Wie in Hol­ly­wood: Klas­si­zis­ti­sche Bi­b­lio­thek lockt Film­teams nach Gör­litz

Der 1806 er­öff­ne­te Le­se­saal der O0er­lau­sit­zi­schen Bi0lio­thek der Wis­sen­schaf­ten dient oft als Ku­lis­se

Leipziger Volkszeitung - - SACHSEN UND MITTELDEUTSCHLAND - VON HA­RALD LACHMANN

GÖR­LITZ. Wer in Gör­litz un­ter­wegs ist, der stößt im­mer wie­der auf Film­crews. Die Stadt an der Nei­ße ist nach wie vor be­lieb­tes Ziel von Fil­me­ma­chern – Stich­wort Gör­li­wood. Seit dem Früh­jahr be­geg­ne­te man in der ost­säch­si­schen Grenz­stadt häu­fi­ger Schau­spie­lern in mit­tel­al­ter­li­chen Ko­s­tü­men. Dies­mal war es der Zau­ber­lehr­ling, der mit sei­nem Be­sen die Alt­stadt ver­hex­te – an­ge­lehnt an Jo­hann Wol­gang von Goe­thes gleich­na­mi­ge Bal­la­de – und in Sze­ne ge­setzt für ZDF und MDR. Sein Zau­ber­meis­ter Am­bro­si­us re­si­dier­te da­zu im Al­ten Rat­haus. Am Un­ter­markt ent­stand die Apo­the­ke, in der Alt­meis­ter Zacha­ri­as den wiss­be­gie­ri­gen Va­len­tin in die Ge­heim­nis­se der Kräu­ter- und Heil­kun­de ein­wies.

Und un­be­dingt in die his­to­ri­schen Ku­lis­sen in­te­griert wer­den soll­te auch die Ober­lau­sit­zi­sche Bi­b­lio­thek der Wis­sen­schaf­ten. Die­se lo­giert seit über zwei Jahr­hun­der­ten im Ober­ge­schoss ei­nes Ba­rock­pa­lais’ in der Neiß­stra­ße 30 – zwar et­was ver­steckt, doch Pro­du­zen­tin In­ge­lo­re Kö­nig kennt sich aus: Sie wuchs in Gör­litz auf. So er­in­nert sie sich an die wie ver­wun­schen wir­ken­de Bü­che­rei, in der sich nun der Zau­ber­lehr­ling in die Ge­heim­nis­se der Ma­gie hin­ein­las, noch aus ei­ge­nen Kind­heits­ta­gen. Da­mit ge­he für sie gar ein Traum in Er­fül­lung, ver­riet die heu­ti­ge Er­fur­te­rin zu Be­ginn der Dreh­ar­bei­ten.

Frag­los hät­te kein Re­qui­si­teur in Hol­ly­wood oder Ba­bels­berg den 1806 er­öff­ne­ten Bi­b­lio­theks­saal au­then­ti­scher er­fin­den kön­nen. Wie ge­malt wir­ken die fünf raum­ho­hen Re­gal­bö­gen, die den gro­ßen Bü­cher­saal glie­dern, als sei­en sie von vorn­her­ein als Thea­ter­ku­lis­sen kre­iert wor­den. Und tat­säch­lich wä­re die ge­stal­te­ri­sche Grund­idee da­mals den Prin­zi­pi­en gän­gi­ger ba­ro­cker Thea­ter­ar­chi­tek­tur ge­folgt, weiß Jas­per Frei­herr von Richt­ho­fen, der als Di­rek­tor des kul­tur­his­to­ri­schen Mu­se­ums Gör­litz auch die Bi­b­lio­thek als ei­nen her­aus­ra­gen­den Be­stand­teil der „Gör­lit­zer Samm­lun­gen“be­treut. Als Vor­bild hät­ten zu­dem ad­li­ge schle­si­sche Pri­vat­bü­che­rei­en so­wie die Buch­samm­lung der Francke­schen Stif­tun­gen in Hal­le ge­dient.

In­zwi­schen zählt der his­to­ri­sche Bi­b­lio­theks­saal als so­ge­nann­tes In­te­ri­eur­kunst­werk zu den schöns­ten Bi­b­lio­theks­räu­men des frü­hen eu­ro­päi­schen Klas­si­zis­mus. Da­bei kommt er ganz oh­ne pom­pö­sen Zier­rat aus. Al­lein die recht kunst­vol­len Buch­rü­cken ver­lei­hen dem Raum sei­ne cha­rak­te­ris­ti­sche Sch­licht­heit. Als sei­ner­zeit der Ju­rist und Sprach­for­scher Karl Gott­lob An­ton sei­ne ei­ge­ne 10 000 Bü­cher um­fas­sen­de Samm­lung an die – 1779 von ihm mit­ge­grün­de­te – Ober- lau­sit­zi­sche Ge­sell­schaft der Wis­sen­schaf­ten schenk­te, ließ er in dem Raum so­gar die äl­te­ren Stuck­de­cken ab­schla­gen: Nichts soll­te den Nut­zer von der Macht des Wor­tes ab­len­ken. Erst zur Re­stau­rie­rung und Wie­der­er­öff­nung der Bi­b­lio­thek im Jah­re 1951 lie­ßen Kunst­ex­per­ten die ur­sprüng­li­che Stuckie­rung zu­min­dest ma­le­risch wie­der an­deu­ten.

Im Jahr zu­vor hat­te die DDR die Samm­lung un­ter ih­rem heu­ti­gen Na­men Ober­lau­sit­zi­sche Bi­b­lio­thek der Wis­sen­schaf­ten qua­si wie­der­ge­grün­det. Ne­ben der Bi­b­lio­thek der ehe­ma­li­gen Ober­lau­sit­zi­schen Ge­sell­schaft der Wis­sen­schaf­ten um­fass­te die­se in­zwi­schen auch die 1727 nach Gör­litz ge­lang­te Mi­lich­sche Bi­b­lio­thek: ein Schatz aus 7000 Bü­chern, 200 Ma­nu­skrip­ten und 500 Mün­zen, den der Ju­rist Jo­hann Gott­lieb Mi­lich aus dem schle­si­schen Schweid­nitz (heu­te Swid­ni­ca) zu­sam­men­ge­tra­gen und 1726 der Stadt Gör­litz ver­macht hat­te. Mi­lich knüpf­te dies üb­ri­gens an die Be­din­gung, dass die Samm­lun­gen zwei Mal in der Wo­che für je­der­mann zur Ver­fü­gung zu Jas­per Frei­herr von Richt­ho­fen, Di­rek­tor des Kul­tur­his­to­ri­schen Mu­se­ums in Gör­litz ste­hen hät­ten – ei­ne Auf­la­ge, die die Bi­b­lio­thek bis heu­te treu er­füllt. Noch im­mer dür­fen al­le Bü­cher im Le­se­saal der Bi­b­lio­thek be­nutzt wer­den.

Da­bei um­fasst der Fun­dus der größ­ten Bi­b­lio­thek zwi­schen Dres­den und Bres­lau (Wro­cław) in­zwi­schen 140 000 Bän­de. Rund vier Fünf­tel da­von sei­en his­to­ri­sche Wer­ke, un­ter ih­nen man­che bi­blio­phi­le Ra­ri­tät, ver­si­chert von Richt­ho­fen. So fin­den sich im his­to­ri­schen Le­se­saal, der 2010 er­neut sa­niert wur­de, präch­ti­ge In­ku­na­beln aus der Gu­ten­berg-zeit, Flug­schrif­ten der Re­for­ma­ti­on, wert­vol­le Hand­schrif­ten, rund 3000 his­to­ri­sche Kar­ten und At­lan­ten so­wie die Ska­ry­na-bi­bel von 1519. Sie gilt als ers­te in weiß­rus­si­scher Spra­che ge­druck­te Pu­bli­ka­ti­on. Der äl­tes­te Band sei gar ein hand­schrift­li­cher Ko­dex aus dem 11. Jahr­hun­dert mit Tex­ten des rö­mi­schen Ge­schichts­schrei­bers Sal­lust, ver­rät der Mu­se­ums­chef, der mit der ein­zig­ar­ti­gen Samm­lung vor al­lem den „Wis­sens­trans­fer und die Iden­ti­täts­fin­dung zwi­schen Deutsch­land, Po­len und Tsche­chi­en“be­för­dern will.

Der Wis­sens­trans­fer und die Iden­ti­täts­fin­dung zwi­schen Deutsch­land, Po­len und Tsche­chi­en sol­len be­för­dert wer­den.

Fo­tos (2): Ha­rald Lachmann

Die fünf raum­ho­hen Re­gal­bö­den in Gör­litz se­hen so aus, als sei­en sie von Ku­lis­sen­bau­ern kre­iert wor­den.

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