Leip­zig hat Le­se­lust

Die Nor­we­ge­rin Ås­ne Sei­er­stad er­hält heu­te den Leip­zi­ger Buch­preis zur Eu­ro­päi­schen Ver­stän­di­gung

Leipziger Volkszeitung - - ERSTE SEITE - VON NI­NA MAY

Die Vor­freu­de auf die Leip­zi­ger Buch­mes­se wächst: Heu­te wird der Früh­jahrs­treff der Buch- und Me­dien­bran­che mit ei­nem Fest­akt im Ge­wand­haus am Abend er­öff­net. Auf dem Mes­se­ge­län­de, das mor­gen für die Be­su­cher öff­net, ste­cken die ers­ten Aus­stel­ler und Mit­ar­bei­ter schon mal neu­gie­rig die Köp­fe ins Buch. Knapp 300 000 Be­su­cher wer­den in Leip­zig er­war­tet, die meis­ten Ho­tels sind längst aus­ge­bucht. Und das trotz saf­tig ge­stie­ge­ner Über­nach­tungs­prei­se.

Zwei Freun­din­nen, die sich im An­ge­sicht des To­des an­ein­an­der­klam­mern. Ein Mäd­chen, das mit der Ja­cke ih­res an­ge­hen­den Freun­des um die Schul­tern zu­rück­bleibt, wäh­rend er an­ge­schos­sen in die Tie­fe stürzt. End­lo­se Mi­nu­ten des Ver­ste­ckens, des Lau­schens auf die na­hen­den Schrit­te des Mör­ders. So be­ginnt das Buch „Ei­ner von uns: Die Ge­schich­te ei­nes Mas­sen­mör­ders“von Ås­ne Sei­er­stad. Die Nor­we­ge­rin be­schreibt die Hin­ter­grün­de der An­schlä­ge von An­ders Beh­ring Brei­vik 2011 in Os­lo und auf der In­sel Utøya, bei de­nen 77 Men­schen star­ben. Heu­te Abend wird sie im Ge­wand­haus mit dem Leip­zi­ger Buch­preis zur Eu­ro­päi­schen Ver­stän­di­gung aus­ge­zeich­net.

Das Buch wird als Mi­schung aus Psy­cho­gramm und True Cri­me ver­mark­tet. Ihr ei­ge­ner Be­griff für ih­re Ar­beits­wei­se ist tref­fen­der: li­te­ra­ri­scher Jour­na­lis­mus. Die Au­to­rin ver­bin­det den Stil von Ro­ma­nen mit der Re­cher­che­wei­se ei­ner Dokumentation. Im Nach­wort be­schreibt sie ihr Vor­ge­hen: Je­der Mo­ment ist ent­we­der durch Aus­sa­gen von Über­le­ben­den oder durch Brei­viks ei­ge­ne Pro­zess­aus­sa­gen be­legt.

Die 48-Jäh­ri­ge hat­te sich zu­vor als Kri­sen­be­richt­er­stat­te­rin ei­nen Na­men ge­macht, in ih­ren Sach­bü­chern „Der Buch­händ­ler aus Ka­bul“(2002) oder „An­gel of Groz­ny“(2007) er­zählt sie die Fa­mi­li­en­ge­schich­te ei­nes af­gha­ni­schen Li­te­ra­tur­lieb­ha­bers be­zie­hungs­wei­se das Le­ben von Kin­dern in den Rui­nen Tsche­tsche­ni­ens. Schon mit 23 Jah­ren, di­rekt nach Ab­schluss ih­res Sla­wis­tik­stu­di­ums an der Uni­ver­si­tät Os­lo, wird sie Kor­re­spon­den­tin in Mos­kau.

In „Ei­ner von uns“wid­met sich Ås­ne Sei­er­stad das ers­te Mal ih­rem Hei­mat­land. Im

Nach­wort heißt es: „Mein Hei­mat­land war ein Rück­zugs­ort, es war kein Ort, über den ich schrieb. Es war ge­wis­ser­ma­ßen un­be­kann­tes Ter­ri­to­ri­um.“Zu­nächst ver­fass­te sie nur ei­nen Auf­trags­ar­ti­kel für die „News­week“, dann ver­folg­te sie den Pro­zess ge­gen Brei­vik. Die Brie­fe, die der Mör­der ihr aus der Haft schrieb und in de­nen er sie als Ver­kün­de­rin sei­ner Bot­schaf­ten an­zu­wer­ben ver­such­te, sind un­heim­lich in ih­rer Mon­stro­si­tät. Stets hin­ter­fragt die Au­to­rin ih­re ei­ge­ne Ar­beit mora­lisch.

„Ei­ner von uns“– der Ti­tel zeugt von dem Trau­ma der li­be­ra­len Nor­we­ger, dass ei­ner aus ih­rer Mit­te zum Mas­sen­mör­der

wur­de. Auch in ih­rem jüngs­ten Buch un­ter­sucht sie die Psy­cho­lo­gie des Ter­rors. Der Ti­tel „Zwei Schwes­tern. Im Bann des Dschi­had“klingt wie ei­ne an­ti­ke Tra­gö­die, und eben­so tra­gisch ist die Ge­schich­te. Ayan und Lei­la, zwei Te­enage­rin­nen so­ma­li­scher Her­kunft ver­ab­schie­den sich ei­nes Mor­gens von ih­rer Fa­mi­lie, um sich von Nor­we­gen aus dem IS an­zu­schlie­ßen. Der Le­ser rät­selt mit den El­tern, wie es da­zu kom­men konn­te. Wie konn­ten die Mäd­chen zu Ra­di­ka­len wer­den?

Dies­mal stand Sei­er­stad vor der Her­aus­for­de­rung, dass die Prot­ago­nis­tin­nen nicht auf ih­re In­ter­viewan­fra­gen re­agier­ten. Als Qu­el­le dien­ten ihr ne­ben der Fa­mi­lie le­dig­lich die oft er­schre­ckend nai­ven Bot­schaf­ten der Mäd­chen, la­pi­dar über so­zia­le Netz­wer­ke und Mes­sen­ger-di­ens­te ge­teil­te Kryp­to­bot­schaf­ten aus dem Her­zen des Ter­rors. Der Va­ter reist ih­nen hin­ter­her, will sie zu­rück­ho­len, kämpft um sei­ne Fa­mi­lie, ge­rät in Ge­fan­gen­schaft und wird ge­fol­tert.

Ne­ben­bei gibt „Zwei Schwes­tern“Ein­bli­cke in das we­nig be­kann­te All­tags­le­ben im „Is­la­mi­schen Staat“. Wie die Frau­en Rie­sen­töp­fe mit Es­sen für die Krie­ger ko­chen, wie die Kin­der statt Sport „Dschi­ha­dis­ten­trai­ning“als Schul­fach ha­ben, wie ver­zwei­fel­te El­tern auf dem Schwarz­markt Un­sum­men für In­for­ma­tio­nen über ih­re vom IS re­kru­tier­ten Kin­der be­zah­len. Das Buch zeigt auch, wie un­vor­be­rei­tet die Be­hör­den auf die Her­aus­for­de­rung in­län­di­scher Ter­ror­an­wär­ter sind: Die nor­we­gi­schen Schwes­tern hat­ten bei ih­rem Zwi­schen­stopp in der Tür­kei mit ih­rem ech­ten Na­men im Ho­tel ein­ge­checkt, der Bru­der hat­te über das Han­dy ih­ren Auf­ent­halts­ort her­aus­be­kom­men. Doch die Po­li­zei reg­te sich erst am nächs­ten Mor­gen, als es zu spät war.

Und so gilt für bei­de Bü­cher, was die Ju­ry des Leip­zi­ger Buch­prei­ses zur Eu­ro­päi­schen Ver­stän­di­gung über „Ei­ner von uns“schreibt: Der do­ku­men­ta­ri­sche Ro­man „ent­hält all­ge­mein An­wend­ba­res über die be­droh­li­che Zeit, in der wir le­ben. Und doch liegt Ås­ne Sei­er­sta­ds Ver­dienst auch dar­in, uns mit dem gan­zen ka­ta­stro­pha­len Aus­maß des Ge­sche­hens zu kon­fron­tie­ren, in dem sie uns die Tra­gö­die des Ein­zel­nen vor Au­gen führt. Ihr Buch lässt uns Fra­gen stel­len, über Zu­ge­hö­rig­keit und Ge­mein­schaft und über die not­wen­di­gen Vor­aus­set­zun­gen für ein zu­ge­wand­tes, wür­di­ges Zu­sam­men­le­ben.“

In­ter­view: Si­grid Harms

Fo­to: An4­ré Kemp­ner

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Die nor­we­gi­sche Au­to­rin Ås­ne Sei­er­stad ge­hört zu den re­nom­mier­tes­ten Jour­na­lis­tin­nen Skan­di­na­vi­ens. Heu­te er­hält sie den Leip­zi­ger Buch­preis zur Eur­päi­schen Ver­stän­di­gung. In der Be­grün­dung der Ju­ry heißt es, Ihr Buch sei ein be­ein­dru­cken­der Ver­such zu ver­ste­hen. War das Ih­re Mo­ti­va­ti­on, sich mit den An­schlä­gen zu be­schäf­ti­gen?

Ås­ne Sei­er­stad: Ei­ner von uns. Aus d.nor­we­gi­schen und Eng­li­schen von Frank Zu­ber, No­ra Pr­öf­rock. Ver­lag Kein & Aber; 544 Sei­ten, 26 Eu­ro

Ås­ne Sei­er­stad: Zwei Schwes­tern. Aus dem Nor­we­gi­schen von No­ra Pr­öf­rock. Ver­lag Kein & Aber; 528 Sei­ten,

26 Eu­ro

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