An­ge­la

Die Ge­ne­se von »Kohls Mäd­chen« zur MUT­TI war schlei­chend. Wie An­gie es schafft, nicht ab­ge­kan­zelt zu wer­den

L'Officiel Germany - - Dynastie - Von AN­JA RÜT­ZEL

Zwei Freun­din­nen von mir tra­fen sie ein­mal in ei­nem klei­nen Su­per­markt in der Ucker­mark. An­ge­la Mer­kel kauf­te Ra­dies­chen und Ze­wa Wisch und Weg, ih­ren klei­nen Ein­kauf trug sie ganz al­ler­welts­bür­ger­lich selbst im da­für vor­ge­se­he­nen Körb­chen. An mehr er­in­nern sich die bei­den nicht, auch bei in­ten­si­ver Be­fra­gung. Nur, dass es ko­misch ge­we­sen sei, der Bun­des­kanz­le­rin in die­sem schnö­des­ten al­ler denk­ba­ren Set­tings zu be­geg­nen, im Spa­get­ti­so­ßen­gang, wo man ein biss­chen Men­sche­lei hät­te er­war­ten kön­nen, und Mer­kel trotz­dem son­der­bar fern blieb – als sei sie ei­ne Kunst­fi­gur.

Man muss­te die Kanz­le­rin nicht beim Ein­kau­fen tref­fen, um die­se Dis­tanz zu spü­ren – rein mensch­lich ge­se­hen, ganz un­be­rührt von po­li­ti­schen Über­zeu­gun­gen. Zu Ger­hard Schrö­ders oft ein we­nig an­ge­schwitz­ter Hemds­är­me­lig­keit, die er auch in Brio­ni aus­strahl­te, konn­te man sich emo­tio­nal mü­he­los po­si­tio­nie­ren, die me­di­al ver­mit­tel­te Te­fal­ge­fühls­welt von An­ge­la Mer­kel da­ge­gen bot kei­ner­lei ge­füh­li­ge An­dock­flä­che. Je­den­falls bis vor ein paar Mo­na­ten.

Plötz­lich ist da – die­se neue An­ge­la-nah­bar­keit, ganz un­ab­hän­gig da­von, ob man ih­re Po­li­tik teilt, auf ei­ner un­ge­wohnt mensch­li­chen Ebe­ne. Wo­mög­lich ist man so­gar ein we­nig er­schro­cken, als man das zum ers­ten Mal spür­te. Man kennt sie doch schon so lan­ge, und jetzt kann man sich plötz­lich in sie hin­ein­füh­len? In Mut­ti? Ja, tat-

säch­lich. Und die­ses Ge­fühl ist ähn­lich ver­stö­rend wie die schock­ar­ti­ge Er­kennt­nis man­cher Frau­en mit Kind, sich lang­sam aber si­cher in die ei­ge­ne Mut­ter zu ver­wan­deln.

Lan­ge war sie ein frem­des We­sen, mit mi­ni­ma­lem Iden­ti­fi­ka­ti­ons­po­ten­zi­al. Vor der Mut­ti war sie Mäd­chen, »Kohls Mäd­chen«, um ge­nau zu sein. Und ob­wohl es ja Fo­to­be­wei­se gibt, die die Exis­tenz ei­ner jün­ge­ren An­ge­la be­le­gen, konn­te man sich kaum vor­stel­len, dass sie auf ih­rer Abitur­fei­er nach halt­lo­sem Whis­ky-kir­schGe­nuss an­geb­lich so be­trun­ken war, dass sie nachts um vier aus ei­nem Boot fiel. Man kann ja mit den son­der­bars­ten Men­schen über den lä­cher­lichs­ten De­tails bonden, aber bei An­ge­la Mer­kel war da auch auf ei­ner stump­fen Style-ebe­ne nichts zu ma­chen – »a hel­met of no-co­lor hair «, schrieb der New Yor­ker 2014 über ih­re Fri­sur. Selbst in un­kon­trol­liert durch das Land schwap­pen­den emo­tio­na­len Aus­nah­me­si­tua­tio­nen wie der ge­won­nen Fuß­bal­lwelt­meis­ter­schaft fand man ih­re Tri­bü­nen-freu­f­äust­chen und die Se­mi-nu­des in der Spie­ler­ka­bi­ne zwar put­zig, aber das war es auch schon. Da­zu ka­men leucht­tur­mar­ti­ge Sze­nen, in de­nen es fast schon sicht­ba­re, greif­ba­re Lü­cken gab, die sie mit ei­ner emo­tio­na­len Re­ak­ti­on hät­te aus­fül­len kön­nen, und es be­wusst blei­ben ließ. Zum Bei­spiel das Zu­sam­men­tref­fen mit dem wei­nen­den Pa­läs­ti­nen­ser­mäd­chen Reem.

Dann gab es bis vor ein paar Mo­na­ten ei­nen ei­ge­nen Ins­ta­gram-ac­count mit den schöns­ten @mer­kel­looks. Das fresh­fe­mi­nis­ti­sche On­li­ne-ma­ga­zin Edi­ti­on F re­kon­stru­ier­te und se­zier­te Mer­kels Mit­te-agen­tur-taug­lichs­ten Bla­zer-looks »zum Nach­shop­pen.« Und man selbst fühl­te sich der 63-jäh­ri­gen Kanz­le­rin – wie­der nur rein mensch­lich ge­se­hen – plötz­lich fast gru­se­lig nah.

Was ist al­so pas­siert? Vi­el­leicht ha­ben die Welt und das Le­ben ein­fach ei­nen Här­te­gang hoch­ge­schal­tet, und die ver­trau­ten Al­li­an­zen und Spiel­po­si­tio­nen wur­den in der Fol­ge durch­ein­an­der­ge­schüt­telt und neu sor­tiert. Vi­el­leicht ge­nüg­ten aber auch zwei iko­ni­sche Sze­nen – ei­ne schö­ne, ei­ne schlim­me – die die Mer­kel­sche Ge­fühls­welt mit je­ner der bis­her un­be­tei­lig­ten Be­ob­ach­te­rin syn­chro­ni­sier­ten.

Die schö­ne Sze­ne war auch ei­ne trau­ri­ge: Ba­rack Oba­ma kam zu sei­nem Ab­tritts­be­such nach Ber­lin, zur Be­grü­ßung gab es Küss­chen, fast ei­ne Umar­mung. »Der Ab­schied fällt mir schwer «, sag­te sie. »Sie ist ei­ne wun­der­ba­re Freun­din«, sag­te er. Oba­ma sei auch nach sei­ner Prä­si­dent­schaft ja nicht aus der Welt, sag­te sie wei­ter, und der Ge­ra­de-noch-us-prä­si­dent mach­te mit ei­ner Hand ei­ne »Call me!«-te­le­fon­ges­te. Ei­ne coo­le Kum­pe­lei war das, bei der man sich vor dem Fern­se­her in auf­rich­ti­ger Co-weh­mü­tig­keit mü­he­los an Mer­kels Stel­le dach­te.

Die schlim­me Sze­ne war auch ei­ne ko­mö­di­an­ti­sche: Als An­ge­la Mer­kel bei ih­rem An­tritts­be­such beim noch ein­schwö­rungs­war­men Prä­si­den­ten Do­nald Trump des­sen Schwa­dro­na­gen über die an­geb­li­chen Te­le­fon­ab­hör­ak­tio­nen der Oba­ma-ver­wal­tung lau­schen muss­te und ih­rem sonst so kon­trol­lier­ten Ge­sicht ei­ne sel­te­ne Ent­glei­sung er­laub­te, dach­te man tat­säch­lich re­flex­haft: I feel you, gurl. »An­ge­la Mer­kel is all of us«, twit­ter­te je­mand zu dem Gif, das ih­re un­ver­hoh­le­ne Ab­scheu vor den Trump­schen Sal­ba­de­rei­en zeig­te, und zum ers­ten Mal stimm­te das wahr­schein­lich tat­säch­lich. Und schaff­te in­ner­halb we­ni­ger Se­kun­den mehr Iden­ti­fi­ka­ti­ons­po­ten­zi­al als die fol­gen­den me­dia­len Mer­kel-up­grades zur neu­en »An­füh­re­rin der frei­en Welt«.

»Zu vie­le Ge­füh­le scha­den dem Geist. Sie be­trach­tet die Po­li­tik wie ein Wis­sen­schaft­ler «, schrieb der New Yor­ker in ei­nem lan­gen, lan­gen Mer­kel-por­trät, das ihr ge­sam­tes po­li­ti­sches We­sen auf ihr ana­ly­tisch ge­schul­tes Phy­si­ke­rin­nen­hirn zu­rück­führ­te. Und vol­ler Be­wun­de­rung der so gern par­odier­ten und iko­ni­sier­ten Mer­kelFin­ger­rau­te, die so­gar ei­nen ei­ge­nen Wi­ki­pe­dia-ein­trag hat, ei­ne neue Glam-deu­tung gab, auf die man in Deutsch­land aus nächs­ter Nä­he beim bes­ten Wil­len und der vor­teil­haf­tes­ten Deu­tung nicht ge­kom­men wä­re: Öf­fent­li­che Re­den sei­en für Mer­kel jah­re­lang vor al­lem des­halb so sicht­lich un­an­ge­nehm ge­we­sen, weil sie nicht wuss­te, was sie mit ih­ren Hän­den an­stel­len soll­te, schreibt der Au­tor: »Schließ­lich ge­wöhn­te sie sich an, ih­re Fin­ger­spit­zen über ih­rem Bauch an­ein­an­der­zu­le­gen – in Form ei­nes Dia­man­ten.«

So weit muss man bei al­ler neu­en Mer­kel-mit­füh­le­rei dann vi­el­leicht doch nicht ge­hen. Zu­mal sie selbst ein­mal er­klärt hat­te, die Rau­te ha­be strikt gym­nas­ti­sche Grün­de, weil die­se Ges­te ihr hel­fe, den Rü­cken ge­ra­de zu hal­ten. Die ge­ra­de ent­deck­te Blitz­sym­pa­thie be­kam auch di­rekt wie­der ih­ren er­wart­ba­ren Dämp­fer, als An­ge­la Mer­kel nach Pr-wirk­sa­mem öf­fent­li­chen An­schub dann doch per­sön­lich ge­gen die Ehe für al­le stimm­te. Ent­täu­schend für die neue Ge­fühl­sal­li­anz, aber ei­gent­lich auch gut so. Mut­ti kann al­so zum Glück Mut­ti blei­ben – es ist ja in Wahr­heit nichts an­stren­gen­der als die Be­haup­tung, sie sei für ei­nen als Toch­ter ja in Wirk­lich­keit viel mehr wie ei­ne bes­te Freun­din.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.