Iran hofft im Atom­streit mit Trump auf Eu­ro­pas Un­ter­stüt­zung

Us-prä­si­dent Trump steht vor der Ent­schei­dung, 2us dem Atom2b­kom­men mit dem Ir2n 2us­zu­stei­gen. Es wä­re ei­ne Zä­sur in der Welt­po­li­tik, ei­ne Spir2­le der Pro­vo­k2­tio­nen droht im Mitt­le­ren Os­ten. Doch der Us-kon­gress zö­gert noch mit der Un­ter­stüt­zung Trumps.

Leipziger Volkszeitung - - ERSTE SEITE - VON STE­FAN KOCH

LON­DON/TE­HE­RAN. Im Atom­streit mit Us-prä­si­dent Do­nald Trump hofft der Iran be­son­ders auf die Un­ter­stüt­zung Eu­ro­pas. „Wir set­zen auf die Eu­ro­pä­er, und bis jetzt wa­ren die Si­gna­le dies­be­züg­lich ja auch po­si­tiv“, sag­te Vi­ze­prä­si­dent und Atom­chef Ali Ak­bar Sal­ehi ges­tern. Wich­tig sei je­doch, dass die Eu­ro­pä­er sich auch im Ernst­fall ge­gen die USA und auf die Sei­te des Irans stel­len wer­den, so der Atom­chef nach ei­nem Tref­fen mit dem bri­ti­schen Au­ßen­mi­nis­ter Bo­ris John­son in Lon­don. Auch für Be­ob­ach­ter in Te­he­ran ist die Re­ak­ti­on der an­de­ren Ver­hand­lungs­part­ner – Chi­na, Deutsch­land, Frank­reich, Groß­bri­tan­ni­en und Russ­land – wich­ti­ger als die be­vor­ste­hen­de Ent­schei­dung Trumps über das Wie­ner Atom­ab­kom­men von 2015. Be­son­ders wich­tig sei da­bei die Po­si­ti­on des Eu-tri­os und wie kon­se­quent Ber­lin, Lon­don und Pa­ris den De­al ge­gen die USA und Trump ver­tei­di­gen.

Die Wei­chen wur­den bei ei­nem dis­kre­ten Abend­es­sen im Wei­ßen Haus ge­stellt. Kaum je­mand nahm No­tiz da­von, als Tom Cot­ton in der ver­gan­ge­nen Wo­che über ei­nen schma­len Sei­ten­pfad in die Re­gie­rungs­zen­tra­le eil­te, um den Prä­si­den­ten in sei­ner Li­nie zu be­stär­ken. Ge­gen den Iran, so lässt der 40-jäh­ri­ge Se­na­tor aus Ar­k­an­sas re­gel­mä­ßig wis­sen, hel­fe nur ei­ne har­te Hand.

Jetzt könn­te Cot­ton an sein Ziel ge­lan­gen: Denn weil Do­nald Trump sei­nen Wäh­lern ver­spro­chen hat, aus dem Atom­ab­kom­men mit dem Iran aus­zu­stei­gen, könn­te der Us-prä­si­dent nun Fak­ten schaf­fen. Und sich da­mit ge­gen sei­ne Ver­trags­part­ner in Chi­na, Eu­ro­pa und Russ­land stel­len.

Wenn der Ernst­fall ein­tritt, wä­re dies ei­ne Zä­sur in der Welt­po­li­tik. Do­nald Trump, bis­her bes­ten­falls ein un­ge­ho­bel­ter Meis­ter gro­ßer An­kün­di­gun­gen, hät­te dann ei­nen He­bel um­ge­legt, der das Si­cher­heits­ge­fü­ge im Mitt­le­ren Os­ten durch­schüt­teln wür­de: Der mit al­ler Macht auf­stre­ben­de Iran wür­de sich be­stä­tigt füh­len, dass auf Ver­trä­ge mit der in­ter­na­tio­na­len Ge­mein­schaft letzt­lich kein Ver­lass ist.

Über Mo­na­te hin­weg hat­te Trump das Atom­ab­kom­men mit dem Iran als „schlech­tes­ten De­al al­ler Zei­ten“be­schimpft. Am heu­ti­gen Frei­tag könn­te der Prä­si­dent sei­ne Un­ter­schrift un­ter dem Do­ku­ment ver­wei­gern, das be­stä­tigt, dass sich Te­he­ran an sei­ne Ver­pflich­tun­gen hält.

Um das Schlimms­te zu ver­hin­dern, in­ter­ve­niert Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Ja­mes Mat­tis seit Ta­gen bei sei­nem obers­ten Di­enst­herrn. Der Pen­ta­gon-chef weiß um die Fol­gen fehl­ge­lei­te­ter Po­li­tik aus ei­ge­ner An­schau­ung: Im Irak stand er als Ge­ne­ral an der Front, er kennt die Ri­si­ken un­be­dach­ten Han­delns in der Re­gi­on.

Nun al­so Trump: Der 71-Jäh­ri­ge ver­hehlt noch nicht ein­mal, dass es ihm gar nicht al­lein um den bri­san­ten Ver­trag geht. „Kann schon sein, dass Te­he­ran sei­ne Auf­ga­ben er­füllt“, sag­te der Prä­si­dent kürz­lich im klei­nen Kreis. Was aber sei mit all den ver­deck­ten Kom­man­do­ak­tio- die die ira­ni­sche Füh­rung im Irak, im Je­men, im Li­ba­non und in Sy­ri­en steu­ert? Und wie steht es um die Si­cher­heit Is­ra­els?

Wohl wahr, dar­in stimmt auch Mat­tis zu. Der Iran steckt mit sei­nem Erz­ri­va­len Sau­di-ara­bi­en in ei­nem nur müh­sam ver­deck­ten Rin­gen um die Vor­herr­schaft in der Re­gi­on. In­for­ma­tio­nen zu den heim­lich ge­führ­ten Kon­flik­ten gibt es nach Aus­sa­gen des Pen­ta­gons zur Ge­nü­ge.

Nur: Der Atom­de­al hat nicht die Auf­ga­be, Irans Stre­ben nach ei­ner Do­mi­nanz im Mitt­le­ren Os­ten auf­zu­hal­ten. Es geht al­lein um die ge­fähr­li­che An­rei­che­rung von atom­waf­fen­fä­hi­gem Plu­to­ni­um. Mehr noch: Die Auf­kün­di­gung könn­te die Hard­li­ner in Te­he­ran stär­ken und jeg­li­che Ver­su­che der Aus­söh­nung zu­nich­te­ma­chen. Die Hoff­nun­gen auf ei­nen sanf­ten Wan­del im Land der Re­li­gi­ons­wäch­ter wä­ren da­hin – und die trans­at­lan­ti­sche Be­zie­hung ein­mal mehr schwer be­las­tet.

Ein­sich­ten, die sich auch im­mer stär­ker im Kon­gress durch­set­zen und zu der selt­sa­men Si­tua­ti­on füh­ren könn­ten, dass der Ver­trag zu­min­dest vor­läu­fig in Kraft bleibt – wenn auch in ei­nem schwe­ben­den Zu­stand.

Meh­re­re Ab­ge­ord­ne­te si­gna­li­sie­ren be­reits ih­ren Wi­der­stand ge­gen die Trump-cot­ton-al­li­anz. Man­che Par­tei- freun­de hal­ten sich noch be­deckt und wol­len erst ein­mal das of­fi­zi­el­le Vo­tum ab­war­ten. Zu den we­ni­gen, die schon im Vor­feld Far­be be­ken­nen, zählt Ed­ward Roy­ce: „Der Ver­trag hat ei­ni­ge Män­gel“, sagt der Vor­sit­zen­de des Aus­wär­ti­gen Aus­schus­ses im Re­prä­sen­tan­ten­haus.

An­statt aber das in­ter­na­tio­na­le Ab­kom­men zu be­en­den, soll­te auf die voll­stän­di­ge Durch­set­zung der ein­zel­nen For­de­run­gen ge­setzt wer­den. Roy­ce, der am Don­ners­tag sei­nen 66. Ge­burts­tag fei­er­te, gilt au­ßen­po­li­tisch als Fal­ke. Zu Zei­ten von Ge­or­ge W. Bush un­ter­stütz­te der Ab­ge­ord­ne­te so­wohl die Mi­li­tär­ein­sät­ze in Af­gha­nis­tan als auch im Irak.

Mit Blick auf den Iran mahnt der Ab­ge­ord­ne­te je­doch zu ei­nem be­son­ne­nen Vor­ge­hen: Ein leicht­fer­ti­ger Aus­stieg aus dem Ver­trag könn­te un­be­ab­sich­tig­te Fol­gen nach sich zie­hen, sag­te Roy­ce. Auch ge­be es kei­ne Hin­wei­se, dass die Füh­rung in Te­he­ran die Auf­la­gen zur Atom­for­schung ge­bro­chen ha­be.

Mit sei­nen Äu­ße­run­gen tritt Roy­ce in ei­ne di­rek­te Kon­fron­ta­ti­on mit dem Prä­si­den­ten, der be­reits beim Streit um die Re­form des Ge­sund­heits­sys­tems er­le­ben muss­te, wie we­nig Ver­lass auf die Par­tei­dis­zi­plin ist. Ob­wohl die so­ge­nann­te Oba­ma­ca­re un­ter den Kon­ser­va­ti­ven so lan­ge Zeit ver­pönt war, fin­det sich kei­ne Mehr­nen, heit für ei­nen Ge­gen­ent­wurf. Und selbst in der Steu­er­po­li­tik ge­hen die Mei­nun­gen par­tei­in­tern kreuz und quer.

Es ist ei­ne Kraft­pro­be mit dem Par­la­ment, die sich nun beim Iran-ab­kom­men wie­der­ho­len dürf­te. Trumps Vor­gän­ger Ba­rack Oba­ma hat­te vor zwei Jah­ren ei­ner Zu­satz­klau­sel zum Atom­de­al zu­ge­stimmt, wo­nach das Wei­ße Haus al­le drei Mo­na­te über­prüft, ob sich der Iran an die Vor­ga­ben hält. Soll­te der Us-prä­si­dent sei­ne Un­ter­schrift ver­wei­gern, ob­liegt es dem Kon­gress, die aus­ge­setz­ten Sank­tio­nen ge­gen das Re­gime wie­der in Gang zu set­zen. Die end­gül­ti­ge Ent­schei­dung, ob das Ab­kom­men platzt, trifft da­her nicht die Re­gie­rung, son­dern das Par­la­ment. Doch ob­wohl die ur­sprüng­li­che Ver­ein­ba­rung von den Re­pu­bli­ka­nern kri­ti­siert wur­de, gilt die Re­ge­lung vie­len Ab­ge­ord­ne­ten und Se­na­to­ren mitt­ler­wei­le als das ge­rin­ge­re Übel.

Trumps Vor­ha­ben, die grund­sätz­li­che Aus­rich­tung der ira­ni­schen Au­ßen­po­li­tik zu kor­ri­gie­ren, er­scheint vie­len Par­la­men­ta­ri­ern we­nig er­folg­ver­spre­chend, wenn­gleich sie mit sei­ner Kri­tik über­ein­stim­men. So sei die Un­ter­stüt­zung der ex­tre­mis­ti­schen His­bol­lah nicht ak­zep­ta­bel, die von der Us-re­gie­rung als Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on ein­ge­stuft wird. Auch sieht Wa­shing­ton in dem ira­ni­schen Ra­ke­ten­for­schungs­pro­gramm ei­ne Ge­fahr für den Frie­den im Mitt­le­ren Os­ten – ganz zu schwei­gen von ver­deck­ten Mi­li­tär­ak­tio­nen in den Nach­bar­staa­ten.

Doch so an­ge­spannt die Be­zie­hun­gen zum Iran auch sein mö­gen, das Atom­ab­kom­men dürf­te kaum der rich­ti­ge Weg sein, Druck auf Te­he­ran auf­zu­bau­en: „Wir müs­sen die Aus­ein­an­der­set­zun­gen sau­ber von­ein­an­der tren­nen“, be­tont Roy­ce. Der Ab­ge­ord­ne­te ist sich mit meh­re­ren sei­ner Par­tei­freun­de ei­nig, zu­nächst ein­mal die Ge­fahr der Atom­waf­fen­ver­brei­tung zu bän­di­gen. Erst in ei­nem zwei­ten Schritt will er die ira­ni­sche Re­gie­rung mit an­de­ren Mit­teln dar­an hin­dern, ag­gres­siv ge­gen­über sei­nen Nach­bar­staa­ten auf­zu­tre­ten. Die Mah­nung des ira­ni­schen Prä­si­den­ten Has­san Ru­ha­ni hat Roy­ce auf­merk­sam ver­folgt: „Wenn je­mand aus ei­nem in­ter­na­tio­na­len De­al aus­steigt, dann ist er der Ver­lie­rer, nicht der, der es nicht tut.“

Die eu­ro­päi­schen Part­ner des Atom­ab­kom­mens – dar­un­ter die Bun­des­re­gie­rung – ver­su­chen un­ter­des­sen mit al­len Mit­teln, ei­ne Es­ka­la­ti­on der Si­tua­ti­on zu ver­hin­dern. In Wa­shing­ton ver­su­chen Di­plo­ma­ten, ih­ren Kon­tak­ten im Wei­ßen Haus klar­zu­ma­chen, wel­che Fol­gen ein Aus­stieg aus dem Ab­kom­men für die Sta­bi­li­tät der Re­gi­on hät­te.

Doch die Eu­ro­pä­er ste­hen bei ih­ren Be­mü­hun­gen vor ei­nem grund­sätz­li­chen Pro­blem: Der engs­te Zir­kel um Trump ist ab­ge­schot­tet, die Kon­tak­te zu den eu­ro­päi­schen Part­nern sind spär­lich. Und die er­reich­ba­ren, ge­mä­ßig­ten Stim­men ha­ben nur be­grenz­ten Ein­fluss auf den er­ra­ti­schen Us-prä­si­den­ten.

Und so su­chen die eu­ro­päi­schen Di­plo- ma­ten längst par­al­lel auch in Te­he­ran das Ge­spräch mit Re­gie­rungs­ver­tre­tern, um dort die Angst zu neh­men vor den Fol­gen ei­ner Kün­di­gung aus Wa­shing­ton. Gleich­zei­tig ver­sucht das Aus­wär­ti­ge Amt, die Macht­ha­ber in Te­he­ran vor Kurz­schluss­re­ak­tio­nen zu war­nen, soll­te Trump tat­säch­lich ernst ma­chen.

Auf den Stra­ßen von Te­he­ran re­agie- ren die Men­schen bis­lang ge­las­sen – man ha­be bis­her schließ­lich noch kei­ne gro­ßen Vor­tei­le durch den Atom­de­al und das En­de der Sank­tio­nen ver­spürt. Die In­fla- ti­on sei hoch, das Jo­b­an­ge­bot ge­ring. „Ich ha­be kei­nen Nut­zen aus dem De­al er­lebt, was will Trump al­so tun, noch et­was auf ein Nichts drauf­sat­teln?“, fragt et­wa Gho- lam­re­sa Hae­ri, ein 21 Jah­re al­ter Ar­chi- tek­tur­stu­dent. „Wird er der Null ei­ne wei- te­re Null hin­zu­fü­gen?“Soh­reh La­wa­sa­ni, die bei ei­ner pri­va­ten Bank ar­bei­tet, ver- weist dar­auf, dass die meis­ten Ira­ner wei- ter­hin kei­nen Zu­gang zu in­ter­na­tio­na­len Kre­dit­kar­ten ha­ben.„ich weiß, dass west- li­che Ban­ken un­ter dem De­al den ira­ni- schen Markt be­tre­ten soll­ten“, sagt die 31-jäh­ri­ge La­wa­sa­ni. „Aber in der Pra­xis ist das nicht ge­sche­hen.“

Ei­nig sind sich die meis­ten – von den po­li­ti­schen und re­li­giö­sen Hard­li­nern bis hin zu den Re­for­mis­ten – dar­in, dass Trumps Kurs dem ent­spre­che, wo­vor ira­ni­sche Füh­rungs­per­so­nen seit der Is­la­mi- schen Re­vo­lu­ti­on von 1979 ge­warnt hät- ten: Ame­ri­ka­nern kön­ne man nicht trau- en. Es scheint, als wür­de Do­nald Trump die­se The­se be­stä­ti­gen.

Fo­to: Getty

„Der schlech­tes­te De­al“: Us-prä­si­dent Do­nald Trump schimpf­te schon im Wahl­kampf vor zwei Jah­ren über das Atom­ab­kom­men mit dem Iran.

Fo­tos: dp2

De­al: Irans Au­ßen­mi­nis­ter Mo­ham­med Dscha­wad Sa­rif (oben) zeigt 2015 die Ei­ni­gung, die von der 5+1-Grup­pe er­zielt wur­de.

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