„Es gibt ei­ne Sehn­sucht nach So­li­da­ri­tät“

Bay­erns künf­ti­ge SPD-Vor­sit­zen­de Na­ta­scha Koh­nen im In­ter­view über ih­re Zie­le und den mäch­ti­gen Geg­ner CSU

Lindauer Zeitung - - WIR IN BAYERN -

MÜN­CHEN - Die So­zi­al­de­mo­kra­ten in Bay­ern set­zen sich nach dem Wech­sel an der Par­tei­spit­ze das Ziel, den Wohl­stand im Land ge­rech­ter zu ver­tei­len. Das sag­te Na­ta­scha Koh­nen, die nach ih­rem Sieg beim SPDMit­glie­der­ent­scheid am Wo­che­n­en­de in Schwein­furt für den Lan­des­vor­sitz kan­di­diert, im Ge­spräch mit Ralf Mül­ler.

Frau Koh­nen, war­um wol­len Sie ei­gent­lich Vor­sit­zen­de der baye­ri­schen SPD wer­den, die ja nicht ge­ra­de vom Er­folg ver­folgt ist?

Weil ich der fes­ten Über­zeu­gung bin, dass wir als SPD dem Land et­was zu ge­ben ha­ben. Bay­ern ist ein star­kes, wohl­ha­ben­des Land, aber es gibt ei­ne Sehn­sucht der Men­schen nach So­li­da­ri­tät und so­zia­lem Zu­sam­men­halt. Von der SPD wird er­war­tet, die Baustei­ne da­für zu lie­fern.

Das hört sich nach der Kam­pa­gne „Bay­ern, aber ge­rech­ter“an, die schon frü­her nicht ge­grif­fen hat.

Nein. Wir neig­ten bis­her im­mer da­zu, ei­nen Bauch­la­den an The­men vor uns her zu tra­gen und zu kri­ti­sie­ren. Ich nen­ne das: ab­ar­bei­ten an der CSU. Die CSU hat es so hin­ge­dreht, als wür­den wir das Land schlecht­re­den. Wir wis­sen, dass wir in ei­nem tol­len, bun­ten, viel­fäl­ti­gen, wohl­ha­ben­den Land le­ben. Aber es gibt Din­ge, die wir an­ders ma­chen kön­nen, da­mit al­le ih­re Chan­ce ha­ben, da­mit sie sich si­cher füh­len. Da­mit mei­ne ich so­zia­le Si­cher­heit, die be­schä­digt ist, wenn Men­schen in ei­ner Ge­sell­schaft Angst ha­ben, et­was nicht mehr be­zah­len zu kön­nen oder ab­zu­stei­gen.

Ist es da nicht ein Pro­blem, wenn in an­de­ren SPD-re­gier­ten Bun­des­län­dern die so­zia­le La­ge eher schlech­ter ist, die Ar­beits­lo­sig­keit hö­her, das Durch­schnitts­ein­kom­men ge­rin­ger?

Den Ver­gleich mit an­de­ren Län­dern hal­te ich nicht für be­rech­tigt. Nord­rhein-West­fa­len zum Bei­spiel hat 13 Groß­städ­te - es ist ein ganz an­de­res Land. Vie­le un­se­rer Ge­mein­den und Städ­te in Bay­ern sind üb­ri­gens SPD­re­giert. 40 Pro­zent des Steu­er­auf­kom­mens kommt aus dem SPD-re­gier­ten Mün­chen. Bay­ern ist ja wirk­lich stark, aber es gibt ein De­fi­zit im so­zia­len Zu­sam­men­halt. Da­her ist die Aus­gangs­la­ge für die SPD ei­ne ganz an­de­re.

Nach meh­re­ren CSU-Um­fra­gen sind die meis­ten Men­schen in Bay­ern zu­frie­den mit ih­ren Le­bens­um­stän­den und se­hen nicht ein, war­um sich et­was än­dern muss. Wie wol­len sie dies den Leu­ten ein­re­den?

Ich will nie­man­dem et­was ein­re­den. Wenn aber ein Ki­ta-Platz 600 bis 800 Eu­ro im Mo­nat kos­tet, dann kön­nen sich das vie­le Men­schen ein­fach nicht mehr leis­ten oder das Geld fehlt ih­nen an an­de­rer Stel­le. Der So­zi­al­be­richt der CSU-Staats­re­gie­rung selbst zeigt, dass im Land ei­ne Spal­tung be­steht. Das ist nicht Schlecht­re­den, aber man muss ja auch die Schat­ten­sei­ten be­leuch­ten und sie zu Licht­sei­ten ma­chen. Da kann die CSU Mar­ke­ting und Um­fra­gen ma­chen, so vie­le sie will - es geht dar­um, was je­der in die­sem Land fühlt.

Wo soll die SPD in Bay­ern in ein paar Jah­ren ste­hen?

Ich möch­te ei­nen an­de­ren po­li­ti­schen Stil. Und ich möch­te den Wohl­stand al­len zu­gäng­lich ma­chen. Es darf für uns als SPD nicht im Vor­der­grund ste­hen, stän­dig zu kri­ti­sie­ren, was die der­zei­ti­ge Re­gie­rung al­les falsch macht. Im Vor­der­grund muss ste­hen, was die SPD für die­ses Land zu bie­ten hat. Wir als Po­li­ti­ker müs­sen end­lich ei­ne Spra­che spre­chen, die je­der ver­steht. Ich möch­te, dass wir wie­der ler­nen, wie zu­hau­se am Kü­chen­tisch zu re­den, da­mit Po­li­tik auch wie­der ver­stan­den wird. Und am En­de will ich hier mit der SPD in Bay­ern Re­gie­rungs­ver­ant­wor­tung über­neh­men.

Kann die SPD in Bay­ern je­mals Re­gie­rungs­ver­ant­wor­tung über­neh­men oh­ne mit der CSU zu ko­alie­ren?

Ich hal­te null da­von, im­mer von Ko­ali­tio­nen zu re­den. Und noch mal: Wenn die SPD Re­gie­rungs­ver­ant­wor­tung über­nimmt, dann wird es dem Land wei­ter­hin gut ge­hen, es wird stark sein, aber es wer­den sich ein paar Din­ge än­dern, die wich­tig sind: Du musst dir bei­spiels­wei­se dein Dach über dem Kopf leis­ten kön­nen und ei­nen bei­trags­frei­en Ki­ta-Platz be­kom­men. Und wenn mich je­mand fragt, mit wem willst du re­gie­ren, dann sa­ge ich: mit der SPD.

FO­TO: DPA

Na­ta­scha Koh­nen hat sich beim SPD-Mit­glie­der­ent­scheid durch­ge­setzt.

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