Fünf Her­zen fürs Schei­ben­holz

Leipziger Volkszeitung - - ERSTE SEITE - VON CLE­MENS MEY­ER * * Der Leip­zi­ger Kult-schrift­stel­ler Cle­mens Mey­er (39) liebt Pfer­de und Renn­sport und schreibt re­gel­mä­ßig in der LVZ dar­über. chef­re­dak­ti­on@lvz.de

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Jah­re Renn­bahn Schei­ben­holz, das sind Leip­zi­ger Le­gen­den und Ge­schich­ten, 150 mal 100 und noch viel mehr, die Bahn gra­tu­liert sich selbst, wenn die Bo­xen der Start­ma­schi­ne sich mit ei­nem Knall öff­nen und dann die­ses un­ver­wech­sel­ba­re dump­fe Don­nern der Hu­fen zu hö­ren ist, weiß der Be­su­cher, das Herz des Leip­zi­ger Ga­lopp­renn­sports schlägt noch, im­mer wei­ter!, im­mer wei­ter!, „ein Pferd hat fünf Her­zen“, sa­gen die Huf­be­schlag­schmie­de, „die vier Hu­fen und eben das Herz“, und so muss es auch mit dem Schei­ben­holz sein, 1867 bis 2017, da braucht es schon al­le Fün­fe! 150 Jah­re Schei­ben­holz, das ist ein Ge­burts­tags­po­em aus klang­vol­len Pfer­de­na­men: Künst­le­rin, Sper­ber, Sie­ger, Abend­frie­den, Birk­hahn, An­ge­ber, Mi­ra­ma­re, Ba­ba, Geck, Grün­rock, Miss Lips.

150 Jah­re Schei­ben­holz sind 150 Jah­re Uto­pie der Gleich­heit, denn am Wett­schal­ter sind al­le gleich! 150 Jah­re Schei­ben­holz sind Bür­ger­meis­ter Dr. Koch und Stadt­rat Voll­sack, die kurz nach der Ge­burt des gro­ßen Kin­des des­sen auf­wen­di­ge Pfle­ge för­der­ten, 1867 und 150 Jah­re spä­ter? „Ich bin die äl­tes­te Leip­zi­ger Sport­stät­te“, ruft das Schei­ben­holz, fünf Her­zen schla­gen, aber wird das auch im Rat­haus ge­hört?

150 Jah­re Schei­ben­holz, das sind Jo­ckey­le­gen­den wie Hein Bol­low, der, in­zwi­schen flott auf die Hun­dert zu­ge­hend, bei den ers­ten Leip­zi­ger Nach­kriegs­renn­ta­gen 1945 in den Sat­tel stieg, das sind Lutz Py­ritz, der vie­le sei­ner über tau­send Sie­ge in Leip­zig er­ziel­te, und der ein­mal bei ei­nem Ritt in Leip­zig stürz­te und sich schwer ver­letz­te, aber auch er hat an­schei­nend die Kraft der fünf Her­zen, ist Trai­ner mitt­ler­wei­le in Dres­den, wo die an­de­re säch­si­sche Renn­bahn steht, das ist Lutz Mä­der, der sein ers­tes Ren­nen in Leip­zig ge­wann, als Jo­ckey-lehr­ling, als „Stift“wie man sagt, mit nicht ein­mal 40 Ki­lo, und der dann Jah­re spä­ter durch die Do­nau schwamm, um im Wes­ten rei­ten zu kön­nen und 1987 in Ham­burg das deut­sche Der­by ge­wann. 150 Jah­re Schei­ben­holz, das ist auch mein Freund Frank Krau­se, Ex-jo­ckey, ge­nannt Jo­hann, lei­der ver­stor­ben, der mir viel vom Glanz und Elend des Jo­ckey-le­bens be­rich­te­te, Hun­gern, Trai­ning, Al­ko­hol, Tri­umph und Tra­gik, und der mir die ei­ne oder an­de­re Drei­er­wet­te an­sag­te, dan­ke, Fran­kie!

150 Jah­re Schei­ben­holz, das sind Trai­ner wie Fer­ry Reif, Eu­gen Sip­pe­nau­er, Pe­ter Hirsch­ber­ger, Mar­ti­na Lehr – das sind die Volks­ei­ge­nen Renn­stäl­le, aber auch Pri­vat­trai­ner Frank Breuß, das ist auch Mar­co An­ger­mann, der letz­te, der in den al­ten Stal­lun­gen Pfer­de trai­niert.

150 Jah­re Schei­ben­holz ist auch Alex Leip, Ex-buch­ma­cher aus Frank­furt, der die Renn­bahn be­treibt und oh­ne den die Tri­bü­ne nicht wie­der im neu­en/al­ten Glanz er­strah­len wür­de. 150 Jah­re Schei­ben­holz, das sind auch die Bür­ge­rin­nen und Bür­ger, die zu den Ren­nen kom­men, die sich für den Sport en­ga­gie­ren, und es geht wei­ter, im­mer wei­ter, 150 Jah­re Schei­ben­holz, die Her­zen schla­gen!

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