Mu­sik ler­nen: För­de­rung zu knapp – Vie­le Gra­tis-An­ge­bo­te

Lingener Tagespost - - DIALOG -

Zum Ar­ti­kel „Die Her­kunft macht die Mu­sik“(Aus­ga­be vom 12. Sep­tem­ber).

„Aus be­ruf­li­chem In­ter­es­se ha­be ich Ih­ren Ar­ti­kel [...] ver­folgt und mich ein­mal ge­nau­er mit den Leis­tun­gen des Bil­dungs- und Teil­ha­be­pa­ke­tes zur Teil­nah­me am so­zia­len und kul­tu­rel­len Le­ben in der Ge­mein­schaft in­for­miert.

Mit dem Bil­dungs­pa­ket be­kom­men hil­fe­be­dürf­ti­ge Kin­der ein Bud­get für Ver­eins-, Kul­tur- und Fe­ri­en­an­ge­bo­te. Denn man­chen El­tern fehlt das Geld, um die Mit­glieds­bei­trä­ge zu be­zah­len. Für die Teil­nah­me an Mu­sik­un­ter­richt, die Mit­glied­schaft in Ver­ei­nen in den Be­rei­chen Sport, Spiel, Kul­tur und Ge­sel­lig­keit, für Mu­se­ums­be­su­che und Ak­ti­vi­tä­ten kul­tu­rel­ler Bil­dung ste­hen je­dem Kind zehn Eu­ro im Mo­nat zur Ver­fü­gung, al­so le­dig­lich 120 Eu­ro im Jahr – bis zur Voll­en­dung des 18. Le­bens­jah­res.

Ei­ne Jah­res­mit­glied­schaft in ei­nem Os­na­brü­cker Sport­ver­ein kos­tet für ein Kind je­doch schon cir­ca 100 Eu­ro. Flö­ten­un­ter­richt kos­tet ne­ben den An­schaf­fungs­kos­ten von cir­ca 35 bis 60 Eu­ro al­lein cir­ca 234 Eu­ro jähr­lich. Gi­tar­ren­un­ter­richt cir­ca 390 Eu­ro bis 510 Eu­ro jähr­lich zu­züg­lich der An­schaf­fungs­kos­ten von cir­ca 140 Eu­ro. Frau Adam und die Ex­per­ten der Ber­tels­man­nStif­tung for­dern da­her zu Recht, dass Schu­le und Mu­sik­schu­le ge­stärkt wer­den müs­sen, die so­zia­le Sche­re zu­guns­ten bil­dungs­be­nach­tei­lig­ter Kin­der zu schlie­ßen und Ju­gend­li­chen zu hel­fen, we­ni­ger von der Fa­mi­li­en­si­tua­ti­on ab­hän­gig zu sein.

Nach mei­nen Be­rech­nun­gen ist es aber mit der ak­tu­el­len För­de­rung von 120 Eu­ro jähr­lich ei­nem Kind oder Ju­gend­li­chen gar nicht mög­lich, über­haupt ein Mu­sik­in­stru­ment zu er­ler­nen. Ge­schwei­ge denn ein Sport­an­ge­bot und gleich­zei­tig Mu­sik­un­ter­richt in An­spruch zu neh­men.

Ei­ne ganz­heit­li­che För­de­rung al­ler (!) Kin­der und Ju­gend­li­chen soll­te mei­nes Erach­tens je­doch ein gro­ßes In­ter­es­se der Ge­sell­schaft sein und bei jähr­li­chen Kos­ten von cir­ca 350 Eu­ro bis 500 Eu­ro zu­züg­lich der An­schaf­fungs­kos­ten (ge­ge­be­nen­falls auch Fahrt­kos­ten) mit deut­lich mehr als le­dig­lich 120 Eu­ro ge­för­dert wer­den.“

Chris­ti­na Fran­ken­berg Os­na­brück

„Die Ber­tels­mann-Stif­tung wird recht ha­ben mit der Ana­ly­se, dass Gym­na­si­as­ten häu­fi­ger mu­si­zie­ren. Aber liegt das tat­säch­lich am Fa­mi­li­en­ein­kom­men?

Zu schnell der Vor­wurf ei­ner mu­si­ka­lisch-so­zia­len Sche­re, zu schnell der Ruf nach mehr För­der­mit­tel­a­b­ruf für die Mu­sik­schul­pro­gram­me. In der Tat wer­ben vie­le Gym­na­si­en mit Mu­sik­pro­fi­len und un­ter­hal­ten gut auf­ge­stell­te Orches­ter. Aber bei 41 Pro­zent Gym­na­si­as­ten ei­nes Schul­jahr­gangs (Stand 2016) soll­ten da­mit be­reits vie­le Schü­ler/-in­nen mu­si­zie­ren. Könn­te es nicht dar­an lie­gen, dass die Be­reit­schaft ab­nimmt, über ei­nen lan­gen Zei­t­raum ein In­stru­ment zu er­ler­nen, bis es gut hör­bar er­klingt? Wo mit der Mu­si­cal.ly-App in 20 Se­kun­den doch schon ein teil­ba­res Er­geb­nis pro­du­ziert wer­den kann für die heu­ti­gen so­zia­len Räu­me.

Am Geld dürf­te es je­den­falls nicht lie­gen. In un­se­rem evan­ge­lisch-lu­the­ri­schen Kir­chen­kreis bei­spiels­wei­se pro­ben 20 Chö­re und Kan­to­rei­en, de­nen man sich kos­ten­los an­schlie­ßen kann. Es gibt für Ju­gend­li­che Kin­der-, Ju­gend- und Gos­pel­chö­re, Block­flö­ten- und Gi­tar­ren­krei­se so­wie Bands. Nicht zu ver­ges­sen sechs Po­sau­nen­chö­re, in de­nen man nicht nur Po­sau­ne kos­ten­los er­ler­nen kann. In­stru­men­te wer­den häu­fig ge­stellt. Die­se ins­ge­samt 40 ver­schie­de­nen Mu­sik­grup­pen mit über 500 Mit­glie­dern wer­den von 35 Per­so­nen über­wie­gend eh­ren­amt­lich ge­lei­tet. Da könn­te man mit­ma­chen!

Und in den viel grö­ße­ren und brei­ter ge­streu­ten ka­tho­li­schen Kir­chen­ge­mein­den gibt es ein Viel­fa­ches an An­ge­bo­ten. Dass die­se nicht ge­nutzt wer­den, liegt nach mei­ner Be­ob­ach­tung nicht am Geld, son­dern am Wil­len der Ju­gend­li­chen und der El­tern. Denn mu­si­ka­li­sches Ler­nen muss auch im­mer mo­ti­viert wer­den. Hat mit Dis­zi­plin und Ver­bind­lich­keit zu tun.

Ich selbst kom­me aus ei­ner Ar­bei­ter­fa­mi­lie und spiel­te 15 Jah­re im Spiel­manns­zug un­se­res Dor­fes, mit Ver­gnü­gen und kos­ten­lo­sem Un­ter­richt, Uni­form und In­stru­ment, zu­letzt als Aus­bil­der für den Tromm­ler­nach­wuchs. Un­se­re Töch­ter heu­te spie­len in der ka­tho­li­schen Blas­ka­pel­le Twist, als zwei von le­dig­lich drei An­fän­gern. Der lu­the­ri­sche Po­sau­nen­chor hat­te sich auf­ge­löst, weil nicht ge­nü­gend ju­gend­li­cher Nach­wuchs vor­han­den war. Mein Fa­zit: Es gibt in fast al­len Dör­fern des Ems­lands kos­ten­lo­se und mit dem Fahr­rad er­reich­ba­re mu­si­ka­li­sche Lern- und Mit­mach­an­ge­bo­te, wir müs­sen sie nur nut­zen!“

Ul­rich Hirn­dorf

Twist

Fo­to: im­a­go/image­bro­ker

Das Mu­sik-Ler­nen der Kin­der an ei­ner Mu­sik­schu­le ist für El­tern mit we­nig Ein­kom­men kaum be­zahl­bar, fin­det ei­ne Le­se­rin. Da­für gibt es vie­le kos­ten­lo­se An­ge­bo­te, schreibt ein an­de­rer Le­ser.

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