Luft­han­sa schluckt mehr als die Hälf­te der Air-ber­lin-flot­te – und will sich nun selbst Kon­kur­renz ma­chen Ge­lan­det

Leipziger Volkszeitung - - WIRTSCHAFT - VON CHRIS­TI­AN EBNER UND BURK­HARD FRAUNE

BER­LIN/FRANK­FURT. Cars­ten Sp­ohr ver­kün­det sei­nen Tri­umph in der gu­ten Stu­be Ber­lins: Im Fens­ter sieht man die Kup­peln des Gen­dar­men­markts, da­hin­ter Flug­zeu­ge im An­flug auf Te­gel. Es sei ein his­to­ri­scher Tag, sagt der Luft­han­sa-chef, be­vor er mehr als die Hälf­te der in­sol­ven­ten Air Ber­lin über­nimmt. Nach Frank­furt, Mün­chen und Ham­burg gibt die Luft­han­sa da­mit auch an den Flug­hä­fen Ber­lin und Düs­sel­dorf den Ton an. Mit reich­lich po­li­ti­schem Rü­cken­wind hat der Kra­nich-kon­zern sei­ne Chan­ce ge­nutzt. „Wir wä­ren blöd, wenn wir das ver­pen­nen“, meint Sp­ohr, der sich an die­sem Tag noch ein biss­chen mehr als „Herr der Lüf­te“füh­len kann.

Durch die deut­sche Re­gie­rung sei ein un­glaub­li­ches Mo­no­pol ge­schaf­fen wor­den, sagt da­ge­gen der Ex-renn­fah­rer und Air­line­grün­der Ni­ki Lau­da. Er ver­weist auf den Kre­dit des Bun­des, der Air Ber­lin trotz In­sol­venz in der Luft hält. Zu­sam­men mit dem Fe­ri­en­flie­ger Con­dor stand der Ös­ter­rei­cher, der einst sei­ne ei­ge­ne Air­line Ni­ki an Air Ber­lin ver­kauft hat­te, im Ver­kaufs­pro­zess in der zwei­ten Rei­he und muss­te er­le­ben, wie die Luft­han­sa ih­ren von lan­ger Hand vor­be­rei­te­ten Coup durch­zog.

Weil Ea­sy­jet, zu­letzt der zwei­te be­vor­zug­te Bie­ter ne­ben der Luft­han­sa, of­fen­bar in letz­ter Mi­nu­te noch den Kauf­preis drü­cken will, stei­gen die Chan­cen von Con­dor aber wie­der, doch noch ei­ni­ge Jets aus dem ab­ge­stürz­ten Air-ber­linReich zu über­neh­men. Für die Luft­han­sa könn­te sich ein Ab­win­ken des bri­ti­schen Bil­lig­flie­gers ne­ga­tiv aus­wir­ken. „Falls Ea­sy­jet aus­steigt, wird die kar­tell­recht­li­che Ge­neh­mi­gung für Luft­han­sa noch schwie­ri­ger zu be­kom­men sein“, sag­te der Luft­ver­kehrs­be­ra­ter Ge­rald Wis­sel.

Ins­ge­samt 1,5 Mil­li­ar­den Eu­ro in­ves­tiert die Luft­han­sa in den De­al, vor al­lem für den Kauf der Air-ber­lin-flug­zeu­ge von Lea­sing-ge­sell­schaf­ten. An den deut­schen Bran­chen­pri­mus ge­hen die Air-ber­lin-töch­ter Ni­ki und LGW (Luft­fahrt­ge­sell­schaft Wal­ter) so­wie wei­te­re 20 Flie­ger von Air Ber­lin. Da­mit lan­den 81 von 134 Flug­zeu­gen der in­sol­ven­ten Grup­pe bei der Kra­nich-air­line. Zu­dem kön­nen 3000 der rund 8000 Air-ber­lin-be­schäf­tig­ten zu dem Kon­zern wech­seln, wie Luft­han­sa-chef Cars­ten Sp­ohr an­kün­dig­te. Air Ber­lin er­hält nach ei­ge­nen An­ga­ben et­wa 210 Mil­lio­nen Eu­ro als Kauf­preis.

Ge­werk­schaf­ten war­fen Sp­ohr vor, sich sei­ner so­zia­len Ver­ant­wor­tung zu ent­zie­hen. Denn nur rund 1300 der 3000 ge­nann­ten Mit­ar­bei­ter wer­den di­rekt über­nom­men wer­den – das sind die von Ni­ki und LGW, die die Luft­han­sa kom­plett über­nimmt. Die üb­ri­gen Mit­ar­bei­ter müs­sen sich bei der Kon­zern­toch­ter Eu­ro­wings neu be­wer­ben und fürch­ten Ge­halts­ein­bu­ßen.

Die Air-ber­lin-gläu­bi­ger ent­schei­den am 24. Ok­to­ber über den Ver­kauf, an­schlie­ßend prüft die eu­ro­päi­sche Wett­be­werbs­be­hör­de in Brüs­sel das Ge­schäft, was vor­aus­sicht­lich meh­re­re Mo­na­te dau­ern wird. Erst dann kann der Kauf for­mal voll­zo­gen wer­den.

Da­mit Air Ber­lin fi­nan­zi­ell in der La­ge bleibt, die für Luft­han­sa be­stimm­ten Ma­schi­nen in der Luft zu hal­ten, will der Dax-kon­zern Ni­ki-sitz­plät­ze kau­fen und wei­ter ver­mark­ten so­wie die Pro­pel­ler­ma­schi­nen, von de­nen bis Ju­ni ei­ne in Dres­den sta­tio­niert war, zu­nächst lea­sen, wie Sp­ohr er­läu­ter­te.

Aus Sp­ohrs Sicht än­dert das Aus für Air Ber­lin am in­ter­na­tio­na­len Trend sin­ken­der Ti­cket­prei­se nichts. Er kün­dig­te an, dass die Kon­zern­mar­ken Luft­han­sa und Eu­ro­wings sich auf be­stimm­ten Stre­cken ge­gen­sei­tig Kon­kur­renz ma­chen sol­len. Dies traf bei Ex­per­ten so­fort auf Skep­sis. „Kon­zer­ne wer­den aus kar­tell­recht­li­cher Sicht als ein Un­ter­neh­men an­ge­se­hen“, sag­te der Düs­sel­dor­fer Kar- tell­recht­ler Mar­tin Gramsch von der Kanz­lei Sim­mons & Sim­mons.

Air Ber­lin – die nach Luft­han­sa bis­her zweit­größ­te deut­sche Flug­li­nie – hat­te Mit­te Au­gust In­sol­venz an­ge­mel­det. Der Flug­be­trieb seit­dem war nur durch ei­nen Kre­dit des Bun­des über 150 Mil­lio­nen Eu­ro ge­si­chert. Mit der Kauf­sum­me der Luft­han­sa be­ste­he ei­ne gu­te Chan­ce, das Geld zu­rück­zu­zah­len, sag­te Air-ber­lin- Chef Tho­mas Win­kel­mann.

Sp­ohr kün­dig­te ein An­ge­bot an, „um im Aus­land ge­stran­de­ten Pas­sa­gie­ren der Air Ber­lin die Heim­rei­se zu ei­nem fai­ren Preis an­zu­bie­ten, so­fern wir die Ka­pa­zi­tä- ten da­für ha­ben“. Es ist un­klar, um wie vie­le Flug­gäs­te es da­bei geht. Dass Air Ber­lin al­le Langstre­cken­ver­bin­dun­gen am 15. Ok­to­ber ein­stellt, ist seit mehr als zwei Wo­chen be­kannt. Ab 28. Ok­to­ber gibt es dann gar kei­ne Flü­ge mit Ab-flug- num­mern mehr. Ti­ckets für spä­te­re Flü­ge ver­lie­ren ih­re Gül­tig­keit. Der Flug­ver- kehr der nicht in­sol­ven­ten Töch­ter Ni­ki, die auch in Leip­zig/hal­le ab­hebt, und LGW soll da­ge­gen wei­ter­ge­führt wer­den.

Fo­to: AP

Ein An­blick, der bald Ge­schich­te sein wird: Ei­ne Air-ber­lin-ma­schi­ne im Lan­de­an­flug.

Fo­to: dpa

Freut sich über den Ab­schluss: Luft­han­saChef Cars­ten Sp­ohr

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