„Ich bin ein Os­na­brü­cker!“

Vom „Män­ne­kes-Ma­ler“zum Mö­ser-Me­dail­len-Trä­ger – Ka­ri­ka­tu­ren mit si­che­rem Strich

Lingener Tagespost - - SONDERSEITE - Von Her­mann Qu­ecken­stedt

Fritz Wolf war ei­ne In­sti­tu­ti­on. Von 1948 bis zu sei­nem Tod im Jahr 2001 kom­men­tier­te er die gro­ße Po­li­tik und die klei­nen Ei­gen­hei­ten sei­ner Os­na­brü­cker Lands­leu­te mit spit­zer Fe­der.

OSNABRÜCK. Als Haus­ka­ri­ka­tu­rist der Neu­en Os­na­brü­cker Zei­tung und ih­rer Vor­läu­fer Neu­es Ta­ge­blatt und Neue Ta­ges­post, als Zeich­ner der ka­tho­li­schen Ju­gend­zeit­schrif­ten „Die Wacht“und „vor­an“in den 1950er-Jah­ren so­wie dar­an an­schlie­ßend als auf­merk­sa­mer Be­ob­ach­ter in den „Bil­dern aus der Pro­vinz“im Stern war Fritz Wolf tä­tig. Als Grün­kohl­kö­nig präg­te er den Spruch: „Ich bin ein Os­na­brü­cker!“Am 7. Mai 2018 wür­de er 100 Jah­re alt: Grund ge­nug für die Re­gi­on, auf viel­fäl­ti­ge Wei­se an das zeich­ne­ri­sche Werk des Mö­ser-Me­dail­len-Trä­gers zu er­in­nern.

1918 in Mühl­heim ge­bo­ren, ent­deck­te Fritz Wolf in der Schu­le sein Zei­chen­ta­lent beim Ka­ri­kie­ren sei­ner Leh­rer und griff – nach dem Ar­beits­dienst – wäh­rend des Zwei­ten Welt­krie­ges als Fun­ker in Nor­we­gen und Russ­land auch im Auf­trag der Wehr­macht zum Zei­chen­stift. 1949 hol­te ihn sein ehe­ma­li­ger Leut­nant Achil­les Mar­kow­sky oh­ne Rück­sicht auf das ein Jahr zu­vor be­gon­ne­ne Stu­di­um an der Folk­wan­gSchu­le in Es­sen 1949 zum katholisch ori­en­tier­ten Neu­en Ta­ge­blatt nach Osnabrück.

Mar­ken­zei­chen

Hier schuf er ne­ben Ge­brauchs­gra­fik auch die po­li­ti­schen Ka­ri­ka­tu­ren, die bis zu sei­nem Tod im Jahr 2001 ei­nes der Mar­ken­zei­chen des Ta­ge­blatts so­wie sei­ner Nach­fol­ger­zei­tun­gen Neue Ta­ges­post und Neue Os­na­brü­cker Zei­tung blei­ben soll­ten. Zu­dem hat­te er be­reits seit 1948 in den ka­tho­li­schen Ju­gend­zeit­schrif­ten „Wacht“und „vor­an“fast ein Jahr­zehnt lang ein dank­ba­res Ex­pe­ri­men­tier­feld für sei­ne krea­ti­ven Bild­ide­en ge­fun­den, auf des­sen Hu­mus er nicht nur Mar­ken­zei­chen wie die spä­te­re Stern-Se­rie „Bil­der aus der Pro­vinz“ent­wi­ckel­te, son­dern die ge­sam­te Band­brei­te sei­nes spä­te­ren Wer­kes aus­lo­ten konn­te.

Fritz Wolf war­te­te im Be­rufs­all­tag kei­nes­falls auf The­men­vor­ga­ben der Re­dak­tio­nen, son­dern such­te die­se gern selbst. Der „vor­an“-Chef­re­dak­teur Wolf­gang Lü­ning schwärm­te noch 2008 von des­sen „deut­li­chem, si­che­ren Strich“und der Lie­bens­wür­dig­keit ge­gen­über den Ka­ri­kier­ten, die Fritz Wolf nie in ih­rer Men­sch­lich­keit oder Brü­der­lich­keit ver­letzt ha­be. Wa­ren sol­cher­lei Fin­ger­übun­gen viel­leicht auch ein we­nig die Kür für den Ka­ri­ka­tu­ris­ten, so of­fen­bart ein Blick in die sper­ri­gen Zei­tungs­bän­de der 1950er-Jah­re, dass Fritz Wolf zu die­ser Zeit als „Zeich­ner für al­les“im Hau­se Neue Ta­ges­post fun­gier­te; die kla­re Fest­le­gung auf Ka­ri­ka­tu­ren für die po­li­ti­sche Re­dak­ti­on er­folg­te erst spä­ter.

Wer­bung ge­stal­tet

Ab­ge­druckt sind sei­ne auf den Zei­tungs­sei­ten ein­ge­streu­ten Wer­be­an­zei­gen für die Ta­ges­post, ge­zeich­ne­te Vi­g­net­ten und klei­ne Il­lus­tra­tio­nen zur Auf­lo­cke­rung der Tex­te so­wie ne­ben un­re­gel­mä­ßig er­schei­nen­den po­li­ti­schen Ka­ri­ka­tu­ren auch hu­mor­vol­le zeich­ne­ri­sche Kom­men­ta­re zu The­men der Lo­kal- und der Sport­re­dak­ti­on. Noch heu­te er­scheint täg­lich in der Os­na­brü­cker Lo­kal­aus­ga­be sein „Till“, den er vor vie­len Jah­ren erst­mals zum Jah­res­wech­sel ei­nen „Syl­ves­ter­punsch“an­rich­ten ließ.

In den frü­hen 1950er-Jah­ren er­sann Fritz Wolf sei­ne sams­tags er­schei­nen­de „Os­na­brü­cker Wo­chen­schau“, in der er lo­ka­le The­men der Wo­che in ei­ner zeich­ne­ri­schen Col­la­ge Re­vue pas­sie­ren ließ. Auf ei­nen täg­li­chen po­li­ti­schen „Wolf“als Ap­pe­tit­ma­cher zum Früh­stück auf der zwei­ten Zei­tungs­sei­te durf­ten sich die Ta­ges­post-Le­ser da­mals in­des noch nicht freu­en. Zum Brot­er­werb die­ser Zeit trug ne­ben ei­nem Wer­be­stand für die Neue Ta­ges­post auch Schau­fenster­wer­bung für Os­na­brü­cker Kauf­leu­te bei.

Vie­le Jah­re brach­te Fritz Wolf sei­ne Blät­ter per­sön­lich in die Re­dak­ti­on am Brei­ten Gang, wo er bei Schrei­bern und Set­zern ein eben­so gern ge­se­he­ner wie ge­schätz­ter Ge­sprächs­part­ner war. Sei­ne Ar­bei­ten gal­ten aber eher als Ge­brauchs­gra­fik im Ta­ges­ge­schäft und gin­gen in die­sem tat­säch­lich bis­wei­len un­ter: Wenn sie in der Set­ze­rei in Blei ge­gos­sen und für den Druck vor­be­rei­tet wa­ren, lan­de­ten die ori­gi­na­len Vor­la­gen oft im Pa­pier­korb. Auch Fritz Wolf selbst küm­mer­te sich nicht um den Ver­bleib der Ori­gi­na­le, so­dass Ex­em­pla­re aus der Früh­zeit sei­nes Schaf­fens kaum zen­tral über­lie­fert sind.

We­nig Ori­gi­na­le

Erst in spä­te­ren Jah­ren sam­mel­te er die­se un­ter an­de­rem, weil er die Ka­ri­ka­tu­ren nun­mehr in die Re­dak­ti­on fax­te. Heu­te be­fin­den sich die meis­ten die­ser Ori­gi­na­le aus den 1980er- und 1990er-Jah­ren im Be­stand der Frit­zWolf-Stif­tung,

ein­seh­bar im Nie­der­säch­si­schen Staats­ar­chiv – Stand­ort Osnabrück .

Im­mer wie­der nahm Fritz Wolf sich auch selbst auf die Schip­pe: sei es als bier­se­lig zu­pros­ten­der Frie­dens­ge­sand­ter samt Gat­tin Edith, sei es als ge­nüss­lich-wür­dig an der Pfei­fe zie­hen­der Kar­di­nal, sei es als ob der im­mer pro­fil­lo­ser auf­tre­ten­den Po­li­ti­ker eher rat­lo­ser Zeich­ner oder als Ten­nis spie­len­der Sport­ve­te­ran.

Sol­che Selbst­be­trach­tun­gen dür­fen in ei­nem Rück­blick kei­nes­falls feh­len und zie­ren des­halb di­ver­se Sei­ten des Fritz-Wolf-Jah­res­ka­len­ders für 2018, den sein Nef­fe Mar­cus ganz auf den run­den Ge­burts­tag ab­ge­stellt hat.

Zur Per­son:

Her­mann Qu­ecken­stedt ist Spre­cher des Fritz-Wolf-Ku­ra­to­ri­ums und Di­rek­tor des Diö­ze­san­mu­se­ums Osnabrück.

Fo­tos: Fritz-Wolf-Stif­tung

Jah­res­ka­len­der: Im­mer wie­der hat sich Fritz Wolf selbst auf die Schip­pe ge­nom­men – so auch als bier­se­li­ger zu­pros­ten­der Frie­dens­ge­sand­ter samt Gat­tin Edith. Die­ses Mo­tiv ziert die Ti­tel­sei­te des Fritz-Wolf-Ka­len­ders für 2018, der im Buch­han­del und in der NOZ-Ge­schäfts­stel­le an der Gro­ßen Stra­ße in Osnabrück er­hält­lich ist.

Pro­mi­nen­ter Be­such, aber der Ka­ri­ka­tu­rist ist zu kni­cke­rig, sei­nen Ge­burts­tag zu fei­ern, wie es in der Be­schrei­bung heißt.

Zeit­lo­ses Mo­tiv: Die krie­ge­ri­schen Kon­flik­te ha­ben nicht ab­ge­nom­men, sind zum Teil die­sel­ben wie vor 40 Jah­ren.

Feu­er­werk über Ber­lin: Mit die­sem Bild hat Fritz Wolf sei­ne Freu­de über die deut­sche Ein­heit zum Aus­druck ge­bracht.

Nichts wis­sen will die Welt von ih­rer miss­li­chen La­ge. Das war frü­her ge­nau­so wie heu­te.

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