Gi­tar­ren für die Göt­ter Die klin­gen­den Kunst­wer­ke des Ul­rich Teuf­fel – ein Be­such im Pa­ra­dies. Von Siems Luck­waldt

Mit sei­ner Bird­fish schock­te Ul­rich Teuf­fel einst die Mu­sik­welt. Ein Show­man ist der ei­gen­wil­li­ge E-gi­tar­ren­bau­er je­doch kei­nes­wegs

L'Officiel Hommes Germany - - Inhalt - Text SIEMS LUCK­WALDT fo­tos THO­MAS LEI­DIG

I„Ich find’s so geil, Alu­mi­ni­um und Ni­ckel zu po­lie­ren“, sagt der 51-jäh­ri­ge Mann in der hel­len, selbst ge­näh­ten Cord­ho­se und streift sich fei­nen Staub an der Schür­ze ab. Selbst zwei be­freun­de­te Gal­va­ni­ker, die Me­tall­tei­le für sei­ne Sai­ten-uni­ka­te ver­edeln – und das auch für Bu­gat­ti-be­sit­zer tun –, ni­cken re­spekt­voll, wenn sie se­hen, was Ul­rich Teuf­fel in sei­ner Hin­ter­hof­werk­statt in Holz­schwang wie­nert. Kei­ne ver­chrom­ten Bo­li­den, son­dern E- Gi­tar­ren, die Jaz­zVir­tuo­se David Torn eben­so spielt wie Kirk Ham­mett von Me­tal­li­ca, Ki­no­kom­po­nist und Os­car-preis­trä­ger Hans Zim­mer, Amir Der­akh von De­ad by Sun­ri­se und Ac­tion-hau­de­gen Ste­ven Sea­gal.

Je­des Bau­teil er­schafft und ver­baut Teuf­fel selbst. Wenn er sei­ne Stü­cke auf Pa­pier und am CAD- Com­pu­ter ent­wirft, hat er meist ei­nen Li­te­ra­tur­klas­si­ker auf dem Blue­tooth-kopf­hö­rer. „Krieg und Frie­den“, ge­le­sen von Ul­rich Noe­then, bei­spiels­wei­se. Bei bis zu 80 St­un­den pro Gi­tar­re loh­nen sich sol­che Wäl­zer. Er wis­se spä­ter noch haar­ge­nau, wel­chem Buch er bei je­dem Ar­beits­schritt an al­len E- Gi­tar­ren lausch­te, von de­nen nur 15 bis 20 pro Jahr den be­schau­li­chen Vo­r­ort von NeuUlm zu Samm­lern in al­ler Welt ver­las­sen. „Ich schaue auf ei­nen Vi­bra­to­he­bel oder Sat­tel und den­ke: ‚Da lag Ge­ne­ral Ku­tú­sow krank auf dem So­fa.‘“Beim ei­nem Mo­dell der An­to­nio, das li­la-me­tal­lic la­ckiert im Kas­ten liegt und auf Ab­ho­lung war­tet – der Kun­de sei ein ho­hes Tier bei der Steu­er­fahn­dung, der hoch span­nen­de Sa­chen er­zäh­le, so Teuf­fel –, war es da­ge­gen Jo­seph Roths „Ra­detz­ky­marsch“.

Heu­te schätzt Teuf­fel die me­di­ta­ti­ve Wir­kung stu­pi­der Schrit­te, wie zum Bei­spiel das Griff­brett zu schlei­fen, ei­nen Steg zu fei­len, Ton­ab­neh­mer zu po­lie­ren und Schicht um Schicht Lack auf dem Kor­pus zu ver­tei­len. Not­wen­dig­kei­ten, die einst der Groß­va­ter, ein Schrei­ner, see­len­ru­hig aus­führ­te, wäh­rend sein En­kel Ul­rich rast­los zwi­schen Werk­bank und Holz­la­ger her­um­flitz­te. In­ge­nieu­re, Tisch­ler und Kunst­ma­ler auf zig Äs­ten sei­nes Stamm­baums – klar, dass Teuf­fel nur mit größ­ter Ge­gen­wehr num­ber crun­cher bei ei­nem Hed­ge­fonds ge­wor­den wä­re. Mit den Hän­den zu ar­bei­ten, das ver­deut­licht sei­ne

mit­rei­ßen­de Ges­tik, da­für lebt die­ser Mann, den vie­le hier bloß „den Uli, der Gi­tar­ren für Me­tal­li­ca baut“, nen­nen. Dass Teuf­fel sich bei al­ler Erb­an­la­ge aus­ge­rech­net dem Gi­tar­ren­bau ver­schrieb und 1995 mit nur ei­nem Mo­dell – der wie ein Zif­fer­blatt ske­let­tier­ten, mo­du­la­ren Bird­fish, ei­ner atem­be­rau­ben­den Hom­mage an Leo Fen­der – zu­gleich Shoo­ting­star und Ket­zer sei­ner Zunft wur­de? Ei­ne In­no­va­ti­on, die Fach­ma­ga­zi­ne zu ei­ner der wich­tigs­ten Gi­tar­ren des 20. Jahr­hun­derts kür­ten? Und dass Teuf­fels War­te­lis­te in­zwi­schen bei gut drei Jah­ren liegt? Al­les Zu­fall. Ir­gend­wie.

Schon als Kind fas­zi­nier­te ihn Holz und was ge­schick­te Hän­de dar­aus ma­chen kön­nen. Mit 13 baut Ul­rich Teuf­fel ei­ne Ba­l­a­lai­ka. Aus ei­nem al­ten Schreib­tisch. 1985 nimmt er sich ein Fo­to zur Vor­la­ge für ei­ne am Werk von Ste­ve Klein ori­en­tier­te Akus­tik­gi­tar­re. Es folgt ei­ne Ma­schi­nen­bau-lehre bei Mer­ce­des-benz. Hier lernt er, auf Bruch­tei­le von Mil­li­me­tern ge­nau zu den­ken. Ne­ben­her baut er zu­nächst Akus­tik­gi­tar­ren, ab 1988 dann E- Gi­tar­ren für sei­ne ei­ge­ne Fir­ma. Die Dr. Ma­bu­se- Se­rie et­wa und E-bäs­se na­mens JFK. Sei­ne Kun­den spie­len in Bands der Top 40, ver­baut wer­den da­mals je­doch vor­wie­gend Kom­po­nen­ten von Groß­händ­lern. 1992 bis 1996 stu­diert Teuf­fel dann In­dus­trie­de­sign in Karlsruhe. Ei­ner sei­ner Leh­rer: Hart­mut Ess­lin­ger, der den Ur-mac­in­tosh ent­warf. Mit der Bird­fish ge­lingt ihm dann 1995 auf der Frank­fur­ter Mu­sik­mes­se ei­ne Sen­sa­ti­on – wenn auch zu­nächst kein Best­sel­ler. Der Kult um sei­ne rotz­fre­che Krea­ti­on ließ lan­ge auf sich war­ten. Zwei Jah­re spä­ter folgt das Mo­dell Co­co, 2000 die Tes­la mit der tie­fen sieb­ten Sai­te und 2007 die ex­trem er­go­no­mi­sche Ni­wa.

Erst nach gut zwei St­un­den am Kü­chen­tisch, es gibt He­fe­zopf aus der Land­bä­cke­rei und Kaf­fee, kom­men wir auf sei­ne Riff-hel­den zu spre­chen. Mu­si­ker wie Bil­ly Gib­bons von ZZ Top, der sei­ne Bird­fish bei ei­nem Us-händ­ler kauf­te und bei Teuf­fel ein Back-up für sei­ne be­trächt­li­che Samm­lung be­stell­te. „Erst durch die­se Or­der ha­be ich rea­li­siert, was für ein Gi­tar­ren-held Gib­bons, der schon mit Hen­d­rix spiel­te, in Ame­ri­ka ist. Auf uns wir­ken Bands wie ZZ Top, Motörhead oder ein Typ wie Ali­ce Co­oper oft leicht­ge­wich­tig, weil Show­ef­fek­te uns fremd sind.“Zur Über­ga­be der Gi­tar­re bei ei­nem Kon­zert in Mün­chen schenkt Gib­bons ihm ei­ne afri­ka­ni­sche Frucht­bar­keits­fi­gur. Be­son­de­re Kun­den, kei­ne Fra­ge.

Ein Rock- oder Pop- Grou­pie, der sei­nen Ido­len das per­fek­te In­stru­ment in die schwie­li­gen Klamp­fen­hän­de le­gen möch­te, ist Teuf­fel nicht. Klar kann er spie­len. Und si­cher­lich weit ta­len­tier­ter, als er zu­gibt, wäh­rend der Nach­bar auf sei­nem Acker per Mi­ni­k­ran laut­stark Baum­stäm­me zu im­po­san­ten Hau­fen auf­türmt. „Der kriegt meine Ho­bel­spä­ne und presst sie zu Ofen-pel­lets.“Nachhaltiger Gi­tar­ren­lu­xus. Mit ty­pi­schem Teuf­fel-sound: „Ein per­kus­si­ver, fre­cher Fen­der-ton.“

Für Teuf­fels ei­ge­nen Genuss darf die Gi­tar­re, nach den Le­ad Vo­cals die di­rek­tes­te An­spra­che des Pu­bli­kums, „nur“un­ter­ma­len. Gern sen­sa­tio­nell, aber nicht im Weg. Wie bei John­ny Marr von The Smiths. „Was er macht ist wie ein eng­li­scher, rah­men­ge­näh­ter Schuh. Nicht fürs Bu­si­ness, für den Club.“An­sons­ten hört der Phi­lo­soph un­ter den Gi­tar­ren­bau­ern gar kei­ne aus­ge­wie­se­ne Gi­tar­ren­mu­sik. Die Fleet Fo­xes, El­liott Smith, Sen­der wie FM4 aus Ös­ter­reich. „Die Stars mei­ner Kin­der sind sel­ten meins, nur Ri­han­na ha­be ich of­fen­sicht­lich un­ter­schätzt.“Bei Pop­mu­sik und de­ren „Kam­mer­mu­si­ka­li­sie­rung“re­det sich Teuf­fel in Ra­ge. Für ihn ist die Zeit der Re­bel­lio­nen, be­glei­tet von zor­ni­gen Riffs, lan­ge vor­bei. Selbst die Whi­te Stripes wä­ren letzt­lich ein Ree­nact­ment, und zwar von ei­ner Ga­ra­gen­band aus den Fif­ties. Bands woll­ten die Be­geis­te­rungs­stür­me, die ih­ren Ido­len ent­ge­gen­braus­ten, meint Teuf­fel, doch ge­sell­schaft­li­che Um­wäl­zun­gen un­ter­mal­ten sie nicht mehr. Ver­söhn­lich schickt er nach: „Die jun­gen Künst­ler ha­ben er­kannt, dass sie vor al­lem Mu­si­ker sind, Sounds und Bil­der lie­fern müs­sen. Die le­ben to­tal im Jetzt.“Sei­ne Gi­tar­ren tra­gen dem Rech­nung, wol­len vor al­lem Frei­heit ge­ben. Ihm. Und den Ken­nern, de­ren Be­geis­te­rung für mu­si­ka­li­sche Kul­ti­viert­heit ihm ei­nen lu­kra­ti­ven Re­so­nanz­bo­den bie­tet.

Die His­to­rie, die ihm an­fangs als Blau­pau­se dien­te, ist in die­ser Pha­se sei­nes Schaf­fens bloß noch ge­schätz­te Ba­sis, In­spi­ra­ti­on, aber nicht mehr di­rek­te Vor­la­ge. „ Seit An­fang der 2000er ar­bei­te ich au­ßer­halb der Zeit.“Das wil­de 19. Jahr­hun­dert et­wa, wo ein Chris­ti­an Fre­de­rick Martin in Penn­syl­va­nia die ers­ten Gi­tar­ren mit Me­tall­sai­ten be­stück­te. Oder Or­vil­le H. Gib­son aus Mi­chi­gan, der die ge­wölb­ten De­ckel und Bö­den der Vio­li­ne auf die Gi­tar­re über­trug. Der Texa­ner Ge­or­ge D. Beauch­amp, der nach dem Ers­ten Welt­krieg den so­lid body und elek­tro­ma­gne­ti­sche Ton­ab­neh­mer er­fand. In den Au­gen vie­ler Zeit­ge­nos­sen eben­so ein Sa­kri­leg wie Teuf­fels Bird­fish, die Fly­ing V von Gib­son (1958) oder Ed­die van Ha­lens selbst ge­pimp­te Hai­fisch-ver­si­on ei­ner Iba­nez De­s­troy­er von 1977. Selbst die Fen­der Stra­to­cas­ter von Ji­my Hen­d­rix, sagt Teuf­fel, wirk­te wie ein Ca­dil­lac mit Heck­flos­se. Ei­ne Ver­beu­gung mit ei­nem Twist ist auch die An­to­nio von 2012, und zwar vor dem le­gen­dä­ren Gi­tar­ren­bau­er An­to­nio de Tor­res (gest. 1892), der die mo­der­ne Kon­zert­gi­tar­re maß­geb­lich präg­te. De­ren ele­gant ge­schwun­ge­ner Kor­pus ist aus bo­ta­ni­schem Ma­ha­go­ni. „Nicht die­sem un­de­fi­nier­ba­ren ‚Ma­ha­go­ni‘, aus dem sich un­se­re El­tern noch Win­ter­gär­ten zim­mern lie­ßen“, be­merkt der Holz-fe­ti­schist tro­cken.

Zum Schluss un­se­res Ge­sprächs, bei dem Teuf­fels Au­gen durch das Wohn­zim­mer-kü­che-stu­dio über der Werk­statt krei­sen und Din­ge her­aus­pi­cken wie den Sitz sei­nes Ci­tro­en CX, den er sich mit 17 vom Mund ab­spar­te und der nach zwei Wo­chen un­ver­schul­det zum To­tal­scha­den wur­de, er­zählt er von sei­nen nächs­ten Pro­jek­ten. Sie ge­hen in zwei Rich­tun­gen des Gi­tar­ren-zeit­strahls: ei­ne Jazz­gi­tar­re im ty­pi­schen Art-dé­co-stil des New York der 1920er – und ein Ga­le­rie- Ob­jekt (na­tür­lich fa­mos spiel­bar!), das un­ter­schied­lichs­te Ma­te­ria­li­en und ih­ren Ein­fluss auf den Klang hör­bar macht. Sein Spät­werk aber wer­den Akus­tik­gi­tar­ren sein, ir­gend­wann gar bloß noch „die ei­ne“. Flat tops, oh­ne Ste­cker, ge­baut aus Ein­zel­tei­len, die er al­le­samt mit sei­nen ei­ge­nen Hän­den er­schaf­fen hat. „Das wird aber noch gut zehn Jah­re dau­ern, ehe ich da­mit star­te.“Dann aber will er die­ser Pas­si­on treu blei­ben. Bis zum Um­fal­len.

DIE JUN­GEN KÜNST­LER HA­BEN ER­KANNT DASS SIE SOUNDS UND BIL­DER LIE­FERN MÜS­SEN DIE LE­BEN TO­TAL IM JETZT

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