Mo­ment­auf­nah­me der Viel­sei­tig­keit

In der Westwerkschau stel­len Künst­ler des Kunst­quar­tiers ih­re Ar­bei­ten aus – die sind auch von Un­si­cher­hei­ten ge­prägt

Leipziger Volkszeitung - - SZENE LEIPZIG / KULTUR - VON THE­RE­SA HELD

Ja­na Voigt­mann ist Künst­le­rin. Ihr Ate­lier hat sie seit vier Jah­ren im West­werk. Der­zeit stellt sie zu­sam­men mit 17 an­de­ren Künst­lern des Kunst­quar­tiers Ar­bei­ten aus. Die Zu­kunft des West­werks wur­de zu Be­ginn des Jah­res leb­haft er­ör­tert. Dar­um be­geg­ne­te Voigt­mann im Vor­feld der drit­ten Westwerkschau oft der Fra­ge, ob es die Ab­schluss­aus­stel­lung des Krea­ti­vquar­tiers ist.

En­de ver­gan­ge­nen Jah­res war be­kannt ge­wor­den, dass Miet­erhö­hun­gen und Um­ge­stal­tungs­plä­ne den Fort­be­stand ei­ni­ger West­werk-initia­ti­ven ge­fähr­de­ten. Die Mut­ma­ßun­gen, dass ei­ne Bil­lard­hal­len-be­trei­ber und ei­ne Su­per­markt­ket­te Räu­me in dem Kul­tur­zen­trum mie­ten sol­len, hal­ten sich bis heu­te. An­fang des Jah­res for­mier­te sich die Initia­ti­ve „West­werk Ret­ten“, ei­ne De­mons­tra­ti­on mit rund 1000 Teil­neh­mern zog im Fe­bru­ar durch Plag­witz. Dann war es lan­ge still um das West­werk. Su­blab, ein Ha­cker-ver­ein, West­pol, ein Aus­stel­lungs­raum, und ein Elec­tro-club ver­lie­ßen ih­re Räu­me in der al­ten Fa­b­rik­an­la­ge. Die Künst­ler aber blie­ben, fan­den sich mit ei­ner Er­hö­hung der Ne­ben­kos­ten ab und ar­bei­te­ten in ih­ren Ate­liers und Werk­stät­ten an In­stal­la­tio­nen, Skulp­tu­ren und Ge­mäl­den, die sie jetzt aus­stel­len.

Sie ha­be sich von der Initia­ti­ve „West­werk Ret­ten“nicht re­prä­sen­tiert ge­fühlt, sagt Voigt­mann. „Als die Ne­ben­kos­ten An­fang des Jah­res er­höht wur­den, muss­te ich aber schon schlu­cken.“Sie ha­be sich um­ge­schaut, wo sie noch ar­bei­ten könn­te. In der Um­ge­bung des West­werks sei aber al­les we­sent­lich teu­rer als auf dem al­ten Fa­b­rik­ge­län­de an der Karl-hei­neStra­ße. Was­ser und Hei­zung hat die Künst­le­rin in ih­rem 40-Qua­drat­me­terA­te­lier al­ler­dings nicht.

Ihr Kol­le­ge Wolf Kon­rad Ro­scher zog Mit­te des Jah­res ins West­werk. Die Mie­te für ein La­den­lo­kal in der Mer­se­bur­ger Stra­ße, in dem er jah­re­lang ar­bei­te­te und aus­stell­te, soll­te sich ver­dop­peln. Das konn­te Ro­scher sich nicht leis­ten. Ei­nen neu­en Raum fand er um die Ecke im West­werk. Angst, gleich wie­der ge­kün­digt zu wer­den, ha­be er kei­ne. „Man muss die Ent­wick­lun­gen vor der Ge­samt­la­ge des Stadt­teils se­hen“, fin­det er. Dann sei­en die Räu­me des Ei­gen­tü­mers Chris­ti­an Voigt im­mer noch güns­tig, trotz der Miet­erhö­hun­gen. Ro­scher ste­he in re­gem Kon­takt mit Pe­ter Ster­zing, der die Im­mo­bi­lie ver­wal­tet. Die Mehr­heit der Künst­ler ha­be den Ein­druck, dass Voigt und Ster­zing der Er­halt und die Ent­wick­lung des Ge­län­des als Krea­tiv­zen­trum ein An­lie­gen sind. Fest steht für Ro­scher auch: „Wür­de Voigt das West­werk ver­kau­fen, wür­de ich aus Plag­witz weg­zie­hen.“Da­von geht er aber nicht aus, das Ver­hält­nis sei gut: „Es ist auch ei­ne sym­bo­li­sche Ges­te, dass uns der Be­sit­zer die gro­ße Hal­le für un­se­re Werk­schau ge­ge­ben hat, das war in den Jah­ren zu­vor nicht im­mer so.“

Die aus­ge­stell­ten Wer­ke, die vor­wie­gend in der Zeit der Que­re­len ent­stan­den sind, of­fen­ba­ren un­ter­schied­lichs­te Um­gangs­for­men mit der Si­tua­ti­on. Den­nis Sa­bisch setzt sich in sei­ner In­stal­la­ti­on aus auf­ge­türm­ten al­ten Kof­fern, ei­nem Lei­ter­wa­gen, Son­nen­schirm und fan­ta­sie­vol­len Ku­schel­tie­ren ganz deut­lich mit der Un­si­cher­heit aus­ein­an­der. „In mei­nem Le­ben gab und gibt es vie­le Um­zü­ge, vie­le Um­brü­che“, er­klärt der Künst­ler selbst.

Die Aus­stel­lung bil­det die Viel­falt der Ar­bei­ten der West­werk-künst­ler ab. Gleich ne­ben dem Ein­gang hängt „Sta­zio­ne Are­na“von Ve­re­na Lan­dau, Schü­le­rin von Arno Rink und Neo Rauch. Erst bei mehr­ma­li­gem Hin­bli­cken er­fasst man die Kom­ple­xi­tät der Kom­po­si­ti­on.

In­ter­es­sant ist auch die Kom­bi­na­ti­on der Se­ri­en „For­mat 140 x 160cm“und „Pas­si­on“der Ma­le­rin Cor­ne­lia Star­ke, die ihr Ate­lier im West­werk im Au­gust be­zo­gen hat. An mas­si­ven Licht­käs­ten hän­gen in die ei­ne Rich­tung bli­ckend die be­reits im West­werk ent­stan­de­nen „Pas­si­on“-bil­der. Sie drü­cken Lei­den­schaft und Cha­os durch bun­te, un­ge­stü­me, abs­trak­te Farb­sprit­zer auf Lein­wand aus, die an Jack­son Pol­lock er­in­nern. Auf der Rück­sei­te der vier Käs­ten pran­gen ver­schwom­me­ne Bil­der, die auf ei­ne abs­trak­te Art Ru­he ver­mit­teln. „Die Licht­käs­ten stan­den hier rum. Da hat­te ich die Idee, die Se­ri­en mit­ein­an­der zu ver­bin­den“, sagt die Künst­le­rin. Ent­stan­den ist da­durch ei­ne mit­rei­ßen­de Span­nung. Ja­na Voigt­mann fer­tig­te ei­ne Mo­no­ty­pie mit Ku­gel­schrei­ber­pas­te an, die den Ti­tel „wil­len“trägt. Der an sich kraft­auf­wen­di­ge Druck mit dem zä­hen Ma­te­ri­al strotzt vor Ener­gie. Was der abs­trakt dar­ge­stell­te kräf­ti­ge Arm ei­nes Men­schen be­ar­bei­tet, lässt Raum für In­ter­pre­ta­tio­nen.

Voigt­mann ist froh, über die mit­ein­an­der or­ga­ni­sier­te Prä­sen­ta­ti­on die an­de­ren Krea­ti­ven im Werk nä­her ken­nen­zu­ler­nen. Die ak­tu­el­le Aus­stel­lung gilt nicht als Ab­schied, son­dern als ei­ne Mo­ment­auf­nah­me und Spie­gel da­für, welch viel­fäl­ti­ge Kunst im West­werk pro­du­ziert wird. Das lässt auf Zu­kunft hof­fen.

 Die Westwerkschau ist bis zum 24. Sep­tem­ber mitt­wochs bis sonn­tags von 14 bis 18 Uhr ge­öff­net, Karl-hei­ne-stra­ße 85-93. Der Ein­tritt ist frei.

Fo­to: An­dré Kemp­ner

Ja­na Voigt­mann und Wolf Kon­rad Ro­scher ste­hen vor ih­ren Wer­ken. Ro­schers In­stal­la­ti­on „hi­d­den room“be­schäf­tigt sich mit dem Span­nungs­feld in Ge­sell­schaft und Po­li­tik zwi­schen Ernst und Spiel. Sie setzt sich aus Wahl­ur­nen, Kin­der­stüh­len und Gym­nas­tik­keu­len hin­ter al­ten Fens­tern zu­sam­men.

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