Ver­fas­sungs­rich­ter Mül­ler darf nicht über Ster­be­hil­fe ur­tei­len

Nach Be­schwer­de von Ster­be­hil­fe-ver­ein: Ehe­ma­li­ger saar­län­di­scher Mi­nis­ter­prä­si­dent we­gen mög­li­cher Be­fan­gen­heit aus­ge­schlos­sen

Leipziger Volkszeitung - - POLITIK - VON THORS­TEN FUCHS

KARLS­RU­HE/HAN­NO­VER. Pe­ter Mül­ler hat als Cdu-po­li­ti­ker aus sei­ner Hal­tung nie ein Ge­heim­nis ge­macht. Das mensch­li­che Le­ben sei nicht ver­füg­bar, er­klär­te der da­ma­li­ge saar­län­di­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent zum Bei­spiel bei ei­ner Kan­zel­re­de in Dor­ma­gen im Jahr 2001 – und lehn­te mit die­ser Be­grün­dung ak­ti­ve Ster­be­hil­fe ent­schie­den ab. Jetzt, 17 Jah­re spä­ter, kos­tet un­ter an­de­rem die­se Re­de den heu­ti­gen Bun­des­ver­fas­sungs­rich­ter Mül­ler die Be­tei­li­gung an ei­nem der der­zeit meist­be­ach­te­ten Ver­fah­ren vor dem höchs­ten deut­schen Ge­richt: We­gen mög­li­cher Be­fan­gen­heit darf Mül­ler nicht über das Ster­be­hil­fe­ge­setz mit­ent­schei­den.

Die Sor­ge, Mül­ler wer­de als Rich­ter die „in ho­hem Ma­ße wer­tungs­ab­hän­gi­gen und von Vor­ver­ständ­nis­sen ge­präg­ten Rechts­fra­gen mög­li­cher­wei­se nicht mehr in je­der Hin­sicht of­fen und un­be­fan­gen be­ur­tei­len kön­nen, ist nach­voll­zieh­bar“, er­klär­te der Zwei­te Se­nat des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts am Di­ens­tag – und be­scher­te da­mit aus­ge­rech­net Mül­lers Geg­nern ei­nen klei­nen Tri­umph: Der Ver­ein Ster­be­hil­fe Deutsch­land hat- te den Be­fan­gen­heits­an­trag ge­gen Mül­ler ge­stellt. Die Or­ga­ni­sa­ti­on des frü­he­ren Ham­bur­ger Jus­tiz­se­na­tors Ro­ger Kusch hat­te sich vor al­lem dar­an ge­stört, dass Mül­ler als Mi­nis­ter­prä­si­dent 2006 ei­nen Ge­setz­ent­wurf auf den Weg ge­bracht hat­te, der die ge­schäfts­mä­ßi­ge Hil­fe zum Sui­zid ver­bie­ten soll­te. Der Ent­wurf schei­ter­te da­mals zwar im Bun­des­rat, äh­nelt aber stark je­nem Ge­setz, das der Bun­des­tag 2015 nach lan­ger Dis­kus­si­on be­schloss – und das sich vor al­lem ge­gen Ster­be­hil­fe Deutsch­land rich­te­te. Ge­gen das Ge­setz lau­fen in Karls­ru­he meh­re­re Ver­fas­sungs­be- schwer­den. Mül­ler sei Mit­in­itia­tor des heu­te gül­ti­gen Rechts, ar­gu­men­tier­te der Ver­ein, und da­mit nicht mehr ob­jek­tiv. Das sieht nun auch die Mehr­heit des Zwei­ten Se­nats so – auch wenn Mül­ler in ei­ner Stel­lung­nah­me sei­ne Neu­tra­li­tät be­teu­er­te.

Der Rück­zug ei­nes Bun­des­ver­fas­sungs­rich­ters we­gen mög­li­cher Be­fan­gen­heit ist sehr un­ge­wöhn­lich. Zu­letzt muss­te der Ers­te Se­nat 2014 im Kopf­tuch­streit aus die­sem Grund auf Vi­ze­prä­si­dent Fer­di­nand Kirch­hof ver­zich­ten. Der Be­schluss ge­gen Mül­ler dürf­te all je­ne Kri­ti­ker vor al­lem aus der SPD im Nach­hin­ein be­stär­ken, die 2011 vor ei­ner Be­ru­fung Mül­lers zum Ver­fas­sungs­rich­ter we­gen zu gro­ßen par­tei­po­li­ti­schen En­ga­ge­ments ge­warnt hat­ten.

Der Ver­ein Ster­be­hil­fe Deutsch­land sieht in der Ent­schei­dung ein po­si­ti­ves Si­gnal. „Sie zeigt, dass sich das Ge­richt in vol­ler Sou­ve­rä­ni­tät und oh­ne ideo­lo­gi­sche Vor­fest­le­gung ei­ner Ent­schei­dung in der Haupt­sa­che nä­hert“, sag­te Kusch ge­gen­über dem Re­dak­ti­ons­netz­werk Deutsch­land. Nach An­ga­ben ei­nes Ge­richts­spre­chers will Karls­ru­he in die­sem Jahr über das Ster­be­hil­fe­ge­setz ent­schei­den.

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