Ge­mein­sam für ei­ne bes­se­re Zu­kunft

Zu­kunfts­for­scher Opa­schow­ski for­dert ge­mein­sa­me Gestal­tung ei­ner bes­se­ren Zu­kunft

Lingener Tagespost - - VORDERSEITE - Von Bar­ba­ra Glo­se­mey­er

HAM­BURG. Der Zu­kunfts­for­scher Horst Opa­schow­ski for­dert im In­ter­view ei­ne ge­mein­sa­me und rück­sichts­vol­le Gestal­tung der ge­sell­schaft­li­chen Zu­kunft in Deutsch­land. Auch die äl­te­re Ge­ne­ra­ti­on ha­be ei­ne Bring­schuld; die jun­ge Ge­ne­ra­ti­on sei zu ei­ner Min­der­heit in Deutsch­land ge­wor­den.

Der Ham­bur­ger Zu­kunfts­for­scher Horst Opa­schow­ski spricht zum Jah­res­wech­sel über die Sor­gen der Deut­schen, die Ver­nach­läs­si­gung der Ju­gend in un­se­rer Ge­sell­schaft und das Miss­trau­en der Bür­ger in die Po­li­tik.

HAM­BURG. Pro­fes­sor Horst Opa­schow­ski zählt zu den füh­ren­den Zu­kunfts­for­schern Eu­ro­pas. In sei­nen Best­sel­lern und Vor­trä­gen ana­ly­siert der 76-jäh­ri­ge Opa­schow­ski die Stim­mun­gen der Deut­schen und lenkt den Blick auf be­vor­ste­hen­de Ve­rän­de­run­gen in den Be­rei­chen Wirt­schaft, Po­li­tik und Ge­sell­schaft. Ein Ge­spräch in der Ge­gen­wart mit Blick in die Zu­kunft.

Herr Opa­schow­ski, im ver­gan­ge­nen Jahr ha­ben Sie vom Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tut Ip­sos er­mit­teln las­sen, wie op­ti­mis­tisch die Deut­schen das Jahr 2017 se­hen. 36 Pro­zent der Be­frag­ten ga­ben an, dass sie die­sem Jahr mit gro­ßer Skep­sis ent­ge­gen­se­hen. Nur je­der Fünf­te ging op­ti­mis­tisch ins neue Jahr. Wie ist die Stim­mung heu­te, ein Jahr spä­ter?

Wir ste­hen vor ei­ner Stim­mungs­wen­de. Der An­teil der Deut­schen, der dem neu­en Jahr 2018 mit gro­ßer Skep­sis und ge­misch­ten Ge­füh­len ent­ge­gen­sieht, hat sich im Ver­gleich zum Vor­jahr ver­dop­pelt. Es gibt we­nig An­läs­se für ei­ne po­si­ti­ve Grund­stim­mung in Deutsch­land.

Wor­an liegt das?

Der Ver­lauf der ge­schei­ter­ten Son­die­rungs­ge­sprä­che hat sei­ne Spu­ren hin­ter­las­sen. Im­mer mehr Bun­des­bür­ger trau­en den Po­li­ti­kern im­mer we­ni­ger zu. Die Wäh­ler hat­ten nach der Wahl auf ei­nen Ruck ge­war­tet, der durch das Land geht, auf den gro­ßen Wurf für das gro­ße Gan­ze. Statt­des­sen ist die Wäh­ler­schaft ent­täuscht, weil sie den Ein­druck hat, dass es den Po­li­ti­kern mehr um Ins­ze­nie­run­gen und Macht­er­halt als um In­hal­te und Ge­mein­wohl geht. Ver­trau­ens­bruch und Ver­trau­ens­schwund kenn­zeich­nen die Stim­mung im Land.

War das Jahr 2017 ein wich­ti­ges Jahr, das den Deut­schen die Zu­kunft auf­zeigt? 2017 war wirt­schaft­lich ge­se­hen ein Re­kord­jahr. Wir er­leb­ten ge­ra­de­zu gol­de­ne Zei­ten wie seit Jah­ren nicht mehr. Aber die un­ge­lös­ten so­zia­len Pro­ble­me wie Mi­gra­ti­on und In­te­gra­ti­on, Frem­den­feind­lich­keit und Kri­mi­na­li­tät lie­ßen kaum Zu­kunfts­hoff­nun­gen auf­kom­men.

War­um?

Von der pa­ni­schen „Ger­man Angst“ha­ben sich die Deut­schen si­cher ver­ab­schie­det, aber die Zu­kunfts­zwei­fel wach­sen − ge­sell­schaft­lich und auch ganz per­sön­lich. Auf den Zu­kunfts­hun­ger der Be­völ­ke­rung re­agiert die Po­li­tik mit der Un­lust an ver­läss­li­chen Zu­kunfts­aus­sa­gen.

Was macht den Deut­schen kurz vor dem Jah­res­wech­sel am meis­ten Sor­ge? Je­der wünscht sich ein sor­gen­frei­es Le­ben. Aber wann sind die Deut­schen zu­frie­den? Po­si­tiv auf den Punkt ge­bracht: Gut, ge­sund und glück­lich le­ben – da­von träu­men fast al­le. In Wirk­lich­keit hat je­der zwei­te Bun­des­bür­ger fi­nan­zi­el­le Sor­gen, weil der Ar­beits­platz nicht si­cher ist oder das Geld fehlt, um für die Zu­kunft fi­nan­zi­ell vor­sor­gen zu kön­nen.

Seit An­fang des Jah­res be­schäf­ti­gen Sie sich ge­mein­sam mit Ih­rer Toch­ter Iri­na Pi­la­wa mit der „Ge­ne­ra­ti­on Z(ukunft)“, al­so der um die Jahr­tau­send­wen­de Ge­bo­re­nen. In ei­ner re­prä­sen­ta­ti­ven Stu­die Ih­res Opa­schow­ski-In­sti­tuts für Zu­kunfts­for­schung (O.I.Z.) sag­ten 54 Pro­zent der Be­frag­ten im Al­ter zwi­schen 14 und 24 Jah­ren, die jun­ge Ge­ne­ra­ti­on sei mehr auf sich selbst ge­stellt und kön­ne sich we­ni­ger auf an­de­re oder den Staat ver­las­sen. In die­sem Zu­sam­men­hang ha­ben Sie die Po­li­tik da­vor ge­warnt, die In­ter­es­sen der Ju­gend zu ver­nach­läs­si­gen. Kom­men Ju­gend­li­che in der deut­schen Ge­sell­schaft wirk­lich zu kurz? Ein­deu­tig ja. Die Ju­gend ist in Deutsch­land zur Min­der­heit ge­wor­den und fühlt sich al­lein ge­las­sen. Des­halb kri­ti­siert auch mei­ne Toch­ter, For­schungs­re­fe­ren­tin am O.I.Z: „Die Po­li­tik lässt die nächs­te Ge­ne­ra­ti­on weit­ge­hend im Un­ge­wis­sen dar­über, ob spä­ter das Ren­ten­ein­tritts­al­ter steigt oder das Ren­ten­ni­veau sinkt oder gar Al­ters­ar­mut droht“. Ich kann ihr nur zu­stim­men. Die jun­ge Ge­ne­ra­ti­on spielt im po­li­ti­schen All­tag le­dig­lich ei­ne Ne­ben­rol­le. Und die Fra­ge der Ge­ne­ra­tio­nen­ge­rech­tig­keit wird nach­ran­gig be­han­delt.

Wie sieht für Sie, den For­scher, das per­fek­te Er­zie­hungs­paar 2018 aus? „Per­fek­ti­on“kön­nen Sie in der Er­zie­hung ver­ges­sen. Set­zen Sie statt­des­sen mehr auf die „3V“: Ver­trau­en, Ver­ant­wor­tung und Ver­läss­lich­keit. Ge­hen Sie ehr­lich mit­ein­an­der um und ver­ges­sen Sie Nach­sicht, Rück­sicht und An­stand nicht. Das sind die Er­zie­hungs­prin­zi­pi­en und Le­ben­stu­gen­den, die wir heu­te und mor­gen brau­chen.

Müs­sen sich Ju­gend­li­che nicht auch selbst stär­ker ein­brin­gen?

Die Mill­en­ni­als sind kei­ne Re­vo­luz­zer, eher Kri­sen­pro­fis, die in un­si­che­ren Zei­ten das Bes­te aus ih­rem Le­ben ma­chen wol­len: Le­bens­op­ti­mie­rer, die ger­ne Al­les­kön­ner sein wol­len, aber ei­gent­lich mehr Biss, Initia­ti­ve und Of­fen­siv­geist zei­gen müss­ten. An­de­rer­seits sind sie da, wenn man sie braucht. Den­ken Sie an die „Ge­ne­ra­ti­on Sand­sack“wäh­rend der letz­ten Jahr­hun­dert­flut in Deutsch­land. Sie gleicht eher ei­ner neu­en Ge­ne­ra­ti­on so­zia­ler Un­ter­neh­mer, die mehr an ei­ne Mit­mach- und Selbst­hil­fe­ge­sell­schaft als an den So­zi­al- und Wohl­fahrts­staat glaubt.

Die Welt ist of­fe­ner, glo­ba­ler ge­wor­den. Das bie­tet für jun­ge Leu­te viel mehr Mög­lich­kei­ten, macht es aber auch schwie­ri­ger, sich zu ori­en­tie­ren. Sie sind selbst Groß­va­ter. Was möch­ten Sie Ih­ren En­keln und de­ren Ge­ne­ra­ti­on für Ih­re Zu­kunft mit auf den Weg ge­ben?

Ich fin­de, die äl­te­re Ge­ne­ra­ti­on hat ei­ne Brin­ge­schuld. Dies gilt auch für mich – als Weg­be­glei­ter und Weg­wei­ser. Ich ma­che mei­nen En­keln klar: Die Fa­mi­lie ist das Wich­tigs­te im Le­ben. Gut le­ben ist wich­ti­ger als viel ha­ben. Und ge­mein­sam dür­fen wir nicht auf­hö­ren, ei­ne bes­se­re Ge­sell­schaft zu schaf­fen.

War denn, wie oft be­haup­tet, frü­her al­les bes­ser und ein­fa­cher?

Wer so denkt, muss alt sein. Ju­gend­li­che ver­dre­hen zu Recht die Au­gen, wenn sie sich stän­dig Hin­wei­se auf „frü­her“an­hö­ren müs­sen.

Sie sind un­ter an­de­rem auch Be­ra­ter für Po­li­tik und Wirt­schaft. Wel­ches sind die dring­lichs­ten zu­kunfts­wei­sen­den Haus­auf­ga­ben ei­ner neu­en Bun­des­re­gie­rung?

Die nächs­te Bun­des­re­gie­rung soll erst ein­mal auf­hö­ren, stän­dig täg­li­che Auf­re­gungs­the­men der Me­di­en ab­zu­ar­bei­ten. Die Men­schen in Deutsch­land wün­schen sich von der Po­li­tik Weit­sicht und ver­ant­wort­li­che Vor­aus­schau, die über den Zeit­rah­men ei­ner Le­gis­la­tur­pe­ri­ode hin­aus­rei­chen. Zu Wil­ly Brandts Zei­ten hieß es „Mehr De­mo­kra­tie wa­gen“. Jetzt muss es hei­ßen: „Mehr Zu­kunft wa­gen!“Die un­ge­lös­ten Zu­kunfts­pro­ble­me lie­gen doch als Haus­auf­ga­ben schon lan­ge auf dem Tisch: Mi­gra­ti­on und In­te­gra­ti­on, Um­welt­schutz und Ener­gie­wen­de, Woh­nungs­bau und Kri­mi­na­li­täts­be­kämp­fung, Fle­xi­ren­te und Al­ters­vor­sor­ge. Und bei al­len Maß­nah­men muss der Ge­dan­ke der Ge­ne­ra­tio­nen­ge­rech­tig­keit im Mit­tel­punkt ste­hen.

Zum ers­ten Mal sitzt die AfD im Bun­des­tag. Wie er­klä­ren Sie sich das Phä­no­men?

Wir le­ben in ei­nem Zeit­al­ter der Ex­tre­me – öko­lo­gisch, po­li­tisch und auch so­zi­al. Mei­ne Zu­kunfts­pro­gno­se aus dem Jahr 1994 lau­te­te: „Wir nei­gen im­mer mehr zu Ex­tre­men, weil wir täg­lich mit Ex­tre­men kon­fron­tiert wer­den“. Das wird un­ser so­zia­les Ver­hal­ten nach­hal­tig und ra­di­kal ver­än­dern. Wir ha­ben die Si­gna­le so­zia­ler Un­zu­frie­den­heit bei gro­ßen Tei­len der Be­völ­ke­rung in den letz­ten Jah­ren nicht wahr­ha­ben wol­len. Jetzt be­kom­men wir die Fol­gen von Wut, Hass und Ge­walt in der po­li­ti­schen Land­schaft und in den so­zia­len Me­di­en zu spü­ren.

Die Di­gi­ta­li­sie­rung hängt wie ein Da­mokles­schwert über der Zu­kunft und macht vie­len Angst; und vie­le Fir­men sind nicht dar­auf vor­be­rei­tet. Wird die Di­gi­ta­li­sie­rung die Ar­beits­welt wirk­lich auf den Kopf stel­len wie einst die in­dus­tri­el­le Re­vo­lu­ti­on? Die Di­gi­ta­li­sie­rung wird die Ar­beits­qua­li­tät ver­än­dern, aber nicht die Ar­beits­plät­ze mas­sen­haft ver­nich­ten. Wir ge­hö­ren zu den Län­dern mit der größ­ten Ro­bo­ter­dich­te und ha­ben trotz­dem so vie­le Be­schäf­tig­te wie noch nie. Eher macht mir die Ent­wick­lung der künst­li­chen In­tel­li­genz (KI), ei­ner Art „KI­vo­lu­ti­on“, Sor­gen, weil wir die Kon­trol­le dar­über zu ver­lie­ren dro­hen.

Das Smart­pho­ne be­herrscht im­mer mehr un­ser Le­ben. Wann le­gen Sie es mal bei­sei­te?

Wenn ich ehr­lich bin: sel­ten. Für 2018 ha­be ich mir aber ei­ne di­gi­ta­le Di­ät ver­ord­net. Ich will dann öf­ter off­line sein.

Wel­ches ist Ih­re größ­te Hoff­nung für die Zu­kunft? Mei­ne größ­te Hoff­nung für die Zu­kunft ist die Ju­gend als Pio­nier des Wer­te­wan­dels von mor­gen. Ihr ge­hört die Zu­kunft, ja sie ist die Zu­kunft.

Fo­to: O.I.Z.

Auch die äl­te­re Ge­ne­ra­ti­on hat ei­ne Bring­schuld, sagt Zu­kunfts­for­scher Horst Opa­schow­ski.

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