Ener­gie und Po­li­tik in kom­mu­ni­zie­ren­den Röh­ren

Bau der Ost­se­e­pipe­line Nord Stream 2 hat be­gon­nen – Um­strit­te­nes Pro­jekt steht heu­te bei Tref­fen von Kanz­le­rin und Kreml­chef auf der Agen­da

Lingener Tagespost - - EINBLICKE - Von Ul­rich Kr­ö­kel

BER­LIN. Wla­di­mir Pu­tin weiß um die Macht der Bil­der. Und so setz­te er sich am Di­ens­tag ans Steu­er ei­nes Lkw und fuhr als Ers­ter über die neue Krim-Brü­cke, die das rus­si­sche Fest­land mit der an­nek­tier­ten Halb­in­sel ver­bin­det. Das mo­nu­men­ta­le Bau­werk sei ein Sym­bol von „Ein­heit und Frei­heit“, ver­kün­de­te er, wäh­rend im 2000 Ki­lo­me­ter ent­fern­ten Greifs­wal­der Bod­den fünf Bag­ger­schif­fe mit den Ar­bei­ten für die Ver­le­gung der Ost­se­e­pipe­line Nord Stream 2 be­gan­nen.

Man konn­te das für ei­nen zeit­li­chen Zu­fall hal­ten. Si­cher ist, dass bei­de Bau­pro­jek- te im welt­po­li­ti­schen Kon­text ste­hen wie in ei­nem Sys­tem kom­mu­ni­zie­ren­der Röh­ren. Es geht um das Ver­hält­nis Russ­lands zu Deutsch­land, Eu­ro­pa und zur west­li­chen Staa­ten­ge­mein­schaft in­klu­si­ve der USA. Es geht aber auch um die Zu­kunft der un­ab­hän­gi­gen Ukrai­ne, die Be­deu­tung des Völ­ker­rechts und die Idee von Wan­del durch Han­del.

All das weiß Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel so gut wie Kreml­chef Pu­tin, mit dem sie sich am heu­ti­gen Frei­tag trifft. Und des­halb mu­tet es auf den ers­ten Blick auch selt­sam an, dass der Pi­pe­line­bau erst in letz­ter Mi­nu­te oben auf der deutsch-rus­si­schen Agen­da auf­ge­taucht ist. Der zwei­te Blick ver­rät, dass es vor al­lem in Ber­lin ein Um­den­ken ge­ge­ben hat. Lan­ge Zeit ver­trat die Bun­des­re­gie­rung die Po­si­ti­on, Nord Stream 2 sei ein rein pri­vat­wirt­schaft­li­ches Pro­jekt, das po­li­tisch nicht ver­han­del­bar sei. Nun scheint man be­reit zu sein, die Rea­li­tät nicht nur zur Kennt­nis zu neh­men, son­dern sie auch ak­tiv zu ge­stal­ten.

Zur Wirk­lich­keit von Nord Stream 2 ge­hört der en­er­gie­po­li­ti­sche Kon­text. Die rus­si­sche Volks­wirt­schaft wä­re oh­ne den Ex­port von Gas und Öl kaum le­bens­fä­hig. Fast zwei Drit­tel der Staats­ein­nah­men stam­men aus den Ge­schäf­ten von Ener­gie­rie­sen wie Gaz­prom. Um­ge­kehrt set­zen vor al­lem deut­sche Ver­sor­ger auf rus­si­sches Erd­gas als ver­läss­lich spru­deln­de Ener­gie­quel­le. Am Nord-Stream-Kon­sor­ti­um sind ne­ben Mehr­heits­eig­ner Gaz­prom der BASFAb­le­ger Win­ters­hall, ei­ne Eon-Toch­ter, die nie­der­län­di­sche Gas­unie und die fran­zö­si­sche Engie be­tei­ligt.

Nord Stream 2 soll ab 2020 jähr­lich bis zu 55 Mil­li­ar­den Ku­bik­me­ter Gas nach We­st­eu­ro­pa pum­pen. Da­mit wür­de nicht nur die Ener­gie­ab­hän­gig­keit von Russ­land wei­ter wach­sen, wie die EU-Kom­mis­si­on kri­ti­siert. Zu­gleich wür­den die Tran­sit­pipe­lines der Ukrai­ne fak­tisch über­flüs- sig, die Kiew jähr­lich rund zwei Mil­li­ar­den Eu­ro an Ge­büh­ren ein­brin­gen.

Spä­tes­tens hier be­gin­nen die wirt­schaft­li­chen und po­li­ti­schen Röh­ren zu kom­mu­ni­zie­ren. Es war der jah­re­lan­ge Gas­streit zwi­schen Mos­kau und Kiew über Tran­sit­ge­büh­ren, der den Bo­den der Ukrai­ne-Kri­se be­rei­tet hat, die 2014 in der völ­ker­rechts­wid­ri­gen Anne­xi­on der Krim und dem Krieg im Don­bass gip­fel­te. Des­halb re­agier­ten ukrai­ni­sche Po­li­ti­ker auch ent­setzt, als Pu­tin die neue Krim-Brü­cke er­öff­ne­te, wäh­rend in der Ost­see die Nord-Stream-Bag­ger­schif­fe ih­ren Ein­satz be­gan­nen und Wirt­schafts­mi­nis­ter Pe­ter Alt­mai­er bei sei- nem Be­such in Kiew für Kom­pro­miss­lö­sun­gen warb.

Russ­land tre­te das Völ­ker­recht mit Fü­ßen, er­ei­fer­te sich der ukrai­ni­sche Pre­mier Wo­lo­di­mir Gro­is­man. Alt­mai­er da­ge­gen schlug vor, Mos­kau könn­te Kiew ga­ran­tie­ren, ei­ne Min­dest­men­ge Gas durch ukrai­ni­sche Pi­pe­lines zu pum­pen. Die­se Idee, über die Mer­kel und Pu­tin am Frei­tag spre­chen wol­len, stößt al­ler­dings nicht nur in Kiew auf Skep­sis, son­dern auch in den USA, die dank des um­strit­te­nen Frackings selbst zum Gas­ex­por­teur auf­ge­stie­gen sind.

Streit­fall Ukrai­ne: Hin­ter­grün­de und Ana­ly­sen auf noz.de/po­li­tik

Fo­to: dpa

Im Greifs­wal­der Bod­den ha­ben Bag­ger vor ei­ni­gen Ta­gen die Ar­beit am Un­ter­was­ser­gra­ben der neu­en Pi­pe­line Nord Stream 2 be­gon­nen.

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