Klei­nes Land mit gro­ßen Auf­ga­ben

Bul­ga­ri­en über­nimmt zum Jah­res­wech­sel den EU-Vor­sitz und hat sich viel vor­ge­nom­men

Lingener Tagespost - - POLITIK - Von Mir­jam Moll

BRÜS­SEL. Si­cher­heit, So­li­da­ri­tät und Sta­bi­li­tät – so lau­tet das Mot­to für die nächs­ten sechs Mo­na­te in der EU. Zum ers­ten Mal seit sei­nem Bei­tritt 2007 wird Bul­ga­ri­en am 1. Ja­nu­ar die halb­jähr­lich ro­tie­ren­de Rats­prä­si­dent­schaft der EU über­neh­men. Eu­ro­pa soll sich bes­ser wapp­nen ge­gen Ter­ror und il­le­ga­le Mi­gra­ti­on, weil „die ver­gan­ge­nen Jah­re ge­zeigt ha­ben, wie ver­letz­lich wir sind“, heißt es in der Prä­sen­ta­ti­on des bul­ga­ri­schen Vor­sit­zes. Der Br­ex­it ver­ur­sacht gro­ße Un­si­cher­hei­ten bei Un­ter­neh­men und Bür­gern – des­halb müs­se die EU nun Kon­ti­nui­tät aus­strah­len und den Wohl­stand si­chern.

An So­li­da­ri­tät man­gel­te es bis­lang vor al­lem in der Flücht­lings­kri­se. Doch auch dar­an will So­fia fei­len: „Denn wir ste­hen al­le den­sel­ben Her­aus­for­de­run­gen ge­gen­über, die wir nur ge­mein­sam über­win­den kön­nen, nicht auf na­tio­na­lem Ni­veau“, be­tont Pre­mier­mi­nis­ter Bo­j­ko Bo­ris­sow, der der kon­ser­va­ti­ven GERB-Par­tei an­ge­hört.

Es ist kein Zu­fall, dass das klei­ne ost­eu­ro­päi­sche Land sich den Slo­gan „Ge­mein­sam sind wir stark“für sei­ne Rats­prä­si­dent­schaft aus­ge­sucht hat. Un­ter dem Zustrom von Mi­gran­ten litt Bul­ga­ri­en ne­ben Grie­chen­land und Ita­li­en be­son­ders. Es könn­te ei­ne Chan­ce wer­den für die EU, die in der Asyl­po­li­tik zer­strit­te­ner denn je er­scheint. So­fia will als Ver­mitt­ler auf­tre­ten zwi­schen den Vi­sé­grad-Staa­ten (Po­len, Tsche­chi­en, Un­garn und die Slo­wa­kei), die sich der Auf­nah­me von Hilfs­be­dürf­ti­gen prak­tisch kom­plett ver­wei­gern, so­wie den grö­ße­ren Mit­glied­staa­ten, die vie­le Flücht­lin­ge auf­ge­nom­men ha­ben. Bis Ju­ni sol­len die Staats- und Re­gie­rungs­chefs der EU ein re­for­mier­tes Asyl­recht auf den Weg brin­gen. Es dürf­te die größ­te Auf­ga­be die­ser Rats­prä­si­dent­schaft wer­den, in der schwie­ri­gen Fra­ge ei­ner fai­ren Las­ten­tei­lung ei­nen Kon­sens zu er­rei­chen.

Ju­gend­ar­beits­lo­sig­keit

„Das Eu­ro­pa von mor­gen wird das, was wir heu­te dar­aus ma­chen“, be­kräf­tigt die bul­ga­ri­sche Re­gie­rung. Zu­kunfts­chan­cen kre­ieren will der klei­ne ost­eu­ro­päi­sche Staat mit nur et­wa sie­ben Mil­lio­nen Ein­woh­nern vor al­lem für die Ju­gend­li­chen. 17 Pro­zent der 15- bis 24-jäh­ri­gen Bul­ga­ren sind ar­beits­los. Der Min­dest­lohn lag 2015 bei un­ter 185 Eu­ro pro Mo­nat.

Das Land zählt bis heu­te zu den ärms­ten in Eu­ro­pa. „Es ist wich­tig, dass die Wirt­schaf­ten der Mit­glied­staa­ten wach­sen“, heißt es des­halb im bul­ga­ri­schen Rats­prä­si­dent­schafts­pro­gramm. So­fia be­steht des­we­gen dar­auf, an den De­bat­ten um die Re­form der Eu­ro­zo­ne be­tei­ligt zu wer­den – bis­lang ge­hört das Land nicht zur Wäh­rungs­uni­on, möch­te aber für Vor­bei­tritts­hil­fen kan­di­die­ren und die ei­ge­ne Wirt­schaft si­chern. Der einst kom­mu­nis­ti­sche Staat war lan­ge ein Agrar­land, in­zwi­schen hat sich Bul­ga­ri­en aber zu ei­nem be­deu­ten­den Stand­ort für die Pro­duk­ti­on von Au­to­mo­bil­tei­len ent­wi­ckelt.

Doch Alt­las­ten hän­gen dem Land nach. Im­mer wie­der gibt es Kor­rup­ti­ons­vor­wür­fe. Re­por­ter oh­ne Gren­zen hat das Land auf Platz 109 in der Rang­lis­te für Me­di­en­frei­heit ge­stellt – das wei­t­aus schlech­tes­te Er­geb­nis al­ler EU-Staa­ten, halb Afri­ka schnei­det bes­ser ab. Olig­ar­chen wie Dey­lan Peev­ski, der frü­he­re Chef des staat­li­chen Ge­heim­diens­tes, be­stim­men nach wie vor, was ge­druckt wird. Der mäch­ti­ge Strip­pen­zie­her ist nun Ei­gen­tü­mer der Neu­en Bul­ga­ri­schen Me­di­en­grup­pe, die 80 Pro­zent der Pres­se re­prä­sen­tiert. Es sind Vor­wür­fe, die So­fia nicht kom­men­tie­ren will. Die für den EU-Rats­vor­sitz zu­stän­di­ge Mi­nis­te­rin Mo­ni­ka Pa­nayo­to­wa möch­te sich lie­ber auf die gro­ßen eu­ro­päi­schen Auf­ga­ben kon­zen­trie­ren.

Fo­to: dpa

Die bul­ga­ri­sche Fah­ne (2. v. l.) ne­ben der Ru­mä­ni­ens und der Eu­ro­pas. Bul­ga­ri­en über­nimmt am 1. Ja­nu­ar die EU-Rats­prä­si­dent­schaft.

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