Na­zis ver­bie­ten DJK-Sport­fest 1933 in Mep­pen

Ka­tho­li­scher Ver­band gab wich­ti­ge Im­pul­se für den Sport im Ems­land

Lingener Tagespost - - KREIS EMSLAND - Von Her­mann Qu­ecken­stedt Fo­tos: Bis­tum

Kir­che und Sport? Wäh­rend sich ein trag­fä­hi­ges Mit­ein­an­der bei­der in Deutsch­land erst zag­haft zu Be­ginn des 20. Jahr­hun­derts ent­wi­ckel­te, hat­ten eng­li­sche Kir­chen­ge­mein­den den Kick und an­de­re Sport­ar­ten schon in der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts für ih­re Ju­gend­ar­beit ent­deckt.

OS­NA­BRÜCK/MEP­PEN. Nam­haf­te eng­li­sche Pro­fi­klubs ha­ben kirch­li­che Wur­zeln: Man­ches­ter Ci­ty, der FC Ever­ton oder der FC Li­ver­pool. Wäh­rend auf der In­sel seit 1888 ei­ne Pro­fi­li­ga exis­tier­te, ent­brann­te in Deutsch­land ei­ne Dis­kus­si­on um den päd­ago­gi­schen Wert der „Fuß­lüm­me­lei“. Auch Pfar­rer sa­hen im Fuß­ball eher ei­ne Kon­kur­renz bei der Gestal­tung der Sonn­ta­ge, be­vor sich ein kirch­li­cher Sport­be­trieb in den ers­ten bei­den Jahr­zehn­ten nach der Jahr­hun­dert­wen­de durch­setz­te.

Bo­rus­sia Dort­mund

In der Bun­des­li­ga war es Bo­rus­sia 09 Dort­mund, des­sen Grün­der­vä­ter zwar ih­re Lie­be zum Fuß­ball in der ka­tho­li­schen Kir­chen­ge­mein­de Hei­li­ge Drei­fal­tig­keit ent­deck­ten, je­doch nach Är­ger mit der Geist­lich­keit ih­ren ei­ge­nen Ver­ein grün­de­ten. In Os­na­brück konn­ten jun­ge Män­ner in den Jüng­lings- und Ge­sel­len­ver­ei­nen so­wie an­ge­hen­de Abitu­ri­en­ten und Aka­de­mi­ker im Bund Neu­deutsch­land auf grö­ße­res Wohl­wol­len der Geist­lich­keit zäh­len.

Was die Ba­sis in Kir­chen­ge­mein­den – be­glei­tet durch in­no­va­ti­ve jun­ge Pries­ter und päd­ago­gisch ver­sier­te Leh­rer – nicht nur in der Bi­schofs­stadt, son­dern auch im Os­na­brü­cker Land und ins­be­son­de­re im Ems­land vor­weg­ge­nom­men hat­te, be­stä­tig­ten die deut­schen Bi­schö­fe 1920 durch die Grün­dung der Deut­schen Ju­gend­kraft (DJK) – ei­nes nicht selbst­stän­di­gen Ver­ban­des für die sport­li­chen Ak­ti­vi­tä­ten ka­tho­li­scher Jun­gen und jun­ger Män­ner. Wer al­so in DJK-Ab­tei­lun­gen der Kir­chen ak­tiv wer­den woll­te, muss­te Mit­glied ei­nes ka­tho­li­schen Ju­gend­ver­ban­des sein und re­gel­mä­ßig am geist­li­chen und ge­sel­li­gen Le­ben teil­neh­men. Nur dort, wo An­ders­gläu­bi­ge wie Pro­tes­tan­ten und Ju­den kei­ne Al­ter­na­ti­ven vor­fan­den, konn­ten auch sie aus­nahms­wei­se in der DJK ak­tiv wer­den.

Ob­wohl sich fort­schritt­li­che DJK­ler für den Mäd­chen­und Da­men­sport stark­mach­ten, konn­ten sie sich nicht durch­set­zen. Im­mer­hin hat­ten die ka­tho­li­schen Ju­gend­ver­bän­de im Ers­ten Welt­krieg Weh­r­er­tüch­ti­gung für Ju­gend­li­che an­ge­bo­ten, und nach dem Ers­ten Krieg plä­dier­te die Os­na­brü­cker Diö­ze­san­syn­ode 1920 für ei­ne ge­sell­schaft­lich not­wen­di­ge Kör­per­er­tüch­ti­gung jun­ger Män­ner nach Ab­schaf­fung der all­ge­mei­nen Wehr­pflicht.

Im nörd­li­chen Ems­land war die DJK ein­zi­ger Trä­ger des Wett­kampf­be­trie­bes und öff­ne­te sich für evan­ge­li­sche und jü­di­sche Ak­ti­ve. Wäh­rend die Fuß­bal­ler in den Bi­stü­mern Os­na­brück und Hil-

Mehr zur His­to­rie und wei­te­re al­te Bil­der im In­ter­net auf noz.de des­heim zu­nächst in Freund­schafts­spie­len auf­ein­an­der­tra­fen, or­ga­ni­sier­te die DJK in den 1920er-Jah­ren ei­nen dif­fe­ren­zier­ten Li­ga­be­trieb in Leis­tungs­klas­sen.

Für den sport­li­chen Ka­tho­li­ken soll­te we­ni­ger die Jagd um Punk­te und To­re im Mit­tel­punkt ste­hen als viel­mehr ethi­sche, mo­ra­li­sche und geist­li­che Wer­te. In der Früh­zeit des ka­tho­li­schen Fuß­balls be­klag­ten Ver­ant­wort­li­che wie­der­holt, dass deut­lich un­ter­le­ge­ne Teams noch vor dem Ab­pfiff frus­triert das Spiel­feld ver­lie­ßen.

Vie­le DJK-Ver­ei­ne

Im Lau­fe der 1920er-Jah­re ent­stand im Wes­ten des heu­ti­gen Nie­der­sach­sen ein en­ges Netz ka­tho­li­scher DJKAb­tei­lun­gen, die – wie auch die DFB-Ver­ei­ne im West­deut­schen Spiel­ver­band – in den west­fä­li­schen Spiel­be­trieb in­te­griert wa­ren. Seit 1927 bil­de­ten sich Funk­tio­nä­re so­wie Übungs- und Ju­gend­lei­ter in der DJKReichs­füh­rer­schu­le in Müns­ter wei­ter, die mo­der­ne Sport­an­la­gen und ein um- fang­rei­ches Se­mi­nar­pro­gramm vor­hielt. Dar­über hin­aus or­ga­ni­sier­ten die DJKReichs­lei­tung so­wie die nach­ge­ord­ne­ten Krei­se und Be­zir­ke Sport­fes­te, die die brei­te Pa­let­te des DJK-An­ge­bots spie­gel­ten. Die­se be­inhal­te­ten auch Got­tes­diens­te und Ge­bets­zei­ten und wa­ren – wie das Bun­des­sport­fest am Wo­che­n­en­de in Mep­pen – für vie­le Ath­le­ten ei­ne wich­ti­ge geist­li­che und sport­li­che Po­si­ti­ons­be­stim­mung.

Die DJK-Reichs­aus­wahl trat zu 13 Län­der­spie­len ge­gen ka­tho­li­sche Spit­zen­ki­cker aus den Nie­der­lan­den an – zu­letzt im Ju­ni 1933 in Han­no­ver, wo sie erst­mals als Sie­ger den Platz ver­ließ. Gleich­zei­tig wa­ren ei­ner kon­se­quen­ten Li­ga­ein­tei­lung ent­spre­chend der spie­le­ri­schen Leis­tung vor al­lem auf dem Lan­de en­ge Gren­zen ge­setzt. Zu Aus­wärts­spie­len reis­ten die Gast­mann­schaf­ten im Ems­land häu­fig mit dem Fahr­rad an. Auf der an­de­ren Sei­te mach­te ein wah­rer Grün­dungs­boom neu­er DJK-Mann­schaf­ten im Lauf der 1920er-Jah­re den Spiel- be­trieb eng­ma­schi­ger und auch in­ter­es­san­ter.

Im Os­na­brü­cker Land war die DJK- Or­ga­ni­sa­ti­on En­de der 1920er-Jah­re so ef­fi­zi­ent, dass ein­ge­tra­ge­ne Ver­ei­ne in ka­tho­li­schen Kirch­spie­len vom Deut­schen Fuß­bal­lBund zur DJK wech­sel­ten. Am 29. Sep­tem­ber 1929 weih­te Bi­schof Wil­helm Berning das Sta­di­on der DJK in Os­na­brück. Vor dem Fuß­ball­spiel warf so­gar ein Flug­zeug den Spiel­ball ab.

Ins­ge­samt soll­te das DJKS­port­an­ge­bot die männ­li­che Ju­gend im kirch­li­chen Um­feld hal­ten und ver­hin­dern, dass die­se zu sä­ku­la­ren Ver­ei­nen ab­wan­der­ten. Gleich­zei­tig wa­ren kon­fes­si­ons-, re­li­gi­ons- und welt­an­schau­ungs­über­grei­fen­de Spie­le na­he­zu aus­ge­schlos­sen, denn Be­geg­nun­gen mit Ar­bei­ter­sport­lern soll­ten sich DJK­ler ei­gent­lich nicht stel­len. Ak­ti­vis­ten rech­ter und rechts­ra­di­ka­ler Or­ga­ni­sa­tio­nen war es ver­wehrt, in der DJK Sport zu trei­ben. Auf dem Hümm­ling er­hob der Vor­sit­zen­de des Stahl­helm schwe­re Vor­wür­fe ge­gen die Ver­ant­wort- li­chen der DJK und den Ge­ne­ral­vi­kar in Os­na­brück, weil Ju­den in den Ab­tei­lun­gen ki­cken durf­ten und – so der Vor­wurf – so­gar als Schieds­rich­ter fun­gier­ten, wäh­rend ka­tho­li­sche Stahl­hel­mer aus­ge­schlos­sen blie­ben.

Na­zis statt Sport­ler

Schon in den ers­ten Mo­na­ten nach der Macht­über­nah­me setz­ten die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten die DJK 1933 un­ter Druck. So muss­te der DJKK­reis Nie­der­sach­sen sein auf­wen­dig ge­plan­tes Kreis­sport­fest in Mep­pen ab­sa­gen, das die Leis­tungs­fä­hig­keit der DJK-Sport­ler be­wei­sen und de­ren Ge­mein­schafts­be­wusst­sein stär­ken soll­te. Statt­des­sen mar­schier­ten hier Na­tio­nal­so­zia­lis­ten in der Stadt auf. Im Som­mer 1933 durch­such­te die Po­li­zei flä­chen­de­ckend DJK-Bü­ros und -ge­schäfts­stel­len und kon­fis­zier­te de­ren Ver­mö­gen und de­ren Sport­ge­rä­te.

Noch war die­ser Schlag ge­gen den ka­tho­li­schen Sport nicht end­gül­tig, und die DJK-Fuß­bal­ler konn­ten noch Er­in­ne­run­gen an his­to­ri­sche DJK-Ta­ge. In Gees­te fand 1932 ein Sport­fest statt. Es sieg­te der DJK-Gym­na­si­al-Sport­ver­ein Mep­pen. DJK Con­cor­dia Ems­bü­ren bei ei­ner Grup­pen­auf­nah­me in den 1930er-Jah­ren. Am 19. Sep­tem­ber 1929 weih­te Bi­schof Wil­helm Berning die Sport­platz­an­la­ge an der Kok­schen Stra­ße in Os­na­brück ein. Der Frei­wil­li­ge Ar­beits­dienst bei Kul­ti­vie­rungs­ar­bei­ten in Lin­gen Lax­ten. ei­ne letz­te Sai­son im kon­fes­sio­nel­len Spiel­be­trieb be­strei­ten, wäh­rend das Aus für die Ar­bei­ter­sport­ver­ei­ne be­reits zu die­sem Zeit­punkt kam. Im Ver­lauf des so­ge­nann­ten Röhm-Put­sches mit der Er­mor­dung von Re­gime­geg­nern wur­de auch der Reichs­füh­rer der DJK, Adal­bert Probst, er­mor­det. In Os­na­brück nahm die Po­li­zei den Ab­tei­lungs­lei­ter der DJK Ra­sen­sport, Bern­hard Aver­mann, fest und brach ein Feld­hand­ball­spiel der Ra­sen­sport­ler ge­gen ei­ne Müns­te­ra­ner DJK-Mann­schaft ab.

Zu­gleich er­ließ der Re­gie­rungs­prä­si­dent ein Ver­bot für den wei­te­ren DJK-Sport­be­trieb. Ehe­ma­li­ge DJK-Ab­tei­lun­gen for­mier­ten sich nun ent­we­der ein­zeln oder nach Fu­si­on als ein­ge­tra­ge­ne Ver­ei­ne un­ter dem Dach des Reichs­bun­des für Lei­bes­übun­gen, schlos­sen sich mit an­de­ren nicht-kon­fes­sio­nel­len Ver­ei­nen zu­sam­men, ver­such­ten, ei­nen lo­ka­len Sport­be­trieb mit eher pri­va­tem Cha­rak­ter auf­recht­zu­er­hal­ten oder stell­ten ih­re Ak­ti­vi­tä­ten ganz ein. In Lin­gen droh­te ehe­ma­li­gen Spie­lern von Olym­pia Lax­ten Är­ger, weil sie auf dem Schul­ge­län­de ge­kickt hat­ten.

Nach dem Zwei­ten Welt­krieg blie­ben ka­tho­li­sche Sport­ler un­ter dem Dach des Deut­schen Sport­bun­des und sei­ner Fach­ver­bän­de. Zwar lie­ßen ka­tho­li­sche Sport­freun­de 1955 die DJK wie­der­auf­le­ben – frei­lich oh­ne den frü­he­ren Stel­len­wert. Heu­te sind im DJK-Diö­ze­san­ver­band Os­na­brück 13 Ver­ei­ne or­ga­ni­siert.

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