»Was ist schön?«, fragt die Au­to­rin Na­di­ne Barth. Und sie hat weit mehr als ei­ne Ant­wort ge­fun­den!

Kul­tur­his­to­risch lässt sich der sub­jek­ti­ve Be­griff der Ver­bild­li­chung von Schön­heit nicht OBJEKTIVIEREN – da­für kann man sich dem Schö­nen an­nä­hern, es deu­ten, ver­mensch­li­chen und auf sich selbst be­zie­hen

L'Officiel Germany - - Inhalt - Von NA­DI­NE BARTH

Als ich ge­bo­ren wur­de, war das Er­schre­cken groß. So ein häss­li­ches Ba­by hat­te man auf der Sta­ti­on noch nicht ge­se­hen. Mei­ne Groß­mut­ter, prag­ma­tisch wie sie war, sag­te, es hilft nichts, die brin­gen wir schon durch, und am nächs­ten Tag, als sich die Ver­schrum­pe­lun­gen glatt ge­zo­gen hat­ten, glaub­te man an ei­ne Ver­wechs­lung. Am Strand von Tim­men­dorf muss­te mei­ne Mut­ter im­mer wie­der den Kin­der­wa­gen um­dre­hen, um das lo­cki­ge En­gel­chen zu prä­sen­tie­ren. Nein, wie schön!, rie­fen die Pas­san­ten, und in Ita­li­en dach­te man, ich hät­te mei­ne Haa­re blond ge­färbt. Mit sechs. Fort­an trug ich ein Tuch und hat­te ei­ne wich­ti­ge Lek­ti­on ge­lernt: Be­stimm­te In­si­gni­en ru­fen be­stimm­te Re­ak­tio­nen her­vor und er­zwin­gen die Re­fle­xi­on der ei­ge­nen Po­si­tio­nie­rung. Wie sehr die­se von den ge­sell­schaft­li­chen Mecha­nis­men ge­prägt ist und dass die Stel­lung der Frau in un­se­rem Zeit­al­ter im­mer noch von pa­tri­ar­cha­len Macht­stra­te­gi­en ab­hängt, hat Nao­mi Wolf 1990 in ih­rem Best­sel­ler „Der My­thos Schön­heit“auf­ge­zeigt.

Schön­heit ist ein po­li­ti­scher Be­griff, sur­vi­val of the pret­tiest zum be­denk­li­chen Schlag­wort ge­wor­den. Das Dik­tat von Ju­gend­lich­keit, Schlank­heit und (se­xu­el­ler) At­trak­ti­vi­tät führ­te und führt nach wie vor zu Diät­wahn, dem sprung­haf­ten An­stieg von Schön­heits-Ope­ra­tio­nen und ei­ner weit rei­chen­den De­pres­si­on. Denn der Traum, dem all­ge­mein­gül­ti­gen Schön­heits­ide­al zu ent­spre­chen, kann nicht ge­lin­gen. Ers­tens, weil es ein all­ge­mein­gül­ti­ges Schön­heits­ide­al heu­te nicht mehr gibt. Zwei­tens, weil Schön­heit spä­tes­tens seit dem bri­ti­schen Theo­re­ti­ker Da­vid Hu­me (1711–1776) in den Be­reich der sub­jek­ti­ven Er­fah­rung ge­hört und da­mit ab­hän­gig vom Be­trach­ter ist. Und drit­tens, weil das Bild, das uns in den Me­di­en als das Bild der Schön­heit prä­sen­tiert wird, ein Kon­strukt ist.

Schon die Trans­for­ma­ti­on des drei­di­men­sio­na­len Kör­pers in die Zwei­di­men­sio­na­li­tät ei­nes Bil­des oder ei­nes Bild­schir­mes macht aus dem Ab­ge­bil­de­ten ein Ab­bild, das sein We­sen ver­än­dert. Der fran­zö­si­sche Phi­lo­soph Je­anPaul Baudril­lard spricht in die­sem Zu­sam­men­hang von »frei flot­tie­ren­den Si­gni­fi­kan­ten­ket­ten« – auf das The­ma Schön­heit über­tra­gen heißt dies, dass das Bild des Mo­dels kei­nen Be­zug mehr hat zur Frau, die fo­to­gra­fiert oder ge­filmt wur­de. In der nächs­ten Sai­son kommt ein neu­es Ge­sicht, ei­ne neue Mo­de, ei­ne neue Iko­ne. Denn dass es Ten­den­zen gibt, was in ei­ner Kul­tur und Ge­gen­wart als schön an­ge­se­hen wird, war schon im­mer so. Schön­heit ist ein Be­griff, der wie Mo­de ein Spie­gel ih­rer Zeit ist.

Als Leo­nar­do da Vin­ci die Mo­na Li­sa mal­te, konn­te er auf ei­ne jahr­hun­der­te­lan­ge Be­schäf­ti­gung mit dem Schö­nen zu­rück­grei­fen. Schon in der An­ti­ke hat­te man sich mit Voll­kom­men­heits­idea­len aus­ein­an­der­ge­setzt. Al­ler­dings be­inhal­tet das Wort ka­lon, grie­chisch für »das Schö­ne«, zwei Kom­po­nen­ten: die äu­ße­re Form und das see­lisch Gu­te. Die idea­le Schön­heit, ka­lo­ka­ga­thía, meint die Har­mo­nie von Kör­per und See­le, und wer das Schö­ne schaut, re­agiert nicht auf sinn­lich wahr­nehm­ba­re Rei­ze, son­dern schaut auf den Cha­rak­ter ei­nes Men­schen, er­fasst vom »Au­ge des Geis­tes«. Ka­lon ist das, was ge­fällt und an­zieht, un­ab­hän­gig von ei­nem se­xu­el­len Be­geh­ren, schließ­lich geht es um die Er­kennt­nis der Ide­en­welt, der Er­kennt­nis des Sei­en­den.

In der Re­nais­sance wird der Künst­ler zum Schöp­fer sei­ner Fi­gu­ren, et­wa der rät­sel­haft lä­cheln­den Mo­na Li­sa (1503–1506). In sei­ner Ab­hand­lung über die Ma­le­rei VI (1498) schreibt da vin­ci: »Wenn der Ma­ler Schön­hei­ten se­hen will, die im­stan­de sind, ihn ver­liebt zu ma­chen, ist er fä­hig, sol­che zu schaf­fen, und wenn er un­heim­li­che Din­ge se­hen will, die ihn er­schre­cken, oder ko­mi­sche oder lä­cher­li­che oder wahr­haft mit­leid­er­re­gen­de, so kann er dies als Herr und Gott tun.« Über­sinn­li­che Schön­hei­ten be­völ­kern die Ge­mäl­de der Meis­ter die­ser Zeit – Ti­zi­an, San­dro Bot­ti­cel­li, Cor­reg­gio … Es sind Darstel­lun­gen ei­ner Ve­nus, die ih­re Kör­per­lich­keit in al­ler Öf­fent­lich­keit aus­lebt. Die Frau der Re­nais­sance ist selbst­be­wusst, ge­bil­det, sie kennt die Fein­hei­ten der Kos­me­tik, färbt sich gern ihr Haar in ei­nem ins Röt­li­che ten­die­ren­den Blond. In der Re­for­ma­ti­on paart sich die Schön­heit mit Nütz­lich­keit, die Lust­be­tont­heit weicht ei­ner häus­li­chen Prag­ma­tik, der ver­füh­re­ri­schen An­ne Bo­leyn folgt die züch­ti­ge Ja­ne Sey­mour, drit­te Frau Hen­ry VIII. Die klas­si­sche Schön­heit löst sich voll­ends im

Ma­nie­ris­mus und Ba­rock auf, als In­spi­ra­ti­ons­quel­len gel­ten nun der Traum, das Stau­nen, die Un­ru­he. Es sind sub­jek­ti­ve und mul­ti­ple Schön­hei­ten, die auch Be­we­gun­gen voll­füh­ren dür­fen, bis hin zur Schlan­gen­fi­gur, das Form­lo­se ge­rät zum Form­prin­zip, im Un­sicht­ba­ren, Va­gen wird der Ge­gen­satz zwi­schen schön und häss­lich, wahr und falsch tran­szen­diert. Die Ro­man­tik prä­sen­tiert ei­nen Men­schen, der zwi­schen Schön­heit und Me­lan­cho­lie, Herz und Ver­nunft, Re­fle­xi­on und Trieb hin- und her­ge­ris­sen ist.

Fort­an, und das bis ins 20. Jahr­hun­dert hin­ein, ist die Macht der Ge­füh­le das be­stim­men­de Ele­ment der Darstel­lun­gen von Schön­heit. Die Pe­ri­ode der De­ka­denz setzt ge­gen den Ver­fall und die Fra­gi­li­tät ei­ne bei­na­he zy­ni­sche Künst­lich­keit, in der die Idee der Schön­heit aus der Um­ge­stal­tung der Na­tur­kräf­te ent­steht. Mit dem Auf­kom­men der Fo­to­gra­fie und des Films, die dem Künst­li­chen aus ih­rer Na­tur her­aus hul­di­gen, las­sen sich zwei Grund­ten­den­zen auf­zei­gen: der Fem­me fa­ta­le, ver­kör­pert et­wa von Gre­ta Gar­bo und Mar­le­ne Dietrich, wird das »Mäd­chen von ne­ben­an« ge­gen­über­ge­stellt: Do­ris Day ist Mut­ter, Schwes­ter, Kum­pel, ist »wei­ße Frau«, die ge­hei­ra­tet wird, die an­de­re, die »ro­te Frau«, bleibt die Ver­füh­re­rin, sie stif­tet Ver­wir­rung und steht sinn­bild­lich für die Lei­den­schaft. In die­sem Span­nungs­ver­hält­nis be­wegt sich das Frau­en­bild des 20. Jahr­hun­derts, je nach Jahr­zehnt in neu­en Va­ri­an­ten, von der Ele­ganz der 40er-jah­re-frau bis zu den Ama­zo­nen der 80er.

Als die 90er-jah­re an­bre­chen, hält der Rea­lis­mus Ein­zug in die Fo­to­gra­fie und voll­führt da­mit ei­nen Bruch zur Ober­flä­chen­ver­liebt­heit und Glät­te der Bil­der­wel­ten des Yup­pie-jahr­zehnts. Die Grün­dung neu­er Li­fe­style-ma­ga­zi­ne wie Da­zed & Con­fu­sed, Dutch, Pur­p­le, Tank, Self Ser

vice, Big oder Sur­face er­laub­te den Fo­to­gra­fen den Aus­bruch aus dem Sys­tem Mo­de, in dem An­zei­gen­kun­den und Ma­ga­zin­re­dak­teu­re vor­der­grün­dig an der Prä­sen­ta­ti­on von Klei­dung und Ac­ces­soires in­ter­es­siert wa­ren. Durch den Ein­zug von Ju­gend­kul­tur, Pop und Halb­welt tritt der Aspekt des Nar­ra­ti­ven ins fa­shion image, die Mo­de ord­net sich un­ter. Schon i-d (ab 1980) und The Face (1980–2004) hat­ten Punk, Kunst und das »tech­nisch Un­per­fek­te« als Qu­el­len der Krea­ti­vi­tät ge­se­hen, es geht um die Vi­sua­li­sie­rung von Hal­tung. Le­dig­lich die Cre­dits, die sicht­ba­ren (und un­sicht­ba­ren) Klei­der­tei­le be­stimm­ten De­si­gnern zu­ord­nen, wei­sen dar­auf hin, dass es sich um ei­ne Mo­destre­cke han­delt. Hier al­so Spie­gel der Le­bens­welt und Lust an der Pro­vo­ka­ti­on, dem­ge­gen­über steht nach wie vor die Kon­sum­kunst der Wer­bung, die das Pro­dukt in den Vor­der­grund rückt. Um die Jahr­tau­send­wen­de nun ver­wi­schen sich die­se Po­le. Das Krea­tiv-künst­le­ri­sche durch­dringt den An­zei­gen­be­reich, In­de­pen­dent-ma­ga­zi­ne wer­den zu be­gehr­ten Platt­for­men gro­ßer Kon­zer­ne. Für die Darstel­lung der Frau be­deu­tet dies ei­ne Ent­kop­pe­lung ih­res funk­tio­na­len Zu­sam­men­hangs. Für wen oder was sie steht, wird un­wich­tig, da­für er­langt das Mo­ment des Per­sön­li­chen an Be­deu­tung. Pro­mi­nen­te wer­den zu Wer­be­trä­gern, Jen­ni­fer Lopez für Lou­is Vuit­ton oder Ma­don­na für Ver­sace, Schau­spie­le­rin­nen zu Mo­dels auf den Ma­ga­zin­sei­ten. Um­ge­kehrt liest man plötz­lich un­ter fast je­dem Pro­mi­nen­ten­por­trät De­si­gner­credits. Auch wenn mäch­ti­ge Agen­tu­ren ver­su­chen, durch ih­re Po­li­tik der ap­pro­vals das Bild ih­res be­rühm­ten Schütz­lings zu kon­trol­lie­ren – das Sub­jekt auf dem Fo­to ist längst zum Kom­pli­zen des Fo­to­gra­fen ge­wor­den. Und seit der Sel­fie-kul­tur ar­bei­tet je­der Star an sei­ner ei­ge­nen Iko­ni­sie­rung mit. Für das 21. Jahr­hun­dert lässt sich kon­sta­tie­ren, dass der He­ro­in-chic, der einst Ka­te Moss be­rühmt mach­te, voll­ends ver­schwun­den ist.

Das heu­ti­ge Bild der Schön­heit in der Wer­bung, der Ma­ga­zi­ne, der Ins­ta­gram-ac­counts prä­sen­tiert ei­nen kom­ple­xen Kos­mos un­ter­schied­lichs­ter Ty­pen und Al­ters­stu­fen, ori­en­tiert höchs­tens am all­ge­mei­nen Dis­kurs ei­ner Sehn­sucht nach Cha­rak­ter und Selbst­be­wusst­sein. Schön­heit wird zu ei­ner Schön­heit des In­nen, fast fühlt man sich an das ka­lon, die grie­chi­sche Ein­heit von Kör­per und See­le, er­in­nert. Der Po­lyt­he­is­mus der Schön­heit heu­te for­dert et­was We­sent­li­ches, das viel­leicht auch ge­gen je­des Schön­heits­dik­tat hel­fen mag und sehr sim­pel klingt. Was schön ist? Per­sön­lich­keit.

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