Lu­thers Lei­ter

Leipziger Volkszeitung - - KULTUR - VON JANINA FLEISCHER

I m Jahr 1983 ist die Welt kom­pli­ziert: Im Wes­ten sta­tio­nie­ren die USA Pers­hin­gii-ra­ke­ten, im Os­ten tritt Udo Lin­den­berg bei „Rock für den Frie­den“auf. In Bux­te­hu­de wird die ers­te Tem­po-30-zo­ne ein­ge­rich­tet, und Mi­cro­soft kün­digt Win­dows 1.0 an. Bei vor­ge­zo­ge­nen Wah­len zum Bun­des­tag fällt die SPD un­ter die 40-Pro­zent-mar­ke, ein In­ter­na­tio­na­les Über­ein­kom­men zur Ver­hü­tung der Mee­res­ver­schmut­zung durch Schif­fe tritt in Kraft, Ed­ward Snow­den er­blickt das Licht der Welt. Au­ßer­dem wird Lu­thers 500er ge­fei­ert, und Karl Marx ist auch schon 100 Jah­re tot.

Heu­te sind wir wei­ter: Der Pa­last der Re­pu­blik wird ein Schloss, die SPD hal­biert ihr schlech­tes Er­geb­nis, Kreuz­fahr­schif­fe ver­schmut­zen die Mee­re zum Schnäpp­chen­preis. Lu­ther & Marx wer­den ge­fei­ert wie nie – in die­sem Jahr für ih­re The­sen, wo­bei je­ne im „Ka­pi­tal“zu­sam­men­ge­fass­ten als um­strit­ten gel­ten. Was gar nicht nö­tig wä­re, den Marx hat „na­tür­lich mei­ne Auf­stel­lun­gen so ge­hal­ten, dass ich im um­ge­kehr­ten Fall auch recht ha­be“, wie selbst sag­te.

Nun nei­gen sich die um Lu­ther und den The­sen­an­schlag ar­ran­gier­ten Re­for­ma­ti­ons­fei­er­lich­kei­ten dem En­de zu, die Hel­fer zie­hen heim, wes­halb noch vor dem Re­for­ma­ti­ons­tag ein Aus­ver­kauf be­gon­nen hat. Pas­send zum An­lass wer­den in ei­ner Wit­ten­ber­ger Turn­hal­le Pinn­wän­de ver­scher­belt, ein „Na­gel­sor­ti­ment“und Pa­pier­kör­be. Auf ei­ner Lis­te von An­ti­rutschmat­te (500 x 250 x 8 mm) bis Zu­cker­do­se gibt es so­gar Ge­hör­schutz zum Lie­der­buch „Frei­tö­ne“. So wer­den Dü­bel zu De­vo­tio­na­li­en – wie nicht zu­letzt ei­ne zwölf­stu­fi­ge Lei­ter: für den bes­se­ren Blick auf ei­ne ja doch im­mer kom­pli­zier­ter wer­den­de Welt.

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