– ISA­BEL­LA ROS­SEL­LI­NI

Mo­del, Schau­spie­le­rin, Fil­me­ma­che­rin, Au­to­rin und Phil­an­thro­pin. Als GLÜCKS-BOT­SCHAF­TE­RIN ist die 65-Jäh­ri­ge nun wie­der für Lan­côme tä­tig. Für sie ist die Be­zie­hung zum Pa­ri­ser Kos­me­tik­haus wie »ei­ne Lie­bes­af­fä­re«, die be­reits 1982 be­gann. Ein Ge­spräch üb

L'Officiel Germany - - Inhalt - Von UL­RI­KE DÖPF­NER

Ul­ri­ke Döpf­ner im Ge­spräch mit Lan­cômes Glücks­bot­schaf­te­rin über Kind­heit und Träu­me

L’O Was für ein Kind wa­ren Sie?

Ich ha­be ei­ne Zwil­lings­schwes­ter, und wei­te­re Ge­schwis­ter, die äl­ter sind als ich, aus den vor­he­ri­gen Ehen mei­ner El­tern. Mei­ne Zwil­lings­schwes­ter stu­diert mit­tel­al­ter­li­che Li­te­ra­tur – sie ist das kom­plet­te Ge­gen­teil von mir. Als wir klein wa­ren, tru­gen wir die glei­chen Kla­mot­ten, schlie­fen im glei­chen Zim­mer, gin­gen zu­sam­men in die Ba­de­wan­ne, wa­ren in der­sel­ben Klas­se und sa­ßen dort so­gar am sel­ben Tisch. Ich glau­be, heu­te rät man El­tern da­zu, die je­wei­li­ge In­di­vi­dua­li­tät von Zwil­lings­ge­schwis­tern zu för­dern. Mei­ne Schwes­ter war schon im­mer sehr schüch­tern, und ich to­tal ex­tro­ver­tiert. Da­durch, dass wir al­les ge­mein­sam mach­ten, hat sich das im­mer wei­ter ver­stärkt. Ich ha­be für sie ge­spro­chen und sie da­für mei­ne Haus­auf­ga­ben mit­ge­macht. Wä­ren wir nicht so eng ver­bun­den ge­we­sen, wä­re sie mehr aus sich her­aus­kom­men, und ich hät­te de­fi­ni­tiv mehr für die Schu­le tun müs­sen. Ich ging nicht gern in die Schu­le. Viel lie­ber spiel­te ich – und ich lieb­te Tie­re. Nach ei­ner Blind­darm- Ope­ra­ti­on, ich war ge­ra­de sechs, be­kam ich ei­nen Hund. Ei­nen klei­nen wei­ßen Mal­te­ser. Ich war über­glück­lich! Seit­her ha­be ich im­mer ei­nen Hund an mei­ner Sei­te.

L’O Wem aus Ih­rer Fa­mi­lie ste­hen Sie am nächs­ten?

Ver­mut­lich mei­nen Ge­schwis­tern. Und mei­ner Tan­te, die ich ne­ben mei­nen El­tern sehr ge­liebt ha­be. Mei­ne El­tern gin­gen bei­de ar­bei­ten, wa­ren viel un­ter­wegs und oft mü­de. Da war es prak­tisch, dass mei­ne Tan­te im­mer zu Hau­se war und di­rekt um die Ecke wohn­te. Sie mal­te, schuf Skulp­tu­ren und war im­mer für mich da, wenn ich den Rat ei­nes Er­wach­se­nen brauch­te. Jah­re spä­ter, als ich sel­ber schon er­wach­sen war, ha­be ich sie ge­fragt, was sie gern sein wol­le, wenn sie ihr Le­ben noch ein­mal von vorn be­gin­nen könn­te. Sie war un­glück­lich ver­hei­ra­tet, hat­te zwei Kin­der. Zu der Zeit gab es noch kei­ne Schei­dun­gen in Ita­li­en. Ih­re Ant­wort hat mich des­halb um­so mehr be­rührt. Sie sag­te: „Ich wä­re ei­ne Künst­le­rin.“Na­tür­lich mal­te sie die gan­ze Zeit, aber sie hat­te kei­ne Mög­lich­keit, es pro­fes­sio­nell zu be­trei­ben. Sie war ein­fach im­mer da und küm­mer­te sich um ih­re ei­ge­nen Kin­der – und all ih­re Nich­ten und Nef­fen. Das war mir ei­ne gro­ße Leh­re, denn da mei­ne Mut­ter nie da

war, konn­te bei mir auch nie das Ge­fühl er­wa­chen, ich hät­te ihr Le­ben rui­niert. Denn sie konn­te ih­re Träu­me aus­le­ben.

L’O Wie hat es sich für Sie an­ge­fühlt, dass Ih­re El­tern kaum Zeit für Sie hat­ten?

Als Kind denkst du, es ist nor­mal. Mei­ne El­tern wa­ren be­rühmt, über­all war­te­ten Pa­pa­raz­zi. Ich dach­te, sie sei­en be­rühmt, weil sie El­tern sind. Und ich fing an mich zu fra­gen, war­um den El­tern mei­ner Klas­sen­ka­me­ra­den kei­ne Pa­pa­raz­zi folg­ten. Dann wird man äl­ter und stellt fest, dass an­de­re Fa­mi­li­en an­ders sind. Ich den­ke, für mei­ne 15 Jah­re äl­te­re Schwes­ter Pia war es noch schlim­mer. Als mei­ne Mut­ter sie be­kam, stand sie am An­fang ih­rer Kar­rie­re und hat­te we­ni­ger Rou­ti­ne und Er­fah­rung als spä­ter bei uns. Sie lern­te im Ver­lauf ih­rer Kar­rie­re pro­fes­sio­nel­ler mit ih­rer Rol­le als Ma­ma um­zu­ge­hen. Mei­ne Zwil­lings­schwes­ter lieb­te un­se­re Mut­ter so sehr, dass sie im­mer zu wei­nen an­fing, wenn sie uns mal ver­ließ. Für mich war es an­ders. Als ich klein war, wur­de ich sehr krank, und Ma­ma muss­te für zwei Jah­re auf­hö­ren zu ar­bei­ten, um sich um mich küm­mern zu kön­nen. Wahr­schein­lich gab mir mei­ne Krank­heit die Mög­lich­keit, un­se­re Mut­ter ganz an­ders ken­nen­zu­ler­nen. Mit 13 hat­te ich mein Tief, es ging mir rich­tig schlecht: Rund ein­ein­halb Jah­re lang war ich nicht in der Schu­le. Als ich 16 war, hat­te ich mich dann wie­der ge­fan­gen, ging zu­rück in die Schu­le und war dann ei­ne Klas­se un­ter mei­ner Schwes­ter. Al­so das ers­te Mal auf mich al­lein ge­stellt. Mein schu­li­sches Des­in­ter­es­se war schon bald nicht mehr zu ver­ber­gen und so ver­ließ ich die Schu­le … und schrieb mich bei ei­ner Mo­de­schu­le ein, um De­si­gne­rin zu wer­den.

L’O Und vor­her, was war Ihr be­ruf­li­cher Traum, als Sie noch ein Kind wa­ren?

Ich woll­te im­mer mit Tie­ren ar­bei­ten, Do­ku­men­ta­tio­nen dre­hen. Als ich 14 war, hat mir mein Va­ter das Buch von Kon­rad Lo­renz ge­schenkt, der den No­bel­preis als Mit­be­grün­der der ver­gleich­ba­ren Ver­hal­tens­for­schung ge­won­nen hat­te. Ich er­in­ne­re mich, wie ich beim Le­sen den Ge­dan­ken hat­te, dies sei ge­nau das, was ich ein­mal ma­chen möch­te. Al­so hol­te ich nach mei­ner Kar­rie­re als Mo­del und Schau­spie­le­rin den Hoch­schul­ab­schluss nach, und be­en­de jetzt mein Stu­di­um in der Ver­hal­tens­for­schung von Tie­ren. Ich se­he mich selbst als um­welt­schüt­zen­de Künst­le­rin, die Fil­me über Tie­re und de­ren Um­welt macht. In ge­wis­ser Wei­se ha­be ich mir jetzt mei­nen Kind­heits­wunsch er­füllt.

L’O Ha­ben Ih­re El­tern frü­her Ih­re Be­rufs­wahl di­rekt oder in­di­rekt be­ein­flusst?

Mei­ne Mut­ter war Schau­spie­le­rin und mein Va­ter Re­gis­seur. Ich bin eben­falls ei­ne Schau­spie­le­rin und schrei­be und in­sze­nie­re Fil­me und thea­tra­li­sche Mo­no­lo­ge. Na­tür­lich hat­te ich auch ei­ne Kar­rie­re als Mo­del, und be­wirt­schaf­te ei­ne Bio-farm. Ei­ni­ge mei­ner Ent­schei­dun­gen ba­sier­ten al­so auf den Tä­tig­kei­ten mei­ner El­tern und an­de­re wa­ren da­von to­tal un­ab­hän­gig. Als Kind ha­be ich es ge­liebt, mei­ne El­tern am Set zu be­su­chen. Es herrsch­te dort im­mer ei­ne tol­le freund­schaft­li­che At­mo­sphä­re. Da­her woll­te ich un­be­dingt ei­nen Job fin­den, den ich lie­ben konn­te, und hat­te das gro­ße Glück, ei­nen sol­chen zu fin­den.

L’O Wel­che Wer­te wur­den Ih­nen von Ih­ren El­tern ver­mit­telt?

Mei­ne Ma­ma hat mir bei­ge­bracht, dass Frau­en kei­ne Op­fer er­brin­gen müs­sen, um gu­te Frau­en zu sein. Ei­ne sehr star­ke Mes­sa­ge! Ich den­ke, ich war ei­ne gu­te Mut­ter – ich ha­be ver­sucht, im­mer prä­sent zu sein, mei­ne Kin­der nicht zu ver­nach­läs­si­gen, aber ha­be auch mein ei­ge­nes Le­ben ver­wirk­licht. Vi­el­leicht, weil ich kei­nen Ehe­mann hat­te. Ehe­mann, Kin­der und Job wä­ren wohl zu viel ge­we­sen – al­so hat­te ich kei­nen Mann. Mei­ne Mut­ter war mir ein Vor­bild, al­ler­dings ha­be ich mich, im Ge­gen­satz zu ihr, nicht von mei­nem Kar­rie­re­en­de run­ter­zie­hen las­sen. Mei­ne Mo­del- und Schau­spiel­kar­rie­re war in ei­nem be­stimm­ten Al­ter ein­fach vor­bei, ge­nau wie bei ihr. Doch sie wur­de da­mals de­pres­siv – und ich fing ein­fach an zu stu­die­ren. Ich war 50, äl­ter als mei­ne Leh­re­rin, aber das war mir egal. Und dann gibt es noch et­was, in dem ich mei­ner Mut­ter vor­aus bin: mein Geld sel­ber zu ver­wal­ten. Mei­ne Mut­ter war drei­mal ver­hei­ra­tet und hat ih­rem je­wei­li­gen Ehe­mann die Ver­wal­tung ih­res Ein­kom­mens über­las­sen. Al­so war bei der Schei­dung meist der Groß­teil des Gel­des weg. Das war mir ei­ne Leh­re und ich nahm mei­ne Fi­nan­zen stets sel­ber in die Hand. Das ha­be ich auch mei­ner Toch­ter bei­ge­bracht.

L’O Und was ha­ben Sie von Ih­rem Va­ter?

Mein Va­ter ist zwi­schen zwei Krie­gen auf­ge­wach­sen und wur­de sehr fa­ta­lis­tisch. Er kos­te­te je­den Tag voll aus, weil er dar­an zwei­fel­te dass es ei­nen nächs­ten ge­ben wird. Ich den­ke, ich ha­be mei­ne Aben­teu­er­lust von ihm. Und die Ein­stel­lung: Wenn sich ei­ne Tür schließt, öff­net sich ei­ne neue. Das Le­ben war für ihn wie ein Schla­raf­fen­land – al­les war in­ter­es­sant. Er war plei­te, als er starb. Das ha­be ich vor­her nicht ge­ahnt. Er hat nie­man­dem et­was ge­sagt. Da­für be­wun­de­re ich ihn.

L’O Ab­ge­lei­tet von Ih­rer ei­ge­nen Kind­heits­er­fah­rung – wel­chen Rat kön­nen Sie heu­te jun­gen Müt­tern bei der Er­zie­hung ih­rer Töch­ter ge­ben?

Mei­ne El­tern lieb­ten ih­re Ar­beit und ha­ben mich er­mu­tigt zu tun, was im­mer ich wol­le. Ich ha­be ver­sucht, mei­nen Kin­dern das­sel­be zu ver­mit­teln. Ei- nen Job zu fin­den, den sie ge­nau­so lie­ben wie mei­ne El­tern ih­ren ge­liebt ha­ben. Es ist nicht leicht, Rat­schlä­ge zu ge­ben, aber ich den­ke, das tun zu kön­nen, was man liebt bringt sehr viel Glück.

L’O Neh­men Sie das Kind in Ih­nen noch wahr?

Ab­so­lut! Es gibt ei­nen in­ne­ren Kern, der ein Le­ben lang der­sel­be bleibt, egal wie alt man ist und wie man sich phy­sisch ver­än­dert. Die Es­senz bleibt die Glei­che.

L’O Hat­ten Sie ei­ne glück­li­che Kind­heit?

Ja. Sehr aben­teu­er­lich.

»Mei­ne Mut­ter hat mir bei­ge­bracht, dass Frau­en kei­ne Op­fer brin­gen müs­sen, um gu­te Frau­en zu sein« © Ste­ven Mei­sel/cour­te­sy Schir­mer/mo­sel

160

»Mei­ne El­tern wa­ren be­rühmt. Über­all war­te­ten Pa­pa­raz­zi« © Ste­ven Mei­sel/cour­te­sy Schir­mer/mo­sel

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.