Klas­sen­tref­fen der Per­for­mer

Die kon­zep­tio­nell über­ar­bei­te­te Re­si­denz des Leip­zi­ger Schau­spiels lädt zur prall ge­füll­ten Sai­son-er­öff­nung

Leipziger Volkszeitung - - KULTUR - VON DIMO RIESS

„Hou­se War­ming“, da­für gab es mal das deut­sche Wort Ein­wei­hungs­par­ty, das im Lau­fe der 90er Jah­re ir­gend­wie ab­han­den ge­kom­men ist. „Hou­se War­ming“, so heißt auch die ab heu­te Abend statt­fin­den­de Er­öff­nung der Re­si­denz des Leip­zi­ger Schau­spiels. Ein An­gli­zis­mus, der viel­leicht auch dem sach­ten pro­gram­ma­ti­schen Schwenk ge­schul­det ist: Die Re­si­denz, die dem wei­ten Feld der Per­for­mance-kunst zu­ge­dach­te Ko­pro­duk­ti­ons­büh­ne des Schau­spiels, will sich et­was in­ter­na­tio­na­ler ge­ben, schaut, so das Ziel, ver­mehrt auf eu­ro­päi­sche Po­si­tio­nen.

Iva­na Mül­ler, die aus Kroa­ti­en stam­men­de, in Pa­ris le­ben­de und in­ter­na­tio­nal ar­bei­ten­de Per­for­mance-künst­le­rin, ist das bes­te Bei­spiel. Do­ris Uh­lich aus Wi­en, ge­ra­de für den Ne­s­troy-preis no­mi­niert, kommt eben­falls in die Re­si­denz. Mit ei­nem Gast­spiel und ei­nem Work­shop prä­sen­tiert sich die bri­ti­sche Künst­ler­grup­pe „Forced En­ter­tain­ment“.

Fast al­le Künst­ler, die im Lau­fe der Spiel­zeit in der Re­si­denz ih­re Stü­cke ent­wi­ckeln, zei­gen sich mit Ar­bei­ten heu­te und mor­gen im Rah­men des „Hou­se War­mings“. Tho­mas Frank, seit ei­nem Jahr Künst­le­ri­scher Lei­ter der Re­si­denz, hat das au­ßer­ge­wöhn­lich dich­te Per­for­mer­klas­sen­tref­fen or­ga­ni­siert. „Das ist in die- ser Form auch für die Künst­ler und für mich et­was Be­son­de­res“, sagt er. Aus­tausch un­ter den Künst­lern ist al­so mög­lich, und Aus­tausch ist ein Ziel der Re­si­denz. Auch mit dem Pu­bli­kum, wes­halb ein paar ar­chi­tek­to­ni­sche Ve­rän­de­run­gen vor­ge­nom­men wur­den. Ein Ne­ben­raum soll mehr Ge­sprä­che nach den Vor­stel­lun­gen er­mög­li­chen.

Iva­na Mül­ler setzt sich heu­te und mor­gen in „We are still watching“in par­ti­zi­pa­ti­ver Form mit Fra­gen der Re­prä­sen­ta­ti­on aus­ein­an­der. Uh­lich über­setzt in „Ra­ve­ma­chi­ne“Sounds des elek­tri­schen Roll­stuhls des Tän­zers Micha­el Tur­ins­ky in Tech­no-beats. Her­mann Hei­sig lädt zu sei­ner Per­for­mance-in­stal­la­ti­on „Die Bu­de“ein. Ju­li­an Het­zel ver­lässt die Re­si­denz für sei­ne Stadt­raumin­ter­ven­ti­on „Ob­st­a­cle“. Zehn Per­for­mer las­sen ei­ne per­for­ma­ti­ve Skulp­tur ent­ste­hen. Dou­ble­lu­cky Pro­duc­tions sind zwar nicht per­sön­lich an­we­send, zei­gen aber ih­re Vi­deound Fo­to­in­stal­la­ti­on „Shoot out“. Die do­ku­men­tiert das Miss­lin­gen ei­nes gro­ßen Pro­jekts. Mit ent­las­se­nen Opel­ar­bei­tern soll­ten iko­no­gra­fi­sche Bil­der ge­schaf­fen wer­den, die die Chan­ce im Schei­tern zei­gen.

Au­ßer­dem ge­ben heu­te Pl­an­ningto­rock, „ton­an­ge­bend im quee­ren Gen­der­dis­kurs“, wie Frank an­merkt, das Kon­zert „Hu­man Dra­ma“, das ei­nen Zu­gang zu die­sem Dis­kurs eb­nen soll. Den Ab­schluss macht mor­gen „Ra­ve­night“, Uh­lich und DJ Bo­ris Ko­pei­nig la­den zum Ma­schi­nen­ra­ve.

Uh­lich, die in Leip­zig auch schon an der Schau­büh­ne und im Lofft zu se­hen war, setzt ihr The­ma an der Re­si­denz mit „Every Bo­dy Electric“im Fe­bru­ar fort. „Men­schen tan­zen, de­ren Kör­per ge­mein­hin nicht mit Kraft as­so­zi­iert wer­den“, heißt es in der An­kün­di­gung. „Uh­lich sucht im­mer An­ti­po­den zu sich selbst, nach Be­we­gungs­ma­te­ri­al, das dia­me­tral zu ih­rem steht“, skiz­ziert Frank ihr Vor­ge­hen. Im Fe­bru­ar ent­ste­he ei­ne auf­wen­di­ge Pro­duk­ti­on, die mit Leip­zi­gern neu er­ar­bei­tet wer­de. Auch die Zu­sam­men­ar­beit mit Leip­zi­gern ist ein er­klär­tes Ziel der Re­si­denz.

Ei­ne the­ma­ti­sche Leit­li­nie hat sich Frank für das Re­si­denz-pro­gramm nicht ge­setzt. Wich­tig sind ihm in­no­va­tiv er­schei­nen­de künst­le­ri­sche Zu­grif­fe und ei­ne Büh­nen­spra­che, die ei­nen ge­sell­schaft­li­chen Kon­text mit­denkt. Her­aus­ge­kom­men ist ein Pro­gramm mit ar­ri­vier­ten Künst­lern, Nach­wuchs­för­de­rung hat sich die Re­si­denz nicht auf die Fah­nen ge­schrie­ben. „Iva­na Mül­ler hal­te ich für den zeit­ge­nös­si­schen künst­le­ri­schen Dis­kurs für sehr wich­tig“, sagt Frank. Solch prä­gen­de Po­si­tio­nen will er nach Leip­zig ho­len. Für die Per­for­mance-sze­ne wie­de­art rum sei­en Forced En­ter­tain­ment, be­reits 1984 ge­grün­det, enorm ein­fluss­reich. „Zum Work­shop der Grup­pe ha­ben sich Schau­spie­ler aus der gan­zen Re­pu­blik an­ge­mel­det, zum Bei­spiel vom Tha­lia Thea­ter Ham­burg. Aus der frei­en Sze­ne in Leip­zig sind Künst­ler da­bei und aus dem Hgb-um­feld.“In je­der Stadt schaue die Sze­ne zu­erst auf sich selbst. „Frucht­bar wird es, wenn man das auf­s­prengt“, sagt Frank. Work­shops oder die be­reits statt­fin­den­den halb-öf­fent­li­chen Pro­ben sei­en gu­te Werk­zeu­ge da­zu.

Ne­ben den ge­nann­ten Künst­lern pro­du­ziert die Ber­li­ner Grup­pe She She Pop in der Re­si­denz. Am 9. März star­tet „Ei­gen­tum. Ein Ora­to­ri­um“. Zu­sam­men mit Leip­zi­ger Künst­lern geht es, ori­en­tiert an Brechts Lehr­stück-theo­rie, um Be­sitz­ver­hält­nis­se und da­durch ent­ste­hen­de Ver­wer­fun­gen.

Die ers­te Sai­son-pre­mie­re fin­det am 27. Ok­to­ber statt, und das Kon­zept klingt et­was un­ge­wöhn­lich. Iva­na Mül­ler zeigt „Con­ver­sa­ti­ons out of Place“. An­sich­ten über Be­grif­fe wie Ar­beit, Ge­mein­schaft oder Glück sol­len von Darstel­lern in Be­geg­nung mit ei­ner Pflan­ze ver­kör­pert wer­den.

 Hou­se War­ming, Re­si­denz (Spin­ne­reis­tr. 7, Hal­le 18): heu­te und mor­gen ab 18 Uhr, al­le Ter­mi­ne: www.schau­spiel-leip­zig.de; Kar­ten: 0341 1268168

Fo­to: Pe­ter Empl

In „Ra­ve­ma­chi­ne“von Do­ris Uh­lich und Micha­el Tur­ins­ky ver­bin­det sich der elek­tri­sche Roll­stuhl mit Tech­no.

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