Vi­nyl-plat­ten­spie­ler für Fort­ge­schrit­te­ne Von Se­bas­ti­an Mar­ti­nez

Au­dio­phi­lie ist dank des Vi­nyl- Come­backs kei­ne un­still­ba­re Zwangs­neu­ro­se mehr, son­dern die Chan­ce für pracht­vol­le Plat­ten­spie­ler. Voi­là, ein Quin­tett …

L'Officiel Hommes Germany - - Inhalt - Text SE­BAS­TI­AN MAR­TI­NEZ

Wer heu­te als min­des­tens Halb­hun­dert­jäh­ri­ger sein Da­sein fris­tet, der hat als Pho­no­soph zwangs­läu­fig al­le tech­no­lo­gi­schen Up and Downs mit­er­lebt, was ana­lo­ge und di­gi­ta­le Mu­sik­ge­nüs­se an­geht. Und wer wie ich im Sü­den der Re­pu­blik groß wur­de, für den war al­les zu­nächst ein­mal ein dua­les Er­leb­nis. Das Lo­go mit den vier Buch­sta­ben des Schwarz­wäl­der Plat­ten­spie­ler­her­stel­lers Du­al war ei­nem schon im Kr­ab­bel­al­ter so ge­läu­fig, dass es der In­be­griff des Wun­ders war, dass schwar­ze schil­lern­de Schei­ben aus bun­ten Hül­len sich auf ei­ner klei­nen qua­dra­ti­schen Ma­schi­ne nur schnell dre­hen muss­ten, um dann von ei­ner Na­del an­ge­kratzt zu wer­den, die plötz­lich Mu­sik her­zau­ber­te: Spä­te Beat­les-al­ben, Bachs Bran­den­bur­gi­sche Kon­zer­te, ar­gen­ti­ni­sche Tan­goschwer­mut. Ein ty­pi­scher Klang­tep­pich, wie er für Ba­by­boo- mer in aka­de­mi­schen Haus­hal­ten um 1970 ge­knüpft wur­de. „Schall­plat­ten“, wie es da­mals noch hieß, wa­ren die Wäh­rung, mit der man schon im Grund­schul­al­ter Iden­ti­tät und In­di­vi­dua­lis­mus ge­nau­so be­wei­sen konn­te wie Uni­for­mi­tät oder An­ge­passt­sein. Wer zu de­nen ge­hör­te, die LPS von K-tel oder Ar­ca­de zu Klas­sen­fe­ten an­schlepp­ten, zähl­te zum Sound­p­re­ka­ri­at. Wer aber Al­ben von Ge­ne­sis, Pro­col Har­um, Emer­son, La­ke & Pal­mer, Pink Floyd in die erd­nuss­flips­ver­seuch­ten und nach sü­ßer Bow­le müf­feln­den Par­ty­kel­ler mit­brach­te, wur­de bei den hu­ma­nis­tisch ge­bil­de­ten tanz­wil­li­gen Te­ens schwer ge­ach­tet. Und wenn die El­tern dann noch ei­nen Braun „Ste­reo Plat­ten­spie­ler“be­reit­ge­stellt hat­ten, der die­se kraft­vol­len Klän­ge über­trug, wa­ren al­le in je­der Hin­sicht ganz high-fi­del.

Der Zeit­sprung könn­te hef­ti­ger nicht sein. Mehr als 40 Jah­re spä­ter. Im „Neu­land“von Mer­kels Gna­den. Walk­man, Di­scman, DCC, CD, mp3, Cloud – auch al­les schon ir­gend­wie Ge­schich­te. Da­für häu-

fen sich seit Jah­ren die nost­al­gie­trie­fen­den und an­fangs von sub­kul­tu­rel­len In­die-la­bels be­feu­er­ten Come­back- Ge­schich­ten für Vi­nyl & Co. Da­bei wa­ren es die En­tre­pre­neu­re der di­gi­ta­len Ver­gäng­lich­keitsMu­sik, die dem Po­ly­vi­nyl­chlo­rid zu ei­ner Re­nais­sance ver­hal­fen, die der­zeit das Lu­xus­seg­ment im Hi-fi- Ge­nuss durch­ein­an­der­wir­belt. Disc­jo­ckeys, die ih­ren Job wei­ter old­school wort­ge­treu als Schall­plat­ten­auf­le­ger über­setz­ten, woll­ten von Turn­ta­bles und se­lek­ti­ver Vi­nyl­wa­re ein­fach nicht ab­las­sen. Ge­nervt vom Po­ser­ge­ha­be ab­ge­half­ter­ter Big­bro­ther- Pro­mis, die dank DJ- Gra­tisapps Lo­ops, Cross­fa­ding, Track Syn­cing so hin­be­kom­men, dass sie als ve­ri­ta­ble Di­gi­tal­mi­xer un­fall­frei Groß­raum- Clubs be­schal­len kön­nen. Doch spä­tes­tens seit ana­lo­ges Knis­tern in di­gi­ta­le Sound­wa­re ge­mixt wird, ist die vi­nyle Sehn­sucht auch für die Kon­su­men­ten­mas­se un­über­hör­bar.

Aus dem tsche­chi­schen Dorf Lo­dě­nice geht die Wa­re in die Welt. Hier steht mit Gra­mo­fo­no­vé závo­dy Me­dia (GZM) das welt­größ­te Press­werk. Wa­ren es zum Tief­punkt in den 1990ern ge­ra­de mal 400 000 LPS pro Jahr, so wird das ver­meint­li­che Ni­schen­pro­dukt in- zwi­schen von 350 Mit­ar­bei­tern im Vier­schicht­be­trieb mehr als 20 Mil­lio­nen mal pro­du­ziert. Im Mi­nu­ten­takt ver­las­sen rand­voll mit Vi­nyl-plat­ten ge­pack­te 38-Ton­ner den Werks­hof. Sound­pu­ris­ten schwö­ren auf das drei­di­men­sio­na­le Klang­er­leb­nis. So wie der Sound von In­stru­men­ten und Stim­men als schwin­gen­de Fre­qenz­wel­len über­tra­gen wer­den, bleibt bei der Wie­der­ga­be ei­ner Schall­plat­te der hoch­fre­quen­te Ober­ton­be­reich be­ste­hen. Au­then­ti­zi­tät als Er­geb­nis statt mu­si­ka­lisch- di­gi­ta­ler Fake News. Und zu­dem die Vi­nyl-lp als das letz­te Me­di­um, das un­ver­gäng­lich die Da­ten zu­ver­läs­sig spei­chert.

Und da nicht al­le die Chan­ce ha­ben, ih­re al­ten Tech­nics-djTurn­ta­bles, Tho­rens, Brauns oder Du­als wie­der­zu­be­le­ben, bil­det sich zwi­schen Kick­star­ter und Crowd­fun­dern auf der ei­nen und Lu­xusHigh-end-an­bie­tern auf der an­de­ren Sei­te ein neu­es Plat­ten­spie­lerU­ni­ver­sum. Sie eint das Ziel, der he­te­ro­ge­nen wie an­spruchs­vol­len Nut­zer­ge­mein­de in­di­vi­du­el­le und höchst­wer­ti­ge Lö­sun­gen zum ana­lo­gen Klang­kon­sum zu bie­ten. Ge­nia­le Ide­en, die auch den Ba­by­boo­mer ver­zü­cken. Und so­gar Len­non/mccart­ney klin­gen wie­der echt …

Oben – deutsch: Das „Mas­sel­auf­werk L-1“mit zwei Ton­ar­men von Sper­ling Au­dio, ca. 60 Ki­lo, ab 29 750 Eu­ro – sper­ling-au­dio.de Lin­ke Sei­te – li­mi­tiert: „The Run­well Turn­ta­ble“von Shi­no­la aus De­troit/usa, 500 Ex­em­pla­re, ca. 2500 Us-dol­lar – shi­no­la.com

Schmückt: „ON“(be­deu­tet „old“und „new“) von Gi­u­sep­pe Pin­to ist der ers­te „Plug & Play“-plat­ten­spie­ler auf 300 Ex­em­pla­re li­mi­tiert – gpin­to.it/en.html

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