Schwei­zer im Schne­cken­tem­po

Der „Tat­ort“um ei­nen trau­ma­ti­sier­ten Bus­fah­rer kommt nur schwer aus den Pu­schen „Tat­ort: Zwei Le­ben“| ARD Mit Ste­fan Gub­ser und Bri­git­te Bey­e­ler Sonn­tag, 20.15 Uhr

Leipziger Volkszeitung - - MEDIEN - VON ERNST CORINTH

Es gibt Zu­fäl­le, die gibt’s nur im „Tat­ort“. Und sol­che un­glaub­li­chen Zu­fäl­le, die meist als er­zäh­le­ri­sche Krü­cke die­nen, gibt es gleich meh­re­re in der neu­en Fol­ge aus Lu­zern: „Zwei Le­ben“. Ein Ti­tel, un­ter dem üb­ri­gens 1976 schon ein­mal der gu­te al­te Kom­mis­sar Heinz Ha­fer­kamp er­mit­tel­te und da­bei – die Äl­te­ren wer­den sich er­in­nern – je­de Men­ge Bou­let­ten ver­speis­te. Und wie da­mals bei Ha­fer­kamp geht es auch hier um ei­nen un­ter­ge­tauch­ten Schur­ken mit zwei Iden­ti­tä­ten. Aber bis die ge­lüf­tet wer­den, wird der Zu­schau­er in ei­ner sehr in­ten­siv in­sze­nier­ten An­fangs­sze­ne erst ein­mal Zeu­ge ei­nes tra­gi­schen Un­falls.

Auf ei­ner Stra­ße springt nachts ein (an­fangs) Un­be­kann­ter von ei­ner Brü­cke ge­nau vor ei­nen Fern­bus. Der Fah­rer steigt aus, si­chert den Un­fall­ort, zieht dann den To­ten un­ter sei­nem Fahr­zeug her­vor, um kurz da­nach wü­tend auf ihn ein­zu­tre­ten. Der Grund sei­ner un­be­schreib­li­chen Ag­gres­sio­nen sind trau­ma­ti­sche Er­leb­nis­se. Er ist frü­her Lok­füh­rer ge­we­sen und hat be­reits zwei­mal so et­was durch­ge­macht, hat des­we­gen so­gar sei­nen Job bei der Bahn an den Na­gel ge­hängt und ist lie­ber Bus­fah­rer ge­wor­den. Und nun ist ihm das Glei­che wie­der zu­ge­sto­ßen.

Dies al­les er­zählt der Mann Kom­mis­sar Re­to Flü­cki­ger (Ste­fan Gub­ser), als die­ser mit sei­ner Kol­le­gin Liz Ritschard (De­lia May­er) am Tat­ort er­scheint. Da­bei er­kennt der Lu­zer­ner Er­mitt­ler in dem Fah­rer Be­ni Gis­ler

(stark: Micha­el Neu­en­schwan­der) ei­nen ehe­ma­li­gen Ka­me­ra­den aus dem Mi­li­tär wie­der, um den er sich dann zu­sam­men mit der zu­stän­di­gen Po­li­zei­psy­cho­lo­gin (Ste­pha­nie Japp) auf­op­fe­rungs­voll küm­mert.

Die tra­gi­sche Ge­schich­te die­ses Fah­rers steht dann auch lan­ge Zeit im Mit­tel­punkt des Films, der mehr mensch­li­ches Dra­ma als klas­si­scher Kri­mi ist. Und so et­was Spe­zi­el­les muss man schon mö­gen am Sonn­tag­abend zur „Tat­ort“-zeit – vor al­lem, weil sich der Film im wei­te­ren Ver­lauf auch un­ge­wöhn­lich aus­führ­lich mit der Be­find­lich­keit schein­ba­rer Rand­fi­gu­ren be­schäf­tigt, was un­nö­tig wirkt und das eh schon ge­rin­ge Tem­po der Ge­schich­te zu­sätz­lich lähmt. Dass dies al­les dann ge­gen En­de plötz­lich Sinn er­gibt, wird Zu­schau­er, die so lan­ge auf­merk­sam durch­ge­hal­ten ha­ben, an­ge­nehm po­si­tiv über­ra­schen.

Rou­ti­niert und kon­ven­tio­nell da­ge­gen – zu­dem nach Schwei­zer „Tat­ort“-art ge­wohnt be­hä­big und viel zu dia­lo­glas­tig – ver­lau­fen je­doch die po­li­zei­li­chen Er­mitt­lun­gen. Da­bei stellt sich bei der Ob­duk­ti­on her­aus, dass der To­te ei­ne ho­he Do­sis Be­ru­hi­gungs­mit­tel im Blut ge­habt hat und sich da­her un­mög­lich al­lein von der Brü­cke hat stür­zen kön­nen. Der ver­meint­li­che Selbst­mord ist al­so ein Mord ge­we­sen. Und auch die Iden­ti­tät lässt sich schließ­lich klä­ren: Bei dem To­ten han­delt sich um ei­nen Bau­un­ter­neh­mer, der vor Jah­ren Mil­lio­nen Fran­ken un­ter­schla­gen hat, dann 2004 bei dem Tsu­na­mi in Thai­land ver­meint­lich um­kam und nun kurz vor sei­nem tat­säch­li­chen Tod of­fen­sicht­lich in die Schweiz zu­rück­ge­kehrt ist. Kurz­um: Der Mann hat tat­säch­lich zwei Le­ben ge­führt.

Das ist und bleibt lan­ge Zeit äu­ßerst mys­te­ri­ös. Auch Ver­däch­ti­ge gibt es ge­nug, aber so rich­tig span­nend ist die Ge­schich­te (Dreh­buch: Fe­lix Be­nesch, Mats Frey) den­noch lei­der nicht. Al­lein schon des­halb, weil sie vom Schwei­zer Re­gis­seur Wal­ter We­ber viel zu lang­at­mig, ja fast alt­mo­disch er­zählt wird und da­bei auch noch der Zu­fall ei­ne viel zu gro­ße Rol­le spielt. Aber im­mer­hin – und das wird ech­te „Tat­ort“-fans freu­en – lernt der Zu­schau­er end­lich Ritschards fes­te Freun­din ken­nen und so­gar das ach so gro­ße Ge­heim­nis um Flü­cki­gers Lie­bes­af­fä­re wird auf­ge­deckt: Aus dem ner­vö­sen Flirt der letz­ten Fol­gen ist näm­lich in­zwi­schen ei­ne ech­te Be­zie­hung ge­wor­den. Eve­li­ne (Bri­git­te Bey­e­ler) heißt die Au­ser­wähl­te, die gleich er­fah­ren muss, was es heißt, mit ei­nem Kom­mis­sar li­iert zu sein. Be­son­ders wenn in den un­pas­sends­ten Mo­men­ten stets das Han­dy klin­gelt, um ihn zu ei­nem Tat­ort zu ru­fen.

Das Bö­se schläft halt nie, noch nicht ein­mal in der Schweiz. Auch wenn es wie in die­sem mü­den „Tat­ort“manch­mal so aus­schaut.

Fo­to: ARD

Eve­li­ne Gas­ser (Bri­git­te Bey­e­ler) und Kom­mis­sar Re­to Flü­cki­ger (Ste­fan Gub­ser) ha­ben Grund zu fei­ern: Ro­man­ti­sches Pick­nick am See zum ers­ten Jah­res­tag.

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