Ei­ne Klas­se, zwei Jahr­gän­ge – Kin­der ler­nen ge­mein­sam bes­ser

Schul­aus­schuss im säch­si­schen Land­tag dis­ku­tiert über jahr­gangs­über­grei­fen­den Un­ter­richt

Leipziger Volkszeitung - - SACHSEN UND MITTELDEUTSCHLAND - VON ANDRE­AS DEBSKI

DRES­DEN. Die Ängs­te bei den Leh­rern wa­ren im­mens – Kon­troll­ver­lust, Ver­sa­gen, un­be­kann­tes Ter­rain. „Doch die Schu­le hät­te wohl nicht an­ders ge­ret­tet wer­den kön­nen. Wir hat­ten die letz­ten 15 Jah­re per­ma­nen­ten Schü­ler­man­gel“, gibt Bir­git Butz ei­nen Ein­blick in das Ge­fühls­le­ben und die Dis­kus­sio­nen an der Fried­rich-schil­ler-grund­schu­le in Claußnitz (Land­kreis Mit­tel­sach­sen). Die weg­wei­sen­de Ent­schei­dung, die Schu­le auf jahr­gangs­über­grei­fen­den Un­ter­richt um­zu­stel­len, liegt in­zwi­schen zwei Jah­re zu­rück. Die da­ma­li­gen Leh­rer ha­ben die Schu­le ver­las­sen, neue Päd­ago­gen und Sei­ten­ein­stei­ger sind ge­kom­men. „Es hat sich de­fi­ni­tiv ge­lohnt, dass wir das Ex­pe­ri­ment auf Be­trei­ben der El­tern ge­wagt ha­ben, auch wenn es viel Kraft ge­kos­tet hat“, zieht die Claußnit­zer Schul­lei­te­rin ei­ne ers­te, po­si­ti­ve Bi­lanz.

Bir­git Butz ist ei­ne von sie­ben Sach­ver­stän­di­gen, die am Frei­tag auf Be­trei­ben der Ko­ali­ti­ons­frak­tio­nen von CDU und SPD vor dem Schul­aus­schuss des Land­ta­ges über die neu­en Un­ter­richts­for­men – bei der Erst-, Zweit- und häu­fig auch Dritt­kläss­ler mit­ein­an­der ler­nen – be­rich­ten. Denn was an vie­len frei­en Schu­len schon lan­ge prak­ti­ziert wird, setzt sich an den staat­li­chen Schu­len nur zö­ger­lich durch. Ak­tu­ell wird an zehn von rund 750 Grund­schu­len, dar­un­ter Gers­dorf in Har­tha (Mit­tel­sach­sen) und Lie­bertwolk­witz in Leip­zig, jahr­gangs­über­grei­fend un­ter­rich­tet. Von frei­en Trä­gern, die nicht sel­ten re­form­päd­ago­gi­sche An­sät­ze wie von Ma­ria Montes­so­ri ver­fol­gen, lie­gen kei­ne Sta­tis­ti­ken vor.

Grund für den Ent­schluss der öf­fent­li­chen Schu­len, den jahr­gangs­über­grei­fen­den Un­ter­richt an­zu­bie­ten, ist oft, dass es ih­nen an ge­nug Schul­an­fän­gern man­gelt. Laut säch­si­schem Schul­ge­setz kann ei­ne ers­te

Klas­se erst zu­stan­de kom­men, wenn min­des­tens 15 Kin­der ein­ge­schult wer­den. „Ei­ne Mög­lich­keit, der Schlie­ßung auf­grund ei­ner zu ge­rin­gen Zahl von Erst­kläss­lern zu ent­ge­hen, be­steht dar­in, meh­re­re

Klas­sen zu­sam­men­zu­le­gen, in­dem man jahr­gangs­über­grei­fend un­ter­rich­tet“, stellt das Kul­tus­mi­nis­te­ri­um klar. Das heißt: Die Um­stel­lung ist – wie im Fall von Claußnitz – meist aus der Not ge­bo­ren. „Es ist ei­ne Ret­tung, die aber nicht un­ter Zwang er­fol­gen soll­te“, stellt Bir­git Butz mit ih­ren Er­fah­run­gen klar.

Nichts­des­to­trotz hat sich Kul­tus­mi­nis­te­rin Brun­hild Kurth (CDU) schon vor Lan­gem als An­hän­ge­rin der zu­min­dest an staat­li­chen Schu­len neu­en Un­ter­richts­for­men ge­ou­tet und ge­ra­de auf dem Land for­ciert. „El­tern und Leh­rer be­wer­ten den jahr­gangs­über­grei­fen­den Un­ter­richt an säch­si­schen Grund­schu­len sehr po­si­tiv. Na­he­zu al­le Leh­rer be­rich­ten von ei­nem aus­ge­gli­che­ne­ren Schul­kli­ma, ei­ner Ver­bes­se­rung des So­zi­al­ver­hal­tens und bes­se­ren fach­li­chen Leis­tun­gen bei Schü­lern. Auch die meis­ten El­tern be­grü­ßen das Kon­zept“, heißt es da­zu aus ih­rem Haus.

Im We­sent­li­chen geht es dar­um, dass sich äl­te­re und jün­ge­re so­wie mehr oder we­ni­ger leis­tungs­star­ke Schü­ler ge­gen­sei­tig un­ter­stüt­zen. Die Kin­der ler­nen groß­teils selbst­stän­dig, un­ter An­lei­tung von ei­nem bis zwei Leh­rern so­wie ei­nem Er­zie­her. Der tra­di­tio­nel­le Fron­tal­un­ter­richt wird kaum noch ab­ge­hal­ten. „Nicht das Al­ter ist für das Lern­an­ge­bot ent­schei­dend, son­dern die Fä­hig­kei­ten der Kin­der – denn die Kin­der sind ver­schie­den. Da­nach müs­sen wir uns rich­ten“, macht Bet­ti­na Pilz von der Grund­schu­le Lie­bertwolk­witz, wo seit 2012 in ge­misch­ten Klas­sen un­ter­rich­tet wird, klar.

Hei­ke Ger­hardt von der Christ­li­chen Schu­le Dres­den fügt ei­ne wei­te­re Pers- pek­ti­ve hin­zu: „Man muss sich als Leh­rer von der al­ten Art des Un­ter­richts und dem Rol­len­ver­ständ­nis lö­sen, was uns als deut­schen Leh­rer­per­sön­lich­kei­ten nicht leicht fällt.“Auch Mat­thea Wa­ge­ner, Pro­fes­so­rin an der TU Dres­den in der Leh­rer­aus­bil­dung, be­tont un­ter Ver­weis auf Stu­di­en: „Es gibt kei­ne si­gni­fi­kan­ten Leis­tungs­un­ter­schie­de zu Kin­dern, die her­kömm­lich un­ter­rich­tet wer­den. Po­si­ti­ve Ef­fek­te sind ins­be­son­de­re auf der so­zia­le­mo­tio­na­len Ebe­ne zu ver­zeich­nen.“

Auch des­halb sind mit dem neu­en Schul­ge­setz die Vorraus­set­zun­gen ge­schaf­fen wur­den, dass noch mehr staat­li­che Schu­len die neu­en Lern­me­tho­den auf­grei­fen kön­nen – auch wenn sich die SPD ei­ne wei­ter­ge­hen­de Öff­nung hät­te vor­stel­len kön­nen. „Im jahr­gangs­über­grei­fen­den Un­ter­richt steckt sehr viel Po­ten­zi­al“, stellt die Spd-bil­dungs­ex­per­tin Sa­bi­ne Frie­del nach der An­hö­rung fest, „es wä­re gut, wenn sich auch die Ober­schu­len und Gym­na­si­en sol­chen Un­ter­richts­for­men und -me­tho­den öff­nen.“Da­ge­gen meint Lothar Bi­enst, der bil­dungs­po­li­ti­sche Spre­cher der CDUFrak­ti­on, dass der jahr­gangs­über­grei­fen­de Un­ter­richt „trotz der päd­ago­gi­schen Er­fol­ge“in Sach­sen ei­ne Aus­nah­me blei­ben wird. „Es ist gut, wenn es die­se Mög­lich­keit gibt, weil da­mit Schu­len ge­ra­de auf dem Land ge­ret­tet wer­den kön­nen – ei­nen Run er­war­te ich aber nicht.“

Die Schu­le hät­te nicht an­ders ge­ret­tet wer­den kön­nen. Bir­git Butz, Schul­lei­te­rin in Claußnitz

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