„Das ist es, was un­se­re Zeit prägt“

Ås­ne Sei­er­stad über ih­re Bü­cher und ihr Schrei­ben

Leipziger Volkszeitung - - KULTUR -

Für ihr Buch „Ei­ner von uns. Die Ge­schich­te ei­nes Mas­sen­mör­ders“über den At­ten­tä­ter An­ders Beh­ring Brei­vik wird die nor­we­gi­sche Au­to­rin Ås­ne Sei­er­stad heu­te mit dem Leip­zi­ger Buch­preis zur Eu­ro­päi­schen Ver­stän­di­gung aus­ge­zeich­net. In „Die Schwes­tern“be­schreibt sie zwei Mäd­chen, die frei­wil­lig nach Sy­ri­en ge­hen, um sich dem Is­la­mi­schen Staat an­zu­schlie­ßen. Im In­ter­view er­klärt die 48-Jäh­ri­ge, war­um sie solch schwer zu durch­drin­gen­de The­men wählt. Ja, ich woll­te her­aus­fin­den, wie das ge­sche­hen konn­te. Wie es mög­lich war, dass die­ser Typ so ei­ne schreck­li­che Ter­ror­tat be­ge­hen konn­te. Es ist ja nicht so, dass er sich rä­chen woll­te, weil ihm selbst Un­recht zu­ge­fügt wur­de. Was al­so hat ihn da­zu ge­bracht, dass er sein ei­ge­nes Land, sei­ne ei­ge­ne Re­gie­rung, die­se Ju­gend­li­chen an­greift? Das woll­te ich gern ver­ste­hen.

Gilt das auch für „Die Schwes­tern“?

Mei­ne bei­den letz­ten Bü­cher sind der Ver­such, die zu ver­ste­hen, die Eu­ro­pa ab­leh­nen.

Ver­ste­hen Sie Brei­vik jetzt bes­ser?

Ja, na­tür­lich. An „Ei­ner von uns“ha­be ich zwei­ein­halb Jah­re ge­ar­bei­tet. Wir kön­nen uns nicht dar­auf be­schrän­ken, wel­cher Ideo­lo­gie er sich an­ge­schlos­sen hat. Wir müs­sen auch se­hen, was ihn in sei­nem Le­ben da­zu ge­bracht hat, dass er von so ei­nem Rein­heits­ge­dan­ken be­ses­sen war, von so ei­ner fa­schis­ti­schen Ideo­lo­gie. Ich glau­be, Brei­vik ist ein gu­tes Bei­spiel für feh­len­de Zu­ge­hö­rig­keit, feh­len­de Si­cher­heit, feh­len­de Bin­dun­gen. Er fühlt sich klein und will groß sein.

Sie ha­ben mit Op­fern und An­ge­hö­ri­gen ge­spro­chen. Wie ging es Ih­nen da­mit?

Das war ein sehr emo­tio­na­ler Pro­zess. Ich war zwi­schen­durch sehr wü­tend und trau­rig, ei­gent­lich ei­ne Kom­bi­na­ti­on von bei­dem. Ich ha­be vie­le Bio­gra­fi­en der Op­fer ge­le­sen, und für mein Buch ha­be ich mich vor al­lem mit drei Schick­sa­len in­ten­siv be­fasst. Die­se Ju­gend­li­chen wur­den ein Teil von mir, und dass sie nun weg sind, ist auch für mich ein Ver­lust.

Al­le Ih­re Bü­cher the­ma­ti­sie­ren po­li­ti­sche Kon­flik­te, was fas­zi­niert Sie dar­an?

Das ist es, was un­se­re Zeit prägt. Die meis­ten Au­to­ren schrei­ben über Kon­flik­te, sei­en es per­sön­li­che oder po­li­ti­sche. Wie Men­schen mit neu­en Si­tua­tio­nen um­ge­hen, wie Din­ge sich än­dern, das fin­de ich span­nend.

Woran ar­bei­ten Sie zur­zeit?

Ich ar­bei­te an ei­nem Buch über die USA und was sich durch Trump än­dert. Ich rei­se al­so hin und her und ver­fol­ge an ei­nem klei­nen Ort, was sich für die Men­schen dort ver­än­dert. Au­ßer­dem fin­de ich den Metoo-skan­dal in der nor­we­gi­schen Ar­bei­ter­par­tei ziem­lich span­nend. Das ist ei­ne sehr lo­ka­le Sa­che, aber gleich­zei­tig sehr uni­ver­sal. Aber ich weiß nicht, was dar­aus wird.

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