Mensch und Ma­schi­ne

Mit der fort­schritt­lichs­ten bio­ni­schen Hand der Welt hat Psy­cho­lo­gie-pro­fes­sor Ber­tolt Mey­er das We­sent­li­che im Griff. Aber bes­ser geht im­mer

L'Officiel Hommes Germany - - Inhalt - Text SA­SCHA KÖ­NIG fo­tos THO­MAS LEI­DIG

Ein Ge­spräch mit Pro­fes­sor Ber­tolt Mey­er über Pro­the­tik, Äs­t­he­tik und Ethik Von Sa­scha Kö­nig

Auf blau­en So­cken mit ro­ten Punk­ten rutscht Prof. Dr. Ber­tolt Mey­er über das glän­zen­de Fisch­grät-par­kett in die Kü­che sei­ner Alt­bau­woh­nung im Leip­zi­ger Stadt­teil Plag­witz, um uns Kaf­fee zu ma­chen. Die Är­mel sei­nes Ben-sher­man-hemds sind hoch­ge­krem­pelt, als er den Sieb­trä­ger mit der rech­ten Hand un­ter die elek­tri­sche Müh­le hält und das wohl­duf­ten­de Pul­ver rein­rie­selt. In den Edel­stahl­fron­ten der Kü­che kann man sich spie­geln, Fluch und Se­gen zu­gleich sei das, er­klärt er, denn: „Man sieht je­den Fin­ger­ab­druck.“Da ist er schon, der Ele­fant im Raum. Aber des­we­gen sind wir ja auch hier: um mit ihm über sei­ne lin­ke Hand zu re­den, die er auch mal Arm nennt, aber nur sel­ten bio­ni­sche Pro­the­se. Als wir uns an den Tisch un­ter der Space-age-sput­nik-lam­pe set­zen und er den Un­ter­arm aus Car­bon auf der Holz­plat­te ab­legt, er­in­nert das Kla­ckern an ei­ne Mela­min­schüs­sel, das lei­se Sur­ren der Mo­to­ren un­ter dem durch­sich­ti­gen Si­li­kon­hand­schuh an ein fern­ge­steu­er­tes Spiel­zeug­au­to. Da­bei han­delt es sich um die fort­schritt­lichs­te Pro­the­sen­hand der Welt, ein High­tech- Ge­samt­kunst­werk: die i-limb quan­tum von Touch Bio­nics. Mey­er, ge­bür­ti­ger Ham­bur­ger, Jahr­gang 1977, ist Ge­schäfts­füh­ren­der Di­rek­tor des In­sti­tuts für Psy­cho­lo­gie an der TU Chem­nitz, zu der er vier­mal pro Wo­che pen­delt, weil er mit sei­nem Le­bens­part­ner lie­ber in Leip­zig wohnt. Und er kam oh­ne lin­ken Un­ter­arm zur Welt.

LOH Wel­cher Pro­the­sen­trä­ger hat Sie in Ih­rer Kind­heit am meis­ten fas­zi­niert: der Sechs-mil­lio­nen-dol­lar-mann, In­spec­tor Gad­get oder Lu­ke Sky­wal­ker?

PROF. DR. BER­TOLT MEY­ER: Lu­ke Sky­wal­ker, de­fi­ni­tiv. Der Sechs-mil­lio­nen-dol­lar-mann hat mich schon als Kind nicht über­zeugt. Ich bin ’77 ge­bo­ren, als ich mit 12 oder 13 an­ge­fan­gen ha­be, Fern­se­hen zu kon­su­mie­ren, da war der auch schon ein biss­chen an­ge­staubt. Und In­spec­tor Gad­get war mir zu kin­disch. Aber Lu­ke Sky­wal­ker … Al­ter, wie groß­ar­tig! Es gibt die­se Sze­ne, nach­dem Darth Va­der ihm die Hand ab­ge­schla­gen hat ... Da wird Lu­ke ver­arz­tet, ich glau­be im Ra­sen­den Fal­ken, sein neu­er Arm ist of­fen und man sieht die gan­ze fi­li­gra­ne Fein­me­cha­nik … ( flüs­tert) Da dach­te ich im­mer: „Wow, geil, das will ich auch!“

LOH Wel­che Art von Pro­the­se tru­gen Sie zu die­ser Zeit?

BM Oh, da hat­te ich ei­nen Ha­ken. Ei­ne so­ge­nann­te Ei­gen­kraft­pro­the­se, das war Stand der Tech­nik, noch in den 80er- und 90er-jah­ren.

LOH Wie funk­tio­nier­te die?

BM Mein Ober­arm steck­te in so ei­ner Art Plas­ti­k­rohr, das bis zur Schul­ter ge­reicht hat, echt un­an­ge­nehm. Und dann hat man Gur­te. De­ren ei­nes En­de war am Schaft im Plas­ti­k­rohr be­fes­tigt. Von dort wur­den die Gur­te hin­ten am Hals vor­bei­ge­führt, un­term Arm durch und zu­rück, sie mün­de­ten in ei­nem Bow­den­zug, wie bei ei­ner Fahr­rad­brem­se. Vor­ne­dran: ei­ne me­tal­le­ne Zan­ge, die von Fe­dern zu­ge­hal­ten wird. Wenn ich die Schul­ter­mus­ku­la­tur an­spannt ha­be, wur­den die Gur­te zu eng, das En­de zog nach. Da­durch geht die Zan­ge auf. Wenn ich die Schul­ter­mus­ku­la­tur wie­der lo­cker ge­las­sen ha­be, ging die Zan­ge wie­der zu, weil die Fe­dern sie zu­zog. Ziem­lich kru­de. Aber wahn­sin­nig ro­bust, sehr ein­fach, braucht kei­nen Strom, da ging nichts ka­putt. Zum Zel­ten und Feu­er­ma­chen ge­nau das Rich­ti­ge – ich war da­mals sehr ak­tiv bei den Pfad­fin­dern. Mit der Pu­ber­tät und der auf­kei­men­den Se­xua­li­tät war das al­ler­dings nicht mehr ad­äquat.

LOH Wann ha­ben Sie zum ers­ten Mal ver­stan­den, dass Ih­re Be­hin­de­rung Sie von an­de­ren un­ter­schei­det?

BM Es gab zwei Mo­men­te. Ein­mal die Ein­schu­lung, ers­te Klas­se, Grund­schu­le: Der ers­te Mo­ment im Klas­sen­raum. Al­le Schü­ler sa­ßen, da kam die Grund­schul­leh­re­rin, stell­te sich hin­ter mich, leg­te mir die Hän­de auf die Schul­ter. Ich er­in­ne­re mich nicht ge­nau dar­an, was sie dann ge­sagt hat, aber sie stell­te mich der Klas­se noch ein­mal ex­pli­zit vor und wies auf mei­ne Be­hin­de­rung hin. In die­sem Mo­ment ist es mir schon sehr klar ge­wor­den. Und noch ein­mal spä­ter, das war aber auch noch in der Grund­schul­zeit, als es dar­um ging, was man spä­ter wer­den will, und ich sag­te: Feu­er­wehr­mann. Da rief ein Mit­schü­ler: „Hä, aber das geht doch gar nicht, du hast doch nur ei­nen Arm.“Zu­vor war mir gar nicht be­wusst, dass das ein Hin­de­rungs­grund sein könn­te.

LOH Wie hat sich das an­ge­fühlt?

BM Na­tür­lich wa­ren das Ent­täu­schun­gen.

LOH Wel­che Re­ak­tio­nen be­kom­men Sie heu­te auf Ih­re Pro­the­se?

BM Über­wie­gend po­si­tiv kon­no­tier­tes In­ter­es­se. Ge­ra­de Kin­der sa­gen: „Ist ja krass, zeig mal, was hast du denn da?“Die meis­ten ha­ben so ei­ne Su­per­hel­den-as­so­zia­ti­on aus Co­mics. Die sind fast ent­täuscht, wenn ich er­zäh­le, dass ich mit mei­ner Hand kei­ne Su­per­kräf­te ha­be, nichts zer­quet­schen und mich nicht an Häu­ser­wän­den fest­sau­gen kann. Für mei­ne al­ten Pro­the­sen ha­be ich mit­lei­di­ge Bli­cke ge­ern­tet. Mit der i-limb hat sich das dras­tisch ge­än­dert.

LOH Hat sich da­durch auch Ih­re ei­ge­ne Hal­tung zu Ih­rer Be­hin­de­rung ver­än­dert?

BM Sie ist mir we­ni­ger un­an­ge­nehm als frü­her. Das liegt dar­an, dass ich mein Selbst­be­wusst­sein ein Stück weit ab­hän­gig von dem teu­ren Stück Tech­nik ma­che, das ich an mei­nem Kör­per tra­ge.

LOH Das ma­chen vie­le Men­schen.

BM Woll­te ich gra­de sa­gen: An­de­re wer­ten ihr Selbst­be­wusst­sein mit Uh­ren oder Au­tos auf. In­so­fern hat die Hand nicht nur ei­nen enor­men funk­tio­na­len Nut­zen. Ich kann da­mit Fahr­rad fah­ren, Schnür­sen­kel bin­den, ko­chen. Aber sie ist auch ei­ne psy­cho­lo­gi­sche Pro­the­se.

LOH Fühlt es sich heu­te gut an, das An­ders­sein?

BM (überlegt lan­ge) Ich bin schon ein eher ex­tro­ver­tier­ter Typ, der Auf­merk­sam­keit auch ge­nießt. Ich glau­be, das braucht man auch in mei­nem Job. Vor­le­sun­gen hal­ten wä­re sonst ei­ne ziem­li­che Tor­tur. Ich ge­nie­ße es auch schon ein biss­chen, da vorn zu ste­hen. Na­tür­lich hat mei­ne Be­hin­de­rung – zu mei­ner ei­ge­nen Über­ra­schung – da­zu bei­ge­tra­gen, dass es ganz gut läuft. Dass ich Hand­mo­del für den Her­stel­ler Touch Bio­nics bin. Dass sich die Me­di­en für mich in­ter­es­sie­ren. Da muss ich schon ehr­lich zu mir sel­ber sein: Wenn mir nicht der lin­ke Arm feh­len wür­de, wür­den wir bei­de hier nicht sit­zen und die­ses Ge­spräch füh­ren. Ich de­fi­nie­re mich nicht aus­schließ­lich über mei­ne Kör­per­be­hin­de­rung. Aber der, der ich heu­te bin, bin ich auch, weil mir ein Arm fehlt. Und ich kom­me ganz okay mit mir zu­recht (lacht).

LOH Ich ha­be mir die kos­ten­lo­se App bio­sim des Her­stel­lers Touch Bio­nics aus dem App-sto­re auf mein Smart­pho­ne ge­la­den. Kann ich da­mit auf Ih­re Pro­the­se Ein­fluss neh­men?

BM Zu­erst ein­mal müss­ten Sie mei­ne PIN für die Hand ken­nen. Man kann sich nur über die App mit der Hand ver­bin­den. Aber dann könn­ten Sie die Hand, zu ei­nem ge­wis­sen Teil, über Blue­tooth fern­steu­ern, die Kon­fi­gu­ra­ti­on än­dern und be­stimm­te Grif­fe aus­füh­ren.

LOH Ma­chen Sie täg­lich Ge­brauch von die­ser App?

BM Der Haupt­nut­zen der App ist die Kon­fi­gu­ra­ti­on der Hand. Sie ist wich­tig, aber ich be­nut­ze sie nur ein-, zwei­mal pro Wo­che. Über die App kann ich auf mei­ner App­le Watch be­stimm­te Grif­fe ak­ti­vie­ren, die ich nicht durch Mus­kel­steue­rung aus­lö­sen kann.

LOH Bit­te er­klä­ren Sie das ge­nau­er.

BM Mit den Elek­tro­den, die auf mei­nem Arm lie­gen, kann ich die Hand öff­nen und schlie­ßen so­wie das Hand­ge­lenk dre­hen. Das war es ei­gent­lich. Ich kann die Fin­ger nicht ein­zeln fi­li­gran be­we­gen. Das liegt dar­an, dass es noch kei­ne Schnitt­stel­le gibt zwi­schen ei­ner Pro­the­se, bei der sich al­le Fin­ger be­we­gen kön­nen, und dem mensch­li­chen Ner­ven­sys­tem. Des­we­gen muss man sich mit Tricks be­hel­fen.

LOH Die da wä­ren?

BM Zum Bei­spiel, dass die Fin­ger ein­ge­bau­te Druck­sen­so­ren ha­ben. Sie hö­ren auf, sich zu be­we­gen, so­bald Sie ge­gen ein Ob­jekt grei­fen. Die Hand ver­sucht so­zu­sa­gen zu er­füh­len, wel­che Form das Ob­jekt hat.

LOH Bei ei­nem Blatt Pa­pier ...

BM ... ist das ein biss­chen witz­los. Aber bei ei­nem Wein­glas kann man das ganz schön zei­gen. ( Er geht in die Kü­che ne­ben­an, Glä­ser klir­ren, er kommt zu­rück mit ei­nem Rot­wein­glas. Die Fin­ger sur­ren.) Die Fin­ger, die oben ge­gen das Glas kom­men, hö­ren am Kelch auf, sich zu be­we­gen. Die an­de­ren be­we­gen sich wei­ter, bis sie den Glass­tiel er­rei­chen. Das sieht ins­ge­samt sehr na­tür­lich aus. Aber das Ein­zi­ge, was ich der Hand mit­ge­teilt ha­be, war: schlie­ßen. Die Hand kann sich aber in 24 un­ter­schied­li­chen Hal­tun­gen, so­ge­nann­ten Grif­fen, öff­nen und schlie­ßen.

LOH Wel­che sind die wich­tigs­ten?

BM Der Stan­dard­griff: Al­le Fin­ger be­we­gen sich nor­mal und der Dau­men steht in Op­po­si­ti­on zum Zei­ge­fin­ger. Bei ei­nem an­de­ren Griff wird nur der Zei­ge­fin­ger aus­ge­streckt, um zum Bei­spiel auf ei­ner Tas­ta­tur zu tip­pen. Der la­te­ra­le Griff, bei der die Hand ei­ne Faust macht und man mit dem Dau­men seit­lich ge­gen die Faust greift, eig­net sich, um ei­ne Kre­dit­kar­te ir­gend­wo rein­zu­ste­cken. Man kann mit be­stimm­ten Mus­kel­im­pul­sen, ähn­lich ei­nem Dop­pel­klick, sie­ben un­ter­schied­li­che Grif­fe ak­ti­vie­ren, oh­ne die App zu be­nut­zen. Die App ist al­so da­für da, aus der Bi­blio­thek der 24 Grif­fe die­je­ni­gen sie­ben aus­zu­wäh­len, die für mich ge­ra­de am nütz­lichs­ten sind.

LOH Sie ha­ben vor un­se­rem Ge­spräch den Tisch an­ge­ho­ben, um ihn nä­her ans Fens­ter zu rü­cken. Wie ist Ih­re Pro­the­se an Ih­rem Kör­per be­fes­tigt?

BM Mein Arm en­det zwei­ein­halb Zen­ti­me­ter un­ter­halb des El­len­bo­gen­ge­lenks. Der Schaft geht ein klei­nes biss­chen über den El­len­bo­gen und ist dort fest­ge­klam­mert. Au­ßer­dem steckt er in so ei­nem Si­li­kon­über­zug, der re­la­tiv fest auf der Haut klebt. Die Hand kann 90 Ki­lo­gramm Be­las­tung ver­tra­gen, bis sie bricht, aber bei die­ser Be­las­tung würd ich mir die Pro­the­se vom Arm rei­ßen. Ei­ne Kis­te Bier kann ich mit bei­den Ar­men aber schon an­he­ben.

LOH Wann neh­men Sie den Arm ab?

BM Zum Schla­fen, dann lädt der Ak­ku wie­der auf. Eben­so zum Du­schen und Schwim­men­ge­hen, Was­ser ver­trägt er nicht. Wenn ich im Fit­ness­stu­dio an Ge­rä­ten trai­nie­re, las­se ich ihn in der Re­gel dran. Aber wenn ich Aus­dau­er­sport ma­che, zum Bei­spiel beim Lau­fen, ist das nur stö­ren­des, bau­meln­des Ge­wicht.

LOH War­um ha­ben Sie sich da­für ent­schie­den, ei­nen trans­pa­ren­ten Hand­schuh zu tra­gen?

BM Als Trä­ger ei­ner Arm­pro­the­se hat man vor gar nicht all­zu lan­ger Zeit noch gar kei­ne Wahl, was die An­mu­tung an­ging. Die Stan­dar­dHand­pro­the­se, die heu­te im­mer noch von den Kran­ken­kas­sen „an­ge­dient“wird, ist ein sehr sim­ples Ge­rät. Sie be­steht aus drei Fin­gern, die sind starr und kön­nen nur zwi­schen Dau­men und Zei­ge­fin­ger grei­fen. Da­für gibt es nur haut­far­be­ne Gum­mi­hand­schu­he, so­ge­nann­te Kos­me­tik­hand­schu­he. Mei­ner Mei­nung nach ha­ben Sie den Be­griff „Kos­me­tik“aber nicht ver­dient. Sie se­hen künst­lich aus, nach Schau­fens­ter­pup­pe. Ich fand das im­mer un­an­ge­nehm. Nach au­ßen sen­det man das Si­gnal, dass man ver­sucht, die Be­hin­de­rung zu ver­ste­cken – aber es ge­lingt nicht ein­mal be­son­ders gut.

LOH Und es im­pli­ziert, dass ei­nem die Be­hin­de­rung un­an­ge­nehm ist.

BM Des­we­gen war ich heil­froh, als Touch Bio­nics mit die­sem Tech­no­lo­gie-sprung auf den Markt kam. Am An­fang hat­ten sie auch nur haut­far­be­ne Hand­schu­he im An­ge­bot. Bei der zwei­ten Ver­si­on ka­men sie auf die Idee, den Hand­schuh op­tio­nal in Halb­trans­pa­rent, so wie ich ihn tra­ge, oder Schwarz an­zu­bie­ten. Und das fin­de ich groß­ar­tig! Es ka­schiert nicht, was man ist. Man sen­det nach au­ßen nicht das Si­gnal, dass man et­was ver­ste­cken möch­te. Das ha­be ich nicht nö­tig. Das ist so ein tol­les Gad­get, vom In­dus­trie-de­sign ex­trem gut ge­lun­gen – war­um soll ich es ver­ste­cken?

LOH Sie um­ge­hen da­mit, was der ja­pa­ni­sche Ro­bo­ti­ker Ma­sa­hi­ro Mo­ri als das „Phä­no­men des un­heim­li­chen Tals“be­schrieb.

BM Ja, „The Un­can­ny Val­ley“, das Phä­no­men, dass man Tech­nik, po­si­ti­ver be­wer­tet, je men­schen­ähn­li­cher sie wird. Aber dann gibt es so ei­nen merk­wür­di­gen Be­reich, wo et­was fast echt aus­sieht, aber eben noch nicht so rich­tig. Wie Wachs­fi­gu­ren. Die sind auch im­mer ein klei­nes biss­chen da­ne­ben. Und das wirkt für die al­ler­meis­ten un­an­ge­nehm, da kriegt es so et­was Ek­li­ges. Wenn et­was sehr nah am Ori­gi­nal ist, aber noch nicht voll drauf, dann bricht die Po­si­ti­vi­tät plötz­lich ein. Die­se Del­le, die ist das un­heim­li­che Tal.

LOH Be­wah­ren Sie Ih­re al­ten Pro­the­sen auf?

BM Ei­ni­ge von den ganz al­ten sind durch Um­zü­ge ver­schütt­ge­gan­gen, bei mei­nen El­tern lie­gen auch noch wel­che. Aber ich ha­be tat­säch­lich ei­ne Schub­la­de voll mit al­ten Hän­den und Schäf­ten. Ei­ne leicht gru­se­lig an­mu­ten­de Samm­lung.

LOH Wa­ren Sie schon im­mer ein Gad­get-freak?

BM Be­reits als Kind ha­be ich mein Geld für Elek­tro­nik-schnick­schnack aus­ge­ge­ben. Ich war ei­ner der ers­ten in mei­nem Jahr­gang, der ein Han­dy hat­te. Nicht dass ich es ge­braucht hät­te, ich woll­te es aber un­be­dingt ha­ben.

LOH Im Ne­ben­raum steht ein be­ein­dru­cken­der ana­lo­ger Syn­the­si­zer.

BM Seit die elek­tro­ni­sche Mu­sik zu mei­nem Hob­by ge­wor­den ist, hat al­les, was ich mir an Gad­gets an­schaue und kau­fe, et­was da­mit zu tun. Ob das ein klei­ner Syn­the­si­zer ist oder ein DJ- Con­trol­ler zum Auf­le­gen. (Flüs­tert) Was ich da schon für Koh­le für raus­ge­hau­en ha­be ... Al­ter Fal­ter!

LOH Wie viel kos­tet Ih­re Pro­the­se?

BM So, wie ich sie hier tra­ge, et­was über 50 000 Eu­ro.

LOH Was die Kran­ken­kas­se nie zah­len wür­de.

BM Doch! Aber nur un­ter Pro­test. Die Kran­ken­kas­sen has­sen sol­che Men­schen wie mich. Das klingt jetzt ein biss­chen hart, aber als Be­trof­fe­ner fühlt sich das so an. Wenn man ei­nen An­trag auf Kos­ten­über­nah-

DIE­SE HAND IST SO EIN TOL­LES GAD­GET WAR­UM SOLL­TE ICH DAS VER­STE­CKEN? DAS HA­BE ICH NICHT NÖ­TIG

EIN ER­SATZ­TEIL DAS BES­SER IST ALS DAS ORI­GI­NAL WÄ­RE PO­TEN­ZI­ELL FÜR JE­DEN MEN­SCHEN IN­TER­ES­SANT

me stellt für ei­ne Hand­pro­the­se, bei der sich al­le Fin­ger be­we­gen kön­nen, ist die Wahr­schein­lich­keit sehr hoch, dass die Kas­se das erst ein­mal ab­lehnt und ver­sucht, ei­nem ei­ne Drei-fin­ger-stan­dard­lö­sung auf­zu­schwat­zen. Kran­ken­kas­sen müs­sen nicht das Neu­es­te be­zah­len, son­dern nur das, was „zweck­mä­ßig“ist. 2013 hat das So­zi­al­ge­richt Heil­bronn aber in ei­nem Prä­ze­denz­fall, bei dem ei­ne jun­ge Frau die Kos­ten­über­nah­me für ei­ne i-limb ha­ben woll­te, ent­schie­den: Wenn ei­ne Hand fehlt, al­so fünf Fin­ger feh­len, dann ist ein Er­satz mit fünf Fin­gern kein Lu­xus. Son­dern zweck­mä­ßig.

LOH Las­sen Sie uns hy­po­the­tisch wer­den: Wür­den Sie ei­ne Pro­the­sen­hand, die bes­ser, schnel­ler und leis­tungs­fä­hi­ger als ei­ne na­tür­li­che Hand ist, ab­leh­nen?

BM Nein, na­tür­lich nicht! Ich will das Bes­te, was auf dem Markt ist, um ma­xi­mal funk­ti­ons­fä­hig zu sein. Mein Traum ist es, mit zwei Hän­den Kla­vier spie­len zu kön­nen. Dass ich das nicht kann, är­gert mich wirk­lich. Und nun stel­len Sie sich vor, ich könn­te mit so ei­ner Pro­the­se bes­ser Kla­vier spie­len als Men­schen mit zwei na­tür­li­chen Hän­den! Das wä­re doch su­per!

LOH Für Her­stel­ler wä­ren sol­che Su­per-er­satz­tei­le si­cher lu­kra­tiv.

BM Mo­men­tan sind Pro­the­sen, die we­ni­ger gut sind als das Ori­gi­nal, nur für die we­ni­gen in­ter­es­sant, die ei­ne Be­hin­de­rung oder Be­ein­träch­ti­gung ha­ben. Ein klei­ner Markt. Wenn es ei­nem Me­di­zin­tech­nik­her­stel­ler ge­lingt, ein Er­satz­teil zu bau­en, das „bes­ser“ist als das Ori­gi­nal, wä­re die­ses Pro­dukt po­ten­zi­ell für je­den Men­schen in­ter­es­sant. Denn am En­de geht es vor al­lem um ei­nes: Geld.

LOH Ver­läuft dort die kri­ti­sche Gren­ze: zwi­schen „re­kon­stru­ie­ren“und „op­ti­mie­ren“?

BM Und die­se Gren­ze soll­te man auch be­nen­nen: Das ei­ne ist The­ra­pie, und das be­deu­tet im Be­reich Pro­the­tik: ei­ne tech­ni­sche In­ter­ven­ti­on, die dar­auf ab­zielt, ei­ne Fä­hig­keit, die un­ter­halb der Norm liegt – wie auch im­mer man sie de­fi­niert – in Rich­tung Norm zu brin­gen. Bei the­ra­peu­ti­schen An­sät­zen kann ich beim bes­ten Wil­len kei­ne ethi­schen Pro­ble­me er­ken­nen. Aber wenn ei­ne tech­ni­sche In­ter­ven­ti­on an ei­nem Kör­per an­setzt, der mit sei­nen Fä­hig­kei­ten in­ner­halb der Norm liegt, mit dem Ziel, die Fä­hig­kei­ten die­ses Kör­pers über die Norm hin­aus­zu­brin­gen, be­fin­den wir uns im En­han­ce­ment-dis­kurs. Und da gibt es vie­le, zum gro­ßen Teil be­rech­tig­te Vor­be­hal­te.

LOH Wie den­ken Sie dar­über?

BM Nun, das bes­te Ana­lo­gon ist für mich die Schön­heits­chir­ur­gie. Na­tür­lich gibt es Men­schen, die durch Krank­heit, Un­fall et ce­te­ra ent­stellt wer­den. Da ist klar, dass Plas­ti­sche Chir­ur­gie ei­nen the­ra­peu­ti­schen Nut­zen hat. Aber ei­ne Men­ge Men­schen ge­hen mit ei­nem Kör­per, der in­ner­halb der Norm liegt, zum Chir­ur­gen, um sich über die Norm hin­weg zu ver­bes­sern. Plas­ti­sche Chir­ur­gie ist ein äs­the­ti­sches En­han­ce­ment. Es ist ei­ne Zu­kunft denk­bar, in der es ein funk­tio­na­les En­han­ce­ment gibt. Wer­den das al­le ma­chen? Nein. Auch heu­te ge­hen nicht al­le, die es sich leis­ten könn­ten, zum Schön­heits­chir­ur­gen.

LOH Den­noch hat Schön­heits­chir­ur­gie ei­nen Ein­fluss auf Nor­men.

BM Ganz ge­nau. Auf das, was als schön gilt: Schön­heits­idea­le. Ähn­li­che Din­ge sind in ei­ner hy­po­the­ti­schen Zu­kunft, in der es En­han­ce­ment gibt, auch denk­bar. Je mehr Men­schen sich en­han­cen, des­to mehr ver­schiebt sich auch die Norm, al­so der ge­sell­schaft­li­che Durch­schnitt. Ein ein­fa­ches Bei­spiel: Mei­ne Pro­the­se als Gan­zes kann we­ni­ger als ei­ne Hand aus Fleisch und Blut. Aber: Ich kann das Hand­ge­lenk um 360 Grad dre­hen. Das ist ei­ne Fä­hig­keit, die über die Norm hin­aus­geht. Das kön­nen Sie nicht! Im All­tag hat das kei­nen wirk­li­chen Nut­zen, aber es taugt als Ge­dan­ken­ex­pe­ri­ment. Die Gren­zen wer­den in Zu­kunft flie­ßend sein.

LOH In Schwe­den hat ei­ne Fir­ma ih­ren An­ge­stell­ten klei­ne RFIDChips un­ter die Haut set­zen las­sen, mit de­nen sie Tü­ren öff­nen kön­nen, den Ko­pie­rer be­die­nen oder in der Kan­ti­ne be­zah­len. An­de­re im­plan­tie­ren sich ei­ne Art Kom­pass, der vi­briert, wenn sie sich Rich­tung Nor­den aus­rich­ten. Wo hört der Spaß auf?

BM Ei­ne schwie­ri­ge Fra­ge. Es geht ja auch um die Selbst­be­stim­mung über den ei­ge­nen Kör­per. Wenn sich je­mand von oben bis un­ten tä­to­wie­ren oder pier­cen las­sen will, muss ich das nicht schön fin­den, aber das geht mich nichts an. Und wenn Leu­te sich RFID- Chips in die Hand pflan­zen las­sen, muss ich das nicht gut fin­den, al­ler­dings ha­be ich auch kei­ne Hand­ha­be, um zu sa­gen: Das geht nicht. Es gibt aber ei­ne me­di­zi­nethi­sche und ju­ris­ti­sche Gren­ze, der ich mich an­schlie­ße: Wenn Men­schen an­fan­gen, ih­ren Kör­per zu ver­stüm­meln, um Platz zu schaf­fen für Tech­nik.

LOH Was hal­ten Sie von Wis­sen­schaft­lern wie Hugh Herr, der am MIT an re­ge­ne­ra­ti­ven Kör­per­tei­len forscht und ver­kün­det: „Wir wer­den jen­seits des­sen ge­hen, was die Na­tur vor­ge­se­hen hat.“?

BM Ja, ja, die Trans­hu­ma­nis­ten … Wenn man die­se Leu­te fragt, was das ul­ti­ma­ti­ve Ziel bei der Selbst­ver­bes­se­rung des Men­schen durch Tech­nik ist, nen­nen vor al­lem die Ex­tre­mis­ten: die Uns­terb­lich­keit. Das sind die Träu­me von Men­schen, die mei­nen, dass sie selbst zum Ster­ben zu scha­de sind. Was für ein nar­ziss­ti­scher Quatsch!

LOH Das ewi­ge Le­ben reizt Sie nicht?

BM Ich fin­de es gut und wich­tig, dass ich ir­gend­wann ster­ben wer­de. Das gibt dem Gan­zen ei­ne ge­wis­se Per­spek­ti­ve und De­mut.

LOH Wer­den Sie sich mit Ih­rer Pro­the­se be­er­di­gen las­sen?

BM Ich bin kein re­li­giö­ser Mensch. Was da be­er­digt wird, ist mei­ne ver­we­sen­de, fleisch­li­che Hül­le, was soll ich da teu­re Tech­nik mit ins Gr­ab ge­ben. Viel­leicht kann das noch je­mand an­de­res ge­brau­chen. Und falls ich mich ver­bren­nen las­se – war­um soll­te ich das Kre­ma­to­ri­um da­mit be­las­ten? In­so­fern: Nein, ich glau­be nicht.

Ein Ge­spräch über Pro­the­tik, Äs­t­he­tik und Ethik

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