wirtschaft wol­le ei­ne „Ver­kehrs­pla­nung aus dem letz­ten Jahr­hun­dert“.

„Das ist po­pu­lis­ti­sche Po­le­mik und Stim­mungs­ma­che“, sagt Pro­fes­sor Hu­ber­tus Mil­ke, Prä­si­dent der In­ge­nieur­kam­mer Sach­sen. Sie ist ge­mein­sam mit der In­dus­trie- und Han­dels­kam­mer (IHK) zu Leipzig und der Hand­werks­kam­mer Leipzig fe­der­füh­rend an dem Vor­stoß der Wirtschaft be­tei­ligt. „Un­ser Ziel ist ein Mo­bi­li­täts-drei­klang“, be­tont Mil­ke. „Ne­ben dem Stra­ßen­ver­kehr wol­len wir auch den Nah­ver­kehr und den Fahr­rad­ver­kehr bes­ser ge­stal­ten.“Im ver­gan­ge­nen Jahr ha­be es in Leipzig rund 1600 Un­fäl­le mit knapp tau­send ver­letz­ten Rad­fah­rern ge­ge­ben – vor al­lem, weil die Stadt Rad­spu­ren auf Haupt­stra­ßen an­le­ge. „Das kann nie­mand wol­len“, sagt Mil­ke, der von 2003 bis 2006 De­kan der Fa­kul­tät Bau­we­sen der Leip­zi­ger Hoch­schu­le für Tech­nik, Wirtschaft und Kul­tur (HT­WK) war und sie an­schlie­ßend meh­re­re Jah­re als Rek­tor führ­te. Die Rad­fah­rer sei­en bes­ser auf ei­ge­nen, si­che­ren Tras­sen im Ne­ben­netz un­ter­wegs – so wie es zum Bei­spiel fahr­rad­freund­li­che Städ­te wie Ko­pen­ha­gen prak­ti­zie­ren.

Für Mil­ke sind nicht die Vor­stö­ße der Wirtschaft von vor­ges­tern, son­dern Leip­zigs ak­tu­el­les Ver­kehrs­kon­zept. „Es ba­siert auf Stu­di­en aus dem Jahr 2013“, sagt er. „Sie ge­hen da­von aus, dass Leipzig im Jahr 2029 rund 540 000 Ein­woh­ner hat – das ist längst über­holt.“Des­halb ha­be die IHK ei­ne ei­ge­ne Stu­die er­stel­len las­sen, die auf den ak­tu­el­len Zah­len be­ru­he. „Sie hat er­ge­ben, dass der Las­ter­ver­kehr bis 2030 um rund 32 Pro­zent wach­sen wird, der Pkw-ver­kehr zwi­schen zwölf und 34 Pro­zent. Das heißt: Leipzig darf nicht nur Ver­kehrs­strö­me um­schich­ten, son­dern muss sich für deut­lich grö­ße­re Ver­kehrs­strö­me wapp­nen.“Und zwar mit deut­li­chen Ver­bes­se­run­gen im Stra­ßen­ver­kehr, im Nah- und Rad­ver­kehr.

Und wenn das nicht pas­siert? „Dann wird un­se­re Stadt deut­lich we­ni­ger wach­sen“, so Mil­ke. „Denn die In­fra­struk­tur wird nicht mehr funk­tio­nie­ren. Dann kom­men kei­ne neu­en Fir­men und kei­ne neu­en Jobs mehr in die Stadt – denn Un­ter­neh­men wer­den nur ak­tiv, wo die In­fra­struk­tur stimmt. Wenn sich ein Un­ter­neh­men nicht an­sie­deln kann, geht es wo­an­ders hin.“Aber oh­ne deut­lich mehr Jobs ver­sie­ge der Zustrom von Men­schen nach Leipzig. „Wir kön­nen nicht ein­fach so wei­ter­ma­chen“, steht des­halb für den 55-Jäh­ri­gen fest. „Sonst lan­den wir in ei­ner Sack­gas­se.“

Da­mit die In­nen­stadt nicht vom Ver­kehr er­stickt wird, will die Wirtschaft die Au­to­strö­me auf den Mitt­le­ren Ring und das Tan­gen­ten­vier­eck ver­la­gern, von de­nen be­reits gro­ße Tei­le ste­hen, weil sie vor Jahr­zehn­ten kon­zi­piert wor­den sind. Al­so doch Pla­nun­gen aus dem ver­gan­ge­nen Jahr­hun­dert? „Wir kön­nen froh sein, dass wir die­se Rin­ge nur noch schlie­ßen müs­sen“, glaubt der Wis­sen­schaft­ler.

Hu­ber­tus Mil­ke,

Prä­si­dent der In­ge­nieur­kum­mer Such­sen Leip­zi­ger Tu­gungs­or­te kom­men in vir­tu­el­ler Reu­li­tät un „Dort kann der Ver­kehr dann deut­lich flüs­si­ger ge­stal­tet wer­den, und wir ver­mei­den Staus in der In­nen­stadt. Wer künf­tig in der Stadt von Nord nach Süd oder von Wes­ten nach Os­ten un­ter­wegs sein muss, braucht dann nicht mehr die In­nen­stadt que­ren.“

Den Vor­wurf, dass leis­tungs­fä­hi­ge Ver­bin­dun­gen wie das Ring- und Tan­gen­ten­sys­tem nur noch mehr Ver­kehr in die Stadt lo­cken, hält Kam­mer­prä­si­dent Mil­ke für ab­we­gig. Für ihn steht fest, dass sich auch in Leipzig nie­mand mehr in ein Au­to setzt, wenn er nicht un­be­dingt muss. „Wer nicht mit dem Au­to fah­ren muss, fährt mit dem Rad oder mit dem Nah­ver­kehr“, sagt er.

Auch des­halb for­de­re die Wirtschaft Ver­bes­se­run­gen für den Nah- und den Rad­ver­kehr. „Man soll­te nie­man­den zwin­gen, auf ein Ver­kehrs­mit­tel zu ver­zich­ten“, kri­ti­siert der Süd­vor­städ­ter die Ver­kehrs­po­li­tik der Stadt. „Wir müs­sen den Men­schen An­ge­bo­te un­ter­brei­ten.“Auch Car­sha­ring funk­tio­nie­re nur gut, wenn es gu­te Stra­ßen­ver­bin­dun­gen ge­be.

Dass die For­de­run­gen der Wirtschaft „we­der be­zahl­bar, an­ge­mes­sen oder nach­hal­tig“sein sol­len und Leipzig auch „nicht le­bens­wert“ma­chen wür­den – wie die Kri­ti­ker aus dem grü­nen La­ger ver­laut­ba­ren – weist Mil­ke zu­rück. „Die Kos­ten un­se­rer vor­ge­schla­ge­nen Ver­bes­se­run­gen sind nur durch Pla­nun­gen zu er­mit­teln“, sagt er. Viel wer­de da­von ab­hän­gen, ob Tun­nel oder nor­ma­le Stra­ßen ent­ste­hen. Und na­tür­lich müss­ten Um­welt­ver­träg­lich­keits­prü­fun­gen statt­fin­den – und bei ne­ga­ti­ven Er­geb­nis­sen sei­en neue Lö­sun­gen nö­tig. „Es geht über­haupt nicht dar­um, ei­ne Tras­se durch den Au­wald oder ei­ne an­de­re grü­ne Lun­ge zu schla­gen.“Die Wirtschaft wol­le ge­mein­sam mit Ver­tre­tern der Stadt in Dresden um För­der­mit­tel für die neue Ver­kehrs­po­li­tik wer­ben. „Der Münch­ner Ring ist auch nicht in fünf Jah­ren er­baut wor­den“, sagt der Pro­fes­sor. „Aber wir brau­chen ei­ne Vi­si­on und müs­sen jetzt be­gin­nen.“

Oh­ne deut­lich bes­se­re Stra­ßen wird Leipzig bald deut­lich we­ni­ger wach­sen.

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