Je­an Paul Gaul­tiers er­folg­reichs­ter Her­ren­duft geht ins Gym Von Hans Bus­sert

Je­an Paul Gaul­tiers er­folg­reichs­ter Her­ren­duft geht in den Gym. Le Mâ­le ist jetzt noch kräf­ti­ger, noch ver­füh­re­ri­scher

L'Officiel Hommes Germany - - Inhalt - text HANS BUS­SERT

MMan kann sich die­sem Duft auf kul­tur­wis­sen­schaft­li­che Art nä­hern: Der Fla­kon in Form ei­nes aus­trai­nier­ten Män­ner­ober­kör­pers – ei­ne Hom­mage an die Zeich­nun­gen Je­an Coc­teaus. Das Ma­tro­sen­leib­chen, in dem die­ser Tor­so lan­ge steck­te, na­tür­lich zi­tiert es Je­an Ge­nets skan­dal­um­wit­ter­ten See­manns­ro­man „Que­rel­le“. Und für die ziem­lich kit­schi­gen Wer­be­kam­pa­gnen, die den Duft seit je­her be­glei­ten, scheint Su­san Son­tags be­rühm­ter Es­say „No­tes on Camp“von 1964 die Stich­wor­te ge­lie­fert zu ha­ben.

Oder man be­trach­tet sei­nen un­glaub­li­chen Er­folg: Je­an Paul Gaul­tiers Le Mâ­le ist ein Top­sel­ler un­ter den Her­ren­düf­ten. Seit mehr als zwan­zig Jah­ren grei­fen Män­ner – und ih­re Freun­din­nen, Ehe­frau­en, Part­ner – in der Par­fü­me­rie nach der ge­rif­fel­ten Me­tall­do­se, in der er ver­kauft wird. Kei­ne schlech­te Leis­tung. Im Ge­gen­teil: In Zei­ten wech­sel­haf­ter Duft­mo­den und der da­mit ein­her­ge­hen­den kur­zen Le­bens­dau­er von teu­er ent­wi­ckel­ten Parfums ist das ei­ne Sen­sa­ti­on.

Da­bei ent­sprach das, was da 1995 auf den Markt kam, selbst so gar nicht den vor­herr­schen­den Riech­ge­wohn­hei­ten. Die Neun­zi­ger wa­ren ei­gent­lich die Zeit der leich­ten, fri­schen Unisex-düf­te. Aber Fran­cis Kurk­di­jan war eben auch erst 25, als er Le Mâ­le kre­ierte. Der Trainee des Par­fum­her­stel­lers Qu­est In­ter­na­tio­nal hat­te ge­ra­de sei­ne Aus­bil­dung zum Par­fü­meur be­en­det, als er be­gann, an die­sem „Stu­den­ten­pro­jekt“zu ar­bei­ten. Für ihn war es zu­nächst nur ein Ver­such – er glaub­te nicht, sich durch­set­zen zu kön­nen ge­gen die vie­len Pro­fi­nasen, die auch um die­sen Auf­trag war­ben.

Frei von Zwän­gen trat Kurk­di­jan ei­ne olfak­to­ri­sche Rei­se in die Ver­gan­gen­heit an. Der Haupt­ak­kord sei­nes Dufts ist La­ven­del – ein Ge­ruch wie aus ei­nem Her­ren­sa­lon in den Fünf­zi­gern. Er evo­ziert ei­nen sich pfle­gen­den Mann. Ein biss­chen re­tro, aber auf je­den Fall sehr sau­ber. Da­zu misch­te er Va­nil­le. Die­se Kom­bi­na­ti­on war auch da­mals nicht wirk­lich neu. Doch Kurk­di­jan motz­te den aro­ma­ti­schen La­ven­del mit Min­ze auf und gab der Va­nil­le mit viel Am­ber ein Stück Sinn­lich­keit. So ent­stand ein Par­fum von raum­fül­len­der Reich­wei­te und Durch­schlags­kraft, der man sich nur schwer ent­zie­hen kann.

„Dass ein ori­en­ta­li­scher Duft wie Le Mâ­le so ei­nen brei­ten Er­folg in der Män­ner­welt hat, fas­zi­niert mich,“so Hel­der Suff en­plan, der Grün­der von Scen­tu­ry.com. Er in­ter­es­siert sich seit sei­ner Kind­heit für Düf­te und er­zählt mit Scen­tu­ry die Ge­schich­ten hin­ter den Parfums. Für ihn ist Le Mâ­le ein be­son­de­rer Duft, der zwar auch po­la­ri­siert, aber noch mehr be­geis­tert: „Viel­leicht liegt das an der an­geb­lich ge­ra­de­zu ma­gi­schen Wir­kung auf Frau­en. Die­ser zu glei­chen Tei­len sau­be­re und ap­pe­tit­li­che Duft hat nichts Ab­grün­di­ges und Dre­cki­ges – da ist nichts, das ei­nem Angst ma­chen könn­te.“

Wahr­schein­lich ist es ge­nau das, was dem Par­fum sei­ne ver­füh­re­ri­sche Wir­kung ver­leiht: Bei all dem Spiel mit männ­li­cher Se­xua­li­tät – und hier kann ger­ne wie­der die kul­tur­wis­sen­schaft­li­che Per­spek­ti­ve be­müht wer­den – Frau­en mö­gen den Duft, weil sie sich mit ihm und sei­nem Trä­ger wohl­füh­len. Le Mâ­le ist nichts für kin­ky One-nigh­tStands, Le Mâ­le ist ein Be­schüt­zer­typ. Ei­ner, mit dem man lan­ge zu­sam­men­bleibt. Si­cher ist es nur ein Zu­fall, aber mit dem Wis­sen um Le Mâq­les Ba­sis­no­te aus Va­nil­le ist es zu­min­dest ei­ne schö­ne Ko­in­zi­denz, dass „Va­nil­la­sex“im Jar­gon der BDSM-SZE­NE für Ge­schlechts­ver­kehr oh­ne sa­do­ma­so­chis­ti­sche oder fe­ti­schis­ti­sche Prak­ti­ken steht.

Da­bei ist Je­an Paul Gaul­tier, 65, doch das so­ge­nann­te En­fant ter­ri­b­le der Mo­de­bran­che. Der De­si­gner ent­warf Ma­don­nas le­gen­dä­ren Ke­gel-bh und be­dach­te Mo­de­re­dak­teu­re zu Weih­nach­ten auch mal mit le­ben­den Trut­häh­nen. Aber auch ein Punk hat schließ­lich sei­ne sof­ten Sei­ten – vor al­len Din­gen kommt er ir­gend­wann mal zur Ru­he. Wenn jetzt al­so ein Up­date von Le Mâ­le lan­ciert wird, dann ist es auch in­ter­es­sant zu se­hen, wie ei­ner der er­folg­reichs­ten Düf­te al­ler Zei­ten – ja ge­nau das: mit der Zeit geht.

Le Mâ­le Es­sence de Par­fum, des Top­sel­lers neu­es­ter „Flan­ker“(so nennt man die Spin-offs er­folg­rei­cher Düf­te), ist wirk­lich an­ders. Das be­ginnt schon mit dem Tor­so des Fla­kons, der – jetzt oh­ne Ma­tro­sen­hemd – deut­lich brei­te­re Schul­tern und auch ei­ne schma­le­re Hüf­te hat. Mann geht halt in den Gym. Der Duft selbst ba­siert wei­ter­hin auf der Kom­bi­na­ti­on von La­ven­del und Va­nil­le, be­kam aber zu­sätz­lich ei­nen Sprit­zer Zi­tro­ne ab. Zu­dem wur­de im La­bor an den Reg­lern mit den Aro­men für Le­der und Holz ge­dreht – oh­ne ins Ver­ruch­te ab­zu­dre­hen. Sei­ne Rein­heit, sei­ne Soft­ness hat der Duft be­hal­ten. La­dys dür­fen al­so angst­frei blei­ben: Le Mâ­le ist wei­ter­hin ein Mann fürs Le­ben.

Der Duft­spe­zia­list Hel­der Suf­fen­plan ist sich si­cher: „Le Mâ­le ist Teil un­se­rer olfak­to­ri­schen Welt und wird es auch noch lan­ge blei­ben. Ei­nen Duft zu er­schaf­fen, der über Jahr­zehn­te er­folg­reich ist, das muss ei­nem erst mal ge­lin­gen.“Und so wird auch Le Mâ­le in sei­ner neu­es­ten Ite­ra­ti­on, als Es­sence de Par­fum, Män­ner und de­ren Fans nach­hal­tig be­geis­tern. Da­zu braucht es kei­nen Ab­schluss in Kul­tur­wis­sen­schaf­ten: Coc­teau, Ge­net, Son­tag – sie al­le ver­blas­sen, wenn es um die blo­ße An­zie­hungs­kraft, die ex­tre­me Po­wer die­ses Dufts geht.

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