GU­TER VER­RAT

L'Officiel Hommes Germany - - Gesellschaft -

Als Leo­nar­do da Vin­ci En­de des 15. Jahr­hun­derts sein Abend­mahl mal­te, such­te er Män­ner, die Je­sus und des­sen Jün­ger dar­stel­len soll­ten. Ein jun­ger Kerl wird der leuch­ten­de Je­sus. Doch da Vin­ci fin­det ein­fach kei­nen Ju­das. Erst nach Jah­ren por­trä­tiert er ei­nen frus­trier­ten Mann mitt­le­ren Al­ters. Da­nach zeigt der Mann auf Je­sus und sagt: „Ich saß dir schon ein­mal Mo­dell.“Ob es sich so zu­ge­tra­gen hat? Frag­lich. Der wah­re Kern liegt dar­an, dass Je­sus erst durch den Ju­das­kuss zum Lei­den­den wur­de, zum Ge­kreu­zig­ten, zum auf­er­stan­de­nen Mes­si­as – und zum Re­li­gi­ons­stif­ter. Gä­be es den Ver­rä­ter nicht, der für 30 Sil­ber­lin­ge Sol­da­ten zum Gar­ten Geth­se­ma­ne führ­te, das Chris­ten­tum bräuch­te ein neu­es Sto­ry­tel­ling. Ver­rat aus Geld­gier ist aber nur ei­ne Va­ri­an­te, Ver­rat kann auch mo­ra­lisch be­grün­det sein. Bru­tus woll­te Rom vor Ca­e­sars Al­lein­herr­schaft be­wah­ren, Fbi-di­rek­tor Mark Felt mach­te als „Deep Throat“die Wa­ter­ga­te-af­fä­re auf­klär­bar; der Nsa-tech­ni­ker Ed­ward Snow­den ent­hüll­te die Ab­hör­ak­tio­nen des US- Ge­heim­diens­tes. Ob aus Lei­den­schaft, Kri­tik oder Zwei­fel – den Re­ne­ga­ten kann man auch lo­ben. Selbst der Ver­rä­ter (Ju­das) wur­de spä­ter als tra­gi­scher Held ge­fei­ert, der – im Mu­si­cal „Je­sus Christ Su­per­star“– ei­nen Hoch­stap­ler (Je­sus) ent­larvt, wel­cher vor lau­ter Him­mel­reich den Frei­heits­kampf ge­gen die Rö­mer ver­nach­läs­sigt. Es kommt halt auf die Per­spek­ti­ve an.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.