„Kein Kö­nig mehr im Klas­sen­zim­mer“

Bis heu­te ist die Fach­zeit­schrift „Grund­schu­le“aus dem Wes­ter­mann-ver­lag ei­ner der wich­tigs­ten Pra­xis­rat­ge­ber für Lehr­kräf­te. Was hat sich seit der Grün­dung vor 50 Jah­ren im Grund­schul­we­sen ge­än­dert? Fra­gen an Prof. Dr. Uwe Sand­fuchs.

Leipziger Volkszeitung - - FAMILIE - In­ter­view: Kers­tin Hergt

Die Grün­dung der Zeit­schrift „Grund­schu­le“im Jahr 1967 fällt in ei­ne Ära, in der das Schlag­wort der an­ti­au­to­ri­tä­ren Er­zie­hung für ein Um­den­ken in der Kin­der­er­zie­hung sorg­te. Zu­fall? Kei­nes­wegs. Die Ent­wick­lung von Er­zie­hung und Schu­le hängt im­mer auch mit ge­sell­schafts­po­li­ti­schen Um­brü­chen zu­sam­men. Nach dem

Krieg herrsch­te ekla­tan­ter Lehrer­man­gel und die brach­lie­gen­den Po­ten­zia­le, wie et­wa die ho­he Lern­fä­hig­keit im Grund­schul­al­ter, konn­ten durch die vor­herr­schen­de volks­tüm­li­che Bil­dung nicht aus­rei­chend ge­nutzt wer­den. Schließ­lich wur­de der Ruf nach ei­ner Re­form des Grund­schul­we­sens im­mer lau­ter. Ent­schei­den­de Im­pul­se gin­gen vor al­lem von dem Päd­ago­gen Er­win Schwartz aus, der für mehr Chan­cen­gleich­heit in der Bil­dung ein­trat und Grund­schul­päd­ago­gik als ei­gen­stän­di­ge wis­sen­schaft­li­che Dis­zi­plin in der Leh­rer­aus­bil­dung eta­blier­te. Er war schließ­lich Initia­tor und Her­aus­ge­ber der Zeit­schrift „Grund­schu­le“, die bis heu­te ein wich­ti­ger Rat­ge­ber für Leh­rer ist. Die Zeit­schrift wirbt da­mit, „bren­nen­de Fra­gen des Be­rufs­all­tags“von Leh­rern zu be­ant­wor­ten. Was treibt denn die Päd­ago­gen heu­te in ers­ter Li­nie um? Das, was sie auch schon vor 50 Jah­ren be­schäf­tigt hat: Was soll wie ge­lernt wer­den und wel­che er­zie­he­ri­schen Maß­nah­men sind an­ge­bracht? Die­se Fra­gen stel­len sich im­mer wie­der aufs Neue. Hin­zu kommt na­tür­lich ein Bün­del an ak­tu­el­len Her­aus­for­de­run­gen wie Ganz­tag, In­te­gra­ti­on und In­klu­si­on. Aber auch das sind ei­gent­lich auch schon frü­her wich­ti­ge

The­men ge­we­sen.

In­wie­fern?

Hin­ter der In­te­gra­ti­on bei­spiels­wei­se steckt ei­ne ganz al­te Idee: Nach dem Ers­ten Welt­krieg wur­de die Grund­schu­le im Zu­ge der re­form­päd­ago­gi­schen Be­we­gung so or­ga­ni­siert, dass die bis da­hin gän­gi­gen pri­va­ten Vor­schu­len für spä­te­re Gym­na­si­as­ten weg­fie­len. Die Grund­schu­le soll­te für al­le Kin­der ver­bind­lich sein, egal, wel­cher Her­kunft sie wa­ren.

Als vor rund fünf­zig Jah­ren die ers­ten Gas­t­ar­bei­ter­fa­mi­li­en nach Deutsch­land ka­men, stell­te sich die Fra­ge der In­te­gra­ti­on neu. Im Zu­ge des­sen wur­den so­gar ei­ge­ne Aus­län­der­schu­len ein­ge­rich­tet, aber die­ses Mo­dell ist ge­schei­tert. In­te­gra­ti­on funk­tio­niert eben nicht durch Aus­gren­zung. Die ak­tu­el­le In­klu­si­on macht nun voll­ends Ernst mit der Grund­schu­le als Schu­le für al­le Kin­der.

Nun kämp­fen Lehr­kräf­te so­wohl bei der In­klu­si­on als auch bei der In­te­gra­ti­on mit vie­len Pro­ble­men.

Es braucht viel Sach­ver­stand und Er­fah­rung, um in­di­vi­du­el­le Lö­sun­gen zu fin­den. Dem trägt auch die Aus­bil­dung an den Hoch­schu­len mitt­ler­wei­le ver­stärkt Rech­nung, in­dem sie viel Pra­xis in­te­griert hat. Noch mehr braucht es aber per­so­nel­le Res­sour­cen an den Schu­len. Nicht zu un­ter­schät­zen ist auch das Er­for­der­nis von Te­am­work im Kol­le­gi­um und mit So­zi­al­ar­bei­tern oder Psy­cho­lo­gen. Die Lehr­kraft ist heu­te nicht mehr Kö­nig im Klas­sen­zim­mer.

Ge­ra­de bei der Ein­bin­dung der El­tern geht es ja heu­te auch sehr de­mo­kra­tisch zu. Wie wich­tig ist der Aus­tausch zwi­schen Leh­rern und Er­zie­hungs­be­rech­tig­ten?

Er­zie­hung kann nur ge­lin­gen, wenn Leh­rer und El­tern zu­sam­men­wir­ken. Da­zu ge­hört ein ge­wis­ses Ver­trau­ens­ver­hält­nis. Ei­ne gu­te Lehr­kraft be­zieht die Vor­stel­lun­gen und Wün­sche von El­tern ein, ver­tritt aber auch of­fen­siv ih­re Lehr­me­tho­de, die sie in der Dis­kus­si­on nach­voll­zieh­bar be­grün­den muss.

Wie steht es um die Aus­ein­an­der­set­zung mit den Schü­lern? Heu­te wird von Leh­rern oft­mals be­män­gelt, dass es an Dis­zi­plin und Re­spekt fehlt.

Re­spekt­lo­sig­keit ge­gen­über Au­to­ri­tä­ten ist heu­te ein all­ge­mei­nes Pro­blem. Was sich in der Schu­le ab­bil­det, kommt teil­wei­se auch aus dem El­tern­haus. Und auch wenn Leh­rer sich bei El­tern be­schwe­ren, er­tra­gen die­se häu­fig kei­ne Kri­tik an ih­rem Kind. Wer heu­te un­ter­rich­tet, muss sich Sach­au­to­ri­tät er­wer­ben.

Soll­te ei­ne No­te für „Be­tra­gen“wie­der ein­ge­führt wer­den?

Auf kei­nen Fall. Man hat sie ab­ge­schafft, weil sie nichts Po­si­ti­ves ge­bracht hat.

Auch die Zen­sur für Schrift und Form ist ab­ge­schafft. Seit­dem sind Hand­schrift und Recht­schrei­bung in Ver­ruf ge­ra­ten, an Qua­li­tät ein­ge­büßt zu ha­ben. Wa­ren die Kon­zep­te für den Deutsch­un­ter­richt frü­her bes­ser?

Nein. Es liegt auch nicht an der zu Un­recht viel ge­schol­te­nen Me­tho­de „Le­sen durch Schrei­ben“, dass Schrift und Recht­schrei­bung lei­den. Die im­mer kom­ple­xer wer­den­den Lehr­plä­ne las­sen viel­fach nicht ge­nü­gend Zeit, um Schrei­ben und Recht­schrei­ben zu üben. Ich den­ke aber, dass Päd­ago­gen wie­der da­hin kom­men wer­den, nicht nur auf den In­halt, son­dern auch auf die äu­ße­re Form zu ach­ten. Es braucht mehr Zeit für die Kon­zen­tra­ti­on auf Ar­beits­tech­ni­ken.

Die Lehr­kraft ist heu­te nicht mehr Kö­nig im Klas­sen­zim­mer. Uwe Sand­fuchs, Pro­fes­sor für Grund­schul­päd­ago­gik

Die Di­gi­ta­li­sie­rung hat den Grund­schul­un­ter­richt noch nicht er­reicht. Woran liegt’s?

Di­gi­ta­le Kom­pe­tenz ist ei­ne Ba­sis­kom­pe­tenz. Sie muss auf ei­ner Stu­fe mit Le­sen, Schrei­ben und Rech­nen ste­hen, kommt aber in der Tat zu lang­sam. Haupt­grund ist das knap­pe Bud­get, das die Län­der da­für zur Ver­fü­gung ha­ben. Hier ist der Bund ge­fragt.

Wie stel­len sich ei­gent­lich heu­ti­ge Grund­schü­ler die idea­le Lehr­kraft vor?

Da hat es schon vie­le Um­fra­gen ge­ge­ben, und sie kom­men al­le zum glei­chen Er­geb­nis: Lie­be­voll, streng und ge­recht soll sie sein – und schick oben­drein.

Fo­to: istock

Lehr­kräf­ten stellt sich heu­te ein gan­zes Bün­del an neu­en Her­aus­for­de­run­gen – Ganz­tag, In­te­gra­ti­on, In­klu­si­on.

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