Das neue Bay­ern, grün wie nie

Jahr­zehn­te­lang war Bay­ern so et­was wie das Ei­gen­tum der CSU. Das dürf­te sich am Sonn­tag än­dern: Den Grü­nen pro­gnos­ti­zie­ren die De­mo­sko­pen das bes­te Wah­l­er­geb­nis al­ler Zei­ten. Zugleich wird der Land­tag po­li­tisch so zer­split­tert sein wie noch nie in der Ges

Märkische Allgemeine - - BLICKPUNKT - Von Daniela Va­tes

Viel­leicht ha­ben die Um­fra­ge­insti­tu­te ein­fach nur die fal­schen Leu­te an­ge­ru­fen. Nicht Mar­kus Sö­der zum Bei­spiel. „Ich bin nicht ge­fragt wor­den“, hat der die­se Wo­che ge­sagt, auf ei­ner Wahl­kampf­ver­an­stal­tung. Er hat ver­si­chert, dass er „so­fort ei­ne gu­te Stel­lung­nah­me ab­ge­ge­ben“hät­te.

Es war ein Witz. Aber ei­ner, über den vie­le in der CSU nicht so rich­tig la­chen kön­nen.

Der „My­thos Bay­ern“ste­he vor dem Aus, war­nen vie­le Christ­so­zia­le. Und ei­gent­lich mei­nen sie den My­thos CSU.

Meist konn­te die CSU Bay­ern al­lein re­gie­ren. Am Sonn­tag aber dürf­te nicht nur die ab­so­lu­te Mehr­heit kip­pen. Im neu­en Land­tag könn­ten, ein Re­kord, bis zu sie­ben Frak­tio­nen sit­zen.

Deutsch­land blickt auf das En­de ei­nes his­to­ri­schen Son­der­falls.

Lan­ge hat sich die CSU mit Bay­ern gleich­ge­setzt. Die Par­tei be­an­spruch­te das Weiß-Blau der baye­ri­schen Flag­ge, und sie über­nahm ei­nen der bei­den Lö­wen aus dem baye­ri­schen Staats­wap­pen. „Lö­we und Rau­te“, so heißt bis heu­te die Kan­ti­ne in der CSU-Zen­tra­le. Im CSU-On­li­ne­shop gibt es Weiß­bier­glä­ser mit Ka­ro und Raub­tier in „ätzwei­ßem Auf­druck“. Füll­men­ge: 0,5 Li­ter.

In Bonn und spä­ter in Ber­lin war die CSU die klei­ne Schwes­ter­par­tei der CDU, zu Hau­se warb sie mit dem Al­lein­ver­tre­tungs­an­spruch für das Land, mit der Fä­hig­keit nicht zum Aus­gleich, son­dern zur Kom­pro­miss­lo­sig­keit.

Da­bei hat das Mot­to der Ei­gen­stän­dig­keit und des Ei­gen­sinns einst so­gar ein So­zi­al­de­mo­krat ge­setzt. „Frei­staat“nennt sich Bay­ern bis heu­te stolz. Sach­sen und Thü­rin­gen ha­ben sich dar­an ein Vor­bild ge­nom­men. Aus­ge­ru­fen hat die­sen „Frei­en Volks­staat“vor 100 Jah­ren der Schrift­stel­ler und An­füh­rer der No­vem­ber­re­vo­lu­ti­on, Kurt Eis­ner. Er war sein ers­ter Mi­nis­ter­prä­si­dent, vier Mo­na­te lang.

Kö­nig­reich ist Bay­ern zu­vor ge­we­sen, und auch die­se Ge­schich­te hat ih­ren An­teil an die­sem Ge­fühl der baye­ri­schen Be­son­der­heit, ge­nau­so wie im­mer noch der wi­der­wil­li­ge Bei­tritt zum preu­ßisch do­mi­nier­ten Deut­schen Reich 1871. Bay­ern be­hielt Post- und Ei­sen­bahn­rech­te und ei­ne ei­ge­ne Ar­mee. Das mit Hin­ga­be ge­pfleg­te Feind­bild „die Preu­ßen“blieb bis heu­te, ge- nau­so wie die Sehn­sucht nach Ab­spal­tung.

Es gibt den Ver­ein der „Kö­nigs­treu­en“, der sich mit dem Bild des vor­vor­letz­ten Kö­nigs Lud­wig II. schmückt. Der pflas­ter­te das Land mit Schlös­sern wie Neu­schwan­stein voll und ver­lor da­bei die Kon­trol­le über sich und die Fi­nan­zen aus den Au­gen. Er­in­nert wird an ihn lie­be­voll und be­wun­dernd als „Mär­chen­kö­nig“und als „Ki­ni“, mit schmu­cken Bil­dern aus sei­nen jün­ge­ren Jah­ren in blau­er Uni­form und Her­me­lin­man­tel.

Um sei­nen Tod im Starn­ber­ger See ran­ken sich bis heu­te Ver­schwö­rungs­theo­ri­en. War es Selbst­mord oder Mord und En­de ei­nes per­fi­den Kom­plotts?

Auch Wahn­sinn lässt sich ver­mark­ten.

Bay­ern lebt von der Über­hö­hung, von Post­kar­ten­idyl­len. Aber ei­ne Au­to­bahn­fahrt ge­nügt zum schnel­len Ab­schied vom Tag­traum. Auf der A8 zwi­schen Mün­chen und Salz­burg be­glei­tet die Al­pen­ku­lis­se die Fahrt, der rie­si­ge Chiem­see schwappt fast ins Au­to. Aus grü­nen Hü­geln taucht der Zwie­bel­turm ei­ner Wall­fahrts­kir­che auf. Ei­ne An­hö­he dar­über al­ler­dings prangt ein McDo­nald’s-Zei­chen an ei­ner rie­si­gen Au­to­bahn­rast­stät­te. Auch das ist Bay­ern: Tank­stel­le und Kir­che.

Lap­top und Le­der­ho­se, so hat die CSU es ge­nannt. Klingt ein biss­chen ge­fäl­li­ger. Es ist ein Mot­to, das sie mit schö­nen Zah­len schmü­cken kann: In ih­rer Re­gie­rungs­zeit hat Bay­ern den Sprung vom ar­men Agrar­land zum wohl­ha­ben­den In­dus­trie­stand­ort ge­schafft. Neun Da­xUn­ter­neh­men sind hier an­säs­sig, die Ar­beits­lo­sig­keit ist nied­rig, die Wirt­schafts­zah­len sind blen­dend. Bay­erns Mi­nis­ter­prä­si­den­ten setz­ten auf Wirt­schafts­för­de­rung und neue Tech­no­lo­gi­en, zu­wei­len sind sie da­bei sehr eng an die Un­ter­neh­men her­an­ge­wach­sen.

Den als Er­satz­kö­nig ver­ehr­ten Franz Jo­sef Strauß be­glei­te­ten di­ver­se Af­fä­ren. An­fang der 90er-Jah­re ret­te­te der iro­nisch-ab­ge­ho­be­ne Gruß „Sa­lu­dos Ami­gos“den Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Max Streibl nicht mehr vor Kor­rup­ti­ons­vor­wür­fen. Im Hin­ter­grund lau­er­ten ja auch schon die Nach­fol­ger. Man müs­se klä­ren, ob Streibl „phy­sisch und psy­chisch“

Mia san ned nur mia. Die Md­nGDrt-BDnG Drei­vier­telBldt in ei­nem Lied über die Ver­wand­lung gran­ti­ger Stamm­tisch­ler zu Welt­bür­gern

noch in der La­ge sei, als Wahl­kämp­fer auf­zu­tre­ten, ätz­te 1993 Horst See­ho­fer. In­tri­gen sind zur Tra­di­ti­on ge­wor­den in der CSU. Es wird dort so viel ge­lau­ert und ge­rem­pelt, dass man ei­ne Vor­abend­se­rie dar­aus ma­chen könn­te.

Und im­mer gibt es ein Ei­ner­seitsan­de­rer­seits.

Ei­ner­seits ist Bay­ern wirt­schaft­lich er­folg­reich. An­de­rer­seits sind Mie­ten und Grund­stücks­prei­se auch da­durch in die Hö­he ge­schnellt. Die Grü­nen, in den Um­fra­gen neu­er­dings zweit­stärks­te Par­tei, ha­ben mit dem Hin­weis auf die Flä­chen­ver­sie­ge­lung Wahl­kampf ge­macht. Je­des Jahr ei­ne Flä­che von 18 Fuß­ball­fel­dern un­ter Be­ton – das kann man viel oder we­nig fin­den. Die Vor­stel­lung aber, wie grü­ne Hü­gel lang­sam un­ter ei­ner grau­en De­cke ver­schwin­den, lässt sich schwer ver­drän­gen.

Ei­ne wei­te­re Fol­ge hat der Er­folg: Über ei­ne Mil­li­on Men­schen sind al­lein in den letz­ten zehn Jah­ren zu­ge­zo­gen nach Bay­ern. Nicht die Flücht­lin­ge aus Sy­ri­en, Af­gha­nis­tan und dem Irak, die für so viel Streit ge­sorgt ha­ben, son­dern Ar­beit­neh­mer aus ganz Deutsch­land, ei­ne Art Bin­nen­wirt­schafts­flücht­lin­ge al­so. Die CSU glaubt, dass sie der Grund sind für ih­ren Nie­der­gang, weil die Neu­en ganz ein­fach Bay­ern nicht ver­ste­hen. Da­für spricht, dass die­se Leu­te an­ders­wo viel­leicht auch schon mal an­ders ge­wählt ha­ben. Der baye­ri­sche Po­li­tik­wis­sen­schaft­ler Hein­rich Ober­reu­ter hält das für gro­ßen Un­sinn, „Schmarrn“wür­de man­aufBaye­risch­sa­gen.DieZu­ge­zo­ge­nen hät­ten sich das baye­ri­sche Wohl­fühl­ge­fühl zu ei­gen ge­macht und das sehr wohl mit der CSU ver­knüpft. Die Ana­ly­se Ober­reu­ters passt zu Zu­falls­be­fra­gun­gen auf ei­ner Wahl­kampf­ver­an­stal­tung in In­gol­stadt in die­ser Wo­che.

Im Trach­ten­jan­ker hat sich der Hei­del­ber­ger Wil­helm Metz dort­hin auf­ge­macht, ge­mein­sam mit sei­ner Frau Pe­tra, ei­ner Ber­li­ne­rin. Seit Jah­ren wohnt das Paar in Bay­ern, Pe­tra Metz ist in die CSU ein­ge­tre­ten und über­zeugt: „Die CSU macht Po­li­tik für un­ser Land.“Da­ge­gen kann man auch auf El­frie­de und Ge­org Chon­dras aus In­gol­stadt tref­fen, die über­zeugt sind: „Die CSU wird eins auf den De­ckel krie­gen, und das hat sie ver­dient.“

Die Mun­d­art-Bands sprie­ßen. Dicht und er­grei­fend, Ko­felg­schroa und Drei­vier­tel­blut hei­ßen sie, sie ma­chen Blas­mu­sik und sin­gen Tex­te wie „Mia san ned nur mia“.

Viel Hei­mat­ge­fühl ist da zu spü­ren – aber ein neu­es, jun­ges, das oh­ne die CSU aus­kommt.

Die Ge­sell­schaft sei plu­ra­lis­ti­scher ge­wor­den, er­klärt Ober­reu­ter. Al­te Au­to­ri­tä­ten und Ent­schei­dungs­me­cha­nis­men ha­ben sich ab­ge­schlif­fen, auch in den Dör­fern gibt es nicht mehr nur den Stamm­tisch. Das Wirts­haus in der Dorf­mit­te ist oft ge­schlos­sen – oder längst ei­ne Piz­ze­ria. Im Land­kreis Mies­bach, ober­baye­ri­sches CSU-Kern­land, muss­te der CSU-Land­rat ge­hen, weil zu vie­le Gel­der der Spar­kas­se zu selt­sa­me We­ge nah­men. Sein Nach­fol­ger kommt von den Grü­nen.

Im Streit um die Flücht­lin­ge dis­tan­zier­ten sich Bi­schö­fe und gan­ze Klos­ter vom un­ver­söhn­li­chen Kurs der CSU. Als Sö­der Kru­zi­fi­xe für al­le Amts­stu­ben ver­füg­te, zürn­ten sie, die Re­li­gi­on wer­de in­stru­men­ta­li­siert. In der Lan­des­haupt­stadt Mün­chen gin­gen im­mer wie­der Zehn­tau­sen­de auf die Stra­ße und de­mons­trier­ten ge­gen die CSU. Die ließ wis­sen, in den Bier­zel­ten sei die Stim­mung gut. Aber da sind nicht mehr im­mer al­le Bän­ke be­setzt.

Und noch ein Wei­te­res kommt da­zu: der Frau­en­fak­tor.

Bis­her ha­ben so­gar mehr Frau­en als Män­ner die CSU ge­wählt. Jetzt stel­len Män­ner aus der Füh­rungs­eta­ge der Par­tei fest: „Die männ­lich un­an­ge­neh­me Art, Druck auf an­de­re zu ma­chen, kommt nicht mehr an.“Fin­ger­ha­keln und Arm­drü­cken ist der Bier­zelt­volks­sport. Aber der bra­chia­le Macht­mensch Sö­der als Spit­zen­kan­di­dat und Horst See­ho­fer, der An­ge­la Mer­kel auf der Par­tei­tags­büh­ne ste­hen lässt und in In­ter­views über sie läs­tert – das scheint zu viel des Bru­ta­len. Durch­set­zen al­lei­ne, das sei nicht mehr al­les, sagt der CSU-Mann.

„A Hund is’ er scho“, das war frü­her die höchs­te An­er­ken­nung, wenn ei­ner sein Ziel er­reicht hat­te, selbst wenn er da­für nicht ganz sau­ber agiert hat. „Das funk­tio­niert nicht mehr“, heißt es nun. Und ei­ne der be­kann­ten Frau­en der Par­tei sagt grin­send „der Mi­nis­ter­prä­si­dent“und wa­ckelt, um ihn zu imi­tie­ren, breit­bei­nig von ei­nem Bein auf das an­de­re.

Ist es das En­de der Ma­cho-Kul­tur? Noch nicht aus­ge­macht. Doch vor die­ser Bay­ern-Wahl liegt ei­ne Span­nung in der Luft, die sich auf völ­lig un­vor­her­ge­se­he­ne Wei­se ent­la­den könn­te.

MON­TA­GE: RND, FO­TOS: PE­TRA SCHÖN­BER­GER/DPA, ALEX­AN­DER POHL/DPA

Bay­ern, wie al­le es ken­nen – und Bay­ern, wie es die Bay­ern wol­len: Mi­nis­ter­prä­si­dent Sö­der (rechts im lin­ken Bild) setzt auf den star­ken Staat – wäh­rend Zehn­tau­sen­de Bay­ern al­ler po­li­ti­scher Cou­leur für ei­ne nach­hal­ti­ge­re Land­wirt­schaft de­mons­trie­ren.

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