Ge­sun­der Men­schen­ver­stand con­tra ju­ris­ti­sche Kom­pe­tenz

„So­fa-Rich­ter“ent­schei­den über all­täg­li­che Rechts­fäl­le

Lindauer Zeitung - - MEDIEN - Von Roland Böhm

KARLS­RU­HE (dpa) - T-Shirt statt Ro­be, frei Schnau­ze statt Ju­ris­ten­deutsch, be­que­mes So­fa statt har­te Rich­ter­bank – ab Di­ens­tag ent­schei­den erst­mals die „So­fa-Rich­ter“im SWR-Fern­se­hen teils kniff­li­ge, teils skur­ri­le, aber im­mer ech­te Rechts­fäl­le. Die Ur­tei­le fäl­len et­wa ein Mo­del aus Mannheim, ein Fein­me­cha­ni­ker aus Lud­wigs­ha­fen, ein Pri­vat­de­tek­tiv aus Stutt­gart oder an­ge­hen­de Pries­ter aus Tri­er.

„Ge­sun­der Men­schen­ver­stand und ju­ris­ti­scher Fach­ver­stand lie­gen oft gar nicht so weit aus­ein­an­der, wie man viel­leicht denkt“, sagt ARD-Rechts­ex­per­te Frank Bräu­ti­gam (41). Er greift die Ar­gu­men­te von den So­fas auf, ord­net die Fäl­le ein und sucht stets ei­nen ver­ständ­li­chen Weg durch den für Lai­en ger­ne mal un­durch­dring­li­chen Pa­ra­gra­fen-Dschun­gel. „Es ist nicht so, dass un­se­re So­fa-Rich­ter stän­dig die Hän­de über dem Kopf zu­sam­men­schla­gen und den­ken: Oh Gott, was ha­ben wir für Ge­set­ze und was ma­chen die rich­ti­gen Ge­rich­te dar­aus“, so Bräu­ti­gam.

Er ist zu­dem über­zeugt, dass das The­ma Recht nicht so tro­cken ist, wie vie­le glau­ben. Schließ­lich spie­le es mit­ten im Le­ben: „Hin­ter je­dem Ur­teil und Pa­ra­gra­fen ste­hen ja Men­schen und ih­re Kon­flik­te.“Da wer­de ei­nem 85-Jäh­ri­gen nach ei­nem schwe­ren Un­fall der Füh­rer­schein ent­zo­gen, und am En­de ha­ben al­le Mit­leid mit ihm. Es geht um so ba­na­le Fra­gen wie „Was darf ich im Su­per­markt?“, aber auch um heik­le Kon­flik­te rund um Erb­schlei­che­rei.

Auch Pro­mis sit­zen auf der Couch

Ein Fall zur Ster­be­hil­fe ha­be ihn emo­tio­nal an sei­ne Gren­zen ge­bracht, ge­steht So­fa-Rich­ter Jür­gen Pötzsch (57), ein Bär von ei­nem Mann, seit 15 Jah­ren Pri­vat­de­tek­tiv und ei­gent­lich mit al­len Was­sern ge­wa­schen. „Wir ha­ben ge­merkt, wie schwer es sein kann, ob­jek­tiv zu blei­ben“, sagt Pötzsch, der die Fäl­le auf dem So­fa mit sei­ner Frau durch­dis­ku­tiert, be­vor er ur­teilt.

Sein Fa­zit: „Ich be­wun­de­re je­den Rich­ter: Er muss im­mer nach dem Ge­setz ent­schei­den, auch wenn er viel­leicht pri­vat mal ganz an­ders denkt.“

„Ob­wohl man kei­ne Pa­ra­gra­fen kennt, hat doch je­der ein Ge­fühl da­für, was darf ich, was ist ge­recht und was nicht“, sagt Bräu­ti­gam. Wie viel Ge­päck darf man mit in den Bus neh­men? Ist es Sach­be­schä­di­gung, wenn man rechts­ex­tre­me Pa­ro­len über­sprüht? Müs­sen Kin­der ih­ren El­tern den He­im­platz zah­len, auch wenn die ei­nen fast zu To­de ge­prü­gelt ha­ben? Ei­ne Run­de von Pries­ter­amtskan­di­da­ten aus Tri­er ha­be bei Letz­te­rem mit den zehn Ge­bo­ten ar­gu­men­tiert, er­zählt Bräu­ti­gam. Da ste­he, du sollst Va­ter und Mut­ter eh­ren – oh­ne Aus­nah­me.

Wo droht ein Jus­tiz­irr­tum? Wel­che Ge­set­ze sind wo­mög­lich zu lasch? Mit der Schau­spie­le­rin Ur­su­la Can­ti­eni (69) und dem Mo­de­ra­tor Pier­re M. Krau­se (40) schlüp­fen auch zwei SWR-Pro­mis in die Rich­ter-Rol­le. „Je län­ger man sich da­mit be­schäf­tigt, des­to über­rasch­ter ist man, wo­für es bei uns al­les Ge­set­ze gibt, und was eher über Haus­recht ge­re­gelt ist“, sagt die aus den „Fal­lers“be­kann­te Can­ti­eni. Höchst amü­sant sei­en vie­le Fäl­le, ei­ni­ges ge­he aber auch un­ter die Haut. „Und es gab Ent­schei­dun­gen, da ha­be ich et­was ge­kö­chelt hin­ter­her.“

FO­TO: SWR

Die „So­fa-Rich­ter“: Auf der hei­mi­schen Couch stimmt Fa­mi­lie Stork aus Mainz ba­sis­de­mo­kra­tisch ab, wie aus dem Le­ben ge­grif­fe­ne Rechts­fäl­le ent­schie­den wer­den soll­ten.

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