Wan­der­brat­scher sucht Schön­heit

Wid­mann und Brahms/schön­berg im Gro­ßen Con­cert mit Micha­el San­der­ling und An­toi­ne Ta­mes­tit

Leipziger Volkszeitung - - KULTUR - VON PE­TER KORFMACHER

So mau be­sucht wie das am Don­ners­tag war lan­ge kein Gro­ßes Con­cert. Nur knapp 1500 der rund 2000 Plät­ze im gro­ßen Saal sind be­setzt. Der Schul­di­ge ist schnell aus­ge­macht: Jörg Wid­mann, 44, Ge­wand­haus­kom­po­nist in der Ju­bi­lä­ums-sai­son. Sein 2015 ent­stan­de­nes Vio­la-kon­zert steht in der ers­ten Hälf­te auf dem Pro­gramm, in der zwei­ten zwar Brahms – aber or­ches­triert vom eins­ti­gen Neu­tö­ner Schön­berg. Das reicht vie­len Leip­zi­gern, ih­re An­rech­te weg­zu­tau­schen – oder an jün­ge­re Fa­mi­li­en-mit­glie­der wei­ter­zu­rei­chen, was im­mer­hin den Al­ters­durch­schnitt senkt im Saal.

An­ders­wo al­ler­dings ste­hen die Leu­te für gro­ße Wer­ke des stau­nens­wert po­pu­lä­ren und pro­duk­ti­ven Wid­mann Schlan­ge. Was leicht zu er­klä­ren ist und auch ein Grund, dass er auf Be­trei­ben des kom­men­den Ge­wand­haus­ka­pell­meis­ters An­d­ris Nel­sons der ers­te Haus-kom­po­nist wur­de: Sei­ne Mu­sik, was auch im­mer man im ein­zel­nen da­von hal­ten mag, ist ge­eig­net, Vor­ur­tei­le ab­zu­bau­en. Weil sie ih­rer­seits kei­ne sti­lis­ti­schen Be­rüh­rungs­ängs­te kennt, und der Kom­po­nist sei­ne über­schäu­men­de Klang- phan­ta­sie in ei­nen er­zäh­le­ri­schen Zu­sam­men­hang stellt, der sich dem un­vor­ein­ge­nom­me­nen Hö­rer oh­ne ana­ly­ti­sches Rüst­zeug er­schließt, was Wid­mann mit sei­nen Leh­rern Hen­ze und Rihm ver­bin­det. Hier ist al­les mög­lich – nichts dog­ma­tisch.

Sein Vio­la Con­cer­to zeigt dies ide­al­ty­pisch. An­toi­ne Ta­mes­tit, ei­ner der der­zeit bes­ten Brat­scher der Welt, für ihn schrieb Wid­mann sein Con­cer­to, er hob es 2015 in Pa­ris aus der Tau­fe, er­ar­bei­tet sich so­zu­sa­gen in Echt­zeit das In­stru­ment. Er klopft es ab, strei­chelt, tas­tet, tes­tet, staunt und stimmt, der­weil er durchs ori­gi­nell be­setz­te Orches­ter mä­an­dert und nach Ver­bün­de­ten sucht. Er wird bei den vie­len Kon­tra­bäs­sen fün­dig, mit de­nen im Rü­cken er den Vir­tuo­sen­schalk in sich ent­deckt. Schließ­lich zer­stäubt die Mu­sik im sanft flir­ren­den Echo ei­nes Mah­ler-ada­gios und reist von dort in die Stil­le zu­rück.

Ta­mes­tit ist für die­se Rei­se vom Ma­te­ri­al zur See­le ein sen­sa­tio­nel­ler In­ter­pret. Wie selbst­ver­ständ­lich durch­misst er als Wan­der­brat­scher auf der Su­che nach Schön­heit sti­lis­ti­sche Räu­me, lässt im Klez­mer-du­ett mit der So­lo-kla­ri­net­te so we­nig an­bren­nen wie im iri­sie­ren­den Fla­geo­lett, fühlt sich im Um­feld des Vir­tuo­sen-kon­zerts eben­so da­heim wie im sach­te per­for­ma­ti­ven Um­feld, in dem er so­gar ein we­nig Hu­mor un­ter­bringt.

Die­ses gleich­sam na­tür­li­che Ni­veau über­trägt sich, wei­ter­ge­reicht durch Micha­el San­der­ling, den Chef der Dresd­ner Phil­har­mo­ni­ker, auch aufs Ge­wand­hau­sor- ches­ter, für das der­lei Mu­sik ja min­des­tens eben­so un­ge­wohnt ist wie für sein Pu­bli­kum. Der kom­plex klein­tei­li­ge Orches­ter­part ist nicht nur acht­bar bei­sam­men, son­dern durch­mu­si­ziert. Nicht we­ni­ge Ge­wand­häus­ler lä­cheln so­gar bei der Ar­beit – was auf den wei­ten Ebe­nen hin­ter Mah­ler und Strauss kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit ist. Beim Pu­bli­kum kommt die Bot­schaft eben­falls an. Was auch an der ex­zel­len­ten as­so­zia­ti­ven Hör­hil­fe liegt, die Ann Kath­rin Zim­mer­mann als Weg­wei­ser in Wor­ten durch ei­ne Ge­schich­te in Tö­nen fürs Pro­gramm­heft ver­fass­te. Der Ap­plaus je­den­falls spricht ei­ne deut­li­che Spra­che. Hof­fent­lich ge­ben die Be­geis­ter­ten ih­re Ein­drü­cke wei­ter – auch auf die Ge­fahr hin, beim nächs­ten Mal kein Ti­cket ab­zu­stau­ben.

Und wenn sie schon da­bei sind, könn­ten sie Va­ter, Mut­ter, Schwie­ger­mut­ter und -va­ter, On­kel, Tan­te, Oma, Opa auch er­zäh­len, dass man vor Schön­berg eben­falls kei­ne Angst ha­ben muss. Schon gar nicht, wenn er als In­stru­men­ta­tor von Jo­han­nes Brahms auf­tritt. Im Ge­gen­teil: Was das Orches­trie­ren an­be­langt, mach­te ihm nie­mand et­was vor. Auch kein Strauss, Stra­wins­ky oder Re­spighi.

Das merkt man auch sei­ner In­stru­men­ta­ti­on von Brahms’ herr­li­chem g-moll-kla­vier­quar­tett an, dem Schön­berg un­er­hör­te sin­fo­ni­sche Wei­ten er­schließt. Wäh­rend es die durch­streift, ver­än­dert die­ses Gip­fel­werk der ro­man­ti­schen Kam­mer­mu­sik grund­le­gend sei­nen Cha­rak­ter. Nicht zwangs­läu­fig zum Bes­se­ren, aber zwei­fel­los zum Wir­kungs­vol­le­ren hin. San­der­ling setzt da an, lässt das Ge­wand­haus­or­ches­ter üp­pig durch die aben­teu­er­lich ver­zahn­ten Struk­tu­ren prun­ken und schert sich nicht wei­ter dar­um, wie kom­plex die­se Par­ti­tur ist, lässt sie auf­ge­hen in un­wi­der­steh­li­cher Pracht. Ein we­nig mehr Ana­ly­se und Struk­tur könn­ten bis­wei­len zwar nicht scha­den. Doch ge­rät an­de­rer­seits der Zi­geu­ner­kehr­aus so rausch­haft, dass der­lei Ka­te­go­ri­en ne­ben­säch­lich schei­nen. Das Pu­bli­kum quirlt San­der­ling mit im­mer neu­en Stei­ge­run­gen in Ek­s­ta­se – und nach­her hört man kaum je­man­den, der nicht al­les in al­lem doch über­zeugt ist, nicht nur ei­nem Gro­ßes Con­cert bei­ge­wohnt, son­dern auch ein schö­nes Kon­zert er­lebt zu ha­ben.

 Mor­gen, Sonn­tag, 11 Uhr, wird es noch ein­mal wie­der­holt. Kar­ten (21–69 Eu­ro) gibt’s noch an der Ta­ges­kas­se.

Fo­to: An­dré Kemp­ner

Ge­wand­haus-kom­po­nist Jörg Wid­mann.

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