„Thea­ter ist iden­ti­täts­stif­tend“

Am Staats­schau­spiel Dres­den be­ginnt die ers­te Spiel­zeit des neu­en In­ten­dan­ten Joa­chim Kle­ment

Leipziger Volkszeitung - - KULTUR - Tors­ten Klaus

Mit ei­nem Er­öff­nungs­fest be­ginnt heu­te die neue Spiel­zeit am Staats­schau­spiel Dres­den. Es ist die ers­te Sai­son des neu­en In­ten­dan­ten Joa­chim Kle­ment, der aus Braun­schweig an die El­be wech­selt. sprach mit ihm über Er­in­ne­rungs­kul­tur, die Dresd­ner und dar­über, war­um Reich­tum auch aus Wi­der­sprü­chen er­wächst.

Was sind denn die größ­ten Un­ter­schie­de zwi­schen Braun­schweig und Dres­den?

Es gibt ei­ni­ges, was bei­de Städ­te ver­bin­det, aber auch un­ter­schei­det. Die Braun­schwei­ger sind ei­ne aus­ge­spro­chen ge­schichts­be­wuss­te Be­völ­ke­rung. Das hat mit der Mit­tel­al­ter-ge­schich­te zu tun. In Braun­schweig wur­de ja mal ent­schie­den, dass Mün­chen ge­grün­det wird. Dar­an kann sich in Mün­chen nie­mand mehr er­in­nern, aber die Braun­schwei­ger krie­gen es mit der Mut­ter­milch ein­ge­flößt. Spä­ter ist die Stadt ge­prägt wor­den durch die Zo­nen­rand­la­ge. Man hat ver­sucht, die Iden­ti­tät neu zu schaf­fen – erst in der Nach­kriegs­zeit, dann nach dem Mau­er­bau. Bei­spiels­wei­se durch das Grün­den von Kul­tur­fes­ti­vals wie „Thea­ter­for­men“. Das ist ja in Dres­den durch­aus ähn­lich: ein Selbst­be­wusst­sein, das sich an der Ver­gan­gen­heit misst.

Das kann man so sa­gen.

Was die Städ­te un­ter­schei­det: In Braun­schweig ha­be ich ein Vier-spar­ten-thea­ter mit 500 Mit­ar­bei­tern ge­lei­tet. Das ist ei­ne an­de­re Grö­ße als das Dresd­ner Schau­spiel. Und ich se­he hier an­de­re Am­bi­va­len­zen: Ein tou­ris­ti­sches Zen­trum in der in­ne­ren Alt­stadt auf der ei­nen Sei­te und die krea­tiv-pul­sie­ren­de Neu­stadt. Wenn es ge­lingt – und das scheint ein Dresd­ner Phä­no­men zu sein –, dass man das al­les un­ter ei­nen Hut be­kommt, wohnt in die­ser Wi­der­sprüch­lich­keit der Reich­tum der Stadt.

Sie sind nicht der Ein­zi­ge, der ge­ra­de neu an­fängt.

Da­zu kommt noch ei­ne gan­ze Rei­he Dresd­ner Kul­tur­in­sti­tu­tio­nen, an de­ren Spit­ze ge­ra­de ein Per­so­nal­wech­sel voll­zo­gen wird. Ma­ri­on Acker­mann als neue Ge­ne­ral­di­rek­to­rin der Staat­li­chen Kunst­samm­lun­gen Dres­den, da­zu mit Ca­re­na Schle­witt ei­ne neue Lei­tung in Hel­lerau, es wird ei­nen neu­en In­ten­dan­ten an der Sem­per­oper ge­ben. Vi­el­leicht sind die­se Men­schen, die da neu zu­sam­men­kom­men, in der La­ge, mit Part­nern vor Ort oder ih­ren In­sti­tu­tio­nen neue Im­pul­se zu kre­ieren.

Ei­ne Art Auf­bruch­stim­mung?

Es gibt ja auch schon viel Ko­ope­ra­tio­nen. Das hat man ge­se­hen in Initia­ti­ven wie „Welt­of­fe­nes Dres­den“. Kul­tur­in­sti­tu­tio­nen ha­ben ge­zeigt – in ei­ner Zeit, als Pe­gi­da noch viel vi­ru­len­ter war –, wie man bür­ger­li­che Öf­fent­lich­keit re­prä­sen­tie­ren kann, wenn sie sich schon nicht selbst re­prä­sen­tiert. Mit mei­nem Team war ich im Fe­bru­ar in Dres­den, um den 13. Wir woll­ten das ge­mein­sam er­le­ben. Ich fand das Bus-mo­nu­ment, den tem­po­rä­ren Fried­hof auf dem Thea­ter­platz, die Ver­lei­hung des Dres­den-prei­ses, die Men­schen­ket­te al­les sehr be­ein­dru­ckend. Man hat­te den Ein­druck, da gibt es ein stark aus­ge­präg­tes Be­wusst­sein, ein Zei­chen zu set­zen, dass man Er­in­ne­rungs­kul­tur auch zu­kunfts­ge­wandt be­set­zen kann.

Nun spielt Ih­nen die Po­li­tik mit dem Ter­min der Bun­des­tags­wahl in die Hän­de. Es gibt ja fast kei­nen bes­se­ren Mo­ment, Ih­re Zeit hier zu be­gin­nen.

Das weiß man ja noch gar nicht, ob die Leu­te dann auch die Zeit ha­ben, ins Thea­ter zu ge­hen. An ei­nen Ort des Selbst­ver­ständ­nis­ses, wo man sich trifft und fragt: Was ist ei­gent­lich das Ge­mein­sa­me? In Braun­schweig ist die Stadt­ge­sell­schaft an­ders struk­tu­riert. Über 18 Pro­zent kom­men aus Fa­mi­li­en mit Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund. Das ist hier an­ders, wird sich aber än­dern. Je­der, der glaubt, dass das nicht pas­siert, hat nicht ver­stan­den, wie die Welt sich än­dert. Mi­gra­ti­on heißt Wei­ter­ent­wick­lung – auf die ich nicht ver­zich­ten möch­te.

Thea­ter als In­te­gra­ti­ons­an­ker?

Nein, ich weh­re mich ge­gen die Ver­ein­nah­mung. Thea­ter ist iden­ti­täts­stif­tend – auch, in­dem es Iden­ti­tä­ten in Fra­ge stellt. Wie soll ich denn die Ge­fähr­dung ei­ner Ge­sell­schaft be­schrei­ben, wenn ich nicht ih­re Schwä­chen zei­ge – oder auch ih­re viel zu gro­ße Stär­ke in Re­la­ti­on und Um­gang mit Min­der­hei­ten und Schwä­che­ren?

In Braun­schweig wa­ren Sie Ge­ne­ral­in­ten­dant für vier Spar­ten. In Dres­den lei­ten Sie nur das Schau­spiel. Fehlt Ih­nen da et­was?

Erst­mal ist es ei­ne Kon­zen­tra­ti­on auf das, wo­her ich kom­me: das Schau­spiel. An­sons­ten ist hier ja al­les in der Nä­he. Es gibt das Kraft­werk Mit­te, den Kul­tur­pa­last, die Sem­per­oper, das Hy­gie­ne-mu­se­um. Und es gibt das In­ter­es­se, aus sehr klu­gen Zu­sam­men­hän­gen ei­ne Kul­tur­haupt­stadt­be­wer­bung ab­zu­ge­ben. Ich fin­de, das kann ei­ner Stadt nur gut tun.

Dres­den ist nach Graz, Ham­burg, Mann­heim, Bre­men, Düs­sel­dorf und Braun­schweig Ih­re ers­te Sta­ti­on im Os­ten Deutsch­lands. Ihr Vor­gän­ger Wil­fried Schulz sag­te bei sei­nem Weg­gang aus Dres­den, dass er im Wes­ten den Os­ten nun viel stär­ker er­klä­ren wol­le. Dar­über muss of­fen­bar ge­spro­chen wer­den.

Ich fin­de auch, dass es da im­mer noch Din­ge gibt, nach so vie­len Jah­ren seit 1989. Das hat viel mit Men­ta­li­tä­ten zu tun, glau­be ich. Mit Tra­di­tio­nen und Vor­stel­lun­gen, die von ei­ner Ge­ne­ra­ti­on an die nächs­te wei­ter­ge­ge­ben wer­den, ob­wohl es kei­nen di­rek­ten Be­zug zu die­ser Zeit mehr gibt. Man muss viel er­klä­ren, um her­aus­zu­fin­den, wo­her un­ter­schied­li­che Be­trach­tungs­wei­sen kom­men. Ich ha­be da gro­ßen Re­spekt und ler­ne das al­les ge­ra­de noch ken­nen. Wahr­schein­lich hört das auch nie auf mit dem Ken­nen­ler­nen. Man muss sich erst ein­mal ganz vie­le ver­schie­de­ne Din­ge an­gu­cken, be­vor man ver­steht, war­um sie sind, wie sie sind. Es gibt sol­che Sa­chen, bei de­nen ich mich fra­ge: Kann das sein?

Zum Bei­spiel?

Braun­schweig wur­de im Zwei­ten Welt­krieg auch zu 95 Pro­zent zer­stört. Vie­le an­de­re eben­falls. Dann kam die DDR, in der es kei­ne Frei­heit gab. Ich ha­be den Ein­druck, dass vie­le Leu­te die Zeit nach 1989 als ei­ne Art feind­li­che Über­nah­me se­hen. Schaut man sich das struk­tu­rell an, kommt die Fra­ge auf: Kann es sein, dass man im­mer nur Op­fer ist? Oder ist die­se Hin­füh­rung falsch? Das sind Men­ta­li­täts­fra­gen, die ei­nem na­he­ge­bracht wer­den, als Selbst­be­schrei­bun­gen. Die denkt man sich ja nicht aus. Die Stadt aber ist wahn­sin­nig le­ben­dig. Es gibt vie­le Leu­te, die sich küm­mern und da­für sor­gen, dass hier im­mer et­was los ist.

Zum Thea­ter. Im ak­tu­el­len En­sem­ble fin­den sich zwölf Schau­spie­ler des al­ten En­sem­bles, zwei keh­ren zu­rück. Nach wel­chen Kri­te­ri­en, au­ßer­halb des Hand­werk­li­chen, stel­len Sie die Mann­schaft zu­sam­men?

Hin­ter all­dem steht die Sehn­sucht nach ei­ner Zu­sam­men­ar­beit. Was ich toll fin­de: dass die Kol­le­gen neu­gie­rig auf­ein­an­der sind und vor­be­halt­los of­fen. Wie sie mit­ein­an­der um­ge­hen, da­vor ha­be ich gro­ßen Re­spekt, das ge­fällt mir sehr.

Sie ha­ben zwei Haus­re­gis­seu­rin­nen en­ga­giert, 13 der 25 Pre­mie­ren wer­den von Frau­en in­sze­niert. Ein be­wuss­tes Si­gnal für mehr Weib­lich­keit im Insze­na­to­ri­schen?

Ja, auch. Aber Da­nie­la Löff­ner und Mi­na Sal­eh­pour sind Haus­re­gis­seu­rin­nen, weil ich sie für gro­ße Be­ga­bun­gen hal­te. Es hat sich na­tür­lich bis zu mir her­um­ge­spro­chen, dass über 50 Pro­zent der Be­völ­ke­rung weib­lich sind. Dass sich das bei uns ab­bil­det, hal­te ich für selbst­ver­ständ­lich. Ge­nau wie ich fin­de, dass Thea­ter auch die Rea­li­tä­ten der Be­völ­ke­rung ab­bil­den muss. Wo­bei es mir im­mer um Qua­li­tät geht, das Ge­schlecht ist se­kun­där. Es ist aber nicht so, dass wir nicht drauf ach­ten wür­den.

Wel­che Er­war­tun­gen ha­ben Sie an sich selbst für die ers­te Sai­son, und wel­che ans Pu­bli­kum?

Am An­fang soll­ten wir es vor al­lem ge­las­sen an­ge­hen. Ul­rich Khuon hat mal ge­sagt: „An­fän­ge wer­den über­schätzt.“Na­tür­lich gibt es ei­ne Er­war­tungs­hal­tung. Na­tür­lich freu­en wir uns auch auf die­se ers­ten Be­geg­nun­gen mit un­se­rem Pu­bli­kum. Aber es ist eben nur ein Aus­schnitt von all dem, was wir zei­gen. Am Be­ginn wird es ei­nen Vor­ge­schmack ge­ben, dann wird der Rest des Blu­men­strau­ßes nach­ge­reicht.

 Er­öff­nungs­fest: heu­te ab 16 Uhr, die Sai­son­vor­schau um 20 Uhr ist aus­ver­kauft; 19.9.: „Die Wah­lok­ra­tie: Fin de par­tie“, ein Ex­pe­ri­ment in in­di­rek­ter De­mo­kra­tie von an­d­com­pa­ny&co. und Staats­schau­spiel (Urauf­füh­rung), 20 Uhr, Drei­kö­nigs­kir­che; In­fos und Kar­ten un­ter Te­le­fon 0351 4913555

Fo­to: Dietrich Flecht­ner

In­ten­dant Joa­chim Kle­ment in sei­ner neu­en Wir­kungs­stät­te, dem Dresd­ner Schau­spiel­haus.

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