Cup der guten Hoff­nung

DER GUTEN HOFF­NUNG Wenn ar­chai­sche Män­ner­träu­me auf un­ge­zähm­te Na­tur­ge­wal­ten und gi­gan­ti­sches Bud­get tref­fen. Seit 1851 hat sich der „Ame­ri­ca’s Cup“zur pres­ti­ge­träch­tigs­ten Se­gel­re­gat­ta ent­wi­ckelt. Jetzt wird die Was­ser­schlacht zum 35. Mal aus­ge­tra­gen

L'Officiel Hommes Germany - - Inhalt - Text PE­TER SAND­MEY­ER

Bei der pres­ti­ge­träch­tigs­ten Was­ser­schlacht der Welt, dem Ame­ri­ca’s Cup, star­ten sechs Teams – doch es kann nur ei­nen ge­ben. Von Pe­ter Sand­mey­er

Sub­tro­pisch grün die Hü­gel, die sich um die Bucht zie­hen, pas­tell­far­ben die Vil­len, die auf ih­nen ver­streut sind wie Ha­gel­zu­cker auf ei­nem He­fe­kranz. Blau der Him­mel, tür­kis das Was­ser, das so aussieht, als wür­de man es ger­ne schlür­fen, eis­ge­kühlt, aus schlan­ken Kris­tall­glä­sern mit ei­ner Li­met­ten­schei­be auf dem Rand. Nur die grau­en Mö­wen mit ih­rem rau­en Kriegs­ge­schrei pas­sen nicht ins Bild. Ko­li­bris wä­ren an­ge­mes­se­ner.

Und dann rammt ein wei­te­rer Sa­bo­teur in die ely­si­sche Idylle: ein kohl­schwar­zes Drei­eck, das sich aus der sma­rag­de­nen Fer­ne der See schält und be­ängs­ti­gend schnell nä­her kommt, ei­ne Krea­tur aus der Gat­tung der Mu­tan­ten, ein We­sen wie aus dem Reich der Rie­sen­in­sek­ten, das sich die See als neu­en Le­bens­raum er­obert hat. Es schwimmt nicht, es jagt flach übers Meer, es fliegt. Es fliegt di­rekt auf uns zu. Der Füh­rer un­se­res Zo­di­ac gibt Voll­gas, der Au­ßen­bor­der heult auf, das Boot bäumt sich, schießt vor­wärts, weicht aus, und dicht an uns vor­bei rauscht das fu­tu­ris­ti­sche Fa­bel­we­sen: Un­ter ei­nem gi­gan­ti­schen schwar­zen Flü­gel, 23,5 Me­ter hoch, ein paar Ver­stre­bun­gen und zwei schlan­ke Rümp­fe, 15 Me­ter lang, die das Was­ser nicht be­rüh­ren; nur ein schma­les Schwert zischt durch die Wel­len, sechs Män­ner mit Pi­lo­ten­hel­men, dunk­len Bril­len und wat­tier­ter Schutz­klei­dung kau­ern und kur­beln im Cock­pit des ei­nen Rump­fes, sprin­gen dann nach­ein­an­der auf, het­zen auf die an­de­re Sei­te, kau­ern sich wie­der hin und kur­beln wei­ter wie Be­ses­se­ne; ein zweites Schwert senkt sich un­ter den an­de­ren Rumpf und schnei­det jetzt durch das Was­ser, das an­de­re Schwert ver­schwin­det, das We­sen hat den Kurs ge­wech­selt und fliegt da­von. Zwei Mo­tor­boo­te fol­gen im Kiel­was­ser, auf dem ei­nen ein ein­satz­be­rei­ter Tau­cher mit Ret­tungs-equi­pe. Der To­des­fall, den es 2013 vor San Francisco gab, soll sich nicht wie­der­ho­len.

Sie nen­nen es Beast. Das Biest ist ein „ AC 50 Ka­ta­ma­ran“, das der­zeit hei­ßes­te Se­gel­ge­rät der Welt. Ein Bo­li­de auf dem Was­ser, der mehr als 50 Kno­ten (90 km/h) er­reicht. 85 000 Ar­beits­stun­den ste­cken in dem flie­gen­den Kunst­werk, ei­ne knap­pe Hun­dert­schaft Boots­bau­er ha­ben es er­dacht und er­baut, Air­bus und BMW wa­ren be­tei­ligt. Sechs Ex­em­pla­re sol­cher Boo­te exis­tie­ren. Sechs Syn­di­ka­te tre­ten mit ih­nen seit 26. Mai auf dem Gre­at Sound vor Ha­mil­ton, der Haupt­stadt Ber­mu­das, zum 35. Kampf um den Ame­ri­ca’s Cup an, die äl­tes­te Sport­tro­phäe der Welt. Und wie seit 166 Jah­ren bil­den die Boo­te auch die­ses Mal die Speer­spit­ze des­sen, was ei­ne Avant­gar­de in­ter­na­tio­na­ler De­si­gner und Tech­ni­ker mit mil­lio­nen­schwe­ren Etats aus­ge­tüf­telt hat.

Ha­mil­ton, An­fang April 2017, kei­ne zwei Mo­na­te bis zum Be­ginn der Ren­nen. Der Cup ist schon all­ge­gen­wär­tig, in Sou­ve­nir­shops, Buch­lä­den, Re­stau­rants. Übe­r­all Fo­tos, Pla­ka­te, Er­in­ne­run­gen. Ber­mu­da er­war­tet ei­nen gi­gan­ti­schen Event und Ge­samt­ein­nah­men von 250 Mil­lio­nen Dol­lar. Vie­le Ho­tels sind schon aus­ge­bucht. Am nord­west­li­chen Zip­fel der In­sel wird noch fie­ber­haft ge­baut. Hier ent­steht das „ Ame­ri­ca’s Cup Vil­la­ge“mit Tri­bü­nen, Groß­bild­schir­men, Bars, Re­stau­rants, Pres­se­zen­trum, Kids-zo­ne und ei­nem im­po­san­ten VIPBe­reich. Vie­le Pro­mis aus der Geld-, Po­lit- und Fil­ma­ris­to­kra­tie ha­ben Re­si­den­zen auf der In­sel, die zu Groß­bri­tan­ni­en ge­hört, und die pink­far­be­ne Strän­de, sub­tro­pi­sche Ve­ge­ta­ti­on, ein an­ge­neh­mes Kli­ma so­wie an­zie­hen­de Steu­er­kon­di­tio­nen bie­tet; Ross Pe­rot ge­hört zu den Re­si­den­ten, It-mil­li­ar­där und zwei­ma­li­ger Us-prä­si­dent­schafts­kan­di­dat, Sil­vio Ber­lus­co­ni, Micha­el Dou­glas und vie­le an­de­re. Für an­rei­sen­de Pro­mi­nenz ist der An­dert­halb-st­un­den-flug von New York oder die Fahrt per Jacht ein Kat­zen­sprung.

Auch im be­nach­bar­ten Ba­sis­la­ger des „Ora­cle-team USA“herrscht Hoch­be­trieb. Hal­len vol­ler Tech­nik und Werk­bän­ke, Bü­ros, ein turn­hal­len­gro­ßer Gym mit Mo­ti­va­ti­ons­trans­pa­ren­ten an den Wän­den („The prin­ciple is com­pe­ting against yours­elf“), ei­ne Auf­ent­halts­und Kan­ti­nen­hal­le. Das Se­gel­team ruht sich vom Kraft­trai­ning aus und be­ant­wor­tet Jour­na­lis­ten­fra­gen. Stil­ler Zu­hö­rer am Rand: An­ge­los Bo­na­ti, Mit­te sech­zig, ge­lich­te­tes Haar, aber Bel­la Fi­gu­ra, mit ei­ner mar­kan­ten gro­ßen und schö­nen Uhr am Hand­ge­lenk. Er ist CEO der Kult­uh­ren­mar­ke Pa­ne­rai, die seit vie­len Jah­ren die ex­qui­si­ten Re­gat­ta­tref­fen der ele­gan­ten klas­si­schen Jach­ten im Mit­tel­meer und in der Ka­ri­bik spon­sert. Jetzt ist er auch beim Ame­ri­ca’s Cup da­bei. Dort die fei­nen al­ten La­dys der See mit ed­lem Teak und Ma­ha­go­ni, hier die fu­tu­ris­ti­schen De­sign-schöp­fun­gen aus Kar­bon, Com­pu­ter und Wind­ka- nal – wie passt das zu­sam­men? „Sehr gut“, ant­wor­tet Si­gno­re Bo­na­ti mit lei­sem Lä­cheln. „So gut wie Ver­gan­gen­heit und Zukunft, Tra­di­ti­on und Fort­schritt. Bei­de zäh­len.“

Der Fort­schritt ist ein­schüch­ternd, selbst für die Be­tei­lig­ten. „Wenn ihr zu Be­ginn des Cups ei­ne Per­for­mance von 100 Pro­zent ha­ben wollt, wo steht ihr heu­te?“, wird Jim­my Spit­hill ge­fragt. „Ich weiß nicht, ob wir je­mals 100 Pro­zent er­rei­chen wer­den“, ant­wor­tet der 37-jäh­ri­ge Aus­tra­li­er, Spitz­na­me Ja­mes Pit­bull. Er ist Steu­er­mann auf dem Ra­cer des Us-syn­di­kats, das Ora­cle-mil­li­ar­där Lar­ry Ell­ison fi­nan­ziert, und ist ge­fürch­tet für sei­ne ag­gres­si­ve Re­gat­tatak­tik. Jim­my war mit 21 der jüngs­te Skip­per ei­ner Ame­ri­ca’s- Cup-jacht, mit 31 der Jüngs­te, der je­mals den Cup ge­wann, und mit 34 der­je­ni­ge, der ihn im längs­ten Schlag­ab­tausch der Cup- Ge­schich­te er­folg­reich ver­tei­dig­te. Schon seit zwei Jah­ren ist sein Syn­di­kat mit mehr als hun­dert Mann auf Ber­mu­da, seit März 2016 jagt das Se­gel­team an fünf Ta­gen pro Wo­che kreuz und quer über den Sound und trai­niert. Aber die Lern­kur­ve, sagt Spit­hill, ist im­mer noch so steil wie vor 14 Mo­na­ten.

Se­geln? Da­mit hat das, was in der Bucht vor Ha­mil­ton ge­schieht, nicht mehr viel zu tun. Das Se­gel ist kein Se­gel, son­dern ein Flü­gel wie ei­ne senk­recht ste­hen­de Flug­zeug­trag­flä­che; sein Kar­bon­ge­rip­pe ist mit Cly­sar-fo­lie be­zo­gen, starr der vor­de­re Teil, be­weg­lich die drei hin­te­ren Ele­men­te, die mit ei­ner aus­ge­feil­ten Hy­drau­lik im In­ne­ren des „Wing“ge­trimmt wer­den. Und die Schwim­mer des Zwei­rümp­fers schwim­men nur noch zu Be­ginn ei­nes Ren­nens, ab sechs Kno­ten Speed he­ben sie sich aus dem Was­ser, dann „schwimmt“das Boot nur noch auf „Hy­dro­foils“, klei­nen Trag­flä­chen an Schwer­tern und Ru­der­flos­sen. Bahn­bre­chend und neu beim dies­jäh­ri­gen Cup: Die Ra­cer „foi­len“nur noch auf ei­nem Schwert, auch bei Wen­den. Der Was­ser­wi­der-

stand spielt kei­ne Rol­le mehr, Hydro­dy­na­mik wur­de durch Ae­ro­dy­na­mik er­setzt. Und das be­deu­tet für al­le Teams Neu­land.

Zu­sätz­li­che Schwie­rig­keit: Es gilt das Ge­bot des „One-de­sign“. Die Ab­mes­sun­gen al­ler Wett­kampf­boo­te sind gleich, nur in den Fein­hei­ten der Schwert­for­men und hy­drau­li­schen Sys­te­me dür­fen sie sich un­ter­schei­den. Das heißt: Es wird eng.

Jim­mys Pro­gno­se? Er sitzt im Kreis sei­ner Cr­ew, coo­le Ker­le, kurze Bär­te, brei­te Schul­tern, Ober­ar­me wie Ober­schen­kel, und wiegt den Kopf. Na­tür­lich will er auch dies­mal gewinnen. Das fran­zö­si­sche und ja­pa­ni­sche Syn­di­kat muss er wohl nicht all­zu sehr fürch­ten. Die Seg­ler von der bre­to­ni­schen Küs­te hat­ten zu lan­ge mit den Fol­gen von Un­fäl­len und Trai­nings­aus­fall zu kämp­fen; und die Ja­pa­ner sind die ab­so­lu­ten Neu­lin­ge im Cup-zir­kus. Ma­sayo­shi Son, der 14 Mil­li­ar­den Dol­lar schwe­re Grün­der und CEO der ja­pa­ni­schen Soft­bank, woll­te in Ha­mil­ton un­be­dingt da­bei sein, woll­te aber auch ei­ne halb­wegs rea­lis­ti­sche Chan­ce. Da er ein gu­ter Freund von Lar­ry Ell­ison ist, leis­te­te Ora­cle Ent­wick­lungs­hil­fe und ver­mit­tel­te den ge­stürz­ten Hel­den und ehe­ma­li­gen Steu­er­mann des neu­see­län­di­schen Teams De­an Bar­ker an das ja­pa­ni­sche Team so­wie wei­te­re po­ten­te Seg­ler aus Neu­see­land. Un­ter der An­lei­tung die­ser er­fah­re­nen Käm­pen mach­te das Soft Bank Team Ja­pan rasche Fort­schrit­te, und es ist vi­el­leicht ein Feh­ler, die Cr­ew, die un­ter der Flag­ge Nippons se­gelt, zu un­ter­schät­zen. Die grö­ße­ren Angst­geg­ner für Jim­my Spit­hill aber sind die Teams aus En­g­land, Schwe­den und Neu­see­land. Al­le drei sind er­kenn­bar stark. Sehr stark. Wie stark, wird sich zei­gen. Es könn­te ein Cup vol­ler Über­ra­schun­gen wer­den. Wie 1851. Als al­les be­gann.

Die­ser An­fang ist le­gen­där: Wie der rei­che Ree­der und Groß­grund­be­sit­zer John Cox und fünf an­de­re Self­made-ho­no­ra­tio­ren der jun­gen New Yor­ker Gesellschaft im Som­mer 1850 am En­de der East 12th Street im Werft­bü­ro von Wil­li­am H. Brown zu­sam­men­sa­ßen und den Bau ei­nes schnel­len Scho­ners be­schlos­sen, der zur Welt­aus­stel­lung nach En­g­land se­geln und dort see­män­ni­sche Stär­ke und Selbst­be­wusst­sein der jun­gen USA de­mons­trie­ren soll­te; wie die 31 Me­ter lan­ge „ Ame­ri­ca“mit 489 Qua­drat­me­ter Se­gel­flä­che dann bei der Re­gat­ta im August 1851 rund um die Is­le of Wight die Eli­te der bri­ti­schen Jacht­flot­te nass mach­te und mit gro­ßem Vor­sprung den von Queen Vic­to­ria ge­stif­te­ten „Hund­red Gui­nea Cup“ge­wann; und wie die per­ple­xe Herr­sche­rin von Ru­le Bri­tan­nia auf ih­re Fra­ge, wer Zwei­ter wä­re, die le­gen­dä­re Ant­wort be­kam: „Es gibt kei­nen Zwei­ten, My­la­dy.“

Wo­mit für die fol­gen­den 166 Jah­re das Grund­prin­zip des Ame­ri­ca’s Cups kurz und bün­dig for­mu­liert war. Der Zwei­te ist der letz­te. Es gibt kein „Trepp­chen“. Wer ge­winnt, kommt ins Pan­the­on, wer ver­liert, wird ver­ges­sen.

So wur­de die ver­schnör­kel­te Hen­kel­kan­ne zum hei­li­gen Gral des Se­gel­sports. Dol­l­ar­mil­lio­nen und Män­ner­träu­me ver­san­ken in ihr. Im New York Yacht Club galt die De­vi­se: Der Skip­per, der den Cup ver­liert, muss ihn durch sei­nen ei­ge­nen Kopf in der Vi­tri­ne er­set­zen. Und der Aus­tra­li­er Ja­mes Har­dy, der ihn 1974 ver­lor, be­kann­te am Tag nach der Nie­der­la­ge, er ha­be ge­schla­fen wie ein Ba­by: „Ich bin al­le zwei St­un­den auf­ge­wacht und ha­be ge­schrien.“Tri­umph oder Tra­gö­die – beim Ame­ri­ca’s Cup gibt es kei­nen drit­ten Weg.

Den Cups vor­aus gin­gen des­we­gen im­mer wie­der bi­zar­re Rüs­tungs­wett­läu­fe, be­glei­tet von lär­men­dem Kriegs­ge­schrei um Re­geln, Mel­de­fris­ten, Ver­mes­sungs­for­meln, Schiffs­grö­ßen, Se­gel­flä­chen etc. Ame­ri­ka­ni­sche Se­gel­clubs ta­ten sich häu­fig mit be­son­ders trick­rei­chen Aus­le­gun­gen und ju­ris­ti­schen Rän­ke­spie­len her­vor. „Bri­tan­nia ru­les the wa­ves“, hieß es, aber „Ame­ri­ca wa­ves the ru­les“. Auch dar­an hat sich beim dies­jäh­ri­gen 35. Ame­ri­ca’s Cup nicht viel ge­än­dert.

Är­ger gab es schon um den Aus­tra­gungs­ort der Re­gat­ten, nicht San Francisco, wo der ver­tei­di­gen­de Gol­den Ga­te Yacht Club re­si­diert, son­dern Ber­mu­da, wo der Wind kon­stan­ter ist und die huf­ei­sen­för­mi­ge Bucht des Gre­at Sound ei­ne Art na­tür­li­che Are­na für die Wett­fahr­ten bil­det. Das ent­spricht der Vor­stel­lung von Lar­ry Ell­ison und sei­nem Syn­di­kats- Chef Rus­sel Coutts, den Cup zu ei­ner pro­fi­ta­blen For­mel 1 auf dem Was­ser zu ent­wi­ckeln, mit land­na­hen, kur­zen, schnel­len, ma­nö­ver­rei­chen Ren­nen, die sich auf dem Bild­schirm spek­ta­ku­lär ver­fol­gen las­sen. Dass Ber­mu­da als Steu­er- Oase ne­ben­bei noch ein paar an­de­re Vor­tei­le bot, dürf­te die Orts­wahl nicht ne­ga­tiv be­ein­flusst ha­ben.

Den grö­ße­ren Är­ger aber han­del­ten die Ame­ri­ka­ner sich mit ei­ner Ent­schei­dung ein, die sehr kurz­fris­tig fiel. Der letz­te Cup 2013 vor San Francisco wur­de mit mons­trö­sen 72-Fuß-ka­ta­ma­ra­nen (knapp 22 Me­ter) aus­ge­tra­gen. Die Teams wa­ren sich ei­nig, dass die nächs­te Boots­klas­se mit 62 Fuß et­was hand­li­cher und un­ge­fähr­li­cher wer­den soll­te. Doch dann ver­kün­de­ten Ti­tel­ver­tei­di­ger Ora­cle und die Or­ga­ni­sa­to­ren im März 2015 plötz­lich, dass die Boots­län­ge nun­mehr auf 50 Fuß (15 Me­ter) und die Cr­ew-stär­ke auf sechs Mann be­grenzt sei­en. Die­se Ent­schei­dung soll­te da­für sor­gen, dass die Bud­gets nicht wei­ter an­schwel­len und mehr Teams teil­neh­men kön­nen. Sie fiel aber zu ei­nem Zeit­punkt, als zwei Syn­di­ka­te schon viel Geld in die Ent­wick­lung der grö­ße­ren Ka­ta­ma­ra­ne in­ves­tiert hat­ten. Pra­da- Chef Pa­tri­zio Ber­tel­li, seit 17 Jah­ren im Kampf um die Kan­ne da­bei, tob­te und schmiss die Bro­cken hin. Die Neu­see­län­der tob­ten auch, klag­ten aber dann, weil auch die Zu­sa­ge ei­ner Qua­li­fi­ka­ti­ons­run­de in Neu­see­land nicht ein­ge­hal­ten wur­de. Sie ver­mu­te­ten kal­ku­lier­te Schi­ka­ne, be­ka­men vor dem Cup-schieds­ge­richt Recht und wur­den mit ei­ner Zah­lung in zwei­stel­li­ger Mil­lio­nen­hö­he ent­schä­digt.

Be­frie­det sind sie den­noch nicht. „Wir sind der ein­sa­me Wolf“, grollt Te­am­chef Grant Dal­ton, 59, und kün­digt an, im Fal­le ei­nes neu­see­län­di­schen Sie­ges al­le Re­ge­län­de­run­gen wie­der rück­gän­gig zu ma­chen. Des­we­gen fürch­tet er nicht nur den Zorn der an­de­ren, son­dern so­gar „auf den Grund des Oze­ans ge­schickt zu wer­den“. „Es gibt“, er­klär­te der al­te Käm­pe der New York Ti­mes, „fünf Teams, die uns tot se­hen wol­len.“Kämp­fen wer­den die Ki­wis trotz­dem ver­bis­sen, nicht nur ums Über­le­ben, son­dern um den Sieg. Und da­für ha­ben sie ei­nen Jo­ker

DER ZWEI­TE IST DER LETZ­TE WER GE­WINNT KOMMT INS PAN­THE­ON WER VER­LIERT WIRD VER­GES­SEN

ins Spiel ge­bracht, der die Mit­spie­ler über­rascht und ir­ri­tiert. Im Boot von „Emi­ra­tes Team New Ze­a­land“kur­beln die Gr­in­der – die Mus­kel­män­ner, wel­che die Ener­gie für die hy­drau­li­schen Sys­te­me lie­fern – nicht per Hand an den so­ge­nann­ten Kaf­fee­müh­len, son­dern sie sit­zen tief im Cock­pit auf Fahr­rad­sät­teln und tre­ten Pe­da­len wie Tour-deFran­ce-fah­rer. Für die Ver­la­ge­rung von Arm- auf die viel ef­fek­ti­ve­re Bein­be­las­tung wur­den ei­gens ein Rad­renn-sie­ger und ein Ru­derOlym­pio­ni­ke ins Team ge­holt. Es heißt, die Um­stel­lung auf Bein- Gr­in­der ha­be die Ae­ro­dy­na­mik des Boo­tes ver­fei­nert und da­zu ge­führt, dass mehr Kraft in kür­ze­rer Zeit zur Ver­fü­gung steht, was die Ma­nö­vrier­bar­keit des Boo­tes ver­bes­sert – vi­el­leicht er­heb­lich, mög­li­cher­wei­se so­gar ent­schei­dend.

Es sind die vie­len De­tails, die das Gan­ze aus­ma­chen. Das weiß auch der Bri­te Martin Whit­mar­sh. Der 57-jäh­ri­ge In­ge­nieur war von 1997 bis 2014 Te­am­chef von Mcla­ren-mer­ce­des bei der For­mel 1 und ver­dien­te dort viel Geld; dann gönn­te er sich ei­ne Aus­zeit und reiste quer durch die Welt. Jetzt ist er Chef des bri­ti­schen Teams „Land Ro­ver BAR“und wid­met sich ei­ner „sport­his­to­ri­schen Auf­ga­be“: die Kan­ne heim­zu­ho­len nach En­g­land. „Nach 166 Jah­ren, in de­nen es nicht ge­lun­gen ist, den Cup je­mals für das Ver­ei­nig­te Kö­nig­reich zu gewinnen, ist der Cup-sieg über­fäl­lig.“Da­für ste­hen ihm ein hun­dert­köp­fi­ges Team, der Part­ner Land Ro­ver und 120 Mil­lio­nen Eu­ro zur Ver­fü­gung, und die be­nö­tigt er für ge­nau die­se De­tails: „ Als ich in die For­mel 1 kam, hat­ten wir ei­nen Ae­ro­dy­na­mi­ker bei Mcla­ren, als ich ging, wa­ren es 140. Al­les dreht sich um die­se win­zi­gen klei­nen Ver­bes­se­run­gen und Fort­schrit­te. Klu­ge In­ge­nieurs­kunst kann den ent­schei­den­den Un­ter­schied be­deu­ten.“

Zum Bei­spiel bei der Kon­struk­ti­on der klei­nen Trag­flä­chen, auf de­nen die Boo­te „foi­len“. Je­dem Team sind nur zwei die­ser Foils für den Cup er­laubt. Ent­schei­det man sich al­so lie­ber für Trag­flä­chen, die das Boot früh zum Flie­gen brin­gen, da­für aber grö­ße­ren Was­ser­wi­der­stand ha­ben, oder um­ge­kehrt? Was ist wich­ti­ger, gu­te Kon­trol­lier­bar­keit und Steu­er­bar­keit der Foils oder größt­mög­li­cher Speed? Und wie weit wer­den sich die Fä­hig­kei­ten der Seg­ler in der Be­herr­schung des Boo­tes noch stei­gern las­sen bis zum Be­ginn des Cups? „Wir er­le­ben ei­ne un­glaub­li­che Ent­wick­lung bei den Seg­lern“, sagt Whit­mar­sh. „Was vor sechs Mo­na­ten noch un­se­gel­bar war, ist heu­te mach­bar. Sie wer­den im­mer bes­ser in ih­rem Job. Man muss al­so per­ma­nent die­se Gren­zen ver­schie­ben, bis zu de­nen ei­ne Kon­trol­le noch mög­lich ist.“

Die An­sprü­che an die Seg­ler wäh­rend der knapp halb­stün­di­gen Ren­nen sind enorm. Kur­beln am Kräf­te-li­mit für die Kraf­ter­zeu­gung, Knöp­fe und Ven­ti­le be­die­nen für die Kraft­über­tra­gung, Geg­ner be­ob­ach­ten, Kom­man­dos über Kopf­hö­rer im Helm emp­fan­gen und über Mi­kro­fon be­stä­ti­gen, Boot, Wet­ter, Wind pau­sen­los kon­trol­lie­ren, Ma­nö­ver in der rich­ti­gen Rei­hen­fol­ge ab­sol­vie­ren und bei al­lem im­mer hun­dert­pro­zen­tig kon­zen­triert blei­ben. „It’s a young man’s ga­me“, sagt Jim­my Spit­hill, der ex­tra Flug­stun­den nahm, um bes­ser zu ver­ste­hen, was er auf dem Was­ser jetzt zu tun und zu las­sen hat. Die Cr­ews wer­den nicht nur im Kraft­raum ge­quält bis zur Er­schöp­fung, son­dern auch ge­drillt, noch im Zu­stand der Er­schöp­fung kom­pli­zier­te Kon­zen­tra­ti­ons­auf­ga­ben zu lö­sen. Durch­hal­ten, wei­ter­ma­chen, bes­ser wer­den, schnel­ler wer­den, je­den Tag aufs Neue, im­mer wie­der und wie­der und noch ein­mal! Die Hälf­te des Er­folgs ent­schei­det sich am Com­pu­ter, die an­de­re Hälf­te im Cock­pit der Boo­te.

Ganz be­son­ders ge­for­dert ist der Helms­man, der nicht nur das Boot steu­ert, son­dern auch sei­ne Flug­hö­he. Der An­stell­win­kel der si­chel­för­mi­gen Schwer­ter lässt sich ma­nu­ell ver­än­dern, um wahl­wei­se

Auf- oder Ab­trieb zu er­zeu­gen. Das ge­schieht mit den Fin­ger­spit­zen und Knöp­fen am Steu­er­rad. Fliegt das Boot zu tief, ge­rät der Schwim­mer ins Was­ser, und das Boot wird ge­bremst. Fliegt es zu hoch, dann ver­liert der Foil ir­gend­wann den Kon­takt zum Was­ser, die Strö­mung reißt ab, das Boot prallt aus vol­ler Fahrt auf die Wel­len und bremst oder bricht. Gewinnen wird al­so, wer vom An­fang bis zum En­de des Ren­nens für die rich­ti­ge Flug­hö­he und de­ren sta­bi­le Ein­hal­tung sorgt. Bis zu hun­dert Mal pro Mi­nu­te, so ha­ben Mes­sun­gen des Ora­cle-teams er­ge­ben, än­dert Spit­hill die Stel­lung des Schwer­tes. Gleich­zei­tig muss er aber auch die von gut hun­dert Mess­punk­ten am Boot ins Cock­pit über­mit­tel­ten Da­ten im Au­ge ha­ben und auf­pas­sen, dass die be­weg­li­chen Tei­le des Wing im­mer wie­der rich­tig ge­trimmt wer­den.

Der Aus­tra­li­er gilt am Steu­er als coo­le Ko­ry­phäe, spä­tes­tens seit er im letz­ten Cup beim Stand von 8 : 1 für die Neu­see­län­der die dro­hen­de Nie­der­la­ge ab­wen­den und in ei­nen USA-SIEG von 9 : 8 ver­wan­deln konn­te. Aber der Mann, der ihm vor vier Jah­ren als Tak­ti­ker ent­schei­dend da­bei half, ist heu­te sein ge­fähr­lichs­ter Geg­ner.

Das „BAR“im Na­men des Teams aus Groß­bri­tan­ni­en steht für „Ben Ains­lie Ra­c­ing“. Sir Charles Be­ne­dict „Ben“Ains­lie, von der bri­ti­schen Kö­ni­gin ge­adel­ter bes­ter Olym­pia-seg­ler al­ler Zei­ten und vom Sport­pu­bli­kum ver­ehrt als Big Ben, ist „der Mann mit dem Sie­ger- Gen“. Al­le Boo­te, mit de­nen er ge­siegt hat, tru­gen den Na­men „Ri­ta“. Das geht auf die Op­ti­mis­ten-welt­meis­ter­schaft 1992 in Ar­gen­ti­ni­en zu­rück, als Bens Mut­ter ih­rem 15-jäh­ri­gen Sohn aus ei­ner Kir­che, die der Hei­li­gen Ri­ta ge­wid­met war, ei­nen Sti­cker mit­brach­te, der in sei­ne Schwimm­wes­te ein­ge­näht wur­de. Seit­her be­glei­tet ihn den Name. Sein Te­am­chef Martin Whit­mar­sh sieht den smar­ten Steu­er­mann, der schon drei­mal „Welt­seg­ler des Jah­res“war, in ei­ner Rei­he mit den gro­ßen For­mel-1-renn­fah­rern: „Die­se au­ßer­ge­wöhn­li­che Kon­zen­tra­ti­ons­fä­hig­keit. Da­zu die­se ab­so­lu­te Gier, zu gewinnen. Die er­ken­ne ich auch in Ben. Der Mann ist ein Kil­ler auf dem Was­ser.“Vi­el­leicht soll­te man wis­sen, dass Ri­ta auch Schutz­hei­li­ge der Metzger ist.

Doch auch sein Lands­mann Ian Per­cy, Chef und Tak­ti­ker des schwe­di­schen Teams „Ar­te­mis“, ist Dop­pel- Olym­pia­sie­ger, sie­ges­lüs­tern und ge­wohnt, sei­ne Geg­ner aus dem Feld zu schla­gen. Sei­ne zwölf Seg­ler brin­gen die Er­fah­rung von 64 Ame­ri­ca’s- Cup-kam­pa­gnen mit, das Team ist 119 Mann stark, es hat sehr früh mit den Vor­be­rei­tun­gen zum Cup be­gon­nen und ist vom Be­sit­zer des Ar­te­mis-renn­stalls, dem 3,3 Mil­li­ar­den Dol­lar schwe­ren Öl­un­ter­neh­mer Torb­jörn Törn­qvist, üp­pig aus­ge­stat­tet.

Auf dem Gre­at Sound tre­ten al­so lau­ter topqua­li­fi­zier­te Teams ge­gen­ein­an­der an, die von kampf­er­fah­re­nen und sie­ges­lüs­ter­nen Gla­dia­to­ren an­ge­führt wer­den. Die flie­gen­den Boo­te der fünf „Chal­len­ger“müs­sen ab En­de Mai zu­nächst in kur­zen, kaum län­ger als ei­ne hal­be St­un­de dau­ern­den Zwei­er­du­el­len nach dem K.-o.-prin­zip her­aus­fin­den, wer un­ter ih­nen der Bes­te ist. Der se­gelt dann ab 17. Ju­ni ge­gen den „De­fen­der“Ora­cle. Wer zu­erst sie­ben Sie­ge er­ringt, kriegt die Kan­ne.

Sechs Teams wol­len sie. Sechs Teams, die da­für bie­ten wer­den, was der Ame­ri­ca’s Cup in den bes­ten Zei­ten sei­ner Ge­schich­te im­mer war: Schach, ge­spielt von Rug­by-teams in For­mel-1-renn­wa­gen.

Das „Biest“kommt ins Was­ser: Der High­tech-ka­ta­ma­ran ver­schlang 85 000 Ar­beits­stun­den

Kraft tan­ken statt Zeit ver­lie­ren: Im Tro­cken­dock wird auf Spin­ning-rä­dern trai­niert

Te­am­work: Ja­mes „Pit­bull“Spit­hill und sei­ne Cr­ew kur­beln bis zur to­ta­len Er­schöp­fung

Ti­tel­ver­tei­di­ger: das Sex­tett des Ora­cle Team USA beim „Flug“über den At­lan­tik

„The auld mug“– bo­den­lo­se Kan­ne: der 1848 vom Lon­do­ner Ju­we­lier R. & G. Gar­rard ge­schaf­fe­ne Sie­ger­po­kal des Ame­ri­ca’s Cup

Schach auf dem Oze­an: Mensch und Ma­schi­ne ge­gen Wind und Was­ser

Der 35. Ame­ri­ca’s Cup (AC) wird seit 27. Mai. auf Ber­mu­da aus­ge­tra­gen. So­ci­al Me­dia: @Ame­ri­cas­cup – Web­site: ame­ri­cas­cup.com. Pa­ne­rai legt ei­ne li­mi­tier­te Uh­ren-edi­ti­on zum AC auf: ame­ri­cas­cup.pa­ne­rai.com/de

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