Über­hol­spur

Fer­ra­ri, Lam­bor­ghi­ni und Ma­se­ra­ti wa­gen neue We­ge und blei­ben doch ih­rer Li­nie treu – auf Eis, As­phalt und auf Schnee

L'Officiel Hommes Germany - - Inhalt - Tex­te SA­SCHA KÖ­NIG, NI­KO­LAS MAR­TEN & PE­TER SCHMIDT-FE­NE­BERG

Ita­lie­ni­sche Iko­nen: Fer­ra­ri auf Eis, Lam­bor­ghi­ni auf As­phalt und Ma­se­ra­ti im Schnee. Von Sa­scha Kö­nig, Ni­ko­las Mar­ten, Pe­ter Schmidt-fe­ne­berg MO­TOR 180

Sei­ne Kol­le­gen nen­nen ihn Mis­ter Gas. War­um, er­fah­re ich kurz vor der ers­ten Kur­ve: „Gas-gas-gas-gas-gas-gas-gas-gas-gas-gas“, peitscht mich David Pous­sin mit fran­zö­si­schem Ak­zent vom Bei­fah­rer­sitz un­se­res Ita­lie­ners an. Doch als mein Fuß sei­ner Auf­for­de­rung nicht aus­rei­chend Fol­ge leis­tet, muss ich auf den Spott mei­nes Fahr­leh­rers nicht lan­ge war­ten: „Pus­sy, Pus­sy“, singt der 37-Jäh­ri­ge her­aus­for­dernd, als wür­de es sich hier um ei­ne Mut­pro­be auf dem Schul­hof han­deln. Ich läch­le es weg. Fühlt sich schei­ße an. Denn tat­säch­lich bin ich nicht nur zum Spaß hier, son­dern ha­be mir ein Ziel ge­setzt: Ich möch­te ei­nen sau­be­ren Quer-drift hin­le­gen. In ei­nem 690-Ps-lu­xus­schlit­ten. Auf ei­nem zu­ge­fro­re­nen See. Und meine Fahr­stun­de dau­ert nur noch we­ni­ge Mi­nu­ten.

Ar­jeplog, Schwe­disch Lap­p­land, En­de März, mil­de mi­nus fünf Grad, ei­ne St­un­de zu­vor: Der Ma­net­ti­no, ein klei­ner Schal­ter am Lenk­rad, der an das Zun­gen-lo­go der Rol­ling Sto­nes er­in­nert, zeigt auf ei­nen Eis­kris­tall. Be­deu­tet: Der Fer­ra­ri Gt­c4lus­so, mit dem ich hier, in der Welt­haupt­stadt der Au­to­tes­ter, 70 Ki­lo­me­ter ent­fernt vom Po­lar­kreis, auf dem 70 Zen­ti­me­ter di­cken Eis des Uddjaur-sees ein Tänz­chen wa­gen möch­te, haf­tet am Bo­den. Si­cher, sta­bil, stink­lang­wei­lig. Soll so. Dem 260 000 Eu­ro teu­ren Nach­fol­ger des Fer­ra­ri FF, ein 2+2-Sit­zer mit Pan­ora­ma­dach, wur­de zum ers­ten Mal ei­ne Hin­ter­rad­len­kung mit All­rad­an­trieb spen­diert. Ein Fer­ra­ri, der po­la­ri­siert: Zu viel Ver­nunft? Ihn hier zu fah­ren, ist herr­lich un­ver­fro­ren. Vor­bei an den eins zu eins auf Eis nach­ge­bau­ten Stre­cken „Nür­burg­ring“, „Paul Ri­card“und „Silverstone“steue­re ich den flüs­ter­lei­sen Lus­so zu klei­ne­ren Kur­sen.

Tech­ni­cal Cir­cuit 1, Ma­net­ti­no auf „Wet“: Der Fahr­mo­dus ver­leiht mir et­was mehr Frei­heit. Auf 3,5 Eis-ki­lo­me­tern tas­te ich mich mit 1920 Ki­lo An­mut un­term Hin­tern an die Kur­ven her­an. Mit ei­ner An­ek­do­te er­mu­tigt mich Pous­sin, län­ger auf dem Gas­pe­dal zu blei­ben: „The speed was okay, but the cor­ner was too tight.“Hat Ju­ha Kank­ku­nen, fin­ni­sche Ral­lye-le­gen­de, mal ge­sagt – nach­dem er sein Au­to ge­crasht hat­te. Kann mir nicht passieren: Der nächs­te Baum am Ufer ist ki­lo­me­ter­weit ent­fernt, kein St­ein, kein Tier in Sicht. Pu­res Weiß.

Tech­ni­cal Cir­cuit 2, Ma­net­ti­no auf „Com­fort“: dies­mal zu viel Gas-gas-gas. End­lich brüllt der Mo­tor aus Ma­ra­nel­lo ras­sig. Pous­sin strei­chelt be­sänf­ti­gend über das Ar­ma­tu­ren­brett, schaut mir fest in die Au­gen und sagt: „Show her who’s the boss.“Nach ein paar Run­den auf der S-för­mi­gen Stre­cke klappt die Kom­bi­na­ti­on aus Ein­len­ken, Gasstö­ßen und Ge­gen­len­ken schon bes­ser. „Now you are a big boy“, lobt mich mein Leh­rer, be­vor er den Zun­gen-he­bel auf „Sport“wuppt.

Rock ’n’ Roll, auf zur Hot Lap im Cir­cle mit 350 Me­ter Durch­mes­ser. Die Zeit ist ge­kom­men, um Pous­sin, des­sen Mut­ter vier­mal fran­zö­si­sche Ral­lye-meis­te­rin war, zu zei­gen, dass ich kei­ne Pus­sy bin. Ich den­ke: „Gas-gas-gas-gas-gas-gas“und drü­cke auch drauf, len­ke ge­fühl­voll ein, tip­pe sanft auf die Brem­se, das reiz­vol­le Heck bricht aus – und ich glei­te. Nicht welt­meis­ter­lich, nicht „Fast-and-fu­rious“-mä­ßig. Aber kon­trol­liert. Ich bin der Boss. „Now you feel it“, raunt Pous­sin. Und es fühlt sich ver­dammt gut an.

Er­in­ne­rung kann trü­gen, wenn sie mit der Wirk­lich­keit kon­fron­tiert wird. Vor 32 Jah­ren saß der Au­tor die­ser Zei­len ein­mal hin­term Steu­er ei­nes Lam­bor­ghi­ni Coun­tach. Mehr noch als die spek­ta­ku­lä­ren Sche­ren­tü­ren, die ihn als kampf­be­rei­ten Hum­mer ver­klei­de­ten, hat sich ins Ge­dächt­nis ge­brannt, wie ei­nem das Über­fah­ren von Kopf­stein­pflas­ter un­ge­dämpf­te pun­ches ins Ge­säß mit­gab. Aber auch das rat­lo­se Stau­nen in den Ge­sich­tern der Men­schen, als man sich aus dem Cock­pit des grell­ro­ten Ge­fährts am Ham­bur­ger Jung­fern­stieg ge­schält hat­te.

Ur­he­ber die­ser post­pu­ber­tä­ren Au­to­fe­tisch-schwär­me­rei war Fer­ruc­cio Lam­bor­ghi­ni: 1948 grün­de­te der tech­nisch hoch­be­gab­te Bau­ers­sohn mit 32 Lam­bor­ghi­ni Trat­to­ri, ei­ne Fa­b­rik, in der zu­nächst aus al­ten Mi­li­tär­fahr­zeu­gen trak­to­rähn­li­che Ge­fähr­te zu­sam­men­ge­schweißt wur­den. Der Er­folg für den be­ses­se­nen Tüft­ler ließ nicht lan­ge auf sich war­ten. Als 1962 sei­ne luft­ge­kühl­ten All­rad­an­triebs-tre­cker zum Best­sel­ler avan­cier­ten, er­füll­te Fer­ruc­cio Lam­bor­ghi­ni sich sei­nen Traum, „mei­nen Sport­wa­gen“zu bau­en. Der Le­gen­de nach hat­te Fer­ruc­cio oft tech­ni­sche Pro­ble­me mit sei­nem Fer­ra­ri, wor­über er sich bei Enzo be­schwer­te. An­geb­lich ließ der Fer­ra­ri-boss ihn dar­auf­hin wis­sen, er kön­ne eben nur Trak­to­ren fah­ren und kei­ne Sport­wa­gen …

Schon zwei Jah­re spä­ter wur­den die ers­ten Lam­bor­ghi­ni 350 GT aus­ge­lie­fert. Bis heu­te ziert Mur­cié­la­go, ein legendärer Stier, die Mar­ke als Lo­go. Das Tier hat­te 1879 ei­nen epi­schen Stier­kampf mit 24 Lan­zen­sti­chen über­lebt. Zu­dem war Stier Lam­bor­ghi­nis Stern­zei­chen. Spä­ter tauf­te er den Lam­bor­ghi­ni Mi­ura (1966–1973) nach eben je­nem spa­ni­schen Kampf­s­tier­züch­ter, der mit dem im­mor­ta­len To­ro sei­ne Zucht­li­nie be­grün­de­te. Doch bei al­ler bäu­er­li­chen Pas­si­on, Fer­ruc­cio war vor al­lem ein Vi­sio­när, was au­to­mo­bi­les De­sign und Mo­to­ren­tech­nik an­ging. Das wirkt auch nach sei­nem Tod 1996 bis heu­te nach.

Sein Ver­mächt­nis ist in Sant’aga­ta Bo­lo­gne­se, na­he Bo­lo­gna, zu be­stau­nen. Ei­ne Fa­b­rik, in der je­der Wa­gen ad per­so­nam auf „sul­la stra­da te­de­sca“– auf deutsche Art – ge­baut wird, seit sich 1998 die Vw-toch­ter Au­di die Mar­ke si­cher­te. Im Mu­se­um vor Ort sind Schön­heit, Ele­ganz und Ein­ma­lig­keit der Mar­ken­his­to­rie lie­be­voll aus­ge­stellt. Doch all das ist nur pit­to­res­kes Vor­ge­plän­kel zu dem, was man hin­ter dem Steu­er ei­nes Lam­bor­ghi­ni Hu­racán Per­for­man­te Bau­jahr 2017 er­lebt. Auch nach 3,4 Mil­lio­nen selbst ge­fah­re­nen Ki­lo­me­tern ist der Test-ritt in der Lam­bo-kutsche, die von 640 Pfer­den ge­zo­gen wird, ei­ne un­ver­gleich­li­che Er­fah­rung. Nie zu­vor war das Fahr­er­leb­nis so un­mit­tel­bar, so sim­pel. Je­de Lenk­be­we­gung führt das aus, was man will, Gas­kicks und Brem­s­tipps set­zen die in­tui­ti­ve Er­war­tung eins zu eins um. Je­der Knopf, je­der He­bel sitzt dort, wo man es am liebs­ten hät­te. Die fla­che Flun­der, des­sen Cock­pit eher für schmal tail­lier­te We­sen un­ter eins acht­zig de­signt scheint, ist ein Ge­nie­streich. Sie wirkt klein, ist es de fac­to auch – und doch ein Rie­se. Der Stier lebt, brüllt um sein Le­ben, wenn das durch­ge­drück­te Gas­pe­dal den Be­weis an­stellt, dass un­ter 9 Se­kun­den auf 200 kein PR- Gag ist. Auf ita­lie­ni­schem As­phalt nicht ri­si­ko­los. Ein Au­to oh­ne Funk­ti­on, au­ßer dem Chauf­feur Spaß zu be­rei­ten.

Nun, ganz so fa­mo­so bei ita­lie­ni­schen Mo­tor­sport-en­thu­si­as­ten wie Micha­el Schu­ma­cher oder ak­tu­ell Se­bas­ti­an Vet­tel ist Ales­san­dro Fio­rio vi­el­leicht nicht. Aber ei­ne klei­ne Le­gen­de ist der stäm­mi­ge 52- Jäh­ri­ge süd­lich der Al­pen in je­dem Fall. 42-mal stand er als Ral­lye-pro­fi am Start, zehn­mal schaff­te er es bei Wm-läu­fen aufs Po­di­um. Vor zehn Jah­ren hat er sei­ne Kar­rie­re be­en­det und sich in der Zwi­schen­zeit ein paar Pas­tap­fun­de um die Hüf­ten zu­ge­legt, doch die­ses op­ti­sche Signal für Ge­müt­lich­keit täuscht: Hin­ter dem Steu­er ei­nes Au­tos ist Fio­rio, den al­le nur Alex nen­nen, im­mer noch ein Tier.

Dar­an be­steht ab der ers­ten Se­kun­de auf dem Test­par­cours von Cer­vi­nia im Schat­ten des Mat­ter­horns kein Zwei­fel. Kaum ist der Gurt im Schloss fi­xiert, da lässt Alex den Schnee un­ter den Hin­ter­rä­dern des Ma­se­ra­ti Le­van­te in ei­ner wei­ßen Schau­er­wol­ke auf­sprit­zen. Gleich­zei­tig krallt sich das Gum­mi der Vor­der­rä­der in die wei­ße Pracht. Denn ge­nau dar­um geht es hier: ei­ne De­mons­tra­ti­on der Fahr­dy­na­mik des Ma­se­ra­ti Q4-all­rad­sys­tems. Der SUV Le­van­te, jüngs­ter Spross der Mo­dell­fa­mi­lie, ist da­mit se­ri­en­mä­ßig aus­ge­stat­tet, doch auch sonst wird je­der zwei­te Wa­gen der Ita­lie­ner in­zwi­schen mit Q4 ge­or­dert.

Wie al­le Ma­se­ra­ti er­weist sich auch der Le­van­te als ziem­li­ches Groß­maul: Weit auf­ge­ris­sen, do­mi­niert der rie­si­ge Küh­ler­grill mit senk­recht ste­hen­den Chrom­stre­ben und mäch­ti­gem Drei­zack die Front. Die Schein­wer­fer wir­ken wie zu­sam­men­ge­knif­fe­ne Au­gen­schlit­ze, die ihr Ziel an­vi­sie­ren – und es recht schnell er­rei­chen: Die mehr als 430 Pfer­de­stär­ken, die der Sechs­zy­lin­der un­ter der Hau­be an die Rä­der wei­ter­reicht, las­sen ver­ges­sen, in ei­nem mäch­ti­gen Zwei­ton­ner zu sit­zen. Ei­nen sol­chen SUV bringt man auch dank ei­ner Viel­zahl elek­tro­ni­scher Hel­fer und sou­ve­rä­ner Luft­fe­de­rung nicht so schnell in den Be­reich, wo die Phy­sik an ih­re Gren­zen und der Fah­rer zum Schwit­zen kommt. Au­ßer auf Schnee. Da kann man drif­ten, als wä­re es ein „Fast and Fu­rious“- Cas­ting – und ist da­bei so lang­sam, dass man nicht ein­mal vor ei­ner Ki­ta ge­blitzt wür­de. Alex ist in sei­nem Ele­ment: Im­mer­hin war er mal ita­lie­ni­scher Ju­gend­meis­ter im Ab­fahrts­lauf.

Hin­term Lenk­rad de­mons­triert der Ral­lye-ve­te­ran in je­der Kur­ve ei­nen an­de­ren der vier Fahr­mo­di: Im Sport-mo­dus duckt sich der Le­van­te um 20 Mil­li­me­ter, um dem Fahrt­wind we­ni­ger ent­ge­gen­zu­set­zen. Die Fe­de­rung ver­här­tet von Stra­da del So­le zu Nür­burg­ring, die Hin­ter­rä­der ge­ben or­dent­lich Schub. Und der Le­van­te schießt aus der Kur­ve, dass ihn selbst Alex kaum bän­di­gen kann. Ganz klar: Fürs Ge­län­de wur­de die­se Ein­stel­lung nicht pro­gram­miert. Sou­ve­rä­ner zir­kelt der Ma­se­ra­ti hin­ge­gen im Off-road-mo­dus über den glit­schi­gen Un­ter­grund, al­le vier Rä­der tei­len sich die An­triebs­ar­beit, und man muss schon recht un­sanft Gas ge­ben, um sie da­bei aus der Spur zu brin­gen. „Ab­so­lut sa­fe fährst du auf rut­schi­ger Fahr­bahn aber mit dem I.C.E. Mo­de“, er­klärt Fio­rio und führt es vor. Jetzt gibt das Gas­pe­dal zu viel Po­wer gar nicht wei­ter, lo­cker schnur­rend nimmt der Wa­gen die Kur­ven, der Fah­rer kann ent­span­nen. Schließ­lich sitzt nicht im­mer je­mand mit 22 Jah­ren Mo­tor­sport-rou­ti­ne hin­term Steu­er.

Kur­ven am Po­lar­kreis: 1500 Eis-ki­lo­me­ter wer­den täg­lich rund um Ar­jeplog prä­pa­riert. Die Test­fahrt­sai­son dau­ert von Ja­nu­ar bis En­de März – da­nach fällt das 3000-See­lenDorf wie­der in den Som­mer­schlaf

Fer­ra­ri Gt­c4lus­so, 690 PS, V12, 0 auf 100 km/h in 3,4 Se­kun­den fer­ra­ri.com; la­pland-ice-dri­ving.com, swe­dishla­pland.com

Lam­bor­ghi­ni Hu­racán Per­for­man­te, 640 PS, V10, 0–200 km/h in 8,9 Se­kun­den lam­bor­ghi­ni.com

Be­que­mer, als es den An­schein hat: vie­le Knöp­fe und Schal­ter, aber su­per­sim­pel im Hand­ling. Ein Au­to, das dem Stier-lo­go al­le Eh­re macht. Und un­ter dem Mot­to ad per­so­nam kann man sich Le­der (s.r.) und Lack in je­der Nuan­ce in­di­vi­du­ell zu­sam­men­stel­len las­se

Straff pa­cken die Sport­sit­ze Fah­rer und Co­pi­lot ein, durchs Glas­dach grüßt der Him­mel über den ita­lie­ni­schen Al­pen. Zwi­schen den klas­si­schen Rund­in­stru­men­ten in­for­miert das Dis­play stets dar­über, wel­che Rä­der ge­ra­de wie viel Kraft auf die Stra­ße brin­gen

Ma­se­ra­ti Le­van­te, 430 PS, V6, 0 auf 100 km/h in 5,2 Se­kun­den ma­se­ra­ti.de

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