Ex­klu­si­ver Aus­zug aus dem gran­dio­sen neu­en Ro­man von Kat Kauf­mann: »Die Nacht ist laut, der Tag ist fins­ter «

Ex­klu­siv: Ein Aus­zug aus dem gran­dio­sen neu­en RO­MAN von Kat Kauf­mann über Freund­schaft, Schick­sal, das Cha­os in uns und da drau­ßen …

L'Officiel Germany - - Inhalt -

Du ziehst mit zwei Fin­gern ein run­des ro­tes Stück­chen Pa­pier aus dei­nen Haar­sträh­nen. Sie hat­te doch tat­säch­lich ei­ne Kon­fet­ti-ka­no­ne ge­kauft und sie knal­len las­sen, so­dass die­se gan­zen run­den, bun­ten Pa­pier­teil­chen sich über dei­nem Kopf ent­lu­den und auf dich her­un­ter­reg­ne­ten, als sie dir in ih­rem hüb­sches­ten Kleid die Tür auf­ge­macht hat – dei­ne Mut­ter. Im Mund hat­te sie ei­ne Trö­te, und im Flur hing von der rech­ten zur lin­ken Wand ei­ne Buch­sta­ben­schlan­ge, die sag­te: Wel­co­me Ho­me!

»Hap­py Bir­th­day war aus­ver­kauft«, hat­te sie sich ent­schul­digt, und ihr trau­ri­ges Ge­sicht zeig­te sich wie­der hin­ter dem ver­such­ten fröh­li­chen. Ge­nau­so wie heu­te Mit­tag, nach­dem ihr das Bü­ro des No­tars ver­las­sen habt, nach­dem der No­tar euch al­len fest die Hän­de ge­drückt und sein Bei­leid be­kun­det hat­te. Und wie Mut­ter dann die Mund­win­kel hoch­ge­zo­gen hat, als wür­den sie an Schar­nie­ren hän­gen, und dir ge­sagt, dass du vor­bei­kom­men sollst, dass sie mit Ku­chen auf dich war­ten.

Und jetzt bist du hier. Und jetzt ist der Hap­py Teil mit Kon­fet­ti vor­bei. Ein be­schis­se­nes Jahr. Ein be­schis­se­ner Mo­nat. Und die­ser Tag ist ein ab­so­lu­ter Scheiß­hau­fen. Wie sehr es Mut­ter ge­küm­mert hat­te, wie du heu­te vor dem fei­nen Herrn No­tar auf­tau­chen wür­dest. Die­se Ho­se, die du ihr zu­lie­be an­ge­zo­gen hast – je­de nor­ma­le Be­we­gung wird be­hin­dert, der Stoff reibt an der Haut.

Die­se ver­damm­te Ku­ckucks­uhr tö­tet je­den Nerv. Klick. Klick. Klick. Pe­ter scheint es nicht zu stö­ren. Pe­ter. Hat es vor­hin ge­schafft, dir zwei­mal auf den Rü­cken zu klop­fen – al­les Gu­te. Jetzt sitzt Pe­ter di­rekt ne­ben dir und schweigt sich ei­nen ab. Pe­ter sieht in den Fern­se­her, der ge­nau­so stumm wie Pe­ter ir­gend­wel­che Bil­der sel­te­ner Vo­gel­ar­ten prä­sen­tiert.

Es ist er­bärm­lich, dass du am liebs­ten ein­fach wie­der zu­rück in dei­ne Woh­nung fah­ren wür­dest, dich wie­der schla­fen le­gen. Du stellst dir vor, wie sie dich erst fin­den, wenn sich Spinn­we­ben über dei­ner Lei­che tür­men.

Aber du wür­dest ja doch wie­der auf­wa­chen. In ei­ner Welt, die ein­fach noch be­schis­se­ner sein wür­de, als sie es war in dem Mo­ment, in dem du dich schla­fen ge­legt hast. Je­des Mal noch ein Stück be­schis­se­ner.

Dein Psy­cho­lo­ge hat­te recht. Dass du ei­nen an der Waf­fel hast und nicht die an­de­ren. Du hast kein Pro­blem. Du bist das Pro­blem.

Du bist ein Kind, oh­ne Klei­dung, sag­te der da­mals, der Psy­cho­doc, als er noch Hoff­nung hat­te, dich wie­der hin­zu­krie­gen, Du sitzt an ei­nem men­schen­lee­ren Strand. Du hast kein Ziel. Musst nicht ka­cken, musst nicht es­sen, kein Ziel. Da siehst du ei­ne Ei­dech­se, ei­ne Mu­schel, ein Pa­pier­stück, ein Loch. Nach wel­chem Prin­zip ent­schei­dest du über dei­nen wei­te­ren Ent­schei­dungs­ver­lauf ?, hat­te er ge­fragt. Al­so zum Bei­spiel fällst du über tri­al and er­ror in das Loch und schaust nach, was da ist?, hat­te er ge­sagt und dich mit sei­nem Blick auf­ge­spießt. Oder fasst du viel­leicht die Ei­dech­se an? Schaust, ob sie weg­rennt? Ent­schei­dest spon­tan, ob du ihr hin­ter­her soll­test?

Nein, hast du dir da­mals ge­sagt, viel­leicht, viel­leicht kom­bi­nie­re ich auch: ste­cke die Ei­dech­se in das Pa­pier und wer­fe sie in das Loch und setz mir die Mu­schel auf den Kopf … Viel­leicht se­he ich das al­les aber auch nicht, hast du dem Psy­cho­lo­gen ge­ant­wor­tet, und statt­des­sen was ganz an­de­res.

Du denkst wirk­lich im­mer was ganz an­de­res. Und es ist ex­akt nie ziel­füh­rend. Erst recht nicht, seit sie dich tan­zend von der Stra­ße ge­holt ha­ben, auf der dein Opa Ernst im Kran­ken­wa­gen da­von­fuhr, wäh­rend du ein Klei­dungs­stück nach dem an­de­ren von dir warfst und sich hin­ter dir ei­ne Spur dei­nes zu­cken­den Di­lem­mas bil­de­te, hast du wie­der An­spruch auf ein Re­zept. Das macht nichts bes­ser, nur ega­ler. Im­mer­hin. Aber nicht egal ge­nug, wie du ge­ra­de merkst.

Und jetzt sitzt du hier und fühlst dich ge­nau wie die­ses Kind, das nicht weiß, was es mit Ei­dech­se, Pa­pier, Mu­schel und Loch an­stel­len soll. Die In­for­ma­tio­nen, die du hast, sind dünn und wirr, die Um­stän­de schei­ße, du fühlst dich nackt und klein.

Ge­räusch­los kommt Mut­ter jetzt ins Zim­mer, ge­räusch­los stellt sie den Ku­chen auf den Tisch. Die­se ver­damm­te Stil­le. Noch nie war sie lau­ter. Al­le ne­ben­säch­li­chen Ge­räu­sche wer­den dar­in un­er­träg­lich. Mut­ters Krat­zen mit dem Mes­ser auf dem Tel­ler, auf dem sie den Ku­chen in sym­me­trisch per­fek­te Tei­le schnei­det. Pe­ters an­ein­an­der­rei­ben­de Fin­ger, die klin­gen, als wä­ren sie aus Pa­py­rus. Die­se tro­cke­nen Pa­py­rus­fin­ger, die man kriegt, wenn man alt wird und die Hän­de trotz­dem zum Ar­bei­ten zwingt, die Au­tos im Werk zu­sam­men­bau­en, un­zäh­li­ge Tei­le an­schrau­ben, ab­schrau­ben. Jetzt sitzt er da in freu­di­ger Er­war­tung, ei­nes der sym­me­tri­schen Stü­cke auf sei­nen Tel­ler plat­ziert zu be­kom­men.

»Kön­nen wir nicht we­nigs­tens was im Ra­dio an­ma­chen, den Fern­se­her viel­leicht we­nigs­tens mit Ton an lau­fen las­sen? Ir­gend­was?« »Aber dann kann man sich nicht un­ter­hal­ten«, sagt Pe­ter und schal­tet um. Wer un­ter­hielt sich denn hier? Über Ernst? Über ir­gend­et­was? Die paar Sät­ze, die hier je­der von euch ver­liert, kann man sich auch spa­ren. Weil es im­mer die glei­chen sind. Und wenn du et­was ge­fragt wirst zu dei­nem Le­ben, in dem sich auch nicht be­son­ders viel be­wegt, und wenn doch, dann wohl eher rück­wärts, sind auch dei­ne Ant­wor­ten so lahm, dass du fast ein­schla­fen könn­test, wenn du dich selbst re­den hörst. Al­so gut. Dann eben Schwei­gen. Wie im­mer. »Jo­nas! Mit oder oh­ne Sah­ne?« Auf dem Ku­chen steht mit bun­tem Zu­cker­guss: Un­ser Jo­nas. Dar­un­ter: 25. Ei­ne Ker­ze in der Mit­te. Auf dem seit je­her gleich zu­be­rei­te­ten Bie­nen­stich ver­for­men sich die na­iv kind­li­chen, von Mut­ters ner­vö­ser Hand ge­zo­ge­nen Zu­cker­guss­buch­sta­ben vor dei­nen Au­gen von Un­ser Jo­nas zu Und? Was ist? Gehst du!? Du weißt, wenn du gehst, stirbt dei­ne Mut­ter vor Sor­ge. Wenn du bleibst, er­schießt du dich selbst. Fin­de die­sen Mann. Va­le­rij But­zu­kin. »Ma­ma, oh­ne … Das fragst du je­des Jahr.« »Ach Kind«, Mut­ter legt das Ku­chen­stück auf dei­nen Tel­ler und gibt ihn in dei­ne Hän­de. »Und du, Pe­ter?«, fragt sie. Ih­re Stim­me klingt ent­täuscht und lei­se. »Ich neh­me mit! Wir fei­ern ja heu­te im­mer­hin, nicht wahr?!«, sagt Pe­ter. Du siehst ihn dir an. Pe­ter. Wie er lang­sam kau­end sei­nen Ku­chen isst, wie er sei­ne mü­den Au­gen senkt. So ein ver­dammt lie­bens­wer­ter und trau­ri­ger Mann. Pe­ter hät­te im Pa­ket, das er sich auf­lud, als er dei­ne Mut­ter hei­ra­te­te, si­cher auch was Bes­se­res ver­dient als dich. Je­man­den, für den es sich ge­lohnt hät­te, so hart zu schuf­ten.

Du zählst jetzt wie­der die Bil­der an den Wän­den, zählst die Va­sen, die klei­nen Fi­gür­chen im Setz­kas­ten. Du zählst die Lam­pen – Tisch­lam­pe, De­cken­lam­pe, Le­se­lam­pe. Vor dem Fens­ter ein Baum. Ge­gen­über, bei Tan­te Hel­ga, brennt Licht. Wie sie dir im­mer winkt, wenn du an ih­rem Haus vor­bei­gehst auf dem Weg zu dei­nen El­tern. Wie sie dir dann zu­ruft, dass du doch mal wie­der auf ei­nen Ka­kao vor­bei­kom­men sollst. Als wärst du im­mer noch zwölf. Als hät­te sie es ver­ges­sen. Hat sie wahr­schein­lich auch. Du nicht. Dass Pe­ter eben nur Pe­ter ist, und gar nicht Pa­pa. Dass du ihm

bis heu­te nicht ge­sagt hast, dass du es weißt. Es fällt dir nur im­mer schwer, ihn zu be­grü­ßen, weil du Pe­ter nicht sa­gen kannst, oh­ne ihn zu ver­let­zen, und Pa­pa nicht, weil es ei­ne Lü­ge wä­re. Al­so sagst du Hey … du oder gar nichts.

Kei­nem hast du es ge­sagt. So macht man es hier eben. Schwei­gen. Wie dei­ne Mut­ter, wie al­le hier. Hier am Stadt­rand, wo Mut­ter und Pe­ter im­mer auf dich war­ten, in die­ser klei­nen Stra­ße mit den sie­ben Häu­sern nach rechts, fünf nach links, in der du als Kind so oft al­lein auf dem Spiel­platz warst, hier, wo du in letz­ter Zeit so sel­ten her kommst, um den gu­ten Sohn zu spie­len und in die Sinn­lo­sig­keit zu star­ren, steht das Le­ben ab wie Was­ser in ei­nem Glas. Zu­erst scheint es rein und klar, und nach und nach setzt sich das Häss­li­che, das einst Un­sicht­ba­re am Glas­bo­den ab. Wie bei den St­ein­drechs­lers, bei de­nen kei­ner wuss­te, was sol­che wie die hier ver­lo­ren ha­ben. Ur­laub hier, neu­er Wa­gen dort, noch ein Por­sche für den Wo­che­n­end­aus­flug, Fa­mi­li­en­hund, per­fek­te Har­mo­nie, bis es dann plötz­lich im Lo­kal­teil stand – dass die hüb­sche St­ein­drechs­ler­toch­ter, Klas­sen­bes­te, gar nicht im In­ter­nat war die gan­ze Zeit, son­dern in der An­stalt, und der Mann nicht auf Di­enst­rei­se in der Schweiz, son­dern im Ge­fäng­nis, weil er die Toch­ter ins Ir­ren­haus ge­fickt hat­te. Wel­co­me Ho­me!

Sie­ben Häu­ser nach rechts, fünf nach links. Plus wir, zählst du, weil dir die Ob­jek­te im Wohn­zim­mer aus­ge­gan­gen sind. Lass es pro Haus 2,8 Be­woh­ner sein – macht 13 Häu­ser, die zu­sam­men 36,4 Men­schen be­inhal­te­ten. Mal zwei, we­gen der an­de­ren Stra­ßen­sei­te – 26 Häu­ser und 72,8 Men­schen. Kom­ma Acht. Die St­ein­drechs­ler­toch­ter. Oder du. ’Ne gan­ze Eins seid ihr nicht. Und ob sie je ei­ne wird nach der Va­ter­sa­che, ist echt frag­lich. Und was dich selbst an­geht, hät­te man, als du klein warst, durch­aus noch hof­fen kön­nen, al­les wür­de schon ir­gend­wie. Spä­tes­tens jetzt ist auch klar: Du bist ei­ne Null Kom­ma Acht – wenn’s hoch kommt.

Wie du heu­te dort ge­ses­sen hast – ihr al­le wie Wachs­pup­pen, auf den har­ten De­si­gner­stüh­len, drei zu eins zu bei­den Sei­ten des Schreib­ti­sches die­ses grau ge­klei­de­ten An­walts, No­tars, was auch im­mer – und ver­sucht hast, dich zu­sam­men­zu­rei­ßen. Du hast dich nicht auf ein ein­zi­ges Wort des No­tars kon­zen­trie­ren kön­nen, wäh­rend der in klein­li­cher Ein­zel­tei­lig­keit Ernsts Hab­se­lig­kei­ten auf­zähl­te. Die­ses häss­li­che Bü­ro mit den brau­nen Lack­schrän­ken, ei­nem Schreib­tisch mit all den Ge­rät­schaf­ten und ei­nem Bil­der­rah­men, der leer war. Viel­leicht hat­te man ihn ver­las­sen, den Herrn No­tar. Und du sahst ihn den Rah­men mit vor Wut zit­tern­den Hän­den auf­bre­chen und das Bild dar­in – so ein ty­pi­sches lä­cheln­des Ab­bild von Glück, das frü­her oder spä­ter nur noch Lü­ge ist – zer­stö­ren, wäh­rend er in Wirk­lich­keit vor euch saß und wei­ter mo­no­ton den Nach­lass vor­las. Viel­leicht aber war der Rah­men auch neu, und des Herrn No­tars Frau ging ge­ra­de in dem Mo­ment das schöns­te Fa­mi­li­en­fo­to der Welt schie­ßen las­sen. Oh­ne ihn. Weil er näm­lich im­mer in die­sem Bü­ro saß und nie Zeit hat­te, und weil sie des­halb be­stimmt im­mer strit­ten, im­mer im Bü­ro, nie zu Hau­se, mach doch mal frei, wir sind dei­ne Fa­mi­lie, und was Frau­en noch so sa­gen … Viel­leicht hat­te der auch gar kei­ne Fa­mi­lie. Nicht mal ei­nen Hund, der ihn von sei­nem schwar­zen Schreib­tisch aus lie­bend hät­te an­star­ren kön­nen. Und dann hat der den Rah­men ge­kauft und da hin­ge­stellt. Weil er viel­leicht hoff­te, ir­gend­wann mal je­man­den zu fin­den oder zu kau­fen, den er dann in die­sen Rah­men ste­cken könn­te. Ir­gend­wo muss man ja an­fan­gen.

»That’s it. Das wär’s«, hat­te der Fei­ne-ho­sen-no­tar ge­sagt. Und dann klopf­te er eu­re Tes­ta­mentspa­pie­re zu ei­nem Sta­pel und steck­te den in ei­nen Ord­ner. Und du sag­test: Dan­ke, al­les klar. Nichts klar. Und dann bist du auf­ge­stan­den und hast dich drei­mal ge­dreht vor ihm mit den Wor­ten: Die Ho­se

soll­te ich für Sie an­zie­hen. Und? Ge­fällt sie Ih­nen?

Hat er nicht ver­stan­den. Du fan­dest es sehr amü­sant, wie er dich an­ge­guckt hat in dem Mo­ment. Jetzt liest du es ab, an den Lip­pen des Man­nes im Fern­se­her, der, so wie der No­tar­an­walt und wer weiß, wer nicht noch al­les, durch ei­nen mi­mik­lo­sen Ro­bo­ter er­setzt wur­de, dass er Gu­ten Abend, mei­ne Da­men und Her­ren sagt. Es fol­gen Bil­der, ei­ne Lauf­schrift.

Die Bil­der zei­gen Us-pan­zer, die durch Bre­mer­ha­ven rol­len. Die Lauf­schrift sagt, dass ein ge­wis­ser Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Ran­gert den Nut­zen die­ser Ope­ra­ti­on be­stä­tigt. »Nun sind wir an der Front und kön­nen schnell auf rus­si­sche Ag­gres­si­on re­agie­ren.« Im Rah­men der Am­rop-ope­ra­ti­on »At­lan­tic Re­sol­ve« sol­len in den nächs­ten Ta­gen meh­re­re Tau­send Mi­li­tär­ge­rä­te und Trup­pen in Po­len ein­tref­fen, um auf ei­ne Ag­gres­si­on sei­tens der Rus­sisch-asia­ti­schen Uni­on schnell re­agie­ren zu kön­nen.

»Mach das doch weg, Pe­ter. Schon wie­der die­se News … noch mehr Pan­zer «, sagt Mut­ter, dreht sich weg, »wie schön es da­mals war, als Brea­king News noch Eil­mel­dun­gen hie­ßen«, sagt sie, »und Bo­dy Milk noch Kör­per­lo­tion. Und über­haupt«, sagt sie und setzt sich, »und wie fried­lich al­les war. Und dann bist du ge­bo­ren«, sagt sie nach­denk­lich und stockt im Satz. Da hast du’s wie­der. Du bist doch der An­ti­christ. Im Fern­se­her fährt jetzt das RAS, das neue Gi­ga­bünd­nis, ge­ra­de sei­ne neu­en Pan­zer­pa­ra­de. Die Rus­sisch-asia­ti­sche Uni­on er­wei­tert den Kriegs­etat um wei­te­re 50 Mil­li­ar­den, heißt es in der Lauf­schrift zu den Bil­dern.

Dort ir­gend­wo wohnt al­so ein But­zu­kin, den es viel­leicht gar nicht gibt. Dort, wo sie die Pan­zer­pa­ra­de be­ju­beln. Da ste­hen Men­schen, die mit Ma­schi­nen­ge­weh­ren ih­re Gren­zen ver­tei­di­gen, und sie rüs­ten auf. Und du bist die­se fa­de An­samm­lung von bio­lo­gi­schen Be­stand­tei­len, die dir ganz schön leicht weg­bre­chen. Und du hast de­fi­ni­tiv den fal­schen Pass, um dir dort Freun­de zu ma­chen. Du denkst nur noch dar­an, wie du das ma­chen könn­test. Und dir fällt nichts ein. Du brauchst dei­nen Fall si­cher nicht bei ir­gend­ei­ner Be­hör­de vor­zu­tra­gen. Mein Opa hat mir auf­ge­tra­gen … Nie­mand gibt dir ein Vi­sum. Nie­mand. Weil kei­ner mehr ein Vi­sum kriegt. Viel­leicht ein Di­plo­mat oder der per­sön­li­che Anus­mas­seur des Prä­si­den­ten. Was weißt du schon. Ei­ner wie du je­den­falls nicht.

Mut­ter sagt, sie hät­te es nicht so ge­meint. Sie mein­te nur das Jahr, die Jah­re, nicht dass du mit dei­ner Ge­burt ir­gend­was, sagt sie und stockt wie­der. »Weiß ich doch«, sagst du. »Weiß ich doch.« Sie rückt jetzt den an­ge­schnit­te­nen Ku­chen so zu­recht, dass die Lü­cken der feh­len­den Tei­le wie­der sym­me­trisch ge­schlos­sen sind. Und du siehst, wie sich ihr Ge­sicht ent­spannt, seit Pe­ter wie­der zu den sel­te­nen Vo­gel­ar­ten um­ge­schal­tet hat. Wie sie da jetzt so sitzt, so an­ge­nehm ru­hig, weil sie von all dem nichts wis­sen will. Nur noch ih­ren Gar­ten um­gra­ben, neue Sa­men ho­len und sich freu­en, wenn was blüht. Schafft sich ihr ei­ge­nes Pa­ra­dies und ver­steckt sich vor dem Rest, der au­ßer­halb ih­res Wohn­vier­tels am Stadt­rand statt­fin­det. Will sie nicht se­hen, wür­de sie zer­bre­chen dran. Und des­halb lebt sie so, als sei um ih­ren Kopf ein Kar­ton, den sie sich selbst auf­ge­setzt hat, und nur zwei win­zi­ge Guck­lö­cher rein­ge­schnit­ten, da­mit bloß nicht zu viel In­fo da ein­drin­gen kann. Kann man ma­chen. Es fängt bei dir an. Ge­nau wie in dem Müll­tren­nungs­slo­gan. Muss je­der sel­ber se­lek­tie­ren, ob man sich zu­spam­men lässt oder so tut, als wä­re nix, um wei­ter­zu­ma­chen.

Es ist bes­ser so, sagst du dir. Bes­ser so für sie. Sonst wird man zu ei­nem Hau­fen un­nüt­zer In­for­ma­tio­nen, wie du selbst, und frisst Schi­zo­phar­ma­ka, da­mit die Schä­del­de­cke nicht ab­fliegt.

Was nützt es al­les auch? Wahr­hei­ten zu su­chen? Hast dir die Fin­ger­kup­pen wund ge­tippt. Näch­te um Näch­te vor dem Rech­ner ver­bracht, an­statt dir, so wie es die nor­ma­len, ge­ölt funk­tio­nie­ren­den Men­schen tun, ge­sun­den Schlaf zu gön­nen, oder wie man das nennt. Du kennst es nur aus der Wer­bung – wenn die per­fek­ten Dum­mys mit ge­cle­ans­ten Ge­sich­tern zu Bett ge­hen, sich ih­ren Schö­ne Träu­me Tee brü­hend heiß und damp­fend auf den Nacht­tisch stel­len, star­ren sol­che wie du ver­ge­bens in ih­re Rech­ner und su­chen nach des ver­fick­ten Pu­dels Kern und lan­den doch nur ir­gend­wo, wo die Kom­men­ta­re voll sind von: what ha­ve i just se­en?! Und dann ploppt noch ein wei­ter­füh­ren­der Link auf, der ei­nem dann noch ei­ne St­un­de raubt. Und wie­der nur Hass­ti­ra­den und ein Idi­ot, ein Klon dei­ner selbst, der auch um 5:37 on­li­ne war und un­ter den Scheiß, den du dir ge­ra­de rein­ge­zo­gen hast, das schrieb, was du auch ge­ra­de dach­test: how the fuck did i get he­re?!

Ja. How the fuck did I get he­re?!

Ku-ckuck, Ku-ckuck. Es ist sie­ben. »Es ist ja schon sie­ben? Mei­ne Gü­te«, sagt dei­ne Mut­ter. Ein Im­puls zuckt durch dei­nen Kör­per. Viel zu en­er­gisch stehst du auf – das Ge­schirr klirrt kurz und be­ru­higt sich wie­der: »Ent­schul­di­gung. Willst du noch ei­nen Tee? Oder du?«

»Gern, Sohn. Dan­ke«, sagt Pe­ter, wäh­rend aus dem lus­ti­gen bun­ten Plas­ti­k­re­pli­kat an der Wand der klei­ne blö­de Plas­tik-ku­ckuck an sei­ner Sprung­fe­der her­aus­ge­schleu­dert wird, um sei­ne Ar­beit zu ver­rich­ten. Dar­über der Fort­schritts­bi­ber. So ein be­schis­se­nes Lo­go. Nur weil die Fir­ma Pe­ter die­sen Scheiß schenkt, Mer­ry-christ­mas-kärt­chen da­zu, muss man das doch nicht auf­hän­gen?! Du stellst dir vor, da wür­de statt des klei­nen blö­den Ku­ckucks ei­ne rie­si­ge zur Faust ge­ball­te Hand raus­kom­men, im­mer und im­mer wie­der, und der Mit­tel­fin­ger die­ser Hand wür­de zei­gen, was die Fir­ma wirk­lich von ih­ren Ar­bei­tern hält.

Du klemmst die an­ge­fan­ge­ne Fla­sche Sekt in die Arm­beu­ge, in den Hän­den die Glä­ser, mit de­nen ihr an­ge­sto­ßen habt – »nur halb voll, bit­te«, hat­te Mut­ter ge­sagt, und von dem »halb voll« blieb ge­nau­so viel drin wie zu­vor, und Pe­ter hat, wenn über­haupt, nur mal dran ge­ro­chen. In der Kü­che machst du die Glä­ser leer, und die Fla­sche killst du jetzt auch. Du setzt das Tee­was­ser auf, nimmst den al­ten Tee­beu­tel aus Pe­ters Lieb­lings­tas­se und legst ei­nen neu­en Tee­beu­tel in Pe­ters Lieb­lings­tas­se. Auch auf der Tas­se das Em­blem der Fir­ma, für die er ar­bei­tet. Ein schreck­li­cher Bi­ber im Blau­mann, der wie Un­cle Sam auf den Be­trach­ter zeigt, und drü­ber: Auch DU bist Fort­schritt.

Auf ei­nem der ge­rahm­ten Fo­tos, die ne­ben dem Kühl­schrank hän­gen, bist du mit der gan­zen Klas­se auf ei­nem Bild. Vor dem Na­tur­kun­de­mu­se­um. Du siehst dich an – mit Ab­stand das un­zu­frie­dens­te Ge­sicht. Das war ei­nen Tag nach dem Hel­ga- Ga­te. Auf dem Bild, Arm in Arm mit dir, Poll­sen und Ju­li­an. Hier auf dem Fo­to wird es für im­mer so aus­se­hen, als wärt ihr rich­ti­ge Freun­de. Wart ihr auch. Aber da wart ihr ja auch noch klein.

Du stellst die lee­re Sekt­fla­sche zum Leer­gut in die Ecke, füllst die Tee­tas­se mit dem hei­ßen Was­ser.

»Jo­nas?«, sagt Mut­ter und streicht dir über den Rü­cken. Wie aus dem Nichts steht sie jetzt in der Kü­che. Die­ses laut­lo­se Lau­fen – sie taucht ne­ben dir auf, wie ein Geist. Sie lässt jetzt schon wie­der so ei­ne Pau­se fol­gen. So Pau­sen, bei de­nen man nicht weiß, was die sol­len. Be­ginn doch ein­fach den Satz spä­ter, wenn du so weit bist, denkst du dir. Oder sag das, was da raus will. Sag es ein­fach.

Was, Ma­ma, WAS?, willst du sa­gen. Aber du reißt dich zu­sam­men. Sie hat dich aus sich her­aus­ge­quetscht, Gott weiß wo­zu, und das war ja der An­lass hier. Al­so Schnau­ze. Ja, die­ses Le­ben war nicht zwin­gend et­was, das als Le­ben be­zeich­net wer­den konn­te, aber das war ja nun nicht ih­re Schuld. Du hät­test gern ei­nen Bru­der ge­habt, aber willst du ihr jetzt vor­wer­fen, dass sie, als sie dich in die­se Welt aus sich her­aus­press­te, schon über vier­zig war und du der ein­zi­ge As­tro­naut ge­blie­ben bist, der je an ih­rer Na­bel­schnur ge­bau­melt hat? Sie hat dir ja ei­ne Kat­ze ge­schenkt. Und auch da­für, dass die­se Kat­ze dich ge­hasst hat und fast täg­lich in dein Bett ge­pisst, bis es schon bald kei­ne Kat­ze mehr gab, kann sie nichts.

Aber dass sie dir nie ge­ant­wor­tet hat, da­für kann sie was. Da­bei war es nur ei­ne ein­fa­che Fra­ge. Wer ist mein Va­ter? Ein­fa­cher geht es ja wohl kaum.

Na komm schon! Sprich mit mir, Mut­ter! Fünf­und­zwan­zig Jah­re jetzt, wie kann das sein, Mut­ter?! Wie kann das sein, dass wir ein­an­der noch nie et­was Wirk­li­ches ge­sagt ha­ben?! »Ach … nichts. Ich hab dich lieb«, sagt sie. Sie nimmt die Tee­kan­ne aus dei­ner Hand und geht vor­aus, zu­rück ins Wohn­zim­mer. Von der Kü­che aus zählst du elf Schrit­te, als du ihr folgst.

KAT KAUF­MANN

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