Na­tur­ge­wal­ten und ge­wal­ti­ge Na­tur in neu­en Per­spek­ti­ven Fo­tos: Uli Wies­mei­er

Na­tur­ge­wal­ten und ge­wal­ti­ge Na­tur. Kon­tras­te, ge­schaf­fen von der Ge­schich­te un­se­res Pla­ne­ten. Bil­der und Bli­cke, die neue Per­spek­ti­ven er­öff­nen

L'Officiel Hommes Germany - - Inhalt - text STE­FAN KÖ­NIG fo­tos ULI WIES­MEI­ER

WWenn der Tou­ris­mus wirk­lich ei­ne Tod­sün­de ist, wie der be­rühm­te Film- und Opern­re­gis­seur Wer­ner Her­zog ein­mal ge­sagt hat, dann muss das für die sen­si­ble Na­tur­re­gi­on Al­pen in ganz be­son­de­rem Ma­ße gel­ten. Doch wür­de man es sich all­zu leicht ma­chen, nur je­ne in den Tou­ris­mus­topf zu wer­fen, die mit der Mas­se kom­men, die In­di­vi­dua­lis­ten, al­so die Berg­stei­ger, hin­ge­gen gänz­lich frei­zu­spre­chen. Tou­ris­ten, das sind nicht nur die an­de­ren. Tou­ris­ten sind wir al­le.

Der Frem­den­ver­kehr in den Ber­gen be­gann im Al­pen­raum (zeit­li­che Par­al­le­len fin­den sich bei den nord­ame­ri­ka­ni­schen Na­tio­nal­parks) und wur­de erst spä­ter, vor­nehm­lich in Form des Trek­kings, auf die An­den, auf Hi­ma­la­ja und Ka­ra­ko­rum über­tra­gen. Der Start­schuss fiel um die Mit­te des 19. Jahr­hun­derts – in der so­ge­nann­ten gol­de­nen Zeit des Al­pi­nis­mus. Je­ner Zeit, in der Män­ner aus wohl­ha­ben­de­ren Krei­sen, die über fi­nan­zi­el­le Mit­tel und freie Zeit ver­füg­ten, die gro­ßen Al­pen­gip­fel zu ih­ren Zie­len er­ko­ren: die Vier­tau­sen­der im Wes­ten, die mar­kan­ten Do­lo­mi­ten im Süd­os­ten. Sie be­nö­tig­ten Un­ter­kunft, Ver­kös­ti­gung, Füh­rer und Trä­ger. Sie en­ga­gier­ten Berg­bau­ern, Hir­ten, Jä­ger, um von ih­nen bei den Vor­stö­ßen in die un­wirt­li­che hoch­al­pi­ne Re­gi­on den – noch un­er­schlos­se­nen– Weg ge­wie­sen zu be­kom­men oder an­der­wei­ti­ge Un­ter­stüt­zung zu er­hal­ten. Sie nah­men Quar­tier in den tief im Ge­bir­ge lie­gen­den Ort­schaf­ten, wo man sich, wie zum Bei­spiel in Zer­matt oder im Gröd­ner­tal, rasch auf die neue Ein­kom­mens­quel­le ein­stell­te. Gast­häu­ser er­wei­ter­ten ihr bis­lang noch eher schlich­tes An­ge­bot, Ho­tels ent­stan­den, und dank der Kun­de von spek­ta­ku­lä­ren Berg­tou­ren nahm auch die Be­su­cher­zahl im­mer mehr zu: Wer es sich leis­ten konn­te, woll­te selbst ein­mal am Fuß sol­cher Ber­ge ste­hen und wenn schon nicht selbst hin­auf­stei­gen, so doch we­nigs­tens hin­auf­schau­en, zum Mat­ter­horn oder zum Lang­kofel, zum Montblanc oder zu den Va­jo­let-tür­men.

Die et­wa gleich­zei­tig vor­an­schrei­ten­de Ver­kehrs­in­fra­struk­tur in den Al­pen – die Ei­sen­bahn er­schloss Re­gi­on um Re­gi­on und ver­kürz­te das bis da­hin lang­wie­ri­ge An­rei­sen er­heb­lich – sorg­te zu­sätz­lich da­für, dass die Ber­ge in Mo­de ka­men. Bald wur­den vor­al­pi­ne Re­gio­nen zu Nah­er­ho­lungs­ge­bie­ten für die Men­schen aus den Städ­ten. Die Som­mer­fri­sche, der Auf­ent­halt auf dem Land und in der Hö­he, wur­de zum Be­griff – im­mer mehr Fa­mi­li­en freu­ten sich auf die­se Aus­zeit vom All­tag.

Kein Wun­der, dass sich Berg­dör­fer, die bis da­hin aus­nahms­los bäu­er­lich ge­prägt wa­ren, ver­än­der­ten. Der frü­he Al­pen­tou­ris­mus brach­te Er­leich­te­rung, nahm dem Le­ben am En­de der Tä­ler et­was von der Här­te, die seit Jahr­hun­der­ten un­ver­än­dert ge­blie­ben war. Neue Per­spek­ti­ven, un­ge­ahn­te Chan­cen ka­men in die Tä­ler.

Ei­ne we­sent­li­che Rol­le bei der ra­schen tou­ris­ti­schen Ent­wick­lung spiel­te auch die Grün­dung der al­pi­nen Ver­ei­ne. Die Ver­brei­tung der al­pi­nis­ti­schen Idee durch Zeit­schrif­ten wie „Die Gar­ten­lau­be“oder die „Deut­sche Al­pen­zei­tung“leis­te­te zu­dem gro­ßen Vor­schub. Und dann na­tür­lich die da­mals noch so neu­en Me­di­en Fo­to­gra­fie und Film. Das Bild vom Ge­bir­ge fand ra­sant Ver­brei­tung, und es weck­te Sehn­süch­te und Be­gehr­lich­kei­ten. Wenn Ar­nold Fanck in den 1920er-jah­ren sei­ne Berg­fil­me in die Licht­spiel­thea­ter der gro­ßen Städ­te brach­te – tau­send Plät­ze wa­ren kei­ne Sel­ten­heit –, dann hat­ten wahr­schein­lich 995 der tau­send Zu­schau­er so et­was noch nie ge­se­hen: zer­klüf­te­te Eis­brü­che und stur­mum­tos­te Gip­fel; Berg­stei­ger, die über Glet­scher­spal­ten spran­gen; Klet­te­rer, die ei­nen Stür­zen­den mit blo­ßer Kör­per­kraft zu hal­ten ver­moch­ten. Wel­che Aben­teu­er wür­de es dort, in den Al­pen, doch zu er­le­ben ge­ben? Der Berg rief (um den Ti­tel ei­nes be­rühm­ten Fil­mes leicht ab­zu­wan­deln). Er rief – und die Men­schen ka­men fort­an in rau­en Men­gen. In der zwei­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts mu­tier­te der Al­pen­tou­ris­mus mehr und mehr zur In­dus­trie – zum Markt. Nicht im­mer und nicht über­all, aber lei­der all­zu oft. Der An­sturm der Men­schen­mas­sen im Som­mer und noch viel stär­ker im Win­ter hat be­dau­er­li­cher­wei­se zum (Teil-)ver­lust von Tra­di­ti­on, Kul­tur und Un­ver­wech­sel­bar­keit ge­führt. Zu­ge­spitzt ge­sagt: Zwi­schen Après-ski in den Al­pen und Bal­ler­mann auf Mallor­ca sind die Über­gän­ge flie­ßend.

Schrei­tet die­se Ent­wick­lung wei­ter fort, ver­wan­deln sich die Al­pen suk­zes­si­ve in ei­nen Frei­zeit- und Fun­park mit im­mer neu­en, künst­li­chen At­trak­tio­nen – Dis­ney­land lässt grü­ßen, und die Be­spa­ßung der der Na­tur ent­frem­de­ten Gäs­te läuft auf Höchst­tou­ren.

Ge­mäß dem Wis­sen, dass je­der Trend ei­nen Ge­gen­trend er­zeugt, je­de Be­we­gung ih­re Ge­gen­be­we­gung her­vor­ruft, gibt es glück­li­cher­wei­se auch die Rück­be­sin­nung auf die Ein­fach­heit und die Na­tur. Ort­schaf­ten, die sich dem Wett­lauf um das At­tri­but „größ­ter Tru­bel“ver­wei­gern und auf den so­ge­nann­ten sanf­ten Tou­ris­mus set­zen. Da­zu Kul­tur­in­itia­ti­ven, die wie ra­re Berg­blu­men vor al­lem über­all dort zu­ta­ge tre­ten, wo die al­pi­ne Kul­tur dem Un­gleich­ge­wicht von Hei­mat­be­wusst­sein und Ver­mark­tung zum Op­fer zu fal­len droht. Ein Ge­gen­pol zur durch­or­ga­ni­sier­ten Kom­mer­zia­li­sie­rung. Ei­ne Trotz­re­ak­ti­on auf die Vor­herr­schaft des Mas­sen­ge­schmacks.

Berg­luft: Plan­see, Am­mer­gau­er Al­pen, Bay­ern, Deutsch­land, 2016

„Berg…“Die Al­pen in 16 Be­grif­fen: Gran­dio­se Bil­der von Mensch und Berg. Uli Wies­mei­er, zeigt in die­sem her­aus­ra­gen­den Bild­band Berg­wel­ten, wie sie noch nie zu se­hen wa­ren. Wies­mei­er sam­mel­te da­zu 16 Be­grif­fe mit dem Prä­fix Berg …, de­ren fo­to­gra­fi­sche In­ter­pre­ta­ti­on ihn reiz­te. Die Ber­ge un­ver­stellt und un­ge­fil­tert. Be­we­gen­de Berg­fo­to­gra­fie in ein­zig­ar­ti­ger Bild­spra­che. Kne­se­bek, 328 Sei­ten mit 250 Abb., 75 Eu­ro, ab 21.9.

Lang­kofel­grup­pe, Do­lo­mi­ten, Tren­ti­no, Ita­li­en, 2008

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