Sor­bi­sches Mu­se­um spürt Kra­bat nach

Am Sonn­tag öff­net Son­der­aus­stel­lung über die le­gen­dä­re Sa­gen­ge­stalt / Kroa­ti­scher Of­fi­zier als Ur­sprung

Leipziger Volkszeitung - - SACHSEN UND MITTELDEUTSCHLAND - VON MIRIAM SCHÖNBACH

BAUT­ZEN. Mit er­ho­be­nem Kinn sitzt der Rei­ter stolz im ro­ten Pa­ra­de­rock mit dun­kel­blau­er Filz­ho­se und Fe­der­hut auf dem Schim­mel. Die Fi­gur des Jo­hann von Scha­do­witz wur­de für die neue Son­der­aus­stel­lung „Kra­bat – Mensch. My­thos. Mar­ke“von ei­nem Stucka­teur ge­fer­tigt. „Den weiß­haa­ri­gen, schnauz­bär­ti­gen Kra­bat ken­nen al­le. Wir wol­len mit die­ser Schau be­wusst mit dem Be­kann­ten bre­chen und zei­gen zum ers­ten Mal die wah­re Per­son, die hin­ter der be­rühm­ten Kra­bat-sa­gen­ge­stalt der Ober­lau­sitz steht“, sag­te Ku­ra­to­rin Chris­ti­na Bo­gusz. Die Aus­stel­lung ist ab 17. Sep­tem­ber im Sor­bi­schen Mu­se­um in Baut­zen zu se­hen.

Chro­nist und Ah­nen­for­scher Hans­Jür­gen Schrö­ter hat die Aus­stel­lungs­ma­cher auf die Spu­ren des tat­säch­li­chen Kra­bats ge­bracht. Aus­gangs­punkt sei­ner For­schun­gen vor zehn Jah­ren wa­ren der Gr­ab­stein für Jo­hann von Scha­do­witz in der Wit­ti­chen­au­er Kir­che und ei­ne Ein­tra­gung in der Orts­chro­nik des 19. Jahr­hun­derts, dass eben je­ner Ver­stor­be­ne Kra­bat sei. Mit die­sem Fakt be­gibt er sich auf Su­che in zahl­rei­chen Ar­chi­ven. Sei­ne Re­cher­chen füh­ren ihn schließ­lich zu Jan­ko Šaja­to­vic (1624–1704) – auf deutsch Jo­hann von Scha­do­witz.

Un­ter die­sem Na­men heu­ert der kroa­ti­sche Of­fi­zier 1658 in der Eli­te­trup­pe des säch­si­schen Kur­fürs­ten an. Es to­ben die Tür­ken­krie­ge. „Es ging um Macht und Re­li­gi­on, um den Kampf zwi­schen Chris- ten­heit und Os­ma­ni­schem Reich“, sagt Bo­gusz. Die Mi­li­tärs aus der heu­ti­gen Re­gi­on zwi­schen Kroa­ti­en und Slo­we­ni­en sind als „Bo­dy­guards“bei den Herr­schern be­liebt, beim ein­fa­chen Volk gel­ten die ver­sier­ten Rei­ter als Mör­der und Räu­ber, die als ers­te die Dör­fer stür­men.

Über Scha­do­witz’ An­we­sen­heit be­rich­tet un­ter an­de­rem das „Ge­hei­me Kriegs­rats­kol­le­gi­um“. Sechs Pfer­de und ein paar Knech­te hat er da­bei, ist in der Ak­te des Haupt­staats­ar­chivs zu le­sen. „Un­ter vier Kö­ni­gen dient er treu und er­ge­ben“, sagt Bo­gusz. Für sei­ne Loya­li­tät be­lohnt ihn Jo­hann Ge­org IV. mit dem Gut Sär­chen, dem heu­ti­gen Großsär­chen. Zum Vor­werk ge­hö­ren da­mals Müh­le, Gast­wirt­schaft und Schä­fe­rei so­wie Forst­haus und drei Fisch­tei­che. Ei­nen Tag vor sei­nem Ein­zug brennt das Wohn­haus ab, ein Mann kommt ums Le­ben. Nicht nur des­halb neh­men die sor­bi­schen Bau­ern den Frem­den mit Arg­wohn im Dorf auf.

Kul­tur­wis­sen­schaft­le­rin Su­san­ne Ho­se hat sich mit dem Kra­bat-my­thos und der li­te­ra­ri­scher Ver­ar­bei­tung be­schäf­tigt. „Da kam ei­ner ins Dorf, der an­ders aus­sah, ritt wie der Teu­fel und das Gut in kür­zes­ter Zeit wie­der er­folg­reich be­wirt­schaf­te­te“, sagt sie. Da­zu herr­schen Aber­glau­be, Fröm­mig­keit und die Furcht vor schwar­zer Ma­gie. „Ge­rüch­te und Klatsch ma­chen so aus dem Frem­den nach des­sen Tod im Jahr 1704 den Zau­be­rer Kra­bat, der sich mit dem Teu­fel ein­ge- las­sen hat. Wie stil­le Post funk­tio­niert das“, sagt Ho­se.

Die münd­li­che Über­lie­fe­rung wird erst­mals 1856 auf Sor­bisch auf­ge­schrie­ben. 40 Jah­re spä­ter macht Volks­kund­ler Ju­rij Bilk aus Kra­bat-sa­gen die Er­zäh­lung über den „Wen­di­schen Faust“. „Oh­ne ihn hät­te der Stoff nicht in Li­te­ra­tur, Film und Thea­ter ge­fun­den“, sagt die For­sche­rin vom Sor­bi­schen In­sti­tut. Ne­ben die­ser Ein­rich­tung, dem Sor­bi­schem Mu­se­um und Kra­bat­for­scher Schrö­ter ha­ben an der Aus­stel­lung die Staat­li­chen Kunst­samm­lun­gen Dres­den und das Re­gio­nal­ma­nage­ment der Ober­lau­sit­zer Hei­de- und Teich­land­schaft mit­ge­wirkt.

Nach Aus­stel­lungs­en­de am 15. April 2018 soll ein Teil der Ex­po­na­te in die Kra­b­at­müh­le nach Schwarz­kollm um­zie­hen. Ne­ben dem Wan­del vom Mensch zum My­thos be­trach­tet die Schau auch den heu­ti­gen Wirt­schafts­fak­tor für die Re­gi­on durch die Kra­bat-le­gen­den. Be­glei­tet wird die Aus­stel­lung durch Film­vor­füh­run­gen, Er­leb­nis­füh­run­gen, Vor­trä­ge und ei­nem Pro­gramm für Kin­der.

 Die Aus­stel­lung „Kra­bat – Mensch. My­thos. Mar­ke“läuft bis zum 15. April 2018. Ge­öff­net ist das Mu­se­um täg­lich au­ßer mon­tags von 10 bis 18 Uhr, www.sor­bi­sches-mu­se­um.de

Fo­to: dpa

Wei­ße Haa­re und Schnauz­bart: Die Baut­zener Aus­stel­lungs­ku­ra­to­rin Chris­ti­na Bo­gusz trägt Kra­bat als Fi­gur auf dem Arm.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.