Die Kri­se zwi­schen Mos­kau und Lon­don spitzt sich zu

Leipziger Volkszeitung - - BLICKPUNKT - VON KA­TRIN PRI­BYL

LON­DON. Lon­don und Mos­kau strei­ten noch um den Gift­gas­an­schlag auf ei­nen ehe­ma­li­gen Spi­on – da macht ei­ne du­bio­se To­des­nach­richt die Run­de. Der Rus­se Ni­ko­lai Glush­kov, der vor gut zehn Jah­ren in Lon­don po­li­ti­sches Asyl er­hielt, ist tot in sei­ner Woh­nung ge­fun­den wor­den. Er war ein Ver­trau­ter des Pu­tin-geg­ners und Olig­ar­chen Bo­ris Be­re­sow­ski. Noch ist nicht klar, ob Glush­kov Op­fer ei­nes An­schlags wur­de. Aber die Fra­ge wird in den Me­di­en so­fort dis­ku­tiert.

Die Stim­mung ist ge­reizt. Um Mit­ter­nacht Orts­zeit soll­te das Ul­ti­ma­tum der bri­ti­schen Re­gie­rungs­che­fin The­re­sa May ab­lau­fen: Bis da­hin soll­te sich Russ­land ge­gen­über der Or­ga­ni­sa­ti­on für das Ver­bot che­mi­scher Waf­fen (OPCW) zum Gift­gas­an­schlag auf den ehe­ma­li­gen rus­si­schen Dop­pel­spi­on Ser­gej Skri­pal er­klärt ha­ben. Mos­kau in­des be­eil­te sich mit sei­ner Ant­wort und lehn­te am Nach­mit­tag nicht nur das Ul­ti­ma­tum ab, son­dern hol­te gleich noch zum Ge­gen­schlag aus: „Jeg­li­che Dro­hun­gen, Russ­land mit Straf­maß­nah­men zu be­le­gen, wer­den nicht un­be­ant­wor­tet blei­ben“, hieß es aus dem Au­ßen­mi­nis­te­ri­um.

Der Streit zwi­schen den bei­den Staa­ten es­ka­liert. May hat Mos­kau vor­ge­wor­fen, „sehr wahr­schein­lich“hin­ter dem At­ten­tat auf Skri­pal und sei­ne Toch­ter Yu­lia am 4. März zu ste­cken. Bei dem ein­ge­setz­ten, ex­trem ge­fähr­li­chen Ner­ven­gas han­delt es sich Be­hör­den zu­fol­ge um ei­ne Sub­stanz, die der Ner­ven­gift­grup­pe No­wit­schok zu­ge­rech­net wird, „von mi­li­tä­ri­scher Qua­li­tät“ist und in der ehe­ma­li­gen So­wjet­uni­on her­ge­stellt wur­de. Die Se­rie zählt zu den ge­fähr­lichs­ten Ner­ven­gif­ten über­haupt und kommt in et­wa 100 Va­ri­an­ten vor. Es ist nur schwer nach­zu­wei­sen.

Groß­bri­tan­ni­en, in der EU ei­ner der schärfs­ten und laut­stärks­ten Kri­ti­ker von Russ­land, for­der­te mit be­ton­ter Ent­schlos­sen­heit Ant­wor­ten ein. Lon­don woll­te Mos­kau zwin­gen, zur Auf­klä­rung des At­ten­tats bei­zu­tra­gen. Va­ter und Toch­ter wa­ren be­wusst­los auf ei­ner Park­bank in der Kle­in­stadt Sa­lis­bu­ry ent­deckt wor­den, nach­dem sie zu­vor ei­nen Pub und ein ita­lie­ni­sches Re­stau­rant be­sucht hat­ten. Sie kämp­fen noch im­mer in ei­nem Kran­ken­haus um ihr Le­ben.

Für die bri­ti­sche Re­gie­rung gibt es nur zwei Er­klä­run­gen, die in­fra­ge kom­men: Ent­we­der hat Mos­kau den An­schlag di­rekt aus­ge­führt oder die rus­si­sche Re­gie­rung hat die Kon­trol­le über das Ner­ven­gift ver­lo­ren und es ist in an­de­re Hän­de ge­langt.

Russ­land zeig­te sich je­doch un­be­ein­druckt: Au­ßen­mi­nis­ter Ser­gej La­w­row ver­lang­te viel­mehr Zu­gang zu den ver­däch­ti­gen Pro­ben und ei­ne ge­mein­sa­me Un­ter­su­chung. „An­sons­ten sind al­le Aus­sa­gen Lon­dons sinn­los.“Er warf Lon­don zu­dem vor, sich nicht an die Vor­ga­ben der Che­mie­waf­fen­kon­ven­ti­on zu hal­ten. Schon am Mon­tag­abend hat­te La­w­row den Auf­tritt der Pre­mier­mi­nis­te­rin vor dem Par­la­ment als „Zir­kus­show“ab­ge­tan.

Der­weil be­ton­te der bri­ti­sche Au­ßen­mi­nis­ter Bo­ris John­son am Di­ens­tag, man blei­be bei dem ge­stell­ten Ul­ti­ma­tum. Soll­te er nichts aus Mos­kau hö­ren, wer­de man am heu­ti­gen Mitt­woch „die Ant­wort Groß­bri­tan­ni­ens ver­kün­den“.

Seit Ta­gen über­schla­gen sich die Me­di­en mit Spe­ku­la­tio­nen über Maß­nah­men, die May als Druck­mit­tel ein­set­zen könn­te. Sie rei­chen von der Aus­wei­sung von Di­plo­ma­ten über das Ein­frie­ren von Ver­mö­gen rus­si­scher Olig­ar­chen in Groß­bri­tan­ni­en bis hin zum Boy­kott der Fuß­ball-welt­meis­ter­schaft.

Als denk­bar gilt auch, Russ­land des staat­li­chen Ter­ro­ris­mus zu be­zich­ti­gen, was wei­te­re uni­la­te­ra­le Sank­tio­nen nach sich zie­hen könn­te. Selbst ei­ne Cy­ber­at­ta­cke auf den Kreml sei mög­lich, hieß es in der kon­ser­va­ti­ven Zei­tung „The Ti­mes“. Chef­di­plo­mat John­son ver­weist auf die in­ter­na­tio­na­le Un­ter­stüt­zung für sein Land. So sag­ten die Eu-kom­mis­si­on, Deutsch­land und Frank­reich dem Kö­nig­reich So­li­da­ri­tät zu.

Ex-dop­pel­agent Skri­pal soll den bri­ti­schen Aus­lands­ge­heim­dienst MI6 über rus­si­sche Agen­ten in Eu­ro­pa in­for­miert ha­ben. 2004 flog der ehe­ma­li­ge Oberst des rus­si­schen Mi­li­tär­ge­heim­diens­tes GRU auf und wur­de fest­ge­nom­men. Er wur­de zu 13 Jah­ren La­ger­haft ver­ur­teilt. Im Rah­men ei­nes Ge­fan­ge­nen­aus­tauschs kam er 2010 nach Groß­bri­tan­ni­en.

Der Fall er­in­nert an den Mord an dem Ex-agen­ten und Kremlkri­ti­ker Alex­an­der Lit­wi­nen­ko, der 2006 in Lon­don mit ra­dio­ak­ti­vem Po­lo­ni­um ver­gif­tet wur­de. Die Spu­ren der Tä­ter führ­ten da­mals nach Mos­kau.

Fo­to: ap

„Ner­ven­gas von mi­li­tä­ri­scher Qua­li­tät“: Er­mitt­ler un­ter­su­chen in Sü­deng­land ei­nen Wa­gen im Zu­sam­men­hang mit dem An­schlag auf Ser­gej Skri­pal.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.