Schmerz, lass nach

Leipziger Volkszeitung - - FAMILIE -

Die Neu­ro­sti­mu­la­ti­on ist ei­ne be­währ­te und scho­nen­de Al­ter­na­ti­ve zur me­di­ka­men­tö­sen Be­hand­lung und kann chro­ni­schen Schmerz­pa­ti­en­ten ei­ne deut­li­che Schmerz­lin­de­rung bis hin zur Schmerz­frei­heit er­mög­li­chen.

Für Men­schen mit ei­nem jah­re­lan­gen Lei­dens­weg klingt es wie ei­ne Ver­hei­ßung: ein leich­tes Krib­beln er­setzt den Schmerz. Das Ver­fah­ren, das es mög­lich macht, heißt Neu­ro­sti­mu­la­ti­on (neu­ro = die Ner­ven be­tref­fend/sti­mu­la­tio = Rei­zung). Um die Funk­ti­ons­wei­se zu ver­ste­hen, ist es wich­tig zu wis­sen, wie Schmer­zen ent­ste­hen. Ver­ein­facht ge­sagt, ist ein Schmerz zu­nächst ein Si­gnal, das von Füh­lern – den so­ge­nann­ten Re­zep­to­ren – auf der Haut oder an den Or­ga­nen auf­ge­nom­men wird. Die­ses Si­gnal wird als elek­tri­scher Im­puls über spe­zi­el­le Schmerz­fa­sern an das Rü­cken­mark und von dort aus an das Ge­hirn wei­ter­ge­lei­tet. Der Im­puls wird aber erst dann als ein schmerz­haf­tes Bren­nen, Ste­chen, Po­chen wahr­ge­nom­men, wenn er im Ge­hirn als Schmerz in­ter­pre­tiert wird. „Die Neu­ro­sti­mu­la­ti­on hemmt nun die Wei­ter­lei­tung der Schmerz­si­gna­le, be­vor sie das Ge­hirn er­rei­chen“, er­klärt Dr. Kai He­renz, Neu­ro­chir­urg und Ober­arzt an der Kli­nik für Kopf- und spi­na­le Mi­kro­chir­ur­gie am Kli­ni­kum Bor­na. Da­für wer­den in der Nä­he des Rü­cken­marks ein oder zwei Elek­tro­den plat­ziert und ggf. nach ei­ner po­si­ti­ven Test­pha­se ein Neu­ro­sti­mu­la­tor im­plan­tiert, der bis zu sie­ben Jah­re im Kör­per blei­ben kann. Der Neu­ro­sti­mu­la­tor sen­det über die Elek­tro­de Im­pul­se an spe­zi­el­le Ner­ven­bah­nen im Rü­cken­mark. Die­se Im­pul­se be­wir­ken ei­ne Über­la­ge­rung der Schmerz­si­gna­le. Statt des Schmer­zes nimmt der Pa­ti­ent ein Krib­beln wahr. Das Ver­fah­ren ist prak­tisch ne­ben­wir­kungs­frei, ri­si­ko­arm und zum Bei­spiel ge­eig­net für Pa­ti­en­ten mit chro­ni­schen Schmer­zen des Rü­ckens, Na­ckens und der Glied­ma­ßen in­klu­si­ve der Ge­len­ke; für Men­schen mit so­ge­nann­ten neu­ro­pa­thi­schen Schmer­zen, die durch ei­ne Che­mo­the­ra­pie, Dia­be­tes oder durch Nar­ben­ge­we­be in­fol­ge von Wir­bel­säu­len­ope­ra­tio­nen ent­ste­hen kön­nen. Es kann auch ein­ge­setzt wer­den bei Schmer­zen, die durch ei­ne ar­te­ri­el­le pe­ri­phe­re Ver­schluss­krank­heit – im Volks­mund Schau­fens­ter­krank­heit ge­nannt – ver­ur­sacht wer­den. Dr. He­renz re­sü­miert: „Bei bis zu 80 Pro­zent der Be­trof­fe­nen führt das Ver­fah­ren zu ei­ner deut­li­chen Schmerz­lin­de­rung oder voll­stän­di­gen Schmerz­frei­heit. Schmerz­mit­tel kön­nen stark re­du­ziert, in man­chen Fäl­len so­gar ab­ge­setzt wer­den. Nie­re und Le­ber wer­den ent­las­tet und die Le­bens­qua­li­tät steigt.“

Bei der Neu­ro­sti­mu­la­ti­on wird Pa­ti­en­ten über die Rü­cken­mark­shaut ei­ne na­del­dün­ne Elek­tro­de im­plan­tiert. Ro­bin Kunz

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