»Par­ty & Poe­sie« von und mit dem Ber­li­ner Licht­bild­ner Ma­xi­me Bal­leste­ros

Die Nacht ist sein Ate­lier, die Ka­me­ra sein Pin­sel, die Un­wirk­lich­keit der Rea­li­tät sein Ob­jekt. MA­XI­ME BAL­LESTE­ROS malt mit Blit­zen und di­gi­ta­len Spei­chern sei­ne Sicht auf ei­ne Welt, in der sich Gren­zen auf­lö­sen

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L’O Man sieht dich ei­gent­lich nie oh­ne Ka­me­ra. Hast du das Ge­fühl, du musst do­ku­men­tie­ren, was so los ist?

Stimmt, ich ha­be im­mer ei­ne Ka­me­ra da­bei. Und ich ma­che je­den Tag Fo­tos. Das ist na­tür­lich ba­nal, wenn man an die heu­ti­ge Ins­ta­gram-welt denkt, je­der macht stän­dig Fo­tos. Aber es geht mir nicht um ei­ne Do­ku­men­ta­ti­on, es ist mehr der Drang, be­reit zu sein, wenn ich et­was se­he. Ich fing als Te­enager da­mit an, als ich merk­te, dass mei­ne Er­in­ne­run­gen ver­blass­ten, und ich konn­te nichts da­ge­gen tun. Mitt­ler­wei­le geht es um et­was an­de­res, aber die Er­leich­te­rung, wenn ich auf den Aus­lö­ser drü­cke, ist im­mer noch da.

L’O Du gehst in dei­nen Bil­dern im­mer sehr nah an die Men­schen her­an …

Je­der zeigt ein Ge­sicht, hin­ter dem er sich ver­steckt. Ei­ne Fas­sa­de. Mein Job als Fo­to­graf ist es, das zu durch­bre­chen. Da­für brau­che ich ei­ne emo­tio­na­le Ver­bin­dung, we­nigs­tens ei­ne klei­ne, ei­nen Hauch, ir­gend­et­was, sonst wä­re es, sa­gen wir, wie ge­gen Mau­ern zu knal­len. Ich den­ke, es ist ei­ne Art „Ver­mensch­li­chung“, selbst wenn ich Ob­jek­te fo­to­gra­fie­re.

L’O Was ist dein Ge­heim­nis?

Am liebs­ten neh­me ich ein Weit­win­kel­ob­jek­tiv. Dann ha­be ich ein paar Re­geln, die ich strikt be­fol­ge: Nie ei­nen Zoom be­nut­zen – wenn du nä­her ran­musst, nut­ze dei­nen Kör­per. Nie ei­nen an­de­ren Aus­schnitt wäh­len, nie ein Bild be­schnei­den – wenn das Ori­gi­nal nicht funk­tio­niert, bist du nicht gut ge­nug.

L’O Du ar­bei­test noch ana­log – war­um?

Ich ver­traue auf die Kraft der ana­lo­gen Fo­to­gra­fie. Bei Auf­trä­gen ha­be ich so mei­ne Ru­he, weil nie­mand das Bild sieht. Der Kun­de nicht, das Mo­del nicht. Das Mo­del kann sich auf sich selbst kon­zen­trie­ren und muss sich nicht mit sei­nem Ab­bild aus­ein­an­der­set­zen. Die Ar­beit kann dann viel sen­si­bler von­stat­ten ge­hen. Wie ei­ne Art Tanz. Wir müs­sen uns ver­trau­en. Und wenn ich die Bil­der dann Ta­ge spä­ter se­he, ha­be ich ei­nen fri­schen Blick auf die gan­ze Ge­schich­te. Bei frei­en Ar­bei­ten, beim spon­ta­nen Fo­to­gra­fie­ren, muss ich mich auch stark kon­zen­trie­ren. Ich ma­che we­ni­ger Bil­der, prä­zi­ser. Das ist wie beim Bo­gen­schie­ßen: ein Pfeil ins Ziel. Kein Ma­schi­nen­ge­wehr, das man ab­feu­ert, in der Hoff­nung, ir­gend­et­was zu tref­fen.

L’O Ge­star­tet hast du in der schul­ei­ge­nen Dun­kel­kam­mer. Was war da­mals wich­tig?

Ich woll­te ein­fach nur Bil­der ent­wi­ckeln, egal was. Ich ha­be die­se che­mi­schen Dämp­fe ge­liebt, die Pri­vat­heit, den gan­zen Pro­zess. Das ging et­wa acht Jah­re lang so, bis ich mir ei­nen Blitz kauf­te. Plötz­lich hat­te ich viel mehr Frei­heit, ich konn­te oh­ne Sta­tiv fo­to­gra­fie­ren, auch nachts, und ich war viel schnel­ler. Kurz nach­dem ich nach Ber­lin ge­zo­gen war, be­stell­te ich on­li­ne ei­ne bil­li­ge Ka­me­ra. Da war ein Farb­film da­bei. Ich hat­te nie dar­über nach­ge­dacht, in Far­be zu fo- to­gra­fie­ren, viel­leicht hat­te ich Angst … Ich pro­bier­te den Film aus und ent­deck­te plötz­lich ei­ne ganz neue Bild­spra­che: viel kom­ple­xer, sub­ti­ler, be­rüh­ren­der, rei­cher. Ich ging nie wie­der zu Schwarz-weiß zu­rück.

L’O Vie­le dei­ner Bil­der sind sehr pro­vo­ka­tiv, se­xu­ell …

Viel­leicht liegt das an mei­nem Fo­kus. Ich fo­to­gra­fie­re ein­fach ge­ra­de­her­aus und blit­ze viel. Das mag für ei­ni­ge ag­gres­siv wir­ken. In­halt­lich ge­se­hen emp­fin­de ich mei­ne Ar­beit nicht als pro­vo­ka­tiv, ich bil­de ab, was ich se­he. Vie­le Si­tua­tio­nen tra­gen ei­ne Schön­heit, ei­nen Witz, ei­ne Wahr­heit, ei­nen Schmerz, auch ei­ne Ero­tik in sich.

L’O Was be­deu­te­tet dir „Rea­li­tät“?

Nach ei­ner Ant­wort dar­auf su­che ich noch, aber viel­leicht ist sie der Grund, war­um ich über­haupt fo­to­gra­fie­re. Ob ich spon­ta­ne oder in­sze­nier­te Auf­nah­men ma­che, der An­satz ist der glei­che. Fo­to­gra­fie­re ich et­was auf der Stra­ße, zei­ge ich so ei­nen klei­nen Aus­schnitt aus der Welt, viel­leicht neh­me ich noch ei­nen Blitz, dann ist es schon ei­ne Trans­for­ma­ti­on, ei­ne In­ter­pre­ta­ti­on der Wirk­lich­keit. Bei in­sze­nier­ten Bil­dern wird das Fo­to Teil mei­ner ei­ge­nen Rea­li­tät, mei­ner Vor­stel­lungs­kraft. Die Welt un­se­rer Näch­te, der Träu­me und Alp­träu­me, ist ge­nau­so Teil der Wirk­lich­keit wie die, die wir mit of­fe­nen Au­gen se­hen.

L’O Du ar­bei­test haupt­säch­lich für Fa­shion La­bels und Ma­ga­zi­ne. Magst du die­se Sze­ne?

Mo­de ist vol­ler fan­tas­ti­scher, sen­si­ti­ver, war­mer, of­fe­ner Leu­te. Es gibt si­cher auch an­de­re, aber ich emp­fin­de die Sze­ne als sehr po­si­tiv. Ich ken­ne ih­re Co­des, ih­re Ge­schich­ten und Sehn­süch­te. Für Fo­to­gra­fie funk­tio­niert sie bes­tens. Ich kann ein Be­ob­ach­ter sein, gleich­zei­tig aber auch selbst Ak­teur, wenn ich fo­to­gra­fie­re. Ich tre­te in ei­nen Dia­log. Mei­ne Bil­der sind das Er­geb­nis da­von.

»Die Welt un­se­rer Näch­te, der Träu­me und Alp­träu­me, ist ge­nau­so Teil der Wirk­lich­keit wie die, die wir mit of­fe­nen Au­gen se­hen«

Cre­pus­cu­le, Ber­lin, 2016

Full moon, San Mi­guel, Me­xi­co, 2016

Ma­xi­me Bal­leste­ros: Les Abs­ents. De­sign by Sang Bleu Lon­don. Hat­je Cantz Ver­lag, 272 Sei­ten, 35 Eu­ro. hat­je­cantz.de Die Kö­nig Ga­le­rie in Ber­lin zeigt im Ju­li 2017 Bil­der von Ma­xi­me Bal­leste­ros. ko­enig­ga­le­rie.com ma­xi­me­bal­leste­ros.com

Silk in the stair­ca­se, Pa­ris, 2015

Wrong turn, Pa­ris, 2015

Ny­lon gra­di­ent, Ber­lin 2013

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