Gift­an­schlag: Russ­land geht nicht auf Ul­ti­ma­tum ein

Zwi­schen Pup­pen­thea­ter und tie­fer De­pres­si­on: In Russ­land wird am Sonn­tag ein neu­er Prä­si­dent ge­wählt. Das Er­geb­nis ist pro­gram­miert. Da­für hat der Ap­pa­rat des Kremlherrn Wla­di­mir Pu­tin ge­sorgt und ech­te Kon­kur­ren­ten aus­ge­schal­tet. Ein­blick in ei­ne Scha­ra

Leipziger Volkszeitung - - ERSTE SEITE - VON BO­RIS REIT­SCHUS­TER

MOS­KAU. Russ­län4 will äuf 4äs ,ri­ti­sche Ul­ti­mä­tum im Fäll 4es Gif­tänschläos äuf 4en Ex-dop­pe­läo­en­ten Se­ro­ej Skri­päl un4 sei­ne Toch­ter ,is äuf Wei­te­res nicht einoehen. Erst müs­se Mo­s­käu Zuoä­no zu 4en ver­4äch­tio­en Pro,en er­häl­ten, teil­te 4äs Au­ßen­mi­nis­te­ri­um oe­s­tern in Mo­s­käu mit.

Schmeißt die­se Pro­sti­tu­ier­te raus, die­sen Dreck! Die letz­te Hu­re!“– „Halt’s Maul, Idio­tin!“Es ist kei­ne Rea­li­ty-show, in der Flü­che und Be­schimp­fun­gen flie­gen – son­dern ei­ne De­bat­te der Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten im staat­li­chen Fern­seh­sen­der Ros­si­ja 1. Wo­bei „De­bat­te“ein et­was ir­re­füh­ren­des Wort ist für ein stän­di­ges ge­gen­sei­ti­ges Über­schrei­en, bei dem kaum noch et­was zu ver­ste­hen ist. Als letz­tes, schla­gen­des Ar­gu­ment dient schließ­lich ein Glas Was­ser. Mit dem über­schüt­tet das Gla­mour­mo­del Ksen­ja Sobt­schak den Po­lit­clown Wla­di­mir Schi­ri­now­ski.

Glaubt man der rus­si­schen Op­po­si­ti­on, ist das ab­sur­de Tv-thea­ter kein Aus­rei­ßer – son­dern Pro­gramm. „Das ist al­les in­sze­niert, na­tür­lich nicht bis ins kleins­te De­tail, wer ge­nau wann wen mit Was­ser be­spritzt, aber in gro­ben Zü­gen“, sagt der li­be­ra­le Po­li­ti­ker Leo­nid Gos­man.

Mehr als 109 Mil­lio­nen Rus­sen sind auf­ge­ru­fen, an die­sem Sonn­tag ei­nen neu­en Prä­si­den­ten zu wäh­len. Doch die­se Wahl ist nach dem Ver­ständ­nis der meis­ten Op­po­si­tio­nel­len bes­ten­falls die Imi­ta­ti­on ei­ner de­mo­kra­ti­schen Ab­stim­mung. „Bei die­sen Wah­len ist der Haupt­preis schon vor­ab ver­ge­ben an Wla­di­mir Pu­tin“, sagt Leo­nid Gos­man. „Sei­nen ver­meint­li­chen Ge­gen­kan­di­da­ten wur­den an­de­re Prä­mi­en ver­spro­chen da­für, dass sie in die­ser Scha­ra­de mit­wir­ken.“

Ab­sur­de Fern­seh­de­bat­ten wie die bei Ros­si­ja 1 hin­ter­las­sen bei den meis­ten Rus­sen vor al­lem ein Bild: Die sie­ben Ge­gen­kan­di­da­ten sind al­le­samt deut­lich schlech­ter als Pu­tin. Wer möch­te schon den Atom­kof­fer Leu­ten über­las­sen, die sich nicht ein­mal vor der Ka­me­ra halb­wegs kon­trol­lie­ren kön­nen? Wla­di­mir Pu­tin selbst mei­det denn auch je­de Dis­kus­si­on und je­des Tref­fen mit den an­de­ren Kan­di­da­ten tun­lichst – ge­nau­so wie in all den Jah­ren da­vor. Die Bot­schaft: Der so­li­de Lan­des­va­ter steht über der po­li­ti­schen Schlamm­schlacht. 80 Pro­zent der Sen­de­zeit in den Tv-nach­rich­ten sind Pu­tin ge­wid­met. Da wird er dann prä­sen­tiert als Su­per­star, als Ret­ter der Na­ti­on, der es dem Wes­ten end­lich wie­der ein­mal so rich­tig zeigt. Zar Pu­tin.

Sys­te­ma­tisch hat die von Pu­tins Kreml ge­steu­er­te Wahl­kom­mis­si­on al­le ernst­haf­ten Kon­kur­ren­ten von der Kan­di­da­tur aus­ge­schlos­sen. Das Feld der ver­meint­li­chen Her­aus­for­de­rer wirkt da­ge­gen wie für ein Fern­seh­spiel be­setzt – hand­ver­le­se­ne Kan­di­da­ten für al­le pas­sen­den Rol­len. „Das ist Ma­rio­net­ten­thea­ter“, spot­ten Pu­tins Geg­ner. Die Schril­le gibt das Gla­mour­mo­del Sobt­schak – die „Pa­ris Hil­ton“von Russ­land, au­ßer­halb der Mos­kau­er Par­ty­sze­ne ei­ne der meist­ge­hass­ten Frau­en im Land. Als Toch­ter von Pu­tins po­li­ti­schem Zieh­va­ter Ana­to­li Sobt­schak hat sie ei­ne ge­wis­se Nar­ren­frei­heit und darf die Re­gie­rung laut­stark kri­ti­sie­ren – so­lan­ge es nicht ge­gen Pu­tin per­sön­lich geht.

Der Un­ter­neh­mer und Mul­ti­mil­lio­när Bo­ris Ti­tow, Sekt­lie­fe­rant des Kremls, ist für die Wäh­ler im Mut­ter­land des So­zia­lis­mus et­wa so at­trak­tiv wie Do­nald Trump in Deutsch­land. Der bi­zar­re, ope­ret­ten­haf­te Ser­gej Ba­b­u­rin wie­der­um wirkt wie mit der Zeit­ma­schi­ne aus ei­ner an­de­ren, so­wje­ti­schen Epo­che in die Ge­gen­wart ge­schleu­dert. Gri­go­ri Jaw­lin­ski ist ein in Eh­ren er­grau­ter Li­be­ra­ler, der sei­ne bes­ten Zei­ten schon un­ter Bo­ris Jel­zin hin­ter sich hat­te. Wla­di­mir Schi­ri­now­ski gilt als Kgb-krea­tur, die sich gern als rechts­ra­di­kal mas­kiert, bei al­len ent­schei­den­den Fra­gen aber im­mer stramm mit dem Kreml stimmt. Von dem So­wjet-nost­al­gi­ker Ma­xim Su­ray­kin ist vor al­lem be­kannt, dass er un­be­kannt ist.

Der Kan­di­dat der Kom­mu­nis­ten, Pa­wel Gru­di­nin, hat es als Agrar­un­ter­neh­mer zu ei­nem Mil­lio­nen­ver­mö­gen ge­macht. Da­mit wä­re der 57-Jäh­ri­ge der ei­ge­nen Stamm­wäh­ler­schaft schon von Haus aus eher su­spekt. Pünkt­lich zur Wahl wur­den dann auch noch mil­lio­nen­schwe­re Schwarz­geld­kon­ten und Gold­de­pots in der Schweiz be­kannt so­wie ei­ne Zweit­fa­mi­lie. Weil er un­er­war­tet ge­fähr­lich wur­de?

Der So­zio­lo­ge und Kremlkri­ti­ker Igor Eid­man sieht es so. Aber: Das Bei­spiel Gru­di­nin zei­ge vor al­lem, wie schwach Pu­tin und sein Sys­tem in Wirk­lich­keit sei­en: „Bei nor­ma­len Wah­len hät­te je­mand wie Gru­di­nin kei­ner­lei Chan­cen – für die Lin­ken ist er ein Olig­arch, für die De­mo­kra­ten ein Sta­li­nist, die Na­tio­na­lis­ten be­schimp­fen ihn als Ju­den.“Eben we­gen des Man­gels ei­ner brei­ten Ba­sis ha­be der Kreml Gru­di­nin zu­nächst zum Kan­di­da­ten ge­macht – doch ent­ge­gen al­ler Er­war­tun­gen ha­be er plötz­lich wach­sen­den Zu­spruch er­hal­ten. Al­ler­dings „nicht weil er stark wä­re, son­dern weil Pu­tin so schwach ist“, glaubt Eid­man.

In sei­ner Not ha­be der Kreml die ge­steu­er­ten Me­di­en des­halb im letz­ten Mo­ment mit ei­ner Schmutz­kam­pa­gne auf den Agrar-un­ter­neh­mer ge­hetzt. „Das zeigt: Bei ech­ten Wah­len mit ech­ter Kon­kur­renz sä­he es nicht gut aus für Pu­tin.“

Prü­fen lässt sich das nicht. Das letz­te un­ab­hän­gi­ge Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tut in Russ­land, das Le­wa­da-zen­trum, wur­de vor den Wah­len zum „aus­län­di­schen Agen­ten“er­klärt. Die­ser Be­griff aus der Sta­lin-zeit, der un­ter Pu­tin wie­der ein­ge­führt wur­de, ist nicht nur stig­ma­ti­sie­rend. Er ist läh­mend. Als „aus­län­di­scher Agent“darf das Le­wa­da-zen­trum vor den Wah­len kei­ner­lei Um­fra­gen und Ana­ly­sen mehr ver­öf­fent­li­chen. „Bei der Be­völ­ke­rung sol­len kei­ne halb­wegs rea­lis­ti­schen Um­fra­ge­wer­te und Stim­mungs­bil­der an­kom­men“, glaubt der Di­rek­tor des In­sti­tuts, Lew Gud­kow.

Die kreml­na­he Kon­kur­renz, et­wa das In­sti­tut WZIOM, sagt Pu­tin 69 bis 73 Pro­zent der Stim­men vor­aus. Ob die­se Zah­len rea­lis­tisch sind oder vom Kreml be­stellt, dar­auf darf Gud­kow nach den neu­en Ge­set­zen kei­ne Ant­wort ge­ben. Nur An­deu­tun­gen. Nur 5 bis 10 Pro­zent der Rus­sen lieb­ten Pu­tin, sagt der 71-Jäh­ri­ge. Wei­te­re 15 Pro­zent un­ter­stütz­ten den Prä­si­den­ten, weil ih­nen sei­ne Au­ßen­po­li­tik ge­fällt. Die Zahl der ein­ge­fleisch­ten Pu­tin­geg­ner schätzt Gud­kow auf 8 bis 10 Pro­zent. Der gro­ßen Mehr­heit der Rus­sen, rund 60 Pro­zent, sei der Prä­si­dent gleich­gül­tig.

Die­se Gleich­gül­tig­keit, die Zü­ge von „po­li­ti­scher De­pres­si­on und Apa­thie“ha­be, sei das Fun­da­ment des Sys­tems Pu­tin, glaubt der De­mo­graf. Sorg­fäl­tig muss er je­des Wort ab­wä­gen, um nicht ge­gen die neue Ge­setz­ge­bung zu ver­sto­ßen. 60 Pro­zent der Rus­sen, sagt er dann aber doch, hiel­ten Pu­tin und sein Sys­tem für kor­rupt – vie­le ver­zie­hen dies aber an­ge­sichts der ver­meint­li­chen au­ßen­po­li­ti­schen Er­fol­ge, die das Staats­fern­se­hen rund um die Uhr ze­le­briert: Pu­tin ha­be Russ­land wie­der stark ge­macht. „Das wirkt wie ei­ne ideo­lo­gi­sche Dro­ge“, sagt Gud­kow. Und die trös­te vie­le über ih­re mas­si­ven Pro­ble­me hin­weg, die in den Me­di­en aus­ge­blen­det wür­den. Ar­mut et­wa: „Die Men­schen se­hen kei­ne Per­spek­ti­ven mehr, sie spü­ren die Ein­kom­mens­ver­lus­te, auch wenn die Pro­pa­gan­da von Wachs­tum spricht.“Sie hät­ten „Angst vor dem Mor­gen“.

Ei­ne der Haupt­auf­ga­ben von Pu­tins Wahl­kämp­fern ist es denn auch, mög­lichst vie­le der „Gleich­gül­ti­gen“an die Wahl­ur­nen zu lo­cken. Ei­ne ge­rin­ge Wahl­be­tei­li­gung wä­re pein­lich. Zwar lässt sich das Er­geb­nis kor­ri­gie­ren mit­hil­fe „ad­mi­nis­tra­ti­ver Res­sour­cen“, wie man das um­fang­rei­che Re­per­toire von Tricks und Wahl­fäl­schun­gen nennt: So sind et­wa die Wahl­zet­tel der­art ge­stal­tet, dass auch Men­schen mit Le­se­schwä­che auf An­hieb der „rich­ti­ge Kan­di­da­ten“ins Au­ge sticht: Wäh­rend bei al­len an­de­ren min­des­tens sechs Zei­len Text mit der Auf­zäh­lung ih­rer Funk­tio­nen ne­ben ih­rem Na­men ste­hen, pran­gen ne­ben „Pu­tin“zwei Zei­len. Schön klar, ganz ein­fach – der Prä­si­dent.

Da­ne­ben gibt es hand­fes­te­re Me­tho­den: Vom Ein­wer­fen vor­ab aus­ge­füll­ter Wahl­zet­tel über das Ab­kom­man­die­ren von Staats­die­nern zur Lie­fe­rung des Han­dy­fo­to-be­wei­ses der rich­ti­gen Wah­l­ent­schei­dung bis hin zum Ka­rus­sell ist die Re­de. Dann wer­den Wäh­ler von Wahl­lo­kal zu Wahl­lo­kal ge­fah­ren, um mehr­fach ih­re Stim­men ab­zu­ge­ben. Hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand ge­ben Staats­be­am­te sol­che Ma­ni­pu­la­tio­nen zu. Aber sie ver­wei­sen auch dar­auf, dass ihr Ein­satz sei­ne Gren­zen hat: Je mehr „ad­mi­nis­tra­ti­ve Res­sour­cen“ein­ge­setzt wür­den, um­so mehr fie­len sie auf, um­so hö­her die Ge­fahr von Pro­tes­ten wie nach den Fäl­schun­gen bei der Du­ma-wahl En­de 2011. „Bis zu 10 Pro­zent ge­hen recht un­auf­fäl­lig, mehr wird ris­kant“, be­rich­tet ein In­si­der.

Sol­che Über­le­gun­gen dürf­ten auch ei­ne Rol­le ge­spielt ha­ben bei der Ent­schei­dung des Kremls, den ein­zi­gen ernst zu neh­men­den Ge­gen­kan­di­da­ten von den Wah­len aus­zu­schlie­ßen: Ale­xej Na­wal­ny. Der 41-jäh­ri­ge Ju­rist hol­te 2013 bei der Bür­ger­meis­ter­wahl in Mos­kau 29 Pro­zent. Im­mer wie­der wur­de er im Vor­feld der Wahl zu wo­chen­lan­gen Ar­rest­stra­fen ver­ur­teilt. Of­fi­zi­el­le Be­grün­dung für sei­nen Aus­schluss war ei­ne of­fen­bar po­li­tisch mo­ti­vier­te Ver­ur­tei­lung we­gen Be­trugs. Na­wal­ny und sei­ne Mit­strei­ter ru­fen des­halb zum Boy­kott der Wah­len auf.

Doch auch das wird nichts an Pu­tins Sieg än­dern. Span­nend an die­sen Wah­len scheint des­halb nur die Fra­ge, wie es da­nach wei­ter­geht. Grö­ße­re Pro­tes­te we­gen Wahl­fäl­schung gel­ten an­ders als 2011 als we­nig wahr­schein­lich. „Aber selbst im Kreml ver­steht man, dass Re­for­men drin­gend not­wen­dig sind“, ver­si­chert Va­le­rij So­low­ey, Po­li­to­lo­ge mit bes­ten Dräh­ten in die Re­gie­rung. Ob wo­mög­lich ei­ne De­mo­kra­ti­sie­rung von oben zu er­hof­fen sei wie un­ter Mich­ail Gor­bat­schow? So weit, meint So­low­ey, wer­de Pu­tin dann doch nicht ge­hen. Und so be­rei­tet sich die Op­po­si­ti­on schon auf die nächs­ten Wah­len vor. 2024, so die Hoff­nung, kön­ne es wirk­lich eng wer­den für Pu­tin.

Laut Ver­fas­sung darf er erst wie­der nach ei­ner er­neu­ten Aus­zeit an­tre­ten – und dann wä­re er 75 Jah­re alt.

Fo­to: ima­go

Mo­bi­les Wahl­lo­kal: Ei­ne Dorf­be­woh­ne­rin wirft ih­ren Stimm­zet­tel in ei­ne Ur­ne, die schon vor dem Wahl­ter­min über Land ge­fah­ren wird.

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