Flüch­ti­ges und va­ges „Spiel im Sand“

Mu­sik­thea­ter-urauf­füh­rung An der Oper Hal­le

Leipziger Volkszeitung - - KULTUR - VON RO­LAND H. DIPPEL

Es ist die Er­öff­nung des zehn­ten Im­pul­sFes­ti­vals für Neue Mu­sik Sach­sen-an­halt und zugleich der letz­te Zy­klus der Oper Hal­le mit der Raum­büh­ne He­te­ro­to­pia von Se­bas­ti­an Han­nak, no­mi­niert für den Thea­ter­preis „Der Faust“. Das Pu­bli­kum sitzt auf der Haupt­büh­ne, das fünf­köp­fi­ge „Ishtar En­sem­ble“auf der Sei­ten­büh­ne. Bei die­ser Urauf­füh­rung steht die Fra­ge nach dem „War­um“von Ver­nich­tungs­wut im Os­ten und Ge­walt im Wes­ten über den Kom­po­si­tio­nen. Fei­ner Sand rie­selt im ers­ten Teil aus ei­ner Ra­ke­te, die As­trid Veh­stedt dro­hend über der Spiel­flä­che hän­gen lässt. Leicht und un­ab­läs­sig ver­teilt er sich. Zwei is­la­mi­sche Bür­ger äu­ßern ag­gres­siv Un­mut. Die von gro­ßen mo­ra­li­schen Wor­ten des „Kämp­fers“hoch­ge­peitsch­ten Is-sym­pa­thi­san­ten at­ta­ckie­ren ei­nen Frem­den le­bens­be­dro­hend. Da­bei will die­ser hel­fen.

Mit Per­cus­sions und dar­über ei­ni­gen Ario­si hat die Chi­ne­sin Ley­an Zhang die­ses dra­ma­ti­sche Cre­scen­do ver­tont. Da­vor schafft sie epi­sche Dis­tanz mit dem So­lo­pro­log der Mut­ter­göt­tin Ishtar (Aza­lee Thay­er). Pia Wes­sels‘ Ko­s­tü­me ver­hei­ßen do­ku­men­ta­ri­sche Deut­lich­keit. Doch As­trid Veh­stedts Ins­ze­nie­rung fin­det zwi­schen rea­lis­ti­scher Fi­gu­ren­be­we­gung und et­was ver­lang­sam­ter Spiel­mo­to­rik kei­ne mit­rei­ßen­de Po­si­ti­on. Vor al­lem Bas­sim Al Tya­eb und Mu­ham­med Ayad be­ein­dru­cken als „Bür­ger“durch ih­re en­er­gisch be­wäl­tig­ten Wech­sel von Ak­ti­on, Tanz und Dia­lo­gen in min­des­tens vier Spra­chen – Eng­lisch, Spa­nisch, Deutsch, Ara­bisch.

Ein Zeit- und Orts­sprung ver­setzt den zwei­ten Teil zu­rück nach An­da­lu­si­en wäh­rend der „Guar­dia ci­vil“um 1936. Jetzt wan­delt sich der Ba­ri­ton Mar­tin Häß­ler vom „Kämp­fer“zum dort „Frem­den“, dem Al­ter Ego des im Spa­ni­schen Bür­ger­krieg er­schos­se­nen Dich­ters Fe­de­ri­co Gar­cia Lor­ca. Ama­deu Tas­ca, auch er Ba­ri­ton, wird vom be­droh­ten „Frem­den“zum macht­gie­ri­gen „Ser­geant“, der auch die Vor­ge­setz­te ge­walt­tä­tig at­ta­ckiert. Hier fin­det Fes­ti­val­lei­ter Hans Rot­man in sei­ner ers­ten Par­ti­tur für das Im­puls-fes­ti­val me­lo­di­sche Klän­ge. Das be­kommt noch stär­ke­re Be­we­gung durch ei­nen ein­fa­chen, mu­ti­gen Kunst­griff: Es gibt kei­nen Di­ri­gen­ten, die Mu­si­ker und Sän­ger agie­ren un­ter­ein­an­der.

Ab­ge­hack­te In­for­ma­ti­ons­split­ter über die er­gän­zend ge­dach­te Be­deu­tung fun­da­men­ta­lis­ti­scher Struk­tu­ren in Teil eins und das Aus­ein­an­der­bre­chen der Macht „auf ih­rem Hö­he­punkt“in Teil zwei blei­ben schwer zu ent­schlüs­seln. Das liegt auch an der sehr un­ter­schied­li­chen An­la­ge der Par­ti­tu­ren Ley­an Zhangs und Hans Rot­mans. Die Text­fak­tur bei Zhang ist lü­cken­haft und äu­ßerst ver­knappt. Im zwei­ten Teil bei Rot­man ar­ti­ku­lie­ren sich die vom Ser­gean­ten ge­stürz­te Vor­ge­setz­te (de­ren Me­lo­die­bö­gen er­füllt Ju­lie Mar­tin du Theil mit stimm­li­chem Blü­hen) und der „Frem­de“mit Lor­cas Wor­ten im Ver­hör me­ta­pho­risch. Die Schwin­gun­gen der bei­den „Ver­füh­run­gen zur Macht“zu­ein­an­der blei­ben un­ent­schlos­sen.

Der Mut zu drei Vor­stel­lun­gen für Ju­gend­li­che und Fa­mi­li­en for­dert Re­spekt. Der Af­fekt zählt stark, die Mo­to­rik be­ein­druckt, der sze­ni­schen Ent­schlüs­se­lung feh­len Hal­tung und der boh­ren­de Tie­fen­blick. Man be­rührt nur die Ober­flä­che der Spi­ra­le von Ge­walt und ideo­lo­gi­scher Geg­ner­schaft. Des­halb bleibt die­ses „Spiel im Sand“flüch­tig und va­ge. Der en­ga­gier­te Ein­satz des mit Sän­gern und per­for­ma­tiv er­fah­re­nen Gäs­ten be­setz­ten jun­gen En­sem­bles be­ein­druckt je­doch. Star­ker Ap­plaus für al­le.

 Wie­der Am 14. Ok­to­ber, 11 Uhr, und 15. Ok­to­ber, 15 Uhr, Tel. 0345 551077, www.bue­h­nen-hal­le.de

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