Bild­pa­ra­beln zwi­schen Angst­traum und Hoff­nung

DAS Kunst­mu­se­um Mo­ritz­burg in Hal­le zeigt ei­ne Ka­bi­nett­aus­stel­lung mit Gra­fi­ken von Uwe Pfei­fer

Leipziger Volkszeitung - - KULTUR - VON INGRID LEPS

Uwe Pfei­fer, Jahr­gang 1947, ist ein Phä­no­men: Wie kaum ein an­de­rer blieb er über Jahr­zehn­te sei­ner Hand­schrift treu, hielt an Me­ta­phern fest. Ver­blüf­fen­der­wei­se ha­ben sei­ne Wer­ke, ur­sprüng­lich kri­ti­sche Be­fra­gun­gen der Ddr-rea­li­tät, nichts von ih­rer Bri­sanz ver­lo­ren. Als Pfei­fer 1974 mit sei­nen Bil­dern ins Schein­wer­fer­licht trat, traf er den kol­lek­ti­ven Nerv dif­fu­sen Un­be­ha­gens an ei­ner uni­for­mier­ten Um­welt, die zwar Bad und Fern­wär­me bot, für In­di­vi­dua­li­tät aber we­nig Raum ließ. In Hal­le-neu­stadt fand der Mat­theu­er-schü­ler im mo­no­to­nen Ras­ter der Fas­sa­den, der Ein­tö­nig­keit der Tun­nel und Trep­pen ei­ne Ent­spre­chung für die Lee­re, die sein Men­tor in wol­ken­lo­sen Him­meln und Wei­ten der Land­schaft an­riss.

In sei­ner un­mit­tel­ba­ren Le­bensum­welt fand Pfei­fer in den 70er, 80er Jah­ren Sinn­bil­der von enor­mer Trag­fä­hig­keit. Zu sei­nem sieb­zigs­ten Ge­burts­tag kon­zen­triert sich das Kunst­mu­se­um Mo­ritz­burg nach ei­ner um­fas­sen­den Werk­schau vor 20 Jah­ren nun in ei­ner ori­gi­nell auf­ge­mach­ten Ka­bi­nett­aus­stel­lung auf Druck­gra­fik des re­nom­mier­ten Hal­len­ser Künst­lers und lo­tet sie aus im Span­nungs­feld „Be­ton und Träu­me“– so der Ti­tel der Schau.

Pfei­fer sieht sich als Bil­der­ma­ler. Sei­ne Gra­fi­ken sind nicht zwangs­läu­fig Vor­ar­bei­ten für Ge­mäl­de, son­dern viel­fach im In­ter­es­se grö­ße­rer Ver­brei­tung spä­ter ent­stan­den. Glück­li­cher Ein­fall: Die Aus­stel­lung schlägt mit elek­tro­ni­schen Pro­jek­ti­ons­schlei­fen den Bo­gen von Ma­le­rei­en zu den ge­zeig­ten Li­tho­gra­phi­en. Me­ta­phern sei­ner Bil­der wer­den als Ob­jek­te in den Aus- stel­lungs­raum ge­rückt: Trep­pe, Ge­län­der und ein Ar­ran­ge­ment mit dem viel­zi­tier­ten Pa­pier­korb aus Wasch­be­ton, da­ne­ben ein Rol­la­tor, schein­bar zu­fäl­lig dar­auf ab­ge­stellt ein Plas­tik­in­dia­ner. Pfei­fer be­schwört in sei­nen Bild­fin­dun­gen Kon­stel­la­tio­nen zwi­schen Be­dro­hung und Sehn­sucht, Angst und Hoff­nung. Die Nüch­tern­heit ei­ner zu­be­to­nier­ten Um­ge­bung dient ihm nicht nur als idea­le Pro­jek­ti­ons­flä­che für Tag­träu­me und Trug­bil­der, son­dern scheint in ih­rer ge­norm­ten Gleich­för­mig­keit Gestal­ten frei­zu­ge­ben, die nicht erst auf die Dun­kel­heit der Nacht war­ten müs­sen.

Die kla­re Li­ne­a­tur streng or­ga­ni­sier­ter Li­tho­gra­phi­en aus den 70er Jah­ren fängt den Men­schen ein in ei­ner Welt, die Na­tur kei­nen Raum bie­tet. Das „Idyll“, in dem sich Nackt­ba­der am Bag­ger­see tum­meln, ist kei­ne Oa­se. Der Tra­bi-rück­spie­gel re­flek­tiert die Kon­tur der all­ge­gen­wär­ti­gen Neu­bau­ten. Treffsicher auch Pfei­fers „Aus­sich­ten“, die er 1977 the­ma­ti­siert: Die Frau stellt sich auf dem Bal­kon der Plat­ten­bauöd­nis, wäh­rend der Man vor dem Fern­seh­ge­rät der Il­lu­si­on ei­ner fer­nen Berg­ket­te nach­hängt.

Mit Spiel­platz, Au­to­wä­sche und Men­schen, die ih­re An­ten­nen nach Wes­ten rich­ten, wirft Pfei­fer beim „Neu­städ­ter Sonn­tag“ein Schlag­licht auf Le­ben im Neu­bau­ge­viert. Die Män­ner und Frau­en, die un­ter­wegs sind durch Tun­nel, auf Trep­pen, rau­schen in un­wirk­li­chem Licht an­ein­an­der vor­bei wie Ma­rio­net­ten. In sei­ner Aus­ein­an­der­set­zung mit Um­welt­zer­stö­rung, Ent­frem­dung, Iso­la­ti­on und Ge­walt­be­reit­schaft the­ma­ti­sier­te Pfei­fer Pro­ble­me uni­ver­sell und über Ddrschran­ken hin­weg.

Ha­ben sei­ne Träu­me in ei­ner nor­mier­ten Be­ton­welt zu­nächst noch et­was von harm­lo­sen All­tags­fluch­ten, wer­den sei­ne Bild­pa­ra­beln der Tag­träu­me in­zwi­schen zu alp­traum­haf­ten wie dop­pel­bö­di­gen Heim­su­chun­gen un­se­rer Zeit. Hier fin­den der ge­sichts­lo­se Mann im An­zug ih­re Büh­ne, das ego­zen­tri­sche Par­ty­girl, der ei­tel po­sie­ren­de Mus­kel­mann, der Wald­gott Pan, Har­le­kin, In­dia­ner, Ti­ger, Tod und Schmer­zens­mann. Licht­bli­cke sind in die­sen bi­zar­ren Sze­na­ri­en der Re­gen­bo­gen und das Kind, das selbst­ver­ges­sen sei­nem Wind­rad folgt. Im Blatt „Ver­kehr­te Welt“von 2014 schleicht sich Gott da­von, das Kind, die Zu­kunft, sitzt be­reits im Roll­stuhl und die graue Emi­nenz im Schat­ten kann das Mons­ter an sei­ner Lei­ne je­der­zeit frei­las­sen.

Pfeif­fer kul­ti­vier­te von An­fang an sou­ve­rän ei­ne zeich­ne­risch prä­gnan­te, am fi­gür­li­chen Rea­lis­mus ge­schul­te Bild­spra­che, die Zi­ta­te alt­deut­scher Ma­le­rei eben­so auf­greift wie Be­le­ge von Ro­man­tik, Ve­ris­mus oder Sur­rea­lis­mus. In den auf­schluss­rei­chen Kon­text sei­ner „Wahl­ver­wand­ten und Ido­le“setzt Pfei­fers Ar­bei­ten in Hal­le bis zum 15. Ok­to­ber auch ei­ne Aus­stel­lung der Kunst­hal­le Tal­stra­ße.

 Uwe Pfei­fer: Be­ton und Träu­me, Kunst­mu­se­um Mo­ritz­burg, bis 12. No­vem­ber, ge­öff­net 10 bis 18 Uhr, Mitt­woch ge­schlos­sen

Fo­to: VG Bild-kunst

Uwe Pfei­fer: To­ten­tän­ze, 2008, Farbli­tho­gra­fie (Zink, 27 x 44,4 cm).

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.