Frau­ke Pe­try ruft Fo­rum „Blaue Wen­de“und ei­ne neue Par­tei ins Le­ben

Ex-afd-che­fin will Platt­form mit Slo­gan „frei und kon­ser­va­tiv“star­ten / Ers­tes Tref­fen heu­te in Sach­sen

Leipziger Volkszeitung - - ERSTE SEITE - VON JAN STERN­BERG

LEIP­ZIG. Die frü­he­re Afd-che­fin Frau­ke Pe­try (42, Fo­to) hat erst­mals Na­men und Aus­rich­tung ih­res neu­en po­li­ti­schen Pro­jekts be­nannt. „Wir wer­den in den kom­men­den Mo­na­ten das Bür­ger­fo­rum ,Blaue Wen­de‘ vor­stel­len, in dem man sich mit und oh­ne Par­tei­buch un­ab­hän­gig von der Far­be en­ga­gie­ren kann“, sag­te die Po­li­ti­ke­rin dem Re­dak­ti­ons­netz­werk Deutsch­land (RND). Die ers­te Ver­an­stal­tung un­ter die­sem Na­men soll be­reits heu­te im „Schmor­kau­er Kreis“statt­fin­den. Dort in der Ober­lau­sitz tra­fen sich schon vor dem Afd-exo­dus die Tei­le des säch­si­schen Lan­des­ver­ban­des, die dem na­tio­nal­kon­ser­va­ti­ven Kurs von Pe­trys in­nen­po­li­ti­schen Geg­nern nicht fol­gen woll­ten. Die aus­ge­tre­te­nen Ex-afd-ka­der wie Uwe Wur­lit­zer, Kirs­ten Mus­ter und Sven Si­mon sol­len zur Grün­dungs­mann­schaft der „Blau­en Wen­de“ge­hö­ren. „Blau steht für kon­ser­va­ti­ve, aber auch frei­heit­li­che Po­li­tik in Deutsch­land und in Eu­ro­pa. Blau ist die Far­be, die zu­erst die CSU in Bay­ern po­li­tisch po­pu­lär ge­macht hat. Dar­an gilt es bun­des­weit an­zu­knüp­fen“, sag­te Pe­try. „Ab No­vem­ber wer­den wir öf­fent­li­che Ver­an­stal­tun­gen an­bie­ten, erst in Sach­sen und dann bun­des­weit“, sag­te Pe­try. Der Slo­gan der neu­en Be­we­gung wer­de „frei und kon­ser­va­tiv“lau­ten. Mit der Be­zeich­nung „Wen­de“will Pe­try so­wohl an die „geis­tig-mo­ra­li­sche Wen­de“Hel­mut Kohls als auch an die Fried­li­che Re­vo­lu­ti­on in der DDR er­in­nern.

Pe­try be­stä­tig­te auch die Grün­dung ei­ner neu­en Par­tei mit dem Na­men die „Blaue Par­tei“, auf de­ren Lis­te die Mit­strei­ter der „Blau­en Wen­de“zu Wah­len an­tre­ten sol­len. „Der ,Blau­en Par­tei‘ kommt vor al­lem ei­ne struk­tu­rel­le Auf­ga­be zu, da­mit die de­mo­kra­ti­schen Stan­dards der Ent­schei­dungs­fin­dung er­füllt wer­den. Die Par­tei soll je­doch zu­künf­tig nicht mehr die Haupt­rol­le spie­len“, sag­te Pe­try.

Sie be­stä­tig­te auch, dass sie seit der in­ner­par­tei­li­chen Nie­der­la­ge auf dem Köl­ner Par­tei­tag im April den Aus­tritt aus der AFD vor­be­rei­tet hat­te. „Nach Köln ver­dich­te­te sich die Ent­schei­dung, dass es nach der Wahl für mich nicht in­ner­halb der AFD wei­ter­ge­hen kann.“Das Grün­dungs­da­tum der „Blau­en Par­tei“ist beim Bun­des­wahl­lei­ter mit dem 17. Sep­tem­ber an­ge­ge­ben. Die Zie­le der neu­en Be­we­gung sind durch­aus am­bi­tio­niert: „Et­wa je­der drit­te Deut­sche wür­de sich gern für ein ver­nünf­ti­ges kon­ser­va­ti­ves Po­li­tik­an­ge­bot ent­schei­den, vie­le da­von ha­ben am 24. Sep­tem­ber aus Ver­zweif­lung FDP, AFD oder gar noch mal Mer­kel ge­wählt. Mit die­sen Bür­gern wol­len wir rea­lis­ti­sche Lö­sun­gen für die Auf­ga­ben der kom­men­den Jah­re dis­ku­tie­ren, sie ver­net­zen und uns auf kom­men­de Wah­len vor­be­rei­ten“, sag­te Pe­try.

Sie be­ton­te er­neut, ih­re bei­den als Af­dkan­di­da­tin er­run­ge­nen Man­da­te im Bun­des­tag und im säch­si­schen Land­tag be­hal­ten zu wol­len. Sie sag­te: „Das Man­dat, auch wenn es mit Par­tei­mit­teln er­run­gen wur­de, ist kein Ei­gen­tum der Par­tei. Ein frei­es Man­dat be­inhal­tet ei­ne Loya­li­tät dem Wäh­ler ge­gen­über. Da­her wer­den wir un­se­re Pau­scha­len und Mit­ar­bei­ter für pro­fes­sio­nel­le Po­li­tik im Par­la­ment und im Wahl­kreis ein­set­zen, so wie wir das be­reits im Land­tag seit 2014 be­wie­sen ha­ben.“

Ich füh­le mich be­freit, es ist der Bal­last der in­ner­par­tei­li­chen und oft un­sag­bar klein­li­chen Aus­ein­an­der­set­zun­gen von der See­le ge­fal­len. Das fühlt sich ein biss­chen an wie ei­ne Schei­dung, schließ­lich ha­ben wir fast fünf Jah­re in­ten­siv zu­sam­men­ge­ar­bei­tet. Letzt­lich soll­te in ei­ner De­mo­kra­tie der Wett­streit der Ide­en im Vor­der­grund ste­hen. Ich be­daue­re es zwar, dass die AFD ih­rem An­spruch von 2013 nicht mehr ge­recht wird, aber dass sich Par­tei­en wan­deln, ist wohl nor­mal. Bei der Par­tei­grün­dung ging es uns auch dar­um, dass Par­tei­en Macht ab­ge­ben, dass der Bür­ger­wil­le wie­der mehr Ge­wicht er­hält. Dar­um geht es mir wei­ter­hin.

Wie se­hen Ih­re po­li­ti­schen Zu­kunfts­plä­ne kon­kret aus?

Wir wer­den in den kom­men­den Mo­na­ten das Bür­ger­fo­rum „Blaue Wen­de“vor­stel­len, in dem man sich mit und oh­ne Par­tei­buch un­ab­hän­gig von der Far­be en­ga­gie­ren kann. Et­wa je­der drit­te Deut­sche wür­de sich gern für ein ver­nünf­ti­ges kon­ser­va­ti­ves Po­li­tik­an­ge­bot ent­schei­den, vie­le da­von ha­ben am 24. Sep­tem­ber aus Ver­zweif­lung FDP, AFD oder gar noch ein­mal Mer­kel ge­wählt. Mit die­sen Bür­gern wol­len wir rea­lis­ti­sche Lö­sun­gen für die Auf­ga­ben der kom­men­den Jah­re dis­ku­tie­ren, sie ver­net­zen und uns auf kom­men­de Wah­len vor­be­rei­ten. Wir müs­sen das De­fi­zit von Par­tei­en über­win­den, ex­ter­nes Know-how von Quer­ein­stei­gern in der Re­gel des­we­gen ab­zu­leh­nen, weil es das par­tei­in­ter­ne Be­loh­nungs­ge­fü­ge durch­ein­an­der­bringt. Fä­hi­ge Kan­di­da­ten soll­ten zu­künf­tig auf al­len Ebe­nen auf frei­en Lis­ten kan­di­die­ren kön­nen. Und das Bür­ger­fo­rum soll da­für die Platt­form bie­ten.

War­um grün­den Sie dann par­al­lel da­zu ei­ne neue Par­tei?

Un­ser Par­tei­en­recht sieht vor, dass, ab­ge­se­hen von kom­mu­na­len Wah­len, nun ein­mal Par­tei­en die Lis­ten auf­stel­len. Der „Blau­en Par­tei“kommt da­her vor al­lem ei­ne struk­tu­rel­le Auf­ga­be zu, da­mit die de­mo­kra­ti­schen Stan­dards der Ent­schei­dungs­fin­dung er­füllt wer­den. Die Par­tei soll je­doch zu­künf­tig nicht mehr die Haupt­rol­le spie­len.

„Blaue Par­tei“, „blaue Wen­de“– was reizt Sie, nüch­tern be­trach­tet, an der Far­be Blau?

Blau steht für kon­ser­va­ti­ve, aber auch frei­heit­li­che Po­li­tik in Deutsch­land und in Eu­ro­pa. Blau ist die Far­be, die zu­erst die CSU in Bay­ern po­li­tisch po­pu­lär ge­macht hat. Dar­an gilt es bun­des­weit an­zu­knüp­fen.

Wel­che Struk­tur ge­ben Sie dem Gan­zen?

Das Bür­ger­fo­rum wird ei­ne lo­se Struk­tur ha­ben. Sie ken­nen die läh­men­de Wir­kung von zahl­lo­sen Ge­schäfts­ord­nungs­an­trä­gen, Sat­zungs­dis­kus­sio­nen, die Müh­len von Par­tei­ta­gen und Wahl­zy­klen, die viel zu häu­fig die in­halt­li­che Dis­kus­si­on er­lah­men las­sen. Par­tei­en agie­ren häu­fig nicht an­ders als gro­ße Un­ter­neh­men, mit dem stra­te­gi­schen Nach­teil, dass die Wirt­schaft In­no­va­ti­on not­falls in Form klei­ner Start-ups da­zu­kauft und Par­tei­en ge­nau das nicht tun, weil in­no­va­ti­ve Ide­en­ge­ber von au­ßen meis­tens Fress­fein­de in der in­ner­par­tei­li­chen Macht­struk­tur sind.

Sie sit­zen in zwei Par­la­men­ten, ha­ben aber we­der im Bun­des­tag noch im säch­si­schen Land­tag ei­ne Frak­ti­on hin­ter sich. Hof­fen Sie dar­auf, dass sich das schnell än­dert?

Wir ha­ben nicht die Not­wen­dig­keit, schnell zu wach­sen. Na­tür­lich ist das Le­ben als Frak­ti­on in ei­nem Par­la­ment ein­fa­cher als das ei­ner Grup­pe. Öf­fent­lich­keit für un­se­re po­li­ti­schen Vor­schlä­ge wer­den wir je­doch auch so er­hal­ten, denn wir wer­den auf al­len Ebe­nen Man­dats­trä­ger mit po­li­ti­scher Er­fah­rung vor­wei­sen kön­nen. Das Bür­ger­fo­rum und die „Blaue Par­tei“sind nicht auf Mit­glieds­zah­len an­ge­wie­sen, son­dern dar­auf, dass wir dort die Bür­ger ver­net­zen und fin­den, die ih­re Ide­en in prak­ti­sche Po­li­tik um­set­zen wol­len. Wir wol­len vor al­lem Wäh­ler er­rei­chen und den Grad der Selbst­be­schäf­ti­gung mit der Struk­tur mi­ni­mie­ren. Es geht uns nicht um Mas­sen­ver­an­stal­tun­gen, son­dern dar­um, die Ak­ti­ven zu­sam­men­zu­brin­gen, die sich vor­stel­len kön­nen, Po­li­tik auf Ba­sis kon­ser­va­ti­ver Grund­sät­ze um­zu­set­zen, sei es kom­mu­nal, re­gio­nal oder na­tio­nal.

Wann und wo wer­den Sie be­gin­nen?

Ab No­vem­ber wer­den wir wie­der öf­fent­li­che Ver­an­stal­tun­gen an­bie­ten, erst in Sach­sen und dann bun­des­weit.

Die „Blaue Par­tei“wur­de schon vor der Bun­des­tags­wahl ge­grün­det. Wann ha­ben Sie ent­schie­den, dass es für Sie in der AFD nicht wei­ter­geht?

Ich ha­be mehr als zwei Jah­re er­folg­los ver­sucht, in der AFD stra­te­gi­sches Han­deln zu im­ple­men­tie­ren. Der Köl­ner Par­tei­tag im April war ei­ne Zä­sur, weil dort öf­fent­lich sicht­bar wur­de, dass die Par­tei dem Nar­ren­saum freie Hand gab. Nach Köln ver­dich­te­te sich die Ent­schei­dung, dass es nach der Wahl für mich nicht in­ner­halb der AFD wei­ter­ge­hen kann.

Nicht we­ni­ge wer­fen Ih­nen Wahl­be­trug vor, weil Sie die­se Ent­schei­dung eben nicht schon vor der Wahl öf­fent­lich ge­macht ha­ben. Wel­ches Recht ha­ben Sie auf Ih­re Man­da­te? Und war­um ge­ben Sie Ih­ren Sitz im Dresd­ner Land­tag nicht ab?

Das Man­dat, auch wenn es mit Par­tei­mit­teln er­run­gen wur­de, ist kein Ei­gen­tum der Par­tei. Ein frei­es Man­dat be­inhal­tet ei­ne Loya­li­tät dem Wäh­ler ge­gen­über. Da­her wer­den wir un­se­re Pau­scha­len und Mit­ar­bei­ter für pro­fes­sio­nel­le Po­li­tik im Par­la­ment und im Wahl­kreis ein­set­zen, so wie wir das be­reits im Land­tag seit 2014 be­wie­sen ha­ben.

Die AFD ruft Ih­nen nach, das neue Pro­jekt sei „lä­cher­lich und po­li­tisch tot“. Sind Ih­nen al­le Selbst­zwei­fel fremd?

Es gibt we­der im Le­ben noch in der Po­li­tik ei­ne Er­folgs­ga­ran­tie, aber für sei­ne Ide­en auch ge­gen Wi­der­stän­de zu kämp­fen, ist doch die Auf­ga­be ei­nes Po­li­ti­kers. Da­zu ge­hört auch, Sack­gas­sen und Al­ter­na­ti­ven zu er­ken­nen und Macht nicht als Selbst­zweck zu ver­ste­hen. Wir wer­den 2019 bei der Land­tags­wahl in Sach­sen und spä­tes­tens 2021 bei der Bun­des­tags­wahl se­hen, wel­cher Po­li­tik die Wäh­ler ih­re Stim­me ge­ben.

Fo­to: An­dré Kemp­ner

Frau Pe­try, Sie wir­ken ge­löst, seit­dem Sie die AFD hin­ter sich ge­las­sen ha­ben. Wie geht es Ih­nen?

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