Den Weg im Blick

Bes­ser lau­fen ler­nen: von Me­di­ta­ti­on zum „Run­ners High“über Scho­ko­rie­gel, Räu­cher­stäb­chen und Gam­ma­wel­len – ein ech­ter Trip

L'Officiel Hommes Germany - - Inhalt - text HANS BUS­SERT fo­tos CHAD­WICK TY­LER

Mit Zen ans Ziel. Lau­fen als Vi­si­on, Ma­ra­thon als Me­di­ta­ti­on. Von Hans Bus­sert

Hin­ter Tul­sa, Okla­ho­ma. Ir­gend­wo in den Gre­at Plains. Ein Mann läuft mit ei­nem Ruck­sack auf dem Rü­cken die Land­stra­ße ent­lang. Er hat seit zwei Ta­gen mit nie­man­dem ge­spro­chen und weiß noch nicht, wo er heu­te schla­fen wird. Ihn um­gibt nur die tro­cke­ne Ebe­ne. Das Pr­ä­rie­gras reicht bis zum Ho­ri­zont. Das Han­dy hat kei­nen Emp­fang mehr. Seit fast zwei Mo­na­ten ist er un­ter­wegs. Rund 2400 Ki­lo­me­ter hat er schon hin­ter sich. Noch ein­mal so vie­le, und Ri­ckey Ga­tes steht in San Francisco am Pa­zi­fik.

Kurz vor dem be­rüch­tig­ten He­art­break Hill in Bos­ton. Die Stre­cke war ein lan­ges Stück ab­schüs­sig, be­vor es hier bei Ki­lo­me­ter 32 ziem­lich steil nach oben geht. Mit läs­si­ger Ges­te nimmt Kn­ox Ro­bin­son ei­ne Trinkflasche vom Stre­cken­team der Black Ro­ses ent­ge­gen. Um den Kopf trägt er ein wei­ßes Banda­na, der Name sei­ner Lauf­crew steht in ge­schwun­ge­nen Buch­sta­ben auf dem Tri­kot. Sei­ne Fü­ße ste­cken in neu­ar­ti­gen Lauf­schu­hen, die vier Pro­zent mehr Leis­tung ver­spre­chen. Noch ein paar Ki­lo­me­ter, dann wird er den Ma­ra­thon mit per­sön­li­cher Best­plat­zie­rung ab­schlie­ßen.

Max Val­lot, 30, und Tom Da­ly, 29, sit­zen in ei­nem Loft in Tri­be­ca, New York, und re­den über Acht­sam­keit, Me­di­ta­ti­on, Atem­tech­ni­ken – und Lau­fen. „Wir al­le wis­sen, wie man Mus­keln auf­baut und Ki­lo­me­ter run­ter­reißt. Aber wie man sei­nen Geist trai­niert, wird noch zu we­nig be­ach­tet“, sagt Tom, selbst ein Ma­ra­thon­läu­fer. Er und Max ha­ben sich an der Uni in En­g­land ken­nen­ge­lernt. Nach ein paar hek­ti­schen Jah­ren im New Yor­ker Mo­de­busi­ness wa­ren sie frus­triert. Max ent­deckt die ve­di­sche Me­di­ta­ti­on für sich und be­ginnt mit Yo­ga. Er über­zeugt Tom da­von, öf­ter zu me­di­tie­ren – auch um des­sen Ma­ra­thon­trai­ning zu er­gän­zen. Zu­sam­men rei­sen sie in ein Ashram in In­di­en. 2015 kün­di­gen sie ih­re Jobs und grün­den District Vi­si­on. Seit­dem hel­fen sie Läu­fern da­bei, zu bes­se­ren Läu­fern zu wer­den.

Nur, was heißt das, ein bes­se­rer Läu­fer? Die we­nigs­ten Trailrun­ner lau­fen meh­re­re Mo­na­te am Stück. Und selbst am­bi­tio­nier­te Ama­teu­re wer­den bei ei­nem Ren­nen nie un­ter die ers­ten Zehn kom­men. Trotz­dem ja­gen vie­le Best­zei­ten hin­ter­her und über­for­dern da­mit ih­ren Kör­per. Max hat des­halb ein kom­bi­nier­tes Me­di­ta­ti­ons- und Be­we­gungs­pro­gramm ent­wi­ckelt, das die Ver­let­zungs­an­fäl­lig­keit ver­rin­gern, für ei­ne um­fas­sen­de­re Er­ho­lung sor­gen und – doch, das auch – schnel­ler ma­chen soll. Vor al­lem aber soll man ler­nen, be­wuss­ter zu lau­fen. Das al­te Man­tra vom ge­leb­ten Mo­ment. Auf das Lau­fen über­tra­gen heißt das: Wie be­rüh­re ich den Bo­den? Wie ist meine Arm­hal­tung? Und: Wo tut es vi­el­leicht weh? Den Schmerz weg­zu­drü­cken wä­re das Ge­gen­teil von acht­sa­mem Lau­fen.

Lang­fris­tig geht es so­gar um Selbst­fin­dung. Und dar­über, das Selbst zu ver­ges­sen. Lauf­fa­na­ti­ker wie der Ni­ke- Grün­der Phil Knight zi­tie­ren ger­ne den Zen-meis­ter Do­gen: „Das Selbst wahr­lich zu ver­ste­hen be­deu­tet, sich selbst zu ver­ges­sen.“Max for­mu­liert es an­ders: „Ul­ti­ma­tiv ar­bei­ten Me­di­ta­ti­on und Lau­fen so zu­sam­men, dass man sein Selbst tran­szen­diert. Der Kör­per will wei­ter­lau­fen – pri­ma. Er will ste­hen blei­ben – auch gut.“Die Idee ist die­sel­be: Das Lau­fen selbst soll zur Me­di­ta­ti­on wer­den. Der Läu­fer ei­nen Raum zwi­schen den Ge­dan­ken er­rei­chen. Nur: Vie­le be­haup­ten zwar, dass Lau­fen sie in ei­nen an­de­ren Be­wusst­seins­zu­stand ver­setzt. Sie mei­nen da­mit den En­dor­phin­rausch, das so­ge­nann­te Run­ner’s High. Ein schö­nes, ja wun­der­schö­nes Ge­fühl, aber das Er­rei­chen ei­nes me­di­ta­ti­ven Mo­ments ist dann doch noch et­was an­de­res. Das schaf­fen die we­nigs­ten. Ri­ckey Ga­tes soll ei­ner von ih­nen sein.

„Zehn Ki­lo­me­ter wer­den im­mer 10 000 Me­ter sein. Man kann da­ge­gen an­kämp­fen oder es an­neh­men. Es geht um die In­ter­pre­ta­ti­on die­ser 10 000 Me­ter – wie neh­me ich sie wahr?“. Ri­ckey ist 35. Seit März läuft er von South Ca­ro­li­na nach San Francisco, im Schnitt 42 Ki­lo­me­ter pro Tag. Ei­nen gan­zen Ma­ra­thon. 5000 Ka­lo­ri­en ver­brennt er so. Und die muss er wie­der rein­be­kom­men. Am ein­fachs­ten geht das an der Tank­stel­le. Ein­mal trug er Scho­ko­rie­gel, M&MS und Fer­tig­ku­chen für meh­re­re

Ta­ge mit sich. Ins­ge­samt vier Ki­lo – das ist ei­gent­lich zu viel ne­ben Schlaf­sack, ei­nem Not­zelt, Ex­t­ra­klei­dung, Was­ser­fla­schen und an­de­ren über­le­bens­wich­ti­gen Hel­fern. Al­le paar Hun­dert Ki­lo­me­ter braucht er ein neu­es Paar Schu­he. Die schickt ihm sei­ne Fa­mi­lie an vor­her ver­ein­bar­te Or­te ent­lang der Stre­cke.

Ri­ckey ist seit 20 Jah­ren Läu­fer. Erst in der High School, dann zum Spaß und jetzt als pro­fes­sio­nel­ler Trailrun­ner mit ei­ner Hand­voll Spon­so­ren. Vor ei­ni­gen Jah­ren ist er mit dem Bi­ke von Co­lo­ra­do nach Süd­ame­ri­ka ge­fah­ren. Er braucht die­se Her­aus­for­de­run­gen, die Aus­ein­an­der­set­zung mit sich selbst. Auf die Sa­che mit der Me­di­ta­ti­on ist er ge­kom­men, als er ein zehn­tä­gi­ges Vi­pas­s­a­na-re­tre­at be­sucht. Bei die­ser Form der Me­di­ta­ti­on sitzt man rund zwölf St­un­den in völ­li­ger Stil­le. Er stellt fest, dass er beim Lau­fen ei­nen ähn­li­chen Be­wusst­seins­zu­stand er­reicht. Die Ge­dan­ken sind noch da, aber sie ver­schwim­men zu ei­nem Strom, dem er beim Flie­ßen zu­gu­cken kann. Er ist dann ganz da und al­les ist im Fo­kus. So wie bei sei­nem Lauf quer durch die USA: „Man darf nicht an die nächs­ten Ta­ge den­ken. Der 58. Tag ist ein­fach der 58. Tag. Es zählt nur der Mo­ment.“

Bei ih­ren Trai­nings­läu­fen, Ren­nen und Kon­ti­nen­tal­über­que­run­gen tra­gen Ri­ckey und Kn­ox be­son­de­re Bril­len: in Ja­pan ge­fer­tig­te ul­tra­leich­te Mo­del­le mit spe­zi­el­len Glä­sern, die ex­akt auf die Be­dürf-

LAUF­FA­NA­TI­KER ZI­TIE­REN GER­NE ZENMEISTER DŌGEN „DAS SELBST WAHR­LICH ZU VER­STE­HEN BE­DEU­TET SICH SELBST ZU VER­GES­SEN“

nis­se von Läu­fern ab­ge­stimmt sind. Die Bril­len stam­men von District Vi­si­on. Denn die Mar­ke ist eben auch das: ein Ge­schäft. Und Max Val­lot und Tom Da­ly sind Mar­ke­ting­pro­fis. Sie wis­sen, wie man sich po­si­tio­niert. Die Web­sei­te, die Fo­tos, das Pa­cka­ging – al­les ist ein biss­chen coo­ler als bei den be­kann­ten Lauf­mar­ken. District Vi­si­on ma­chen Lauf­bril­len für Läu­fer, die bei Andre­as Murkudis und Co­let­te ein­kau­fen. Tom er­klärt: „Na­tür­lich könn­te man un­ser Me­di­ta­ti­ons­pro­gramm für ei­nen Mar­ke­tingtrick hal­ten. Aber wir sind da­von über­zeugt, dass Lau­fen und Me­di­tie­ren zu­sam­men­ge­hö­ren. Un­se­re Ses­si­ons sind ein Werk­zeug für Läu­fer. Ge­nau­so wie die Bril­len.“

Zwei Ta­ge nach Bos­ton tref­fen sich die Black Ro­ses am New Yor­ker East Ri­ver. Ein paar Jungs trin­ken Bier – sie sind im­mer noch im Fei­er­mo­dus, froh, die Bei­ne wie­der ei­ni­ger­ma­ßen be­we­gen zu kön­nen, und na­tür­lich brau­chen sie die Koh­len­hy­dra­te. Wer nicht in Bos­ton auf der Stre­cke war, läuft in Grup­pen: Staf­fel­trai­ning die ei­nen, an­de­re üben Sprint­starts, die drit­te Grup­pe be­rei­tet sich auf ei­nen schnel­len Fünf­ki­lo­me­ter­lauf am nächs­ten Wo­che­n­en­de vor. Die Black Ro­ses sind ei­ne sehr Instagram-af­fi­ne Ama­teur­trup­pe. Hier trai­nie­ren

ME­DI­TA­TI­ON IST FAST SO WICH­TIG WIE DAS PHY­SI­SCHE TRAI­NING WIE LE­GA­LE MIT­TEL UND BES­SE­RE SCHU­HE

Mo­de- und Me­di­en­men­schen zu­sam­men mit Bar­kee­pern und Kran­ken­schwes­tern. Ihr Team Cap­tain ist der 43-jäh­ri­ge Kn­ox Ro­bin­son. Er war mal Chef­re­dak­teur vom New York Mu­sik-ma­ga­zin Fa­der und hat mit Kanye West ge­fei­ert. Jetzt ar­bei­tet er für Ni­ke, ist mit vie­len Spit­zen­läu­fern be­freun­det und über­trägt de­ren Stra­te­gi­en auf das Trai­ning für sei­ne Ama­teu­re. Kn­ox’ Ma­ra­thon­best­zeit liegt beim Top­wert von 2:36 Std. Er gibt noch ein paar An­wei­sun­gen, dann er­klärt er sei­ne Sicht auf die Me­di­ta­ti­on: „Für Läu­fer kann Me­di­ta­ti­on ein Mit­tel von meh­re­ren sein. Ge­nau­so wie le­ga­le, leis­tungs­stei­gern­de Sub­stan­zen oder bes­se­re Schu­he.“We­ni­ger re­le­vant ist der Tag des Ren­nens selbst, son­dern all die St­un­den, Wo­chen und Mo­na­te der Vor­be­rei­tung. Oft ist man da­bei kom­plett mit sich al­lein – das Ich wird dann sehr groß. Das kann men­tal un­glaub­lich her­aus­for­dernd sein. „Me­di­ta­ti­on hilft ei­nem, die­se psy­cho­lo­gi­sche Sei­te zu struk­tu­rie­ren. Das ist fast ge­nau­so wich­tig wie das phy­si­sche Trai­ning“, so Kn­ox.

Ein­mal pro Wo­che fin­den die Ses­si­ons mit den Black Ro­ses statt. In ei­nem Yo­ga­stu­dio wird dann ei­ne Kom­bi­na­ti­on aus Me­di­ta­ti­on, Atem­tech­ni­ken und Yo­ga prak­ti­ziert. Ein be­son­de­rer Fo­kus liegt da­bei auf der Ver­in­ner­li­chung von Be­we­gungs­ab­läu­fen. Un­ter­stützt wird das durch olfak­to­ri­sche und akus­ti­sche Rei­ze – Räu­cher­stäb­chen und ein ei­gens kom­po­nier­ter Sound­track. Die Mu­sik stammt von dem Sound­künst­ler Twin Sha­dow und soll die Gam­ma­wel­len im Hirn sti­mu­lie­ren. For­scher neh­men an, dass dies die Kon­zen­tra­ti­on stei­gert. Und letzt­end­lich die Lauf­leis­tung ver­bes­sert. „Denn“, so er­klärt Kn­ox, „Spit­zen­ath­le­ten sind vom ers­ten bis zum letz­ten Me­ter to­tal da. Die lau­fen nicht im Au­to­mo­dus und ge­ben dann nur zum Schluss Gas. Es geht dar­um, die Scheu­klap­pen ab­zu­le­gen und sich sei­ner Um­welt ma­xi­mal be­wusst zu sein.“Zu­dem funk­tio­nie­ren die Räu­cher­stäb­chen zu­sam­men mit der Mu­sik wie ein An­ker. Sie sol­len da­bei hel­fen, ei­nen an­de­ren Be­wusst­seins­zu­stand zu er­rei­chen. Vor gro­ßen Ren­nen bie­tet District Vi­si­on auch öf­fent­li­che Me­di­ta­ti­ons­kur­se an. Vie­le Läu­fer neh­men dann zum ers­ten Mal teil und ha­ben oft noch kei­ne Er­fah­rung mit Me­di­ta­ti­on. Die Mög­lich­keit, kurz­fris­tig ei­nen Ef­fekt zu er­zie­len, ist ge­ring. Wie bei je­dem Trai­ning zählt beim Me­di­tie­ren die Re­gel­mä­ßig­keit. Al­so üben sie das Loslassen.

Kn­ox Ro­bin­son ist Stra­ßen­läu­fer und Team Cap­tain der Black Ro­ses

Nach dem Lauf ist vor dem Lauf: ent­spann­ter Sha­ke-out

Ri­ckey Ga­tes läuft in die­sem Jahr ein­mal quer durch die USA

Tom Da­ly und Max Val­lot sind die Grün­der von District Vi­si­on. Zu ih­ren „Werk­zeu­gen für Läu­fer“ge­hö­ren auch spe­zi­el­le Bril­len

Ri­ckey Ga­tes und Kn­ox Ro­bin­son beim Trailrun­ning in Co­lo­ra­do

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.