Klu­ges Plä­doy­er für Hal­tung

Chris­ti­an Sprin­ger er­hellt bei den Aca­de­mi­xern

Leipziger Volkszeitung - - KULTUR - VON MARK DA­NI­EL

Die Ent­zau­be­rung pas­siert nicht de­zent. Chris­ti­an Sprin­ger pie­sackt die schein­bar so schüt­zens­wert-ein­ma­li­ge Iden­ti­tät der Deut­schen gleich an ei­nem ih­rer emp­find­lichs­ten Trig­ger-punk­te: Der Münch­ner Ka­ba­ret­tist, am Don­ners­tag zu Gast bei den Aca­de­mi­xern, er­zählt die Wahr­heit über die Na­tio­nal­hym­ne. Je­nes hei­li­ge Opus, das je­der Fuß­ball­spie­ler mit Bun­des­ad­ler-tri­kot nach Wunsch nicht nur von In­nen­mi­nis­ter de Mai­ziè­re ge­fäl­ligst mit­zu­sin­gen hat, ist nichts als ein Pla­gi­at aus dem Aus­land. Und das ist erst der An­fang von Sprin­gers Pro­gramm „Trotz­dem“, das zu ei­nem or­dent­li­chen Teil am Selbst­ver­ständ­nis der Ger­ma­nen kratzt.

Schon ku­ri­os, wenn das Ka­ba­rett-pu­bli­kum sich er­hebt und das Deutsch­land­lied an­stimmt, di­ri­giert und souf­fliert vom Künst­ler da vor­ne, der ei­nen im An­schluss auch noch zu­sam­men­fal­tet: Wie man denn ei­nem Flücht­ling aus So­ma­lia die deut­sche Leit­kul­tur bei­brin­gen wol­le, wenn man nicht mal den Text der Hym­ne drauf ha­be! Es folgt de­tail­lier­te Auf­klä­rung: Den Text schrieb Hoff­mann von Fal­lers­le­ben nicht ex­klu­siv, son­dern be­dien­te sich aus der Schub­la­de noch nicht ge­nutz­ter Dich­te­rei; ei­nen Teil der Me­lo­die klau­te der Ös­ter­rei­cher (!) Jo­seph Haydn aus ei­nem kroa­ti­schen (!) Volks­lied.

Sprin­ger bay­ert oh­ne Tem­po­li­mit durch den Abend. Zweif­ler an sei­nen lau­nig-ge­witz­ten bis bö­sen zwei St­un­den Po­li­tik- und Ge­schichts­un­ter­richt ha­ben da­nach ei­ne Men­ge zu goo­geln. Doch al­les, was der Mann er­zählt stimmt. Dass man in Kas­sel Spa­zier­gangs­wis­sen­schaft stu­die­ren kann. Dass Ade­nau­er beim Emp­fang in den USA man­gels Hym­ne mit „Hei­de­witz­ka, Herr Ka­pi­tän“be­schallt wur­de. Dass Franz Jo­sef Strauß Sprin­ger we­gen Kör­per­ver­let­zung an­zeig­te und ihn beim Stu­di­um kalt stel­len ließ, ob­wohl der jun­ge Stu­dent den baye­ri­schen Mi­nis­ter­prä­si­den­ten mit kei­nem der bei­den Eier­wür­fe ge­trof­fen hat­te.

An­hand der ei­ge­nen Vi­ta (En­ga­ge­ment für Flücht­lin­ge im Li­ba­non, 88-sei­ti­ger Pro­test­brief an See­ho­fer) und kaum be­kann­ten his­to­ri­schen Hin­ter­grün­den fä­delt der 52-Jäh­ri­ge ein Netz aus Kri­tik an un­re­flek­tier­tem Den­ken und an der Ar­ro­ganz der Macht. Man bleibt gern drin hän­gen, auch wenn im zwei­ten Teil ein paar Län­gen er­mü­den. Zum Schluss die Schil­de­rung des Spa­zier­gangs von Goe­the mit Beet­ho­ven: Der Dich­ter macht der ent­ge­gen­kom­men­den Kai­ser­fa­mi­lie brav Platz, Beet­ho­ven nicht. Ein Bei­spiel für Hal­tung kon­tra Un­ter­wür­fig­keit. Und Hal­tung, die gilt es ge­ra­de wie­der zu zei­gen, so Sprin­gers Bot­schaft am En­de ei­nes sehr er­hel­len­den Abends.

Fo­to: An­dré Kemp­ner

Er­hel­lend: Chris­ti­an Sprin­ger.

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