Den Teu­fels­kreis durch­bre­chen

Leipziger Volkszeitung - - FAMILIE -

Nie­mand hat sie gern, ob­wohl sie le­bens­wich­tig sind: Schmer­zen. Oh­ne sie wür­den wir nicht mer­ken, dass die Haut in der Son­ne zu ver­bren­nen droht oder ein ge­prell­tes Hand­ge­lenk Scho­nung braucht. In die­ser Warn­funk­ti­on ist der Schmerz der „bel­len­de Wach­hund der Ge­sund­heit“, wie es be­reits in der An­ti­ke hieß. Was aber, wenn es wei­ter bohrt, sticht und brennt, ob­wohl der Schmerz sei­ne Warn­funk­ti­on längst er­füllt hat? Die mul­ti­moda­le Schmerz­the­ra­pie am Sa­na Kli­ni­kum Bor­na ver­spricht Bes­se­rung bei chro­ni­schen Schmer­zen. Von ei­nem chro­ni­schen Schmerz spre­chen Me­di­zi­ner, wenn der Schmerz min­des­tens drei bis sechs Mo­na­te an­hält. Die Be­trof­fe­nen sind in ih­rer Mo­bi­li­tät ein­ge­schränkt, vie­le zie­hen sich zu­rück, füh­len sich ih­ren täg­li­chen Auf­ga­ben nicht mehr ge­wach­sen, sind nie­der­ge­schla­gen, das Den­ken kreist um den Schmerz. In ih­rer Ur­sa­che sind die chro­ni­schen Schmer­zen im Ver­gleich zu aku­ten Schmer­zen kom­ple­xer. Bei der Ent­ste­hung spie­len nicht nur Schä­di­gun­gen ei­ne Rol­le – wie zum Bei­spiel Ver­schleiß­er­schei­nun­gen an den Ge­len­ken oder Ner­ven­schä­den durch ei­ne Che­mo­the­ra­pie –, son­dern auch see­li­sche Be­las­tun­gen, Funk­ti­ons­stö­run­gen der Mus­ku­la­tur oder Steue­rungs­feh­ler des ve­ge­ta­ti­ven Ner­ven­sys­tems, das au­to­ma­tisch ab­lau­fen­de kör­per­li­che Pro­zes­se re­gu­liert. Aus die­sem Grund gilt der chro­ni­sche Schmerz als ein ei­gen­stän­di­ges Krank­heits­bild und be­darf ei­ner spe­zia­li­sier­ten, fach­über­grei­fen­den Be­hand­lung.

Chro­ni­scher Schmerz ist kei­ne Ran­der­schei­nung

Laut Deut­scher Schmerz­ge­sell­schaft e.v. kla­gen et­wa zwölf Mil­lio­nen Men­schen in Deutsch­land über lang­an­hal­ten­de Schmer­zen. Bis die Be­trof­fe­nen ei­ne wirk­sa­me Be­hand­lung er­hal­ten, ver­ge­hen im Durch­schnitt sie­ben Jah­re und bei mehr als 20 Pro­zent der Pa­ti­en­ten sind es so­gar mehr als 20 Jah­re. „Ein lan­ger Lei­dens­weg birgt ho­he Ri­si­ken“, er­klärt Ober­ärz­tin Dr. Bri­git­te Rönsch, Fach­ärz­tin für Anäs­the­sio­lo­gie und ei­ne von sechs spe­zia­li­sier­ten Schmerz­the­ra­peu­ten am Zen­trum für Schmerz­the­ra­pie. „Es droht ein ge­fähr­li­cher Kreis­lauf: Die Schmer­zen wer­den von den Be­trof­fe­nen als un­kon­trol­lier­bar wahr­ge­nom­men und be­las­ten die See­le. Stress und Schmerz füh­ren da­zu, dass sich die Be­trof­fe­nen zu­rück­zie­hen und Ak­ti­vi­tä­ten ver­mei­den, die ver­meint­lich Schmer­zen be­rei­ten. Die Pas­si­vi­tät führt zum Mus­kelab­bau und zu Fehl­hal­tun­gen. Die Mus­keln ver­kramp­fen und die Schmer­zen wer­den stär­ker, was wie­der­um das Ver­mei­dungs­ver­hal­ten ver­stärkt.“Am Zen­trum für Schmerz­the­ra­pie der Sa­na Kli­ni­ken in Bor­na ar­bei­ten die Schmerz­spe­zia­lis­ten in Ko­ope­ra­ti­on mit Fach­ärz­ten an­de­rer Fach­rich­tun­gen, Psy­cho­lo­gen und The­ra­peu­ten zu­sam­men.

Ein viel­schich­ti­ges Krank­heits­bild braucht ei­ne viel­schich­ti­ge The­ra­pie

Der Be­griff mul­ti­modal setzt sich aus den la­tei­ni­schen Be­grif­fen mul­ti = viel und mo­dus = Art, Wei­se zu­sam­men. Er be­deu­tet, dass klas­sisch me­di­zi­ni­sche Ver­fah­ren mit der phy­si­ka­li­schen The­ra­pie, psy­cho­lo­gi­scher Be­treu­ung, Psy­cho­edu­ka­ti­on und Ent­span­nungs­ver­fah­ren kom­bi­niert wer­den. Die Ver­schrei­bung von Schmerz­mit­teln ist da­bei nur ei­ner von meh­re­ren An­sät­zen und noch nicht mal die The­ra­pie der ers­ten Wahl: „Wir ver­su­chen die An­wen­dung von Me­di­ka­men­ten, ins­be­son­de­re von opi­oi­den Schmerz­mit­teln, al­so Be­täu­bungs­mit­teln, im Rah­men zu hal­ten“, sagt Dr. Rönsch. „Wich­ti­ger ist es uns, das Po­ten­zi­al we­ni­ger be­las­ten­der The­ra­pi­en wie z. B. der Phy­sio­the­ra­pie aus­zu­schöp­fen.“Doch vor Be­ginn ei­ner je­den mul­ti­moda­len The­ra­pie steht die Dia­gno­se. Ein je­der Be­trof­fe­ne wird im Rah­men der Mul­ti­moda­len Schmerz­the­ra­pie vom Schmerz­the­ra­peu­ten auf­ge­nom­men, der die Be­hand­lung lei­tet und ko­or­di­niert und ne­ben der Er­he­bung der Kran­ken­ge­schich­te und der schmerz­the­ra­peu­ti­schen Un­ter­su­chung die in­di­vi­du­el­le Ziel­stel­lung und Er­war­tung an die The­ra­pie aus Sicht des Pa­ti­en­ten auf­nimmt und ab­gleicht. Eben­so un­ter­su­chen die Ärzte der ver­schie­de­nen Fach­rich­tun­gen so­wie die Psy­cho­lo­gen und un­ter­schied­li­chen The­ra­peu­ten den Pa­ti­en­ten un­ter dem Blick­win­kel ih­rer Pro­fes­si­on und tra­gen ih­re Er­geb­nis­se im Rah­men ei­ner ge­mein­sa­men The­ra­pie­pla­nung zu­sam­men. Erst dar­aus er­gibt sich ein mul­ti­pro­fes­sio­nell und in­ter­dis­zi­pli­när ab­ge­stimm­tes The­ra­pie­kon­zept. Das für den Be­trof­fe­nen in­di­vi­du­el­le The­ra­pie­pro­gramm wird fest­ge­legt und mit dem Pa­ti­en­ten be­spro­chen.

Neu­es­te Ver­fah­ren aus der Schmerz­me­di­zin und Phy­sio­the­ra­pie

In der me­di­ka­men­tö­sen The­ra­pie ste­hen den Be­hand­lern be­son­ders wirk­sa­me und scho­nen­de Ver­fah­ren zur Ver­fü­gung. Da­bei hat die Ga­be von Me­di­ka­men­ten zu­nächst das Ziel, den Schmerz so weit zu re­du­zie­ren, dass der Schmerz­kreis­lauf un­ter­bro­chen ist. Häu­fig kön­nen erst dann phy­sio- oder er­go­the­ra­peu­ti­sche Maß­nah­men grei­fen.

Ne­ben der Ein­nah­me von Me­di­ka­men­ten kann er­gän­zend oder al­ter­na­tiv ei­ne In­jek­ti­on von schmerz­lin­dern­den oder ent­zün­dungs­hem­men­den Sub­stan­zen ex­akt am Ort des Ge­sche­hens sinn­voll sein. Hier­bei ent­wi­ckel­te sich in den letz­ten Jah­ren der Ul­tra­schall, den vie­le von Un­ter­su­chun­gen beim Haus­arzt und In­ter­nis­ten ken­nen, zu ei­nem her­vor­ra­gen­den Hilfs­mit­tel, wel­ches die ge­ziel­te Ver­ab­rei­chung von Me­di­ka­men­ten un­ter Sicht er­mög­licht bzw. für be­stimm­te Ziel­struk­tu­ren erst mög­lich ge­macht hat. Ein we­sent­li­cher Vor­teil ist da­bei, dass ei­ne Strah­len­be­las­tung nicht ent­steht. Auf­grund der ho­hen Be­tei­li­gung der Mus­ku­la­tur an vie­len chro­ni­schen Schmer­zen ist die Phy­sio­the­ra­pie ei­ne der Haupt­säu­len der mul­ti­moda­len Schmerz­be­hand­lung. Sie dient der Ver­bes­se­rung der Be­weg­lich­keit, dem Lö­sen schmerz­haf­ter Ver­kramp­fun­gen und dem Aus­gleich mus­ku­lä­rer Fehl­funk­tio­nen. Spie­len Stö­run­gen der Fein­mo­to­rik und der Ko­or­di­na­ti­on im Schmerz­ge­sche­hen ei­ne Rol­le, kommt die Er­go­the­ra­pie ins Spiel. In der psy­cho­lo­gi­schen Be­treu­ung ler­nen die Pa­ti­en­ten, die Zu­sam­men­hän­ge zwi­schen Schmerz, Emo­ti­on, Stress und so­zia­lem Rück­zug zu ver­ste­hen. Das Ver­ste­hen ist ein ers­ter Schritt, mit dem Schmerz bes­ser um­ge­hen zu kön­nen. Dar­über hin­aus hel­fen Ent­span­nungs­ver­fah­ren wie die Pro­gres­si­ve Mus­kel­re­la­xa­ti­on oder das Au­to­ge­ne Trai­ning über den Weg der kör­per­li­chen und see­li­schen Ent­span­nung, die Be­schwer­den zu lin­dern.

Ziel der Be­hand­lung ist es aus un­se­rer Sicht, das Kör­per­ge­fühl der Pa­ti­en­ten zu stär­ken, Selbst­be­wusst­sein und Si­cher­heit im Um­gang mit dem ei­ge­nen Kör­per wie­der zu­rück zu er­lan­gen. Die Pa­ti­en­ten kön­nen ler­nen, sich selbst zu ver­trau­en, ih­re ei­ge­nen Stär­ken und Res­sour­cen zu ent­de­cken und ih­re ei­ge­nen Fä­hig­kei­ten wie­der nut­zen zu ler­nen. Un­se­re Pa­ti­en­ten sind al­so nicht nur Be­trof­fe­ne, son­dern un­ser wich­tigs­ter Part­ner im Be­hand­lungs­pro­zess.

Die Ba­sis für den lang­fris­ti­gen Er­folg le­gen

Ei­ne sta­tio­nä­re Mul­ti­moda­le Schmerz­the­ra­pie dau­ert durch­schnitt­lich 15 Ta­ge. In die­ser Zeit wer­den al­le Fak­to­ren, die den Schmerz be­ein­flus­sen, so ein­ge­stellt, dass sich der Zu­stand lang­fris­tig ver­bes­sern kann. „80 Pro­zent der Pa­ti­en­ten be­rich­ten am En­de der Be­hand­lung, dass die Schmer­zen ge­rin­ger ge­wor­den sind. Aber ge­ra­de, wenn die Be­schwer­den schon seit Län­ge­rem be­ste­hen, braucht es Ge­duld und ei­ne am­bu­lan­te Wei­ter­füh­rung der Be­hand­lung“, sagt Dr. Rönsch. „Ich bie­te den Pa­ti­en­ten im­mer ei­ne Wei­ter­be­treu­ung in mei­ner am­bu­lan­ten Schmerz­sprech­stun­de an.“

Ro­bert Kneschke, Shut­ter­stock

Das rich­ti­ge Maß an Be­we­gung kann die Be­weg­lich­keit ver­bes­sern.

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