Rid­ley Scott

Ali­en und sein Schöp­fer Rid­ley Scott: Bei­de sind Le­gen­den des Ki­nos – und trei­ben er­neut ge­mein­sam durchs All und die mensch­li­che Psy­che

L'Officiel Hommes Germany - - Inhalt - Text UWE KIL­LING

Ali­en-va­ter oh­ne Al­ters­ru­he. Von Uwe Kil­ling

Das „Ding“lässt ihn nicht los. „Da drau­ßen gibt es ei­ne an­de­re Form von Le­ben“, sagt Sir Rid­ley Scott. „Ganz si­cher …“Die letz­ten Wor­te ver­nu­schelt er et­was, über­deckt von ei­ner Iro­nie, die gut zu sei­nem grau­en Haupt mit den schma­len, wa­chen Au­gen passt. Wenn die­ser Mann vor der Ka­me­ra stän­de, wür­de er – ähn­lich den Rit­tern Sir Alec Gui­ness in „Star Wars“oder Sir Ian Mckel­len („Herr der Rin­ge“) – ei­nen cha­ris­ma­ti­schen Ere­mi­ten auf der Lein­wand ab­ge­ben. Al­ters­mil­de. Und ge­seg­net mit die­ser ah­nungs­vol­len Klug­heit, die von reich­hal­ti­ger Er­fah­rung zehrt. Für den bald 80-jäh­ri­gen Bri­ten spielt sich die­ses Le­ben seit vier De­ka­den hin­ter der Ka­me­ra ab. Der Re­gis­seur von Meis­ter­wer­ken wie „Thel­ma & Loui­se“oder „Gla­dia­tor“hat Epo­cha­les ge­schaf­fen. Er könn­te es ru­hig an­ge­hen las­sen. Doch Scott geht er­neut auf Welt­raum­jagd, und mit dem Film „ Ali­en: Co­venant“be­lebt er um­trie­big das Gen­re, das er einst selbst er­schaf­fen hat.

„ Ali­en – das un­heim­li­che We­sen aus ei­ner frem­den Welt“, 1979 im Ki­no, war der zwei­te Spiel­film von Rid­ley Scott, der zu­vor als Sze­nen­bild­ner bei der BBC in Lon­don und Wer­be­fil­mer ge­ar­bei­tet hat­te. Die Pro­du­zen­ten wa­ren erst nicht über­zeugt vom Kon­zept, Sci­en­ceFic­tion mit Ele­men­ten des Hor­ror-ki­nos zu ver­mi­schen. Im Skript stand nur die­ser ei­ne Satz: „Das Ding schlüpft.“Aber wie? „Ich muss­te al­le über­ra­schen. Nur so wür­de es funk­tio­nie­ren“, er­in­nert sich Scott.

Als die Schau­spie­ler das Stu­dio be­tra­ten, war ihr Kol­le­ge John Hurt vom Re­gis­seur heim­lich prä­pa­riert wor­den. Die Szene spiel­te im Spei­se­raum des Raum­schif­fes, wo ein Be­sat­zungs­mit­glied ei­nen An­fall er­lei­det. Nach­dem al­le um den zu­cken­den Kör­per ver­sam­melt wa­ren, be­gan­nen sich ro­te Flecken auf dem wei­ßem T-shirt aus­zu­brei­ten. Dann folg­te die Ge­burt. Scott hat­te vier Ka­me­ras pos­tie­ren las­sen, um die spon­ta­nen Re­ak­tio­nen fest­zu­hal­ten: Ein em­bryo­haf­tes Schlan­gen­we­sen mit Me­tall­zäh­nen wand sich da aus ei­nem schlei­mi­gen Kra­ter. Ei­ne Blut­fon­tä­ne traf Ve­ro­ni­ca Cart­w­right, die un­kon­trol­liert los­schrie. Und auf dem Ge­sicht von Si­gour­ney Wea­ver war in die­sem Mo­ment das un­ter die Haut ge­hen­de Ent­set­zen zu se­hen, das man seit­dem mit El­len Ri­pley, ih­rer be­rühm­tes­ten Rol­le, ver­bin­det.

Rid­ley Scott lässt ei­nen im Ge­spräch heu­te noch die Ge­nug­tu­ung dar­über spü­ren, wie schlitz­oh­rig er die­sen iko­nen­haf­ten Mo­ment der Film­ge­schich­te in­sze­niert hat. „Die Pro­the­tik oder das Mo­del­lie­ren mit Si­li­kon wa­ren noch nicht auf dem heu­ti­gen Stand“, sagt Scott lä­chelnd. „Ich war am Tag vor­her beim Metzger und in ei­nem Fisch­ge­schäft.“Auf der Brust sei­nes bri­ti­schen, jüngst ver­stor­be­nen Lands­man­nes John Hurt hat­te der Re­gis­seur ei­ne Mas­se aus Mee­res­tie­ren, In­ne­rei­en und zer­schnit­te­nen Kon­do­men plat­ziert, die er mit Schläu­chen vol­ler Kunst­blut zum Bers­ten und Blub­bern brach­te. Dem Pu­bli­kum er­ging es nicht an­ders als der über­wäl­tig­ten Film­crew: Ein zer­stö­re­ri­sches We­sen, das sich in Men­schen ein­nis­tet, löst Urängs­te aus. Die aus­ge­wach­se­ne, fleisch­lich-me­tal­le­ne Met­a­mor­pho­se, ba­sie­rend auf Ent­wür­fen des Schwei­zer Sur­rea­lis­ten HR Gi­ger, zeig­te Scott im Ur-ali­en nur recht kurz. Die enor­me Span­nung bau­te sich vor al­lem aus bild­star­ken Se­quen­zen alp­traum­haf­ter Be­dro­hung auf.

Mit sei­ner vi­su­el­len Ge­nia­li­tät wur­de der in Deutsch­land auf­ge­wach­se­ne Sohn ei­nes eng­li­schen Be­rufs­sol­da­ten ei­ner von Hol­ly­woods gro­ßen Vi­sio­nä­ren. Das Ali­en über­ließ er zu­nächst an­de­ren Re­gis­seu­ren, die ein mäch­ti­ges Fran­chise eta­blier­ten, von der ac­tion­be­ton­ten Ver­si­on ei­nes Ja­mes Ca­me­ron („Die Rück­kehr“) bis zur fins­te­ren Ad­ap­ti­on von Je­an-pier­re Jeu­net („Die Wie­der­ge­burt“). Rid­ley Scott be­trat nach sei­nem Tri­umph da­mals lie­ber ci­ne­as­ti­sches Neu­land: Sei­ne Zu­kunfts­fan­ta­sie „Bla­de Run­ner“(1982), in dem Re­pli­kan­ten und Cy­ber- Cops mit­ein­an­der kämp­fen, flopp­te an der Ki­no­kas­se. Doch heu­te gilt sie als stil­bil­dend. Die ent­wor­fe­ne End­zeit­düs­ter­nis ge­hört zum fes­ten op­ti­schen Ar­senal ei­ner En­kel­ge­ne­ra­ti­on, die da­mit ih­re Co­mic-ver­fil­mun­gen oder Com­pu­ter­spie­le aus­stat­tet.

Der Ali­en-va­ter wirkt nicht wie ein Alt­meis­ter, der noch ein paar letz­te Run­den im All dreht, um sei­nen ei­ge­nen My­thos ab­zu­schöp­fen. Am Set von „ Ali­en: Co­venant“im aus­tra­li­schen Re­gen­wald be­ein­druck­te Scott als agi­ler Lei­ter ei­ner Mis­si­on, die an­stel­le di­gi­ta­ler Schau­wer­te oder blu­ti­ger Wucht auf gran­dio­se Na­tur, At­mo­sphä­re und prä­zi­se Schau­spiel­kunst setzt. Das Ka­me­ra­au­ge wei­det sich nicht am Hor­ror. Und Scott, stolzer Bri­te und ge­prägt von eu­ro­päi­scher Kul­tur­tra­di­ti­on, lässt sei­nen An­dro­iden (Micha­el Fass­ben­der) ein­mal Richard Wa­gner auf der Flö­te üben: „Man frag­te mich: ‚Muss das sein? Will das Pu­bli­kum so et­was se­hen?‘ – ‚Ja, ver­dammt noch mal, ge­nau die­se Schön­heit muss es zwi­schen­durch er­tra­gen.‘“

Rid­ley Scott war be­reits 2012 mit dem Film „Pro­me­theus“zur Le­gen­de zu­rück­ge­kehrt. Sei­ne Mo­ti­va­ti­on: „In den Fort­set­zun­gen wur­de nie die Fra­ge ge­stellt: Wie ist das We­sen über­haupt ent­stan­den?“Der gro­ße Er­folg des Fil­mes, der die Vor­ge­schich­te von „ Ali­en 1“er­zählt, ha­be ihn er­mu­tigt, die Rei­he fort­zu­set­zen. Es ist auch der Grund, war­um er we­ni­ger Zeit für „Bla­de Run­ner 2049“hat­te. Teil zwei des Kult­fil­mes, pro­du­ziert von Scott, kommt im Ok­to­ber in der Re­gie von De­nis Vil­le­neuve („Pri­so­ners“) ins Ki­no, mit Ryan Gos­ling und Har­ri­son Ford, dem Rick Deckard des Ori­gi­nals.

Zu­letzt hat Rid­ley Scott das Gen­re mit sei­ner sie­ben­mal Os­car­no­mi­nier­ten Ro­bin­so­na­de „Der Mar­sia­ner“be­rei­chert. Was reizt ihn am All? „Es ist der Kopf, wo im­mer noch das bes­te Ki­no ent­steht, doch der Welt­raum ist ei­ne Bühne, die mir ab­so­lu­te Frei­heit gibt, um meine Ge­schich­ten zu ent­wi­ckeln.“

Am En­de von „ Ali­en: Co­venant“hält der An­dro­ide et­was in der Hand, das an­deu­tet: Das „Ding“ist wirk­lich hart­nä­ckig. Rid­ley Scott: „Ich ha­be Ide­en für noch min­des­tens zwei wei­te­re Ali­en-fil­me.“

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.