Sir Paul Smith

Paul Smith grün­de­te 1970 sein gleich­na­mi­ges Mo­de­la­bel. Da­bei wä­re der heu­te 70-Jäh­ri­ge bei­nah Rad­renn­fah­rer ge­wor­den. Ein Ge­spräch über Nost­al­gie, Träu­me und Selbst­be­trug

L'Officiel Hommes Germany - - Inhalt - In­ter­view ULF LIPPITZ

Ra­del ver­pflich­tet: ein Ge­spräch über Nost­al­gie, Träu­me und Selbst­be­trug. Von Ulf Lippitz

LLon­don, Co­vent Gar­den. Ein Be­such in Paul Smiths Bü­ro gleicht ei­nem Ein­tritt in ei­ne Wun­der­kam­mer. In zwei Zim­mern hat der bri­ti­sche Mo­de­de­si­gner Bü­cher, Ma­ga­zi­ne, Fo­tos, Pla­ka­te und Ob­jek­te ge­sta­pelt, hin­ge­wor­fen, ab­ge­legt. Or­ga­ni­sier­tes Cha­os. Sir Paul weiß ge­nau, wo et­was liegt. Nor­ma­ler­wei­se. „Ich has­se es, wenn je­mand hier auf­räumt“, mur­melt er, als er ei­ne al­te Zeit­schrift sucht, „ich fin­de nichts wie­der.“

Auf ei­nem krei­schend bun­ten Wä­sche­berg lie­gen ne­on­far­be­ne T-shirts, Tri­kots von Rad­pro­fis wie Brad­ley Wigg­ins oder Jan Ull­rich, kei­nes von Lan­ce Arm­strong, den mag Paul Smith nicht. Der 70-Jäh­ri­ge hat vor ein paar Jah­ren Jer­seys für den Sport­aus­stat­ter Ra­pha ent­wor­fen, stolz druckt er ei­ne Ebay-anzeige aus, auf der für ein sol­ches Shirt 10 000 Pfund ver­langt wer­den. „Ver­rückt, oder?“Da­bei ver­steht Paul Smith die Ob­ses­si­on für al­les, was mit Fahr­rä­dern zu­sam­men­hängt. Er ist der größ­te Rad-nerd der ge­sam­ten Mo­de­in­dus­trie.

LOH Mr. Smith, in die­sem Jahr wird das Fahr­rad 200 Jah­re alt. Ei­ne Er­fin­dung, die Ih­nen be­son­ders am Her­zen liegt. Als Ju­gend­li­cher sind Sie lei­den­schaft­li­cher Rad­renn­fah­rer ge­we­sen. Sind Sie heu­te auch zur Ar­beit ge­ra­delt?

PAUL SMITH Nein, ich flie­ge mor­gen ge­schäft­lich nach Ja­pan. Da muss ich viel Pa­pier­kram aus dem Bü­ro nach Hau­se mit­neh­men. Über­haupt set­ze ich mich in Lon­don sel­ten in den Sat­tel. In mei­nen Bü­ros in Mai­land, Pa­ris und To­kio ha­be ich je­doch Fahr­rä­der und in mei­nem Haus in der Tos­ka­na. Das schwar­ze Rad, das dort drü­ben an der Wand lehnt, fah­re ich manch­mal, ein schlich­tes Stahl­rah­men­mo­dell von Mer­ci­an.

LOH Was schät­zen Sie dar­an? PAUL SMITH

Dass ich weiß, dass es von Hand her­ge­stellt wur­de. Mer­ci­an Cy­cles ist ei­ne al­te bri­ti­sche Mar­ke aus Der­by, die Fir­ma ist 70 Jah­re alt, nur neun Leu­te ar­bei­ten in dem Un­ter­neh­men. Es ge­hört zu kei­ner Grup­pe, die ih­re Rä­der in Tai­wan oder Ma­lay­sia her­stel­len.

LOH Vie­le An­ge­stell­te neh­men in­zwi­schen das Rad, um ins Bü­ro zu kom­men. Die Stra­ßen Lon­dons sind voll von ih­nen.

PAUL SMITH Es ist zum Pro­blem ge­wor­den. Wenn ich mich nicht ir­re, ha­ben wir al­lein in die­sem Jahr be­reits 30 Men­schen bei Rad­un­fäl­len ver­lo­ren. Ei­ne un­se­rer Mit­ar­bei­te­rin­nen wur­de in Not­ting­ham von ei­nem Lkw über­fah­ren. Was für ein schreck­li­cher Tod! Die Stra­ßen En­g­lands und be­son­ders Lon­dons wur­den nie für die­se An­zahl von Au­tos, Mo­tor­rä­dern und Fahr­rä­dern ge­baut.

LOH Was zu ei­nem stän­di­gen Kon­flikt zwi­schen Rad­lern und Au­to­fah­rern führt – auch in Deutsch­land.

PAUL SMITH Wir ver­ges­sen oft, dass mo­der­ne An­nehm­lich­kei­ten zu mehr Ver­kehr füh­ren. Wenn wir ei­ne Piz­za, ein Do­ku­ment oder den Su­per­markt­ein­kauf nach Hau­se be­stel­len, muss da­für je­mand in ein Au­to oder auf ein Rad stei­gen. Da­durch er­höht sich das Ver­kehrs­auf­kom­men. Das ist ei­ner der Grün­de, war­um ich mor­gens so früh auf­ste­he. Wenn ich um sechs Uhr ins Bü­ro fah­re, ist kaum je­mand auf der Stra­ße. Wür­de ich mit­tags zu­rück in meine Woh­nung in Not­ting Hill wol­len, wür­de es ei­ne Drei­vier­tel­stun­de statt zehn Mi­nu­ten dau­ern.

LOH Für vie­le Men­schen Ih­rer Ge­ne­ra­ti­on war Mu­sik die ers­te Lie­be, Ih­re war das Renn­rad.

PAUL SMITH Seit dem Mo­ment, als ich zu mei­nem elf­ten Ge­burts­tag ein Renn­rad aus zwei­ter Hand be­kam. Ein ge­brauch­tes hell­blau­es Pa­ra­mount-mo­dell, eben­falls von Mer­ci­an. Mein Va­ter war Mit­grün­der des ört­li­chen Fo­to­klubs in Not­ting­ham. Ein Mit­glied, ein Gen­tle­man na­mens Cliff, gab das Rad ab und sag­te: „Paul, wenn du mal Lust hast, mit an­de­ren Jungs am Wo­che­n­en­de Ren­nen zu fah­ren, mel­de dich im Rad­sport­ver­ein.“Das tat ich. Und ich er­in­ne­re mich noch, wie ich im Sat­tel saß, durch die Land­schaft ras­te und merk­te: Oh, das ist et­was, was nur mir al­lein ge­hört. Sonn­tags fuhr un­se­re Fa­mi­lie oft aufs Land, mein Va­ter kann­te als Lai­en­fo­to­graf die bes­ten Stel­len für ein tolles Pan­ora­ma oder ei­nen Blick über ei­nen See. Aber nie hat­te ich et­was oh­ne ihn ge­tan.

LOH Die gro­ße Ent­de­ckung des Rad­fah­rens: kei­ne El­tern weit und breit.

PAUL SMITH Und das Ge­fühl der Frei­heit auf of­fe­ner Stra­ße.

LOH Die Frau­en­recht­le­rin Su­san B. Ant­ho­ny be­haup­te­te so­gar: Rad­fah­ren hat für die Frau­en­be­we­gung mehr ge­tan als al­les an­de­re. Es gab Frauen ein Ge­fühl der Frei­heit und Selbst­be­stim­mung.

PAUL SMITH Ist das nicht wun­der­bar? Ich ken­ne ei­ni­ge Rad­renn­fah­re­rin­nen wie Ni­co­le Coo­ke, die olym­pi­sches Gold ge­won­nen ha­ben. Wenn sie re­den, mer­ke ich, wel­chen Ehr­geiz, wel­ches Selbst­be­wusst­sein ih­nen die­ser Sport ge­ge­ben hat. Bei mir hat es da­zu nicht ge­reicht. Seit ich zwölf war, fuhr ich Ren­nen. Rich­tig gut wur­de ich nie.

LOH Sie wa­ren nicht mu­tig ge­nug.

PAUL SMITH Das stimmt. Se­hen Sie, bei ei­ner Ab­fahrt brau­chen Sie un­glaub­li­ches Selbst­ver­trau­en und Mut, da­mit Sie schnell ge­nug den Berg hin­un­ter­fah­ren, oh­ne da­bei zu stür­zen.

LOH Moch­ten Sie den Rausch der Ge­schwin­dig­keit?

PAUL SMITH Mir ge­fiel die Ka­me­rad­schaft im Team, der Wett­be­werb in­ner­halb der Grup­pe, die Freund­schaft zwi­schen uns Jungs. Dass man sich ge­gen­sei­tig half, wenn je­mand stürz­te, und sich an­feu­er­te, wenn es mal nicht so glatt­lief. Ich ha­be da­mals ge­lernt, wie ich meine Kräf­te ein­tei­len muss. Neh­men wir meine Ge­schäfts­rei­se nach Ja­pan, ich weiß, ich ha­be ei­nen voll­ge­pack­ten Ter­min­plan, doch ich schaf­fe mir zwi­schen­durch Frei­räu­me, um ver­nünf­tig zu es­sen, ver­schwen­de meine Ener­gie nicht am An­fang. Das ha­be ich im Rad­sport ge­lernt. Als Jun­ge muss­te ich 50-Mei­len-ren­nen (ca. 80 km) be­strei­ten, wenn ich mich zu früh ver­aus­gab­te, kam ich am En­de nicht mehr hin.

LOH Was war Ih­re bes­te Plat­zie­rung?

PAUL SMITH Sechs­ter Platz. Und ein­mal, na ja, ha­be ich ge­trickst.

LOH Ha­ben Sie et­wa ge­dopt?

PAUL SMITH Nein, wir sind manch­mal Ei­ner­ver­fol­gung ge­fah­ren, da­bei tre­ten zwei Fah­rer ge­gen­ein­an­der an. Als ich nach Hau­se kam, frag­te mein Va­ter: „Wie ist es ge­lau­fen, mein Jun­ge?“Und ich ant­wor­te­te wahr­heits­ge­mäß: „Ich wur­de Zwei­ter.“Ich ha­be ihm ver­schwie­gen, wie vie­le Fah­rer auf der Bahn wa­ren.

LOH Er soll­te kei­nen fal­schen Ein­druck be­kom­men. Das Rad war schließ­lich Ihr Hei­lig­tum.

PAUL SMITH Ich ver­ehr­te es. Sehr zum Miss­fal­len mei­ner Mut­ter ha­be ich es je­den Abend in mein Schlaf­zim­mer mit­ge­nom­men. Ich wusch es vor der Haus­tür ab, schlepp­te es hoch und stell­te es an die Wand ge­gen­über mei­nem Bett, um es die gan­ze Nacht an­be­ten zu kön­nen. Und ich leg­te Zei­tungs­pa­pier un­ter, da­mit kein Was­ser auf den Tep­pich tropf­te. Das­sel­be Pa­pier, das wir vor­her bei den Ren­nen be­nutz­ten.

LOH Um den Sat­tel zu pols­tern?

PAUL SMITH Wenn wir in Der­by­shire Ren­nen fuh­ren, in ei­ner hü­ge­li­gen Ge­gend, in der es im Win­ter recht kalt wer­den konn­te, steck­ten wir uns Zei­tun­gen vor­ne in die Pul­lis. So wärm­ten wir un­se­re Brust, wenn wir berg­ab fuh­ren und frös­teln­der Wind oder küh­ler Regen uns ent­ge­gen­blies. Das ver­hin­der­te, dass man sich ei­ne Er­käl­tung oder noch schlim­mer ei­ne Lun­gen­ent­zün­dung zu­zog. Kam ich an sol­chen Ta­gen heim, ließ mir meine Mut­ter ein gro­ßes hei­ßes Bad ein. Ich tauch­te mei­nen gan­zen Kör­per un­ter Was­ser, blieb ei­ne St­un­de dar­in lie­gen und hör­te im Tran­sis­tor­ra­dio die Top 20 von „Top of the Pops“.

SEHR ZUM MISS­FAL­LEN MEI­NER MUT­TER HA­BE ICH DAS RAD JE­DEN ABEND MIT INS SCHLAF­ZIM­MER GE­NOM­MEN

LOH Sie klin­gen ge­ra­de ziem­lich nost­al­gisch. Fehlt Ih­nen die­se Ro­man­tik heu­te im Rad­sport?

PAUL SMITH Ab­so­lut. Heut­zu­ta­ge ist der Sport ei­ne Kar­rie­re, ge­trie­ben von fi­nan­zi­el­len An­rei­zen. Er spie­gelt die mo­der­ne Welt um uns her­um wi­der. Der Pro­fi­sport ist rei­ner Kom­merz. Ei­ne Lenk­stan­ge wird nach ei­nem Fah­rer be­nannt, ein Helm nach ei­nem an­de­ren – lä­cher­lich! Ich ken­ne ei­ni­ge Rad­pro­fis, die die­se Ent­wick­lung über­haupt nicht gut fin­den. Ih­nen ge­fällt die so­zia­le Kom­po­nen­te des Rad­fah­rens, dass man am Wo­che­n­en­de mit sei­nen Freun­den raus­fährt und nicht nur, wenn es wie­der ei­ne Tro­phäe zu gewinnen gibt.

LOH Auch die Klei­dung hat sich ge­än­dert. Auf Bil­dern von da­mals sieht man Sie mit ei­nem dunk­len Woll­pull­over, kur­zen Ho­sen, wei­ßen di­cken So­cken und Le­der­schu­hen. Mal ehr­lich, ha­ben Sie nach den Ren­nen nicht ge­stun­ken in die­sem Auf­zug?

PAUL SMITH Ich roch fürch­ter­lich in die­sen Woll­kla­mot­ten. Noch schlim­mer für uns Sport­ler war es, wenn es reg­ne­te. Die Wol­le sog das

LOH Bis ein Un­fall Ih­re Träu­me zer­stör­te.

Was­ser auf, die Klei­dung wur­de schwe­rer und wir lang­sa­mer. Und es be­gann zu ju­cken. Als ich 17 wur­de, gab es die ers­ten Sa­chen aus Vis­ko­se. Die fühl­ten sich leich­ter auf der Haut an, glänz­ten ein biss­chen wie Sei­de, das Was­ser perl­te bes­ser ab, es war rich­tig chic.

LOH Da­mals glaub­ten Sie, das wä­re Ihr Le­ben.

PAUL SMITH Ich hat­te kei­ne Ah­nung, was ich sonst da­mit an­fan­gen könn­te. In der Schu­le war ich nicht gut, Wer­ken, Geo­gra­fie und Kunst ge­fie­len mir, in Ma­the­ma­tik und Ge­schich­te be­kam ich je­doch schlech­te No­ten. Ich hät­te nie an ei­ne Uni ge­hen kön­nen. Als mein Va­ter mich mit 15 frag­te, was ich wer­den woll­te, ant­wor­te­te ich ihm: „Ich will Rad­pro­fi wer­den.“Er nahm es mit Hu­mor. „Sor­ry, mein Jun­ge, das ist kein Beruf“, sag­te er. Wo­mit er recht hat­te. Dann be­gann ich, als Lauf­bur­sche für ein Kauf­haus zu ar­bei­ten und am Wo­che­n­en­de wei­ter Ren­nen zu fah­ren.

PAUL SMITH Au­to ge­gen Rad, Au­to ge­wann. Ich flog aus dem Sat­tel und lan­de­te auf der Mo­tor­hau­be. Als ich auf­ste­hen woll­te, rag­te der Ober­schen­kel­kno­chen her­aus. Da­nach ist al­les ver­schwom­men bei mir. Ober­schen­kel, Na­se, Schul­ter, zwei Fin­ger, al­les war ge­bro­chen. Ich lag drei Mo­na­te im Kran­ken­haus, durf­te mich kaum be­we­gen, die Ärz­te setz­ten ei­nen Me­tall­stift un­ter der Knie­schei­be ein, leg­ten das Bein hoch und be­fes­tig­ten Ge­wich­te an ei­nem Zug, da­mit sich der Kno­chen wie­der ein­renk­te. Ich lag mit acht Leu­ten auf der Sta­ti­on, al­le in ei­nem Zim­mer. Ein­mal wur­den Berg­ar­bei­ter ein­ge­lie­fert, in der na­hen Koh­len­gru­be war die De­cke ein­ge­stürzt. Zwei der Män­ner star­ben, ich se­he noch die Vor­hän­ge vor mir, die um das Bett ge­schlos­sen wur­den, als es so weit war. Das war ei­ne Er­fah­rung fürs Le­ben. Ei­ne Mah­nung, ich hät­te auch so en­den kön­nen.

LOH Wann stie­gen Sie nach der Ge­ne­sung wie­der aufs Rad?

PAUL SMITH Nach zwei Jah­ren. Nicht für ein Ren­nen, ein­fach um von A nach B zu kom­men. In der Zwi­schen­zeit hat­te ich die Welt der Krea­ti­ven ent­deckt. Mu­sik und Mo­de wa­ren wich­ti­ger ge­wor­den. Nach­dem ich aus dem Kran­ken­haus kam, half ich ei­nem Freund, sei­nen Kla­mot­ten­la­den auf­zu­ma­chen … Dann – mit 21 – er­öff­ne­te ich mein ei­ge­nes klei­nes Ge­schäft in Not­ting­ham, ich traf Pau­li­ne, meine Frau, wir zo­gen nach Lon­don, und ich grün­de­te meine Mar­ke.

LOH Das hört sich an, als wür­den Sie die bei­den Wel­ten tren­nen. Hat der Rad­sport nie Ih­re Mo­de be­ein­flusst?

PAUL SMITH Na­tür­lich. Ge­ra­de in mei­ner ak­tu­el­len Kol­lek­ti­on gibt es Jer­seys, die an Rad­fah­rers­hirts er­in­nern. Die Sän­ge­rin Chris­ti­ne and the Queens trägt manch­mal ei­nes die­ser Jer­seys, mit dem Reiß­ver­schluss statt ei­ner Knopf­leis­te – das kommt ganz klar aus dem Sport.

LOH Wenn man sich in Ih­rem Bü­ro um­schaut, ent­deckt man übe­r­all Me­mo­ra­bi­lia aus dem Rad­sport: Zeit­schrif­ten, Fo­tos, so­gar Hel­me.

PAUL SMITH Mich fas­zi­niert die Welt des Rad­sports bis heu­te. Wie prä­zi­se die Trai­ner heu­te ar­bei­ten müs­sen! Es geht um Se­kun­den­bruch­tei­le, für uns Zu­schau­er gar nicht mehr nach­voll­zieh­ba­re Zeit­un­ter­schie­de. Frü­her ha­ben wir an den Brem­sen her­um­ge­schraubt, um die Rä­der leich­ter zu ma­chen, oder ha­ben uns Wat­te um die Ge­len­ke ge­bun­den, da­mit die Hän­de nicht ka­putt gin­gen. Heu­te geht es um Wind­tun­nel und su­per­leich­te High­tech-ma­te­ria­li­en. Es ist ei­ne Wis­sen­schaft ge­wor­den. Das Ziel: Al­les muss bis zum äu­ßers­ten En­de aus­ge­reizt wer­den, bis es nicht mehr wei­ter­geht. Ich weiß nicht, wo­hin das noch füh­ren soll …

LOH Ei­ni­ge Än­de­run­gen der ver­gan­ge­nen Jah­re: Der Gi­ro d’ita­lia fei­ert die­ses Jahr sei­nen 100. Ge­burts­tag und führt schon mal durch Hol­land, Deutsch­land oder Ir­land …

PAUL SMITH … und die Tour de Fran­ce be­ginnt manch­mal in Lon­don. Ist das nicht selt­sam? Rei­ner Kom­merz, mir ge­fällt das nicht.

LOH Und auf den Tri­kots der Rad­fah­rer wim­melt es zu­dem von Spon­so­ren­lo­gos.

PAUL SMITH Des­halb ist es so schwer, ein schö­nes zu ent­wer­fen. Man muss so vie­le Schrift­zü­ge be­rück­sich­ti­gen, wäh­rend die al­ten aus den 1950er- oder 60er-jah­ren ein­far­big wa­ren. Da drü­ben hängt mein Lieb­lings­stück: ein oran­ge­far­be­nes kurz­ärm­li­ges Shirt aus Lamm­wol­le, zwei Ta­schen auf der Rück­sei­te, wo Pro­vi­ant wie ei­ne Ba­na­ne oder ein Stück Scho­ko­la­de rein­pass­te. Ein ein­zi­ger Schrift­zug: „De Re­spi­nis“. Sch­licht und wun­der­bar.

LOH Noch ei­ne Neue­rung: Rad­ler tra­gen Ly­cra. Sie auch?

PAUL SMITH Ich se­he doof in Ly­cra aus. In­zwi­schen ha­be ich ei­nen klei­nen Bauch, den wür­de dann je­der se­hen. Wenn ich fah­re, zie­he ich nor­ma­le Shorts, T-shirts und wei­ße Turn­schu­he an, kei­ne spe­zi­el­le Sport­klei­dung.

LOH In Ih­rem Al­ter dürf­ten Sie auch E-bi­kes fah­ren.

PAUL SMITH Das ist Selbst­be­trug.

LOH Und wie sieht es mit Hel­men aus?

PAUL SMITH Ich tra­ge sie ganz be­wusst nicht, auch wenn es na­tür­lich ver­nünf­tig wä­re. Ich fin­de sie äs­the­tisch schwie­rig … denn ich se­he da­mit be­häm­mert aus.

LOH Der frü­he­re Rad­pro­fi Ma­rio Ci­pol­li­ni wur­de kri­ti­siert, weil er auf ei­nem Instagram-bild kei­nen Fahr­rad­helm trug. Er re­agier­te, in­dem er ein Fo­to pos­te­te, auf dem er sich auf sein Trimm­rad setz­te – nackt, nur mit ei­nem Helm auf dem Kopf.

PAUL SMITH Das ist ty­pisch für ihn. Ich ken­ne ihn ein we­nig. Als ich ein­mal meine Stre­cke in der Tos­ka­na fuhr, über­hol­te mich Ma­rio von hin­ten und frag­te: „Hey Paul, lass uns zu­sam­men ein Stück fah­ren.“ Ich war so be­schämt. Wie soll­te ich es mit ei­nem der bes­ten Sprin­ter auf­neh­men? Al­so ha­be ich nach fünf Mi­nu­ten ge­sagt: „Sor­ry, Ma­rio, ich muss gleich meine Frau tref­fen.“

LOH War­um ist das Ih­re Lieb­lings­rou­te?

PAUL SMITH Es ist ei­ne fla­che Stre­cke, di­rekt am Meer ent­lang, die fri­sche See­bri­se weht durch die Na­se, und rechts ra­gen die Ber­ge von Car­ra­ra hoch. Ich pa­cke das Rad ins Au­to, fah­re von Luc­ca run­ter nach Viareg­gio und rad­le von dort in Rich­tung For­te dei Mar­mi, 30 Ki­lo­me­ter hin und zu­rück höchs­tens, trin­ke ei­nen Es­pres­so in Car­ra­ra und fah­re wie­der nach Hau­se. Im­mer al­lein, das ist meine Aus­zeit. Kei­ne Mu­sik auf den Ohren. Selbst wenn ich nur ei­nen Ki­lo­me­ter pro St­un­de fah­ren wür­de, fän­de ich das mit Kopf­hö­rern zu ge­fähr­lich.

LOH Wer von Ih­ren Freun­den – bei­de 73 Jah­re alt – ist bes­ser auf dem Rad: Mick Jag­ger oder Jim­my Pa­ge?

PAUL SMITH De­fi­ni­tiv Mick. Er steht auf Fitness, rennt je­den Tag ge­zielt auf der Lauf­ma­schi­ne. Jim­my ist in gu­ter kör­per­li­cher Ver­fas­sung, je­doch bei Wei­tem nicht so dis­zi­pli­niert. Er will gesund blei­ben, aber nicht fit sein. Bei­de be­neh­men sich wie die al­ten Tan­ten frü­her. Obst­säf­te, Pfef­fer­minz­tees, bloß kei­nen Al­ko­hol. Na ja, sie ha­ben wahr­schein­lich mehr als ge­nug für vier Le­ben ge­trun­ken.

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Paul Smith liebt Tel­ler groß wie Rä­der: Krebs-plat­te des Ke­ra­mik­her­stel­lers Vis­ta Aleg­re (Ál­va­ro Jo­sé, Cal­das da Rain­ha)

Paul-smith-flagship-sto­re in Deutsch­land: Ho­he Blei­chen 15, 20354 Ham­burg. Sub­jek­ti­ve und sty­le­ver­lieb­te Bil­der- und Text­samm­lung aus dem Rad­renn­sport des letz­ten Jahr­hun­derts: „Paul Smith’s Cy­cling Scrap­book“(Tex­te auf Eng­lisch), Tha­mes & Hud­son Ltd., 256 Sei­ten, 29 Eu­ro. On­li­ne und So­ci­al Me­dia: pauls­mith.com, @pauls­mith­de­sign, @pau­l_s­mith

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